Magazinrundschau - Archiv

The New Yorker

854 Presseschau-Absätze - Seite 45 von 86

Magazinrundschau vom 30.05.2014 - New Yorker

"Bitte schreib nicht noch so einen Gay-Israeli-Disco-Artikel", hat ein in Berlin lebender Israeli der New Yorker-Autorin Sally McGrane gesagt, als sie ihm sagte, dass sie einen Artikel über Israelis in Berlin schreiben wolle. Über zehntausend junge Israelis leben inzwischen in Berlin, schätzt sie. Sie lassen sich von der Berliner Schluffigkeit inspirieren - und dann werden sie wieder gehen, meint sie und zitiert Rotem Malach, der in Berlin für eine zionistische Organisation arbeitet: "Berlin zwingt einen zu einem bescheidenen Lebensstil. Die Leute werden aus Berlin mitnehmen, was sie über sich selbst verstanden haben. Sie haben gelernt, mit weniger Arbeit zufrieden zu sein, ohne vier Besuche in schicken Restaurants pro Woche auszukommen und ohne permanent am kapitalistischen Rattenrennen teilzunehmen."

Außerdem: James Wood singt eine Lobeshymne auf Zia Haider Rahmans Debütroman "In the Light of What We Know". David Denby sah im Kino James Grays "The Immigrant" mit Marion Cotillard und Amma Asantes "Belle".

Magazinrundschau vom 09.05.2014 - New Yorker

Im New Yorker untersucht Lizzie Widdicombe die neuesten Entwicklungen aus den Küchen synthetischer Essensforscher. Soylent heißt tatsächlich das Produkt der Stunde, zusammengerührt von ein paar vom ewigen Aufwärmen der Fertiggerichte und dem Abwasch angenervten Elektroingenieuren und dazu angetan, nicht nur unsere Essgewohnheiten, sondern unsere ganze Lebensweise zu verändern: "Als Ende der Ernährung apostrophiert, beschwört Soylent eine Welt ohne Pizzerias und Taco Bell herauf. Beigefarbenes Pulver anstelle von Bananenbrot. Wir schlürfen Brei anstatt uns in der Eisdiele zu vergnügen." Rob Rhinehart, einer der Macher von Soylent, sieht das ein bisschen anders, nämlich als Trennung von funktionalem und sozialem Essen. "Soylent soll nicht unsere Potluck-Dinners ersetzen, sondern Tiefkühlkost … Die Formel für Soylent besteht aus sämtlichen Hauptnahrungsmittelgruppen - Lipide aus Canolaöl, Kohlehydrate aus Maltodextrin, Protein aus Reis usw., ergänzt durch Fischöl, Vitamine und Mineralien und etwas Sucralose, um den Geschmack der Vitamine zu kaschieren." Vorteil des synthetischen Essens: Man kann tagelang mit Arbeit zubringen ohne lästige Essensunterbrechungen. Nachteil: "Mit einer Pulle Soylent auf dem Schreibtisch, dehnt sich die Zeit schier endlos, gestaltlos und ein bisschen traurig."

Weiteres: Anthony Lane bespricht die Filme "Ida" von Pawel Pawlikowski und "Chef" von Jon Favreau. Jill Lepore bespricht Nikil Savals "Cubed", eine geheime Geschichte des Arbeitsplatzes: Einen Auszug aus dem Buch kann man bei n+1 lesen.

Magazinrundschau vom 02.05.2014 - New Yorker

Patrick Radden Keefe folgt dem Haken schlagenden Boss des mexikanischen Sinaloa-Kartells, Joaquín Guzmán Loera, bekannt als El Chapo, bis zu dessen Verhaftung am 22. Februar 2014. Aber was heißt hier "Verhaftung": "Einige behaupten, Guzmán habe das alles so gewollt. Er ahnte, dass seine Zeit gekommen war und entschied sich für den stillen Ruhestand hinter Gittern. Ein Nebenprodukt der Korruption in Mexiko ist der Zynismus, den jede offizielle, von der Regierung ausgegebene Geschichte sogleich hervorruft. In ihrem Buch "Narcoland" behauptet die mutige Journalistin Anabel Hernández, Guzmáns Einfluss sei so stark und das politische System Mexikos so verrottet gewesen, dass die ganze Chapo-Geschichte eine einzige Farce sein könnte. Guzmán wurde in Puente Grande inhaftiert, doch in Wirklichkeit war er der Chef dort, seine Flucht eine abgekartete Sache zwischen ihm und Vicente Fox persönlich (Fox hat das heftig bestritten). Guzmán war ein Jahr auf der Flucht, aber jeder wusste, wo er sich aufhielt, und die Behörden logen, als sie behaupteten, sie könnten ihn nicht erwischen. Hernández" Buch verkaufte sich mehr als 100.000 Mal in Mexiko. Mit ihrem Hang zum Konspirativen und ihrem bitter-wissenden Ton traf sie ins Schwarze. Keine Überraschung also, wenn viele meinen, dass auch Guzmáns Ergreifung in Mazatlán nichts als ein theatralischer Akt war, vom Drogenkönig selbst inszeniert."

