Magazinrundschau - Archiv

The New Yorker

854 Presseschau-Absätze - Seite 54 von 86

Magazinrundschau vom 28.09.2010 - New Yorker

Warum hat es mit den Revolutionen in Moldavien und Iran nicht geklappt? Wegen Twitter. Obwohl Twitter eigentlich gar keine Rolle gespielt hat, das haben nur die Exiliraner benutzt, um Andrew Sullivan auf dem laufenden zu halten. Aber egal, auch mit Twitter hätten die Demonstranten nicht gewonnen, weil soziale Netzwerke total ungeeignet sind für Revolutionen, meint Malcolm Gladwell. Was zählt bei einer Revolution sind nämlich persönliche Kontakte, eine Hierarchie, die regelt, wer was tut, und die Bereitschaft, ein hohes Risiko einzugehen (sorry, ihr luschigen Iraner): "Wenn Martin Luther King jr. versucht hätte, in Montgomery einen Wiki-Boycott hochzuziehen, wäre er von der weißen Machtstruktur plattgewalzt worden. Und welchen Nutzen hätte ein digitales Kommunikationstool gehabt in einer Stadt, in der 89 Prozent der schwarzen Gemeinde jeden Sonntag morgen in der Kirche angesprochen werden konnte? Die Dinge, die King in Birmingham brauchte - Disziplin und Strategie - waren Dinge, die soziale Online-Medien nicht bereitstellen können."

Weiteres: Paul Goldberger untersucht, ob es möglich ist, im Sündenbabel Las Vegas architektonische Werte zu schaffen. Besprochen wird David Finchers Film "The Social Network" über den Facebook-Gründer Mark Zuckerberg ("ein Kunstwerk", urteilt David Denby. "Genauigkeit ist damit zweitrangig.") Zu lesen ist außerdem die Erzählung "The Dungeon Master" von Sam Lipsyte.

Magazinrundschau vom 31.08.2010 - New Yorker

Sasha Frere-Jones stellt die Soulgruppe Sharon Jones & the Dap-Kings vor, die sich dem Vermächtnis von James Brown verschrieben hat, und sinniert dabei über die hohe Kunst des Revivals. "Warum sich nicht vom Originalitätsdünkel lösen? ... Nur äußerst wenige Leute beschweren sich, dass 'Hamlet' jedes Jahr neu inszeniert wird. Warum also Musik anders betrachten als irgendeine andere Kunstform? Wenn die Autoren des Originals weg sind und wir uns einig sind, dass ihre Ideen in der vorliegenden Form perfekt sind, gibt es wohl kaum einen Grund, daran herumzupfuschen ... Man hat uns weitgehend beigebracht, darauf zu vertrauen, dass KünstlerInnen etwas Bedeutsames tun. Aber wir mögen eben auch, was wir mögen, und ich mag einen kräftigen Downbeat."

Weiteres: Jill Lepore bespricht das Buch "The Warmth of Other Suns: The Epic Story of America's Great Migration" von Isabel Wilkerson über die Great Migration, in der zwischen 1910 und 1930 sowie zwischen 1940 und 1970 Millionen Schwarzer aus den Südstaaten auf der Flucht vor Gewalt und Demütigungen und auf der Suche nach Arbeit Richtung Mittelwesen, Nordosten und Westen zogen und sich dort niederließen, und erinnert darin auch an Richard Wrights großartiges Buch "12 Million Black Voices: A Folk History of the Negro in the United States" von 1941. Anthony Lane sah im Kino "Soul Kitchen" von Fatih Akin ("Sich für diesen Film nicht zu erwärmen wäre kleinlich") und den Schwerter-und-Sandalen-Film "Centurion" von Neil Marshall. Ein kurzer Hinweis von Anthony Lane macht einem die Augen wässrig nach Carl Theodor Dreyers Film "Vampyr", laut Hitchcock der einzige Film, den man zweimal sehen sollte. (Mehr zu "Vampyr" in David Bordwells Buch "The Films of Carl Theodore Dreyer).

