Magazinrundschau

Mit einem müden Lächeln

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Freitag Mittag
25.04.2014. Das TLS prophezeit uns eine Zukunft als Insektenfresser. In La vie des idees erklärt der Juraprof Yann Kerbrat, woher das Recht auf Sezession kommt. Der Guardian porträtiert Chris Marker als "bricoleur". In HVG sucht die ungarische Regisseurin Márta Mészáros noch Geld für ihren Film über vergewaltigte Frauen im Zweiten Weltkrieg.

Times Literary Supplement (UK), 25.04.2014

Würstchen von einer regionalen, ethisch aufgezogenen Gans? Grasshüpferkebabs oder vegane Burger? "Welche Diät, illustriert durch diese drei Gerichte, wird am ehesten eine Änderung der Essgewohnheiten im Westen einleiten", fragt der emeritiierte Philosophieprofessor David E. Cooper nach Lektüre dreier neuer Bücher zum Thema. "Noch wichtiger ist die Frage, wer hat die beste Erzählung, die am ehesten geeignet ist die Vorstellungskraft jener anzuregen, deren Essgewohnheiten noch am wenigsten verfestigt sind - der Jungen. Wenn man die Frage so stellt, ist nicht mehr so klar, ob der Vorteil bei Mikulaks "alternative food movement" liegen wird. Obwohl diese Bewegung mit ihrem "alternativen Hedonismus" den am wenigsten drastischen Abschied von den derzeitigen Essgewohnheiten im Westen darstellt und von den größten Namen und dem meisten Geld unterstützt wird. Ihr größtes Problem ist nicht ihr "elitäres Dinner Club"-Image, sondern die harte Arbeit und Kochkunst, die die Verarbeitung regionaler Produkte und Slowfood erfordern. Man kann sich eine nur schwer vorstellen, dass junge Menschen viel Zeit ins liebevolle Zubereiten von Speisen investieren, sind sie doch eher gewohnt, Fast Food für unterwegs zu konsumieren oder Fertiggerichte aus dem Supermarkt. Wie aber viele junge Menschen von ihren Reisen in Thailand oder Mexiko wissen, ist es einfach Insekten unterwegs oder in Fast Food Restaurants zu essen. Vielleicht behält das Insektenkochbuch Recht, wenn es prophezeit, Insektenmahlzeiten würden hip."

Außerdem: Henry Kamen liest eine "brillante" hispanische Geschichte der USA. Und Katharine Craik bespricht "Die Hamletdoktrin" von Simon Critchley und Jamieson Webster.

New Yorker (USA), 28.04.2014

Elf Jahre nach dem Zweiten Irakkrieg und knapp drei Jahre, nachdem die letzten US-Truppen abzogen, zeichnet Dexter Filkins ein düsteres Bild der gegenwärtigen Lage im Land. Nicht nur sieht die Infrastruktur im Land aus, als seien die Amerikaner nie dagewesen, auch religiösen Auseinandersetzungen zwischen Sunniten und Schiiten sind heftig wie eh und je und erhalten durch die überwiegend schiitische Regierung von Premier Nuri al-Maliki neuen Zunder. Und der islamistische Extremismus kocht gerade hoch. Droht ein neuer Bürgerkrieg? "Die Auferstehung der Schiiten ist die größte Hinterlassenschaft der amerikanischen Invasion. Sie hat die sunnitische Herrschaft durch eine schiitische ersetzt, erstmals seit dem 18. Jahrhundert. Acht Jahre nach Malikis Amtseinführung spüren die Iraker die Konsequenzen. Die Grüne Zone vermittelt noch immer das Gefühl einer anderen Welt - ein friedlicher, gepflegter Posten in einem Dschungel aus Problemen, eine Bastion schiitischer Macht, durchkreuzt von zornigen Sunniten. Politiker hasten von einem Meeting zum nächsten, aber verlassen fast nie die Zone. Als ich einen Parmalentarier zum Kaffee treffen möchte, winkt er ab. Er will die Grüne Zone lieber nicht verlassen." Ryan Crocker, ehemaliger US-Diplomat in Bagdad und jetziger Botschafter in Afghanistan fasst es so zusammen: "Der Staat mit Verfassung, Wahlen etc., den wir geschaffen haben, funktioniert nicht ohne uns."