Weitere Artikel: Judith Thurman porträtiert den amerikanischen Modedesigner Charles James, dem das Metropolitan Museum of Art ab 8. Mai eine Ausstellung widmet. Und Hilton Als bewundert am Broadway Michelle Williams als Sally (in "Cabaret").

Magazinrundschau vom 25.04.2014 - New Yorker

Elf Jahre nach dem Zweiten Irakkrieg und knapp drei Jahre, nachdem die letzten US-Truppen abzogen, zeichnet Dexter Filkins ein düsteres Bild der gegenwärtigen Lage im Land. Nicht nur sieht die Infrastruktur im Land aus, als seien die Amerikaner nie dagewesen, auch religiösen Auseinandersetzungen zwischen Sunniten und Schiiten sind heftig wie eh und je und erhalten durch die überwiegend schiitische Regierung von Premier Nuri al-Maliki neuen Zunder. Und der islamistische Extremismus kocht gerade hoch. Droht ein neuer Bürgerkrieg? "Die Auferstehung der Schiiten ist die größte Hinterlassenschaft der amerikanischen Invasion. Sie hat die sunnitische Herrschaft durch eine schiitische ersetzt, erstmals seit dem 18. Jahrhundert. Acht Jahre nach Malikis Amtseinführung spüren die Iraker die Konsequenzen. Die Grüne Zone vermittelt noch immer das Gefühl einer anderen Welt - ein friedlicher, gepflegter Posten in einem Dschungel aus Problemen, eine Bastion schiitischer Macht, durchkreuzt von zornigen Sunniten. Politiker hasten von einem Meeting zum nächsten, aber verlassen fast nie die Zone. Als ich einen Parmalentarier zum Kaffee treffen möchte, winkt er ab. Er will die Grüne Zone lieber nicht verlassen." Ryan Crocker, ehemaliger US-Diplomat in Bagdad und jetziger Botschafter in Afghanistan fasst es so zusammen: "Der Staat mit Verfassung, Wahlen etc., den wir geschaffen haben, funktioniert nicht ohne uns."

Außerdem: Louis Menand bespricht Adam Begleys biografischen Essay über John Updike. Und Alex Ross schreibt über zwei Liederzyklen der australischen Komponistin Liza Lim.

Magazinrundschau vom 19.04.2014 - New Yorker

Im mexikanischen Bundesstaat Oaxaca folgt Burkhard Bilger für den New Yorker Extremkletterern und -tauchern in das Chevé-System, die tiefsten Höhlen der Welt, zweieinhalb Kilometer unter Tage. Woher kommt die Faszination an der feuchten Finsternis? Ein Instinkt? "Einer der Kletterer erinnerte sich daran, wie er als Kind begeistert war von der Struktur eines Brotes, den Luftblasen unter der Kruste. Da wollte er hineinkriechen." Vielleicht hat es auch mit Schönheit zu tun: "Das Wasser da unten war von einem leuchtenden Türkis, darunter schneeweißer Sand. Der Kalkstein war von Ocker und Rost durchzogen. Durch das Wasser zu gleiten, war wie Fliegen … Die Gefahren des Höhlentauchens sind von seinem Reiz nicht zu trennen. Weite Gänge können zu einem Labyrinth werden, weißer Sand kann aufwirbeln und die Sicht blockieren. Du glaubst, du findest den Weg heraus, aber plötzlich bist du in einer Sackgasse ohne Luft … Höhlenklettern ist prinzipiell ohne Ende. Jeder Tiefenrekord ist vorläufig, jedes Höhlensystem ist ein Puzzle im Dunkeln. Anders als den Bergsteiger erwartet den Höhlenkletterer kein schöner Ausblick. Bloß blanke Wände oder ein unpassierbarer Schacht und das Wissen, dass es immer so weitergeht, Höhle über Höhle. Etwas anderes gibt es nicht da unten."