Zu lesen ist außerdem die Erzählung "An Arranged Marriage" von Nell Freudenberger und Lyrik von Cleopatra Mathis und Robert Wrigley.

Magazinrundschau vom 24.08.2010 - New Yorker

Der New Yorker hat das letzte, sehr schöne Interview mit Francois Truffaut online gestellt. Geführt hat es Bert Cardullo. Truffaut spricht unter anderem über die vielen Filme, die er gesehen hat, bevor er selbst welche drehte. Welche Last das bedeutete und wie sehr es manchmal half. Zum Beispiel bei einer Szene aus "Sie küssten und sie schlugen ihn", in der der kleine Doinel, gespielt von Jean-Pierre Leaud, seinem Schulfreund erzählt, dass er von zu Hause abhauen will. "Es war ziemlich schwierig, diesen Dialog zu drehen, weil er nicht natürlich war. Solche Worte benutzt ein Kind normalerweise nicht. Ich bin sehr realistisch und solche Momente, wie sie im Original geschrieben waren, gingen mir gegen den Strich. Darum war es schwer, die richtige Einstellung für Jean-Pierre Leaud in dieser Szene zu finden. Aus irgendeinem Grund erinnerte mich die Situation an eine Szene in [Jean Renoirs Film] 'Bestie Mensch', wo Jean Gabin, als Jacques Lantier, ganz am Ende des Films zu seiner Lokomotive zurückkommt, nachdem er die von Simone Simon gespielte Frau getötet hat. Er muss dem anderen Heizer, gespielt von Julien Carette, erklären, was er getan hat. Renoir führte Gabin hier ganz fantastisch, genau weil er seinem eigenen filmischen Stil folgte: äußerste Gleichgültigkeit oder Lässigkeit. Gabin sagt: 'Es ist schrecklich. Ich habe sie getötet. Ich habe sie geliebt. Ich werde sie nie wiedersehen. Ich werde nie mehr mit ihr zusammensein.' Er sagt es sehr sanft, sehr einfach. Ich erinnerte mich an Gabins Darstellung als ich Leaud führte, der diese Szene genau wie Gabin spielte."

Magazinrundschau vom 10.08.2010 - New Yorker

Jon Lee Anderson beschreibt den reichlich deprimierenden Zustand der iranisch-amerikanischen Beziehungen. Drei Schwerpunkte hat seine Reportage: sein Interview mit Ahmadinedschad und ein Gespräch mit dem Berater Khameneis Hossein Shariatmadari, eine Einschätzung der Beziehungen von amerikanischer Seite und Interviews mit Anhängern der Oppositionsbewegung, die derzeit paralysiert wirkt. Aus verständlichen Gründen: "Die Fähigkeit der Grünen Bewegung, eine maßgebliche Anzahl von Demonstranten - die Zahlen schwanken zwischen mehreren Hundertausend bis zu drei Millionen - auf Teherans Straßen zu versammeln, erweckt manchmal den Eindruck, sie repräsentierten die Mehrheit des Landes. 'Das war ein Irrtum', sagt mein Freund. 'Und ihre Führer unterschätzten - um Ihren früheren Präsidenten George W. Bush zu paraphrasieren - wie brutal das Regime sein kann. Einen spöttischen Ton annehmend fügt er hinzu: 'Was, du hast geglaubt, dass du mit deiner Stimme einen Wandel herbeiführen kannst? Dass du tatsächlich eine Wahl hast?' Ein Freund von ihm wurde verhaftet und wieder entlassen, nachdem er schriftlich seine Reue bekundet hatte. 'Sein Vernehmer sagte zu ihm: Diesmal hast du keine Wahl. Du stimmst entweder zu oder ich ramme dir diesen Stock in deinen Arsch. Das ist deine Wahl.'"