Außerdem: Louis Menand bespricht Adam Begleys biografischen Essay über John Updike. Und Alex Ross schreibt über zwei Liederzyklen der australischen Komponistin Liza Lim.
Archiv: New Yorker

La vie des idees (Frankreich), 17.04.2014

Völkerrechtlich lässt sich die Annexion der Krim durch Wladimir Putin nicht rechtfertigen, sagt der Rechtsprofessor Yann Kerbrat aus Aix/Marseille in einem ausführlichen Gespräch mit Florent Guénard: "In seiner externen Dimension, das heißt als Recht auf Sezession, ist das Völkerrecht in eingem Zusammenhang mit der Entkolonisierung konstruiert worden. Es wurde keineswegs als ein Recht auf die Destabilisierung von Staaten konzipiert, das jedem Volk oder jeder Minderheit mit einem Willen zur Unabhängigkeit in die Hände spielt. Formuliert duch mehrere aufeinanderfolgende Resolutionen in der Generalversammlung der Vereinten Nationen, ist dieses Recht eindeutig nur für Völker festgelegt worden, "die unterjocht sind oder unter fremder Herrschaft oder Ausbeutung leiden". Das heißt für Völker unter kolonialer Herrschaft."
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Guardian (UK), 15.04.2014

Anlässlich der vergangene Woche eröffneten Retrospektive "A Grin Without a Cat" in der Londoner Whitechapel Gallery widmet Sukhdev Sandhu dem französischen Künstler, Autor und Filmemacher Chris Marker (1921-2012) ein ausführliches Porträt: "Seine Faszination für die Fähigkeit neuer Technologien, die Vorstellungen von Identität, sozialen Verbindungen und dem Wesen von Erinnerung zu transformieren, macht ihn zu einem frappierend zeitgemäßen Künstler. Sein Selbstverständnis als "bricoleur", als Sammler bereits bestehenden Bildmaterials, trifft den Nerv einer Zeit, in der das Aufspüren, Anordnen und Kuratieren von Bildern so wichtig geworden ist wie ihre Erschaffung. Seine Vorliebe, auf altes Material zurückzugreifen und es in neuen Zusammenhängen zu verwenden, entspricht den nie dagewesenen Möglichkeiten unserer Epoche, Dinge nicht nur in riesigen digitalen Archiven zu speichern, sondern sie auch über verschiedene Formate hinweg endlos neu zu kontextualisieren." Hier Markers innovatives Coverdesign für die Reiseführerreihe "Planète travel" (1954-58):



Außerdem: Grau ist das neue Schwarz, behauptet Hannah Marriott. Man muss sich ja nur mal umsehen. "Aber Grau ist für jeden etwas anderes. Für Julia Sarr-Jamois, Moderedakteurin des Magazins Wonderland, ist Grau oft dunkel und neutral, ein Gegengewicht zu leuchtenden Farben. Für Caterine Roitfeld ist Grau smart und geschneidert, die Chefin der französischen Vogue, Emmanuelle Alt, bevorzugt helles kieseliges Grau. Für Rihanna ist kreidehelles Grau - mit seiner Erinnerung an die Sportswear der späten Siebziger - der heilige Gral. Wenn dieser Style Set sich anhört, als nähme er Grau ernst, dann müssen Sie erst mal den Showroom von Farrow & Ball besuchen, wo gut betuchte Paare flüsternd Farben mit Namen wie Cornforth White, Mausrücken und Taube diskutieren. Das sind wirklich ernsthafte Farben, die nach Schattierungen benannt sind, die die Bloomsbury Gruppe bevorzugt hat (Charleston Grau) oder beschrieben werden als "angelehnt an die elegante Farbe, die man im Schweden des 18. Jahrhunderts unter Gustav III. bevorzugte (Lampenzimmergrau)"."
Archiv: Guardian

HVG (Ungarn), 09.04.2014

Die ungarische Regisseurin Márta Mészáros berichtet im Interview mit Rita Szentgyörgyi von der Arbeit an ihrem neuen Film über das Schicksal vergewaltigter Frauen durch Besatzungssoldaten nach dem zweiten Weltkrieg: "Die österreichische Historikerin Barbara Stelzl-Marx schrieb ein Buch darüber, dass zwischen 1945 und 1955 mehr als zweihunderttausend Frauen von fremden Besatzungssoldaten, meist sowjetischen, ein Kind gebaren... Wir trafen Betroffene, die bereit waren, offen über ihre Geschichte zu sprechen. Diese Zeitzeugenberichte haben das Drehbuch sehr bereichert. Vom Nationalen Filmfond in Ungarn bekamen wir dagegen kein Geld. Erst beim Script East Programm von Cannes wird es sich herausstellen, ob wir den Film verwirklichen können."
Archiv: HVG

Dublin Review of Books (Irland), 07.04.2014

Höchst aktuell liest sich Pádraig Murphys gelehrter, aber gut zu lesender Hintergrundartikel zur Geschichte des russischen Expansionsstrebens, des Panslawismus und des Eurasismus, als dessen heutigen Ideologen er Alexander Geljewitsch Dugin benennt, der schon bei mancher Reise im Tross Putins mitreiste. "Dugin ist ein Anhänger Sir Halford Mackinders (1861-1947), also jenes Geopolitikers, der den Begriff des "Heartlands" oder der "Welt-Insel" einführte, worunter er die eurasische Landmasse verstand: "Wer über die Welt-Insel herrscht, herrscht über die Welt." Er kontrastierte diesen Begriff mit dem "Seeland", also mit jenen geopolitischen Sektoren, die von Seemächten wie Großbritannien und später den USA beherrscht wurden. Dugin sieht Russland als Beherrscher des "Herzlandes" und benutzt diesen Begriff fortwährend. Er greift dabei stets auf die Slawophilen zurück, die seiner Ansicht nach stets einen Begriff des "Herzlandes" hatten, anders als die Westler." Das Dumme ist dabei, so Murphy, dass das "Herzland" weit größer ist als das heutige Russland.

