Magazinrundschau - Archiv

The New Yorker

854 Presseschau-Absätze - Seite 55 von 86

Magazinrundschau vom 04.05.2010 - New Yorker

Funktioniert Spionage eigentlich? Zur Beantwortung dieser Frage empfiehlt Malcolm Gladwell das brillante und "fast absurd unterhaltsame" Buch "Operation Mincemeat" des britischen Journalisten Ben Macintyre. Dieser rekonstruiert darin das bemerkenswerteste Täuschungsmanöver der Militärgeschichte, als britische Spione 1943 einige Monate vor der Invasion in Sizilien die Deutschen mit einem Streich austricksten, der von einem Kriminalroman Basil Thomsons inspiriert war. Gladwell schließt seine ebenfalls spannende und unterhaltsame Besprechung so: "Die eigentliche Funktion eines Spions besteht darin, jene, die auf Spione bauen, daran zu erinnern, dass man den Dingen, die man bei einem Spion findet, nicht trauen kann. Wenn das zu kompliziert klingt, gibt es noch eine einfachere Alternative: Wenn nächstes Mal eine Brieftasche an Land geschwemmt wird, nicht öffnen."

Weiteres: Connie Bruck porträtiert den Medienmogul Haim Saban. (Laut Gawker und The Wrap soll Saban auf den New Yorker einigen Druck ausgeübt haben, bevor das Porträt veröffentlicht wurde.)

Anthony Lane sah im Kino Jon Favreaus Comicverfilmung "Iron Man 2" mit Robert Downey Jr. und Scarlett Johansson und Dover Koshashvilis Tschechow-Verfilmung "The Duel". Zu lesen ist außerdem die Erzählung "Uncle Rock" von Dagoberto Gilb und Lyrik von Lucia Perillo und Charles Wright.

Magazinrundschau vom 20.04.2010 - New Yorker

Google, der gerade noch leidenschaftlich bekämpfte größte Feind der Buchindustrie, könnte plötzlich ihr bester Alliierter werden, schreibt Ken Auletta in einem sehr instruktiven Hintergrundartikel zu Ebooks und der Zukunft des Verlagswesens, denn anders als Apple und Amazon erlegt Google den Verlagen keine drastische Bedingungen auf - sofern das Google Books Settlement durchgeht. Dann "wird Google Mitte des Jahres einen Online-Ebooks-Store namens Google Editions eröffnen. Dan Clancy, der Ingenieur, der Google Books leitet, wird dann auch Google Editions übernehmen. Er sagt, dass der Ebooks-Store von Google anders als die von Amazon und Apple für Nutzer mit allen Arten von Geräten offen stehen wird. Google lässt die Verleger den Preis festlegen und wird ein Agenturmodell akzeptieren. Da Google inklusive rechtefreier Bücher schon zwölf Millionen Titel digitalisiert hat, wird es auch über ein wesentlich größeres Angebot verfügen als Apple und Amazon."

Magazinrundschau vom 30.03.2010 - New Yorker

In einem wunderbaren Artikel stellt Adam Gopnik die französische Bewegung Le Fooding vor, die gegen die Klischees der klassischen französischen Küche und die "Diktatur" eines zum Fossil gewordenen Gastronomiebegriffs anarbeitet. So ist ihr Restaurantführer etwa auch für Fastfood und Pizza offen, einer ihrer Gründer, der Journalist Alexandre Cammas, fasst die Idee so zusammen: "Keine Kategorisierungen mehr... Keine Regeln! Exzellenz ist die einzige Regel." Gopniks Recherchen führten ihn auch nach Paris, wo er herausfand: "Was Le Fooding auszeichnet, ist, dass es sich in der Tat gegen einen allzu europäischen, traditionslastigen Küchenansatz wendet. Slow ist das Letzte, was die französische Küche sein will, sie ist schon langsam genug. Das Ziel der Fooding-Bewegung ist, den französischen Snobismus in Form seiner bornierten, hyperheiklen Diskriminierung zu überwinden, während das Ziel der Slowfood-Bewegung darin besteht ... eine bornierte Hyper-Diskriminierung aufzubauen. Fooding ist eine Form kulinarischer Futurismus: Sie will, dass es auf den Tischen genauso schnell zugeht wie im modernen Leben."

Weitere Artikel: Judith Thurman berichtet über Philip Roth - und John Grisham - als Opfer einer Zeitungsente: Ein italienischer Journalist erfand für die Berlusconi-nahe Boulevardzeitung Libero Interviews, in denen er prominenten Amerikanern Obama-kritische Äußerungen andichtete. John Lahr bespricht eine Inszenierung von Tennessee Williams' "Glasmenagerie". Und David Denby sah im Kino Tim Blake Nelsons Thriller "Leaves of Grass", Raymond De Felittas Komödie "City Island" und Andy Tennants Actionkomödie "The Bounty Hunter". Zu lesen ist außerdem die Erzählung "Gavin Highly" von Janet Frame und Lyrik von Cornelius Eady und Matthew Dickman.