Hendrik Hertzberg ärgert sich über die Proteste - insbesondere der jüdischen Anti-Defamation League - gegen die Moschee nahe Ground Zero und stellt sich auf die Seite des - jüdischen - New Yorker Bürgermeisters Michael Bloomberg, der den Bau der Moschee in einer Rede von "schroffer Eloquenz" verteidigte: "Wir mögen vielleicht nicht immer mit jedem unserer Nachbarn übereinstimmen', sagte er. 'So ist das Leben. Und es ist Teil des Lebens in einer vielschichtigen und engen Stadt. Aber wir erkennen auch, dass es ein Teil der New Yorker ist, mit ihren Nachbarn in gegenseitigem Respekt zu leben. Es war genau dieser Geist der Offenheit und Akzeptanz, der am 11. September angegriffen wurde."

Besprochen werden u.a. Filme, darunter Jean-Francois Richets "Mesrine" (vorzüglich besetzt mit Vincent Cassel und, in einer Nebenrolle, Gerard Depardieu, "Gerard Depardieu ("the human answer to the Massif Central", schreibt Anthony Lane).

Magazinrundschau vom 03.08.2010 - New Yorker

So so, die von Wikileaks veröffentlichten Afghanistan-Dokumente erzählen nichts Neues? Amy Davidson bittet, noch mal hinzugucken und zum Beispiel zu beachten, in welche Kategorie ein Dokument eingeordnet ist: "Freund" oder "Feind". Wie schwierig die Unterscheidung ist, veranschaulicht dieser Report über einen Vorfall in der Provinz Balkh: "Die Bewohner dieser Gegend hatten 'eine negative Einstellung' gegenüber den afghanischen Sicherheitskräften, bemerkt der Berichterstatter. Ein Bezirkspolizeichef soll erzwungenen sexuellen Kontakt mit einer 16-Jährigen AC [Afghan civilian] gehabt haben. Als die AC sich beim Distriktkommandanten der ANP [Afghan National Police] über den Vorfall beschwerte, befahl der Distriktkommandant seinem Leibwächter, auf die AC zu feuern. Der Leibwächter weigerte sich, woraufhin ihn der Distriktkommandant vor den Augen der AC erschoss. [...] Der Report aus Balkh ist unter 'Feind' sortiert und berichtet auch von Aufständischen, die einen Fahrer getötet haben. Aber die Sortierung dieses und anderer Berichte wirft eine größere Frage auf: Wissen wir, wer in Afghanistan unser Freund und wer unser Feind ist? Al Qaida ist natürlich unser Feind, aber danach wird es verschwommen. Ist ein Polizeichef, der Aufständische verfolgt, aber gleichzeitig mehr von diesen erzeugt, indem er die einheimische Bevölkerung gegen sich aufbringt, unser Feind oder unser Freund? Wenn unsere Soldaten in das Dorf dieses Polizeichefs kommen und feindlich empfangen werden, in wessen Kampf marschieren sie da?"

Außerdem: Alex Ross stellt neue Chopin-Aufnahmen vor, eine Einspielung von Thomas Larchers Klavierkonzert "Böse Zellen" und Aufnahmen von Partiten und Fugen von Bach mit der Geigerin Isabelle Faust, die Ross so gut findet wie die von Gideon Kremer 2005. Jill Lepore erzählt die Geschichte des Detektivs Charlie Chan. Rebecca Mead betrachtet Iggy Pops Torso an- und ausgezogen. Anthony Lane sah im Kino Aaron Schneiders "Get Low" mit Bill Murray, Robert Duvall und Sissy Spacek und Todd Solondz' "Life During Wartime".

Nur im Print: Nicholson Baker untersucht Gewaltvideos.