Für einen besseren Eindruck bringt das Magazin auch ein Video.
Stichwörter: Klettern, Labyrinth, Sport, Wasser, Schach

Magazinrundschau vom 11.04.2014 - New Yorker

Jane Kramer liest aktuelle vegetarische Kochbücher für Fleischesser und kann keinen Widerspruch erkennen: "Ich selbst würde mich als vorsichtigen Fleischesser bezeichnen, der seinen Speck zum Frühstück nicht missen möchte oder den Lachs auf dem Bagel … Der Grund für Leute wie mich, Gemüse zu essen, hat weniger mit Vegetariern und ihren Theorien zu tun, als mit Köchen und Kochbuchautoren, die irgendwann damit anfingen, Gemüse wirklich schmackhaft zuzubereiten, indem sie sich zum Beispiel eines Blumenkohls mit der gleichen kulinarischen Inspiration annahmen wie gedünsteten mexikanischen Rippchen oder einem Schweinerollbraten. Höchste Zeit, dass so etwas passierte, wenn man sich die drögen vegetarischen Kochbücher ansieht, die seit Martha Brothertons erstem Buch dieser Art in englischer Sprache, also seit Anfang des 19. Jahrhunderts, erschienen sind. Brothertons "A New System of Vegetable Cookery" war eine bibeltreue, sehr erfolgreiche Mission, dem Gemüse alles sündig Freudvolle auszutreiben. Das wirkte bis in die streitbaren vegetarischen Landkommunen und Kollektive der 60er und 70er nach mit ihren Brotlaibern und Möhrenkuchen, die fast genauso viel wogen wie die Leute, die sie sich einverleibten."

Außerdem im Heft zu lesen: "Box Sets", eine taufrische Erzählung von Roddy Doyle, in der wir erfahren, was es heißt, im goldenen Zeitalter der TV-Serien zu leben. Nathan Heller bespricht neue Bücher und Filme über den Gewerkschaftsführer Cesar Chavez.

Und: Am 3. April hätte Marlon Brando seinen Neunzigsten gefeiert. Der New Yorker gratuliert, indem er Truman Capotes wunderbar stimmungsvollen Bericht von seinem Besuch in Brandos Hotelzimmer in Tokio online stellt, wo sich der Schauspieler 1957 für den Dreh des Melodramas "Sayonara" aufhielt: "Brando gähnte; es musste Viertel nach eins sein. In weniger als fünf Stunden musste er geduscht, rasiert und gefrühstückt am Set sein, damit der Maskenbildner sein blasses Gesicht in dem Mulattenton anmalen konnte, der für Technicolor erforderlich ist. "Lass uns noch eine Zigarette rauchen", sagte er, als ich Anstalten machte, mir den Mantel anzuziehen. "Möchtest du etwas trinken?" Draußen hatten sich die Sterne verdunkelt und es hatte zu nieseln begonnen, die Aussicht auf einen Schlummertrunk war also verlockend, zumal ich zu Fuß zu meinem eine Meile entfernten Hotel zurückkehren musste. Ich schenkte mir Wodka ein, Brando lehnte ab. Doch dann griff er nach meinem Glas, nippte daran, setzte es zwischen uns ab und sagte unvermittelt, aber nicht ohne Gefühl: "Meine Mutter. Sie zerbrach wie ein Stück Porzellan.""

Magazinrundschau vom 28.03.2014 - New Yorker

Malcolm Gladwell untersucht die umstrittene Belagerung der Branch Davidians oder Davidianer, in Mount Carmel, Waco, Texas, 1993 durch das FBI. 82 Mitglieder der Sekte kamen damals beim Brand der Siedlung ums Leben sowie der Anführer David Koresh, der sich für das Lamm Gottes hielt und mit 12-jährigen Prinzessinnen eine künftige Königsdynastie zeugen wollte. Gladwell lässt die Ereignisse durch die Augen des Überlebenden Clive Doyle Revue passieren und kommt zu dem Schluss, das FBI habe die Sekte gründlich missverstanden, was schließlich zur Katastrophe geführt habe: "Das FBI dachte, es handle sich um einen fragilen Kult und dass die Davidianer durch die Belagerung paranoid werden und sich verteidigen würden. Keiner realisierte, dass die Gruppe anders war und es liebte, in sechsstündigen Bibellektüresitzungen eine knifflige Passage aus der Offenbarung zu diskutieren … Folgenschwerer war, dass die Polizei den religiösen Glauben der Davidianer nicht ernstnahm und sie für exzentrische Spinner hielt, für eine Bedrohung, die sie mit riesigen Scheinwerfern und 24-h-Beschallung mit tibetischen Gesängen und Weihnachtsliedern bekämpfte … Was sie nicht verstanden: die Davidianer glaubten, sie würden eine späte Phase der Endzeit durchleben, in der sie zu leiden hätten. Darum gaben sie nicht nach."