Magazinrundschau vom 16.03.2010 - New Yorker

Innerhalb eines Monats hat Alex Ross in der Carnegie Hall dreizehn internationale Sinfonie-Orchester gehört, darunter das Leipziger Gewandhaus, das Amsterdamer Concertgebouw, das Petersburger Mariinsky Orchester und die New Yorker Philharmoniker, sozusagen als inoffizielle Orchester-Olympiade. Seine Wertung: "Nationale Idiosynkrasien bleiben - die nervösen Attacken der deutschen Klarinetten, die besonders beißenden russischen Blechbläser, die ungezwungene Gravitas der Holländer insgesamt - aber die Übereinstimmungen überwogen die Differenzen. Man hatte den Eindruck, eine Kulturindustrie in Höchstform zu erleben. Trotzdem musste ich an Furtwänglers Klage über das Orchesterspiel denken, an seine Kritik an über-probten Darbietungen, an einer 'gleichmäßig erreichten Perfektion in allen Details eines Stückes'. Er sprach davon, dass das improvisierte Spielen ausstirbt, womit er ein kollektives Risiko meinte, ein Sinn für das Entstehen von Musik im Hier und Jetzt. Mehr als einmal in den vergangenen Wochen sehnte ich mich nach ein bisschen weniger Glanz und etwas mehr Knirschen."

Außerdem: Was kann die Politik aus der Glücksforschung lernen? Dieser Frage geht Elizabeth Kolbert anhand zweier Publikationen aus dem Forschungsfeld nach. Sasha Frere-Jones bespricht das neue Album von Sade. David Denby sah im Kino Noah Baumbachs Musiker-Komödie "Greenberg" und Marco Bellocchios Film "Vincere" über Mussolinis Geliebter Ida Dalser und ihrem Sohn Albino. Zu lesen ist außerdem die Erzählung "The Pura Principle" von Junot Diaz und Lyrik von Richard Wilbur und Robert Pinsky.

Magazinrundschau vom 09.03.2010 - New Yorker

"Immer an der Wirklichkeit bleiben" überschreibt James Wood seine Rezension des neuen Romans von Chang-Rae Lee "The Surrendered", der ein halbes Jahrhundert umfasst und auf drei Kontinenten spielt. Eingangs beschäftigt er sich jedoch mit Fragen der literarischen Konventionen, Roland Barthes Konzept des "Realitätseffekts" und streift dabei das Buch "Reality Hunger: A Manifesto" von David Shields, ein leidenschaftliches Plädoyer für das, was der Autor "wirklichkeitsgestützte Kunst" nennt. Wood findet es schwierig zu entscheiden, ob Literatur überhaupt eine Art Fortschritt macht: "Konvention mag langweilig sein, aber sie ist nicht unwahr, nur weil sie konventionell ist. Leute liegen nun mal in ihren Betten und schämen sich für das, was tagsüber passiert ist (ich jedenfalls), sie bestellen ein Bier und ein Sandwich und klappen ihre Computer auf; sie betreten und verlassen Räume, reden mit anderen Leuten... Vermutlich existieren im wirklichen Leben mehr Übereinstimmungen als in der Fiktion... Das ganze Leben ist in vielfacher Hinsicht konventionell, genau wie das erzählte."

Peter Schjeldahl führt durch die von Jeff Koons kuratierte Ausstellung "Skin Fruit" im New Museum. Anthony Lane bespricht das Irak-Kriegsdrama "Green Zone" von Paul Greengrass und "Mother" ("Madeo") des Südkoreaners Bong Joon-Ho. Zu lesen ist außerdem die Erzählung "The Knocking" von David Means und Lyrik von Edward Hirsch und Barbara Ras.