Magazinrundschau vom 06.07.2010 - New Yorker

Ob ein Bild ein echter Leonardo oder ein echter Pollock ist, macht einen Unterschied von Millionen von Dolllars. Kann die Wissenschaft dafür bürgen, das man ein Original erworben hat? David Grann schreibt über den Restaurateur Peter Paul Biro, der mit forensischen Mitteln - zum Beispiel Fingerabdrücken und DNA-Rückständen - die Echtheit von Kunstwerken überprüft. So auch 2009 bei dem Gemälde "La Bella Principessa" von - vielleicht - Leonardo Da Vinci. Biro behauptete Analyse einiger Fingerabdrücke, es sei von Leonardo. Doch einige Museumsleute lassen sich davon nicht beeindrucken. Carmen Bambach vom Met-Museum: "Es sieht nicht aus wie ein Leonardo." Grann stieß im Verlauf seiner akribischen Recherchen, die sich streckenweise wie ein Krimi lesen, allerdings auch auf fragwürdige Geschäftspraktiken und von der Fachwelt angezweifelte Expertisen von Biro. Ein Kritiker nennt ihn gar einen Betrüger. Eins steht jedenfalls fest: Auch Fingerabdrücke kann man fälschen. Letztlich, so Grann, gehe es in diesem Feld um die Konkurrenz von Kunstkenntnis und "demokratisierender" Verwissenschaftlichung. "Kennerschaft hat viele Mängel. Sie ist anfällig für Fehler, Arroganz, sogar Korruption. Und doch ist da etwas an dieser seltsamen Brut", die man Kunstkenner nennt. "Sie können wirklich mit größerer Tiefe sehen. Sie können nach Jahrzehnten des Trainings und Studiums und dem Eintauchen in das Werk eines Künstlers ein Bild auf eine Weise erfahren, wie wir es nicht können. Kunstkennerschaft besteht nicht nur in der Fähigkeit zu erkennen, ob ein Werk echt oder falsch ist, sondern ob es ein Meisterwerk ist. Die unbequemste Wahrheit über Kunst ist, dass eine solche Kennerschaft nie wirklich demokratisch sein kann."

Weiteres: Anthony Lane sah im Kino die Komödie "The Kids Are All Right" von Lisa Cholodenko und die DVD "Die Hölle von Henri-Georges Cluzot". Zu lesen ist außerdem die Erzählung "An Honest Exit" von Dinaw Mengestu und Lyrik von John Ashbery und Stanley Plumly.

Magazinrundschau vom 29.06.2010 - New Yorker

Ken Aulettas Porträt Saad Mohsenis, des ersten Medienmoguls Afghanistans, liest sich wie eine Geschichte von Robert Louis Stevenson. Mohseni, Sohn eines Diplomaten, lernte bei einem Großonkel in Taschkent, wie man ein Geschäft aufzieht, und gründete 2002 mit seinen Geschwistern in Afghanistan das Unternehmen Moby Group. Er ist davon überzeugt, dass das Land nur deshalb nicht "explodiert" sei, weil die Medien den Menschen ein Ventil bieten. Inzwischen hat er alle geärgert: die Religiösen, weil er indische Soapoperas zeigt, die Amerikaner, weil er Bilder von Abu Ghraib zeigte, und die Regierung, weil er die Wahlfälschungen publik machte. "Richard Holbrooke, amerikanischer Sondergesandter für Afghanistan und Pakistan, beschreibt die Spannung zwischen Mohsenis Werten und denen der afghanischen Traditionalisten: 'Das Land ist in hohem Maße analphabetisch, religiös und traditionell. Und Saad zieht eine neue junge Gruppe von Menschen in den städtischen Gebieten an. Was er tut, ist brillant, aber es ist auch sehr gefährlich. Es ist ein Drama. Ich kann mir kein anderes Land in der Welt vorstellen, in der das mit so viel Intensität ausgetragen wird." Noch einflussreicher als seine politischen Programme sind aber vielleicht Mohsenis Unterhaltungssendungen, wie sogar Fazel Ahmad Manawi, der Sprecher des religiösen Ulema-Rats zugibt: "Seine zwei jungen Töchter sehen Cartoons und Kindersendungen und er gibt zu, dass das Fernsehen 'die Art verbessert, wie sich die Menschen benehmen. Wenn meine kleine Tochter ein Problem hat, ruft sie 'Hilfe'. Sie hat das aus dem Fernsehen gelernt. Früher hat sie einfach geweint.'"