Magazinrundschau vom 21.03.2014 - New Yorker

Der Literaturtheoretiker Paul de Man ein Antisemit, narzisstischer Soziopath und Lügner? Louis Menand liest darüber schwarz auf weiß in Evelyn Barishs neuer Biografie über den 1983 verstorbenen streitbaren Yale-Komparatisten. Die interessante Frage (die Barish übrigens gar nicht stellt), ob sich de Mans an Derridas Dekonstruktivismus anlehnende Arbeit aus seiner Vergangenheit erklären lässt, in der sich de Man offensichtlich nicht zu schade war, in belgischen Kollaborationsorganen gegen jüdische Literatur zu hetzen, sich Jobs zu erschleichen, und seinen eigenen Sohn zu verleugnen, beantwortet Menand so: "De Man mag ein Schurke gewesen sein, der mit einer bestimmten Methode des Lesens Karriere machte, doch diese Methode macht nicht jeden notwendigerweise zum Schurken. Wenn de Mans Lehre eine moralische Erkenntis in sich trägt, dann heißt sie Selbstzweifel … Woran hat de Man geglaubt? Das ist das Rätsel. Dekonstruktion führt zu nichts Substanziellem, weil alles Substanzielle wiederum nur Subjekt der dekonstruktiven Arbeit wäre … Dekonstruktion ist kein Zug, von dem man an der nächstbesten Station abspringen kann. De Man hat diesen Zug bis zur Endstation genommen. Vielleicht war es ihm ja nur möglich, einerseits Erbärmliches und andererseits Anregendes zu verfassen, weil er an nichts glaubte."

Ferner im Heft: Anthony Lane porträtiert Scarlett Johansson, deren Karierre gerade richtig abhebt. Und David Denby untersucht Lars von Triers "Nymphomaniac" auf seine philosophischen Implikationen. Der New Yorker hat außerdem eine Geschichte der nigerianischen Autorin Chimamanda Ngozi Adichie von 2008 online gestellt: "The Headstrong Historian".

Magazinrundschau vom 14.03.2014 - New Yorker

40 Jahre nach dem Mord an Kitty Genovese rollt Nicolas Lemann den Fall noch einmal auf, der seinerzeit maßgeblich durch den New York Times Reporter A. M. Rosenthal skandalisiert und so zu einer der meistdiskutierten Mordsachen der 60er Jahre wurde. Indem Rosenthal seinen Artikel aus soziologischen und psychologischen Versatzstücken, Spekulationen und falschen Behauptungen zusammmenschrieb, die vor allem die 38 angeblich tatenlos zusehenden Zeugen der 30 Minuten dauernden Vergewaltigung und Tötung der jungen Frau durch Winston Moseley betrafen, erfand er einen beunruhigenden soziologischen Trend. "Rosenthal verarbeitete Ängste, die mit der Anonymität der Städte, dem Kollaps sozialer Konventionen der 50er, rassistischen Unruhen, dem Kennedy-Attentat und sogar dem Holocaust zusammenhingen … Geschichten wie diese markieren die echte Gefahrenzone des Journalismus, da sie das instinktive Gefühl, ob etwas sich wahr anfühlt, mit dem Glanz der Wissenschaft blenden, die in diesem Fall ein Verbrechen in eine Krise verwandelte … Das echte Kitty Genovese Syndrom hat weniger mit untätiger Schaulust zu tun, als mit unserer Anfälligkeit für Geschichten, die unsere Vorurteile und Ängste bestätigen. Die Lehre hier lautet nicht, dass Journalisten ihrem Bauchgefühl nachgeben, sondern dass sie ihren Kopf benutzen sollten."

Magazinrundschau vom 14.02.2014 - New Yorker

In einem 13 Seiten langen Artikel erklärt George Packer das radikale und radikal neue Geschäftsmodell hinter Amazon, welches mit der simplen und nicht im Geringsten bibliophilen Einsicht begann, dass Bücher leicht zu versenden und nicht zerbrechlich sind. "Über den Bücherverkauf sammelte Amazon die Daten wohlhabender, gebildeter Käufer, denen man schließlich alles Mögliche andrehen konnte, vom Rasenmäher bis zum Dildo." Dass Amazon dennoch den Buchmarkt grundlegend verändert, steht für Packer außer Zweifel: "Oberflächlich betrachtet geht es um die Frage, wie gelesen wird, auf Kindle oder iPad. Eigentlich aber geht es um Kulturmonopolismus. All die kleinen Torhüter, Journalisten, Kritiker und Buchhändler, wirken als Barrieren gegen die totale Kommerzialisierung von Ideen. Sie bieten frischen Talenten Raum sich zu entwickeln und um auch unbequeme Wahrheiten mitzuteilen. Wenn es nur noch einen Torhüter gibt, wird es Amazon kümmern, ob ein Buch gut ist?"
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