Magazinrundschau vom 02.03.2010 - New Yorker

Jeffrey Toobin widmet sich einem Verbrechertyp, der so nur im amerikanischen Gesundheitssystem denkbar ist: dem schurkischen Fußpfleger. Toobin geht in seinem Artikel den dunklen Machenschaften der New Yorker Fußpflegekette Citywide Foot Care nach, die wegen gefälschter Rechnungen (hat nur Nägel geschnitten, aber Krankenkassen die Entfernung von Hühneraugen und Warzen berechnet) ins Kreuzfeuer geraten ist. Mit Folgen, die einen Europäer doch eher fassungslos machen: Auf dieses Weise konnte ein Fußpfleger sein Einkommen binnen eines einzigen Jahres von 34.694 auf 484.493 Dollar steigern, ein anderer sitzt inzwischen in der Todeszelle, weil er einen Zeugen umgebracht hat. Glenn Gastwirth, Geschäftsführer der American Podiatric Medical Association, gibt zu bedenken: "Schwarze Schafe finden sich in jedem Berufsfeld. Die meisten Fußpfleger arbeiten hart und sind mitfühlende Individuen, die versuchen, im Leben ihrer Patienten etwas zu bewirken. Wir sagen gern, dass wir Fußpfleger Amerika auf den Beinen halten."

Weiteres: In einem ausführlichen Porträt zeichnet David Denby die Karriere und künstlerische Entwicklung von Clint Eastwood nach. Anthony Lane schreibt über Geschichte und Zukunft des 3-D-Films. Sasha Frere-Jones porträtiert den amerikanischen Sänger und Songschreiber Bill Withers. Denby bespricht Roman Polanskis "The Ghostwirter". Zu lesen ist außerdem die Erzählung "Ask Me If I Care" von Jennifer Egan und Lyrik von W.S. Merwin und Derek Mahon.

Magazinrundschau vom 23.02.2010 - New Yorker

Die psychologische Literatur ist inzwischen so verworren, dass selbst ihre Kritiker einander widersprechen, meint Louis Menand nach Lektüre zweier neuer Publikationen von erklärten Gegnern der Psychiaterzunft. Menand beschreibt in seinem Artikel eingangs sehr schön, wie eine Lebenskrise entstehen kann: Wenn man etwa gefeuert wurde, und so daruntert leidet, dass man glaubt, zum Arzt gehen zu müssen. "Wie auch immer Sie zu dieser Entscheidung kommen mögen: Lesen Sie keine psychologische Literatur. Alles darin, das Wissenschaftliche (helfen Medikamente wirklich?) wie das Metaphysische (ist Depression wirklich eine Krankheit?), wird Sie verwirren. Es herrscht wenig Übereinstimmung darüber, was Depressionen auslöst, und kein Konsens, was sie heilt... Es besteht der Verdacht, dass die Pharmaindustrie die Studien ausköchelt, die belegen, dass Antidepressiva sicher und wirksam seien, und dass ihre Werbung die Leute dazu animiert, Pillen zu verlangen, die Krankheiten kurieren sollen, die gar keine sind (wie Schüchternheit), oder Ihnen durch ganz gewöhnliche Lebenskrisen helfen sollen (wie einen Rauswurf)."

Weiteres: Larissa MacFarquhar porträtiert den Volkswirtschaftler und Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman. Anthony Lane sah im Kino Martin Scorseses neuen Thriller "Shutter Island" und Jaques Audiards Krimi "A Prophet". Zu lesen ist außerdem die Erzählung "Appetite" von Said Sayrafiezadeh und Lyrik von Charles Simic und Gerald Stern.

Magazinrundschau vom 02.02.2010 - New Yorker

Als "Pathfinder" porträtiert John Lahr den Dramatiker und Schauspieler Sam Shepard, dessen jüngstes Stück "Ages of Moon" derzeit die Atlantic Theatre Company spielt. Über seine Anfangszeit, als er mit 19 Jahren nach New York kam, erfahren wir: "'Es war absolutes Glück, dass ich zufällig genau hinkam, als diese ganze Off-Off Broadway-Chose anfing.' Shepard war von der Farm seines Vaters in Kalifornien geflüchtet und acht Monate lang als Schauspieler mit einer christlichen Theatergruppe, den Bishop's Company Repertory Players, im Bus durchs Land getingelt. Schauspielen war seine Fahrkarte; beim Vorsprechen vor der Bishop's Company war er so nervös, dass er die Regieanweisungen vortrug ... Sobald er sich in Manhattan niedergelassen hatte - 'Man kam sich vor wie ein Kind im Vergnügungspark? - trieb er sich in der Stadt herum und versuchte sich als ,Schauspieler, Schriftsteller, Musiker, was sich so ergab'. Er hatte keine Beziehungen, kein Geld (er spendete Blut, um sich einen Cheeseburger leisten zu können) und nichts, worauf er zurückgreifen konnte, als sein schlaksiges, wortkarges Western-Charisma."