Weiteres: James Wood stellt David Mitchells Roman "The Thousand Autumns of Jacob de Zoet" vor. Peter Schjeldahl schreibt über eine Ausstellung des amerikanischen Malers Charles Burchfield im Whitney Museum. Und David Denby sah im Kino James Mangolds Actionkomödie "Knight and Day" mit Tom Cruise - der den Film irgendwie ruiniert - und Cameron Diaz und Debra Graniks Film "Winter?s Bone" (der auch auf der Berlinale lief). Zu lesen ist außerdem in der Reihe "20 under 40" die Erzählung "The Erlking" von Sarah Shun-lien Bynum sowie Lyrik von Frederick Seidel und Rae Armantrout.

Magazinrundschau vom 08.06.2010 - New Yorker

iTunes war gestern, glaubt Sasha Frere-Jones. Die Zukunft des Musikgeschäfts liegt im personalisierten Online-Streaming: "Radio und on-demand-Modelle unterliegen verschiedenen Regeln, aber sie teilen ein wichtiges Merkmal: man muss keine Daten herunterladen oder Speicherplatz auf dem PC finden, um Musik zu hören. Hinter diesen Modellen lauern zwei große Firmen, die die Online-Radiolandschaft in den nächsten Monaten verändern werden: Google und Apple. Google wird bald einen Musik-Streaming-Dienst für sein Android-Handy anbieten, der wie alle diese Dienste das an Bedeutung gewinnende Cloud-Konzept nutzt - Ihre Musik liegt auf einem Server, auf den Sie von jedem Computer oder Smartphone aus mit wenig Mühen und ohne Kabel zugreifen können. Apple, dessen iTunes der größte Musikverkäufer in den USA ist, hat den Online-Streaming-Dienst Lala vergangenes Jahr gekauft und sofort dichtgemacht. Das lässt vermuten, dass es bald iTunes.com geben wird, ein webbasiertes Streaming System, das den Kauf einzelner Titel überflüssig macht. In den neuen Musikmodellen wird man nicht unbedingt dafür zahlen, um eine Datei physisch zu besitzen, sondern um dieses Lied zu hören, wann immer man will."

Außerdem beinhaltet diese Doppelausgabe ein "Summer Fiction"-Spezial, in dem 20 Autoren unter 40 schreiben: online lesen darf man Kurzgeschichten unter anderem von Rivka Galchen, Gary Sheyntgart und Salvatore Scibona.

Magazinrundschau vom 01.06.2010 - New Yorker

Raffi Khatchadourian zeichnet ein faszinierendes Porträt des Politaktivisten und Hackers Julian Assange, Gründer von WikiLeaks, einer Internetplattform, die allen Bürgern Zugang zu geheim gehaltenen Dokumenten von Regierungen und Institutionen verschaffen will. Zu den bekanntesten Veröffentlichungen (mehr hier) zählte jüngst Material über amerikanische Soldaten, die im Irak mindestens achtzehn Menschen, darunter Zivilisten, töteten. Khatchadourian war dabei, als Assange mit Helfern in Island das Video zu dem Vorfall fertigstellte, und er schildert, nachdem er auch mit Assanges Mutter gesprochen hat, die seltsame Jugend des 1971 in Australien geborenen Hackers und wie das alles zu Wikileaks führte: "2006 schrieb er in seinem Blog über eine Konferenz, die vom Australischen Institut für Physik organisiert war, 'mit 900 Karrierephysikern, von denen die meisten wehleidige, ängstliche Konformisten mit traurig, traurig inferiorem Charakter waren.' Für ihn war der entscheidende menschliche Kampf nicht mehr mehr links gegen rechts oder Glaube gegen Vernunft, sondern der von Individuum gegen Institution. Als Leser von Kafka, Koestler und Solschenizyn war er überzeugt, dass Wahrheit, Kreativität, Liebe und Mitleid von institutionellen Hierarchien korrumpiert werden, ebenso von Klientel-Netzwerken - einer seiner Lieblingsausdrücke -, die die menschliche Seele verzerren. Er entwarf eine Art Manifest, überschrieben 'Konspiration als Regierung', in dem er versuchte, die Graphentheorie auf die Politik zu übertragen. Assange schrieb, dass illegitime Regierungen per Definition verschwörerisch sind - ein Produkt von Funktionären, die 'gemeinsam heimlich zum Schaden einer Bevölkerung arbeiten'. Wenn die Verbindungen der internen Kommunikation unterbrochen werden, argumentierte er, muss der Informationsfluss zwischen den Verschwörern dünner werden. Wenn er auf Null schrumpft, ist die Verschwörung aufgelöst. Lecks sind ein Instrument der Informations-Kriegsführung. Diese Ideen entwickelten sich bald zu Wikileaks."