Granta (UK), 16.04.2014

Die neue Ausgabe des britischen Literaturmagazins Granta ist Japan gewidmet. Online lesen dürfen wir eine Geschichte von Eric Ozawa über einen Mann, dessen Frau einem Mord (oder einer Entführung? So ganz wird das nicht klar) zum Opfer fällt. Kennengelernt haben sie sich in einem französischen Café in Tokio, dem Aux Bacchanales. Dort beginnt die Geschichte: "Das erste Mal sah ich Noémi an der Bar des Aux Bacchanales stehen. Den Ort selbst gibt es nicht mehr: das Gebäude in Harajuku wurde abgerissen und ein beinahe identisches französisches Café in einem anderen Teil von Tokio rekonstruiert. Es gibt mehr davon in Japan, alle mehr oder weniger gleich. In jenen Tagen wurde die Uniformen der Kellner aus Paris importiert, die Köche hatten in Lyon gelernt und die Kickertische waren in einem Bistro in Marseille gekauft worden. Noémi sagte, dass die Akzente der Kellner unberechenbar seien, aber sonst war der Ort eine fast perfekte Imitation des Originals. Viele der Stammgäste waren Franzosen. Die anderen waren zum größten Teil japanische Frauen, die Frankreich liebten. Der Ort hatte nichts dionysisches, nichts war irrational oder mystisch, außer dieser einvernehmlichen Lust, sich exotisch zu finden."

Online lesen kann man außerdem zwei Texte, von Tash Aw und von Rana Dasgupta, über einen Gegenstand aus Japan, den sie besitzen.
Archiv: Granta
Stichwörter: Japan, Lyon, Eric Ozawa, Tokio, Marseille

Elet es Irodalom (Ungarn), 18.04.2014

Dániel Bodnár, der Kuratoriumsvorsitzender der Stiftung Tat und Verteidigung (Tett és Védelem Alapítvány), plädiert in einem Gastbeitrag für eine verschärfte und effektivere Sanktionierung von Hassreden, etwa Volksverhetzung oder die Leugnung des Holocausts: "Die Leidenschaft ist abgeklungen, Aussagen haben ihr Gewicht verloren, die Glaubwürdigkeit der Sprache ist fraglich geworden, das Versagen des öffentlich gesprochenen Wortes konstatieren wir mit einem müden Lächeln. Niemand will mehr kämpfen... Der Drang zum Ausgleich der negativen Sprache durch positive bleibt aus. Das viel besagte demokratische Immunsystem der Gesellschaft liegt auf dem Sterbebett. Das Prinzip, nach dem die "unbeschränkte Meinungsfreiheit Selbstkorrektur bringt", hat versagt."

Rolling Stone (USA), 03.04.2014

In Amerika ist erstmals seit Jahren der Heroinkonsum wieder deutlich gestiegen, meldet David Amsden. Und nicht nur in New York oder anderen großen Städten, sondern auch in so dünn besiedelten und relativ wohlhabenden Staaten wie Vermont. Hier werden jede Woche für zwei Millionen Dollar Opiate gehandelt, bei 626.000 Einwohnern. Inzwischen kennt fast jeder jemanden, der an der Nadel hängt. Einer der Gründe, so Amsden in seiner Reportage, ist die bis vor kurzem noch fast unkontrollierte Verschreibung von Schmerzmitteln. So geriet auch die junge Eve, die Probleme hatte mit Eltern und Lehrern, an die Nadel: "Ihr Großvater war gerade an einem Hirntumor gestorben, er hinterließ einen Medizinschrank voll mit dem starken Opiat OxyContin, eine Substanz, die nach Eves Verständnis von den Ärzten verschrieben wurde, "um den Schmerz zu vertreiben". Sie schluckte eine Pille. Die Sensation, die sie fühlte, war verführerischer als alles, was sie jemals gefühlt hatte. Zu Hause, dachte sie. Das ist zu Hause. "Ich konnte mit mir allein sein", sagte sie, "ohne auszuflippen."" Einige Zeit später lernte sie einen Jungen kennen, der Heroin spritzte. "Junkies, dachte sie, sind Leute die an Orten leben wie der Bronx oder Baltimore, nicht mitten in Vermont. Aber bald kannte sie mehr Leute, die spritzten und Eves Schock verwandelte sich in Neugier. Die ätzende Reputation des Heroins schrumpfte durch die Tatsache, dass jeder es mit einer Droge verglich, die sie schon ausprobiert hatte: "Es ist wie Oxys", hörte sie immer wieder, "nur billiger.""
Stichwörter: Baltimore, Drogen, Heroin, Pille, USA