Weiteres: Adam Gopnik, Lillian Ross und John Seabrook erinnern sich an J.D. Salinger (hier vier Fotos des Schriftstellers aus den Sechzigern aus Ross? Privatsammlung). In einem Brief aus Haiti schildert Jon Lee Anderson die unermüdliche Arbeit einer Frau, die für ihre Nachbarschaft sorgt. Paul Goldberger besichtigt den Burj Khalifa in Dubai. Anthony Lane sah im Kino den Thriller "Edge of Darkness" von Martin Campbell mit Mel Gibson und den Filmklassiker "The Red Shoes" von Michael Powell und Emeric Pressburger Zu lesen ist außerdem die Erzählung "William Burns" von Roberto Bolano und Lyrik von Mark Doty und Jane Hirshfeld.

Magazinrundschau vom 12.01.2010 - New Yorker

In einem ausführlichen Überblicksartikel widmet sich Claudia Roth Pierpont unter dem Titel "Found in Translation" dem arabischen Gegenwartsroman und bespricht Bücher unter anderem von Alaa Al Aswany, Elias Khoury, Nagib Mahfus, Rajaa Alsanea und Mahmoud Saeed. Eingangs schreibt sie: "Was wissen Sie über Menschen, die in Kairo, Beirut oder Riad leben? Welche Bedeutung haben solche Informationen für Ihr Leben? Es gibt natürlich Zeitungen, die verantwortungsbewusste Amerikaner auf dem Laufenden halten, wenn sich Ärger zusammenbraut, und das öffentliche Fernsehen oder History Channel, die uns über einzelne historische Schlachten oder archäologische Entdeckungen oder Bürgerkriege informieren. Was brauchen wir mehr? Die Art, wie Menschen denken, arbeiten, leiden, sich verlieben, sich Feinde machen und manchmal auch Revolution ist der Stoff von Romanen, und arabische Romane, wenn sie sich auch nicht in den Regalen der Buchhandlungen stapeln, sind zunehmend in englischer Übersetzung zugänglich. Sie bieten ein phantastisches Spektrum an Antworten auf Fragen, von denen wir nicht wussten, dass wir sie stellen wollten."

Margret Talbot informiert über den aktuellen Stand der gesetzlichen Festschreibung von Homoehen in den USA. Zu lesen ist außerdem die Erzählung "A Death in Kitchawank" von T.C. Boyle und Lyrik von Mary Karr und Galway Kinnell.

Magazinrundschau vom 29.12.2009 - New Yorker

Nick Paumgarten porträtiert John Mackey, Gründer und Chef von Whole Foods, der größten Biomarkt-Kette der Welt. Mackey selbst sieht sich als "Vater" dieses Unternehmens, seine 54.000 (!) Angestellten halten ihn dagegen eher für den "verrückten Onkel", und nicht wenige Konsumenten argwöhnen, gerade Größe und Erfolg der Kette seien der Beweis, dass Whole Foods "auf die dunkle Seite übergelaufen" sei. "Je nach dem, an welcher Stelle in der Palette der Feinschmeckerkultur man steht, wird man Whole Foods für einen redlichen Lebensmittelhändler oder einen zynischen Betrüger halten, für einen Anstoß zur Selbstverbesserung oder ein Tor zur Dekadenz, für einen Segen oder tödlich fürs Viertel, für eine nützliche gesellschaftliche Kraft oder einen Ort, an dem man Tussen aufgabelt ... Whole Foods deckt zwar nur ein Prozent des amerikanischen Lebensmittelhandels ab, hat aber die Produktions-, Kauf- und Essgewohnheiten in Amerika zweifellos verändert. Sein Name, berechtigt oder nicht, ist die Kurzform einer Ernährungsrevolution." (Aktualisierung vom 31.12.2009: Gawker meldet gerade, dass Mackey offenbar auf Druck der Gewerkschaft als chairman von Whole Foods zurückgetreten ist, der Firma aber als CEO erhalten bleibt.)

Alex Ross bespricht das Theaterstück "One Evening", das Schuberts "Winterreise" mit Samuel Becketts besonderer Bewunderung für diesen Liederzyklus kurzschließt. "Nichts für Schubert-Puristen ... Letzten Endes lag der Fokus von 'One Evening' weniger auf Schubert als auf Beckett, und die Inszenierung funktionierte am besten als eine schräge Dramatisierung jener Anlässe, bei denen der Schriftsteller die 'Winterreise' isoliert [in sein Werk] übernahm."

Außerdem: Anthony Lane bespricht die Biografie "High Society: The Life of Grace Kelly" von Donald Spoto. David Denby sah im Kino James Camerons Science-Fiction-Spektakel "Avatar" und Guy Ritchies Krimi "Sherlock Holmes". Zu lesen ist außerdem die Erzählung "Baptizing the Gun" von Uwem Akpan und Lyrik von Donald Hall und Rachel Hadas.