(Hier ein Video von Assange bei Stephen Colbert und hier noch ein Bericht aus der Zeit, wonach Assange vor zwei Wochen bei der Einreise nach Australien kurzzeitig seinen Pass abgeben musste.)

Außerdem: Pankaj Mishra widmet sich in einer ausführlichen kritischen Besprechung den neuen Büchern von Ayaan Hirsi Ali und Paul Berman. Peter Schjeldahl bespricht ein Buch über den amerikanischen Galeristen Leo Castelli. Anthony Lane sah im Kino Mia Hansen-Loves Drama "The Father of My Children" und die Komödie "Solitary Man" von Brian Koppelman und David Levien. Zu lesen ist außerdem die Erzählung "Extreme Solitude" von Jeffrey Eugenides und Lyrik von Carl Dennis und Jennifer L. Knox.

Magazinrundschau vom 11.05.2010 - New Yorker

Julia Joffe porträtiert Andrei Ternowski, einen 17-jährigen Gymnasiasten aus Moskau, der im November 2009 das nach wenigen Monaten enorm populäre Internet-Videochat-Portal Chatroulette einrichtete, dessen Besucher nach dem Zufallsprinzip mit anderen Besuchern verbunden werden. "Wie viele junge Russen mit Programmierkenntnissen, wandte sich Ternowski zunächst dem Hacken zu. Mit elf Jahren stieß er auf das von einem jungen Mann namens Sergei (a.k.a. Terminator) geleitete Hackerforum zloy.org (übersetzt etwa wütend.org), der seine Anhänger im Cyberkrieg ausbildete. Unter dem Decknamen Flashboy beherrschte Ternowski bald die Kunst der 'denial of service'-Attacke, bei der ein angepeilter Server lahmgelegt wird, indem man ihn mit Millionen von Anfragen bombardiert. Als nächstes war das Hacken von Websites und E-mails dran, ein Service, den er gern für Mädchen leistete, die nett fragten. 2007, im Alter von fünfzehn, lernte Ternowksi das, was Hacker 'social engineering' nennen - man bekommt, was man will, mittels List oder Manipulation. Indem er sich als Lehrer ausgab, erhielt Ternowski Zugang zu einigen Übungsprüfungen, bevor sie an seine Schule übermittelt wurden."

Weiteres: Claudia Roth Pierpont ist begeistert von Harvey G. Cohens Duke-Ellington-Biografie (hier spielt Ellington "Take the A Train"). Peter Schjeldahl besichtigt die neue, höchst repräsentative Zentrale der Investmentbank Goldman Sachs. Sasha Frere-Jones hörte das "Midlife"-Album "Love and Its Opposite" der britischen Sängerin und Songwriterin Tracey Thorn. Und David Denby sah im Kino "The Oath", Laura Poitras' Filmporträt des ehemaligen Leibwächters von Osama Bin Laden, und Thomas Balmes Dokumentation "Babies" über das erste Lebensjahr von vier Babies in Namibia, San Francisco, Tokio und in der Mongolei. Zu lesen ist außerdem die Erzählung "Free Fruit for Young Widows" von Nathan Englander und Lyrik von Susan Wheeler, Kathleen Graber und Sophie Cabot Black.