Magazinrundschau - Archiv

The New York Times

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Magazinrundschau vom 23.11.2004 - New York Times

Das kann sich nur noch die New York Times Book Review erlauben. Eine Ausgabe, die ausschließlich der Poesie gewidmet ist! Acht Dichter (die meisten davon Universitätsprofessoren) und ein Kritiker diskutieren im Symposium über ihre persönlichen Favoriten der vergangenen 25 Jahre. Mary Karr (hier ein Interview mit Salon.com und eine launiger Text im New Yorker) etwa wählt den polnischen Kollegen Zbigniew Herbert und seinen "Bericht aus einer belagerten Stadt", denn: "Herberts Gedichte sind Slapstick für Intellektuelle und Philosophie für die Ungebildeten." Und sie macht Herbert ein schönes Kompliment: "Er bringt Marmorstatuen zum Atmen."

Leon Wieseltier stöbert in Yehuda Amichais (mehr) nachgelassenen Materialkisten und übersetzt einige Fundstücke, deren angemessene Übersetzung zweiten Grades wir uns wiederum nicht zutrauen. David Yezzi preist den jüngst verstorbenen Anthony Hecht (hier lebt er noch), der "mit dem Bild einer öden Landschaft das Spektrum der Menschlichkeit einfangen konnte".

Aus den Besprechungen: Emily Nussbaum liest "American Smooth", Gedichte von Rita Dove, die den Glamour als Maske und als Form des Widerstands verhandeln. Christian Wiman empfiehlt James Merills "elegante" Prosasplitter (erstes Kapitel) eher dem autobiografisch interessierten Leser, der wahre Merill sei nach wie vor in seinen Gedichten zu finden. Die Erfahrung, Czeslaw Milosz zu lesen, "ist mit die lohnendste Beschäftigung, die man sich vorstellen kann", jubelt Meghan O'Rourke angesichts der Sammlung "Second Space" (Auszug) des im August dieses Jahres verstorbenen Poeten.

Im New York Times Magazine erklärt Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek Deborah Solomon im Interview, warum die europäischen Intellektuellen politisch engagierter sind als die amerikanischen. "Je kleiner eine Gruppe ist, desto leichter ist es für mehr Leute, zu argumentieren und sich in die Diskussion einzuschalten. Die USA sind riesig. Sie sind zu groß. Die Intellektuellen verstecken sich in Enklaven, in Großstädten oder Universitäten, wie ein Haufen Hühner, die sich vor dem Fuchs verstecken."

Die weit verbreiteten Antidepressiva wie Prozac stehen nun im Verdacht, die Selbstmordrate bei Jugendlichen zu begünstigen, schreibt Jonathan Mahler in der voluminösen Titelreportage des Magazins. Die Medikamente verhelfen dem Patienten zu mehr Energie und Tatendrang, fatalerweise aber manchmal schon, bevor sich die Stimmung bessert. Sie nicht mehr zu verschreiben könnte aber eine noch größere Gefahr bedeuten, befürchtet Mahler. "Laut Dr. John Mann, Selbstmordexperte an der Columbia Universität, haben weniger als 20 Prozent der 4000 Jugendlichen, die in den USA jedes Jahr Selbstmord begehen Antidepressiva eingenommen."

Weiteres: Jim Holt sieht in den Rechten der Bundesstaaten eine Chance, sich dem Zugriff Bushs und des Weißen Hauses zu entziehen. Matt Bai beschreibt die letzten 24 Stunden vor der Wahlniederlage John Kerrys aus der Ohio-Zentrale der Pro-Kerry-Wahlinitiative America Coming Together. Und Ta-Nehisi Coates stellt Jin Auyeung vor, das seltene Exemplar eines US-chinesischen Rappers.

Magazinrundschau vom 16.11.2004 - New York Times

Im New York Times Magazine denkt Michael Ignatieff über die Videos nach, die Terroristen mittlerweile serienmäßig von den Morden an ihren Geiseln drehen. "Die Rituale der Erniedrigung, die diese Videos in Szene setzen - einige Gefangene werden in Käfigen gezeigt, andere angekettet, wiederum andere in den gleichen orangefarbenen Overalls der Gefangenen von Guantanamo - sind für den Teil des arabischen Publikums gedacht, der im Zeichen der muslimischen Erniedrigung erzogen worden ist. Diese Propaganda deutet ein Jahrtausend an komplexen Beziehungen zwischen der muslimischen und nichtmuslimischen Welt als eine lange Litanei der Schande, erst durch die Kreuzfahrer, dann durch die französischen und britischen Imperialisten und schließlich durch die Israelis und ihre amerikanischen Geldgeber. Das Snuff-Video ist der Gegenschlag. Der einzige Weg, die Erniedrigung zu beenden, sagen diese Videos, ist sie weiterzugeben. Diese Nachricht verkauft sich gut in Bagdads Bazaren."

Lynn Hirschberg versucht herauszufinden, was an den für ein globales Publikum geplanten Blockbuster-Produktionen denn noch amerikanisch ist. Nicht viel. Und dennoch werden die USA mit diesen Filmen identifiziert. ""Unsere Filme reflektieren nicht mehr unsere Kultur", sagte ein hoher Studiomanager, der nicht genannt werden will. "Sie sind zu rohen, verzerrten Übertreibungen ausgeartet. Und ich glaube, Amerika wächst in diese übertriebenen Bilder hinein."" A. O. Scott versucht im Gegenzug zu klären, was einen ausländischen Film ausmacht.

Weitere Artikel: Susan Dominus fragt, warum Maggie Cheung (mehr) nicht schon längst ein Superstar des globalen Publikums ist. Die DVD und ihr Erfolg könnte Hollywood von Grund auf verändern, bemerkt Jon Gertner, und spielt alle möglichen Szenarien durch. Manohla Dargis vertritt die optimistische These, dass DVDs und Internet eine neue Generation an Film-Connoisseurs ermöglicht haben. Lynn Hirschberg befragt Pierce Brosnan nach seinem Leben ohne die Lizenz zum Töten. Julian Barnes, George Clooney und andere kommentieren Julia Roberts" Auftritt in Mike Nichols" "Closer".

In der Book Review beschäftigt sich Jonathan Franzen (mehr) in einem lesenswerten Rezensionsessay mit seiner kanadischen Kollegin Alice Munro, deren neuem Roman "Runaway" (erstes Kapitel) und der Frage, warum die "wahrscheinlich beste Schriftstellerin Nordamerikas" außerhalb Kanadas fast niemand liest. Camille Paglia ist nach Barry Miles" Biografie von Frank Zappa (erstes Kapitel) trotz einiger "tendenziösen Übertreibungen" überzeugt, dass der Musiker einen prominenten Platz in der amerikanischen Kultur des späten 20. Jahrhunderts verdient hat. Als eine "ungewöhnliche Mischung" bezeichnet Robert Kagan Noah Feldmans theoretische Überlegungen, politische Analyse und Erinnerungen als Gesandter zum Wiederaufbau des Irak ("What We Owe Iraq: War and the Ethics of Nation Building", erstes Kapitel). Jonathan Mahler hat die "bange, verzweifelte" Atmosphäre genossen, in der Martin Cruz Smiths Moskauer Kommissar Arkady Renko in seinem neuen Fall "Wolves Eat Dogs" (erstes Kapitel) quer durch die Verbotene Zone rund um Tschernobyl ermittelt. Und Laura Miller beklagt in ihrer Kolumne die esoterischen Kriterien der Juroren des National Book Award, die dazu geführt haben, dass die Finalisten nur etwas für Spezialisten sind. "Die armen Seelen auf der Suche nach einer guten Geschichte müssen weitersuchen, anderswo."

Magazinrundschau vom 08.11.2004 - New York Times

Wie ähnlich waren sich Mussolini und Hitler? Seit Giorgio Fabres Buch "Il Contratto: Mussolini Editore di Hitler" ist in Italien die schwelende Debatte wieder neu entflammt, berichtet Lila Azam Zanganeh in einem Brief aus Rom. Fabres These, dass Mussolini weit mehr von der Rassenideologie des deutschen Kollegen gehalten habe als bisher bekannt, stößt bei vielen italienischen Intellektuellen auf Widerstand. "Als ich ihn in seiner eleganten römischen Wohnung besucht habe, hat Giano Accame, Historiker und Gründer des Movimento Sociale Italiana, einer neofaschistischen Partei der Nachkriegszeit, Fabres Behauptungen als 'übertrieben' charakterisiert. 'Mussolini hat sicher nicht die hitlerschen Überzeugungen bezüglich der Juden geteilt', sagte er, als wir in seinem Arbeitszimmer saßen, das mit einer Büste und einem signierten Bild Mussolinis verziert war. Fabre hingegen hält daran fest, dass Mussolini ein 'verhinderter Hitler' war, der es bereute, nie sein eigenes 'Mein Kampf' geschrieben zu haben."

David Foster Wallace hat Edwin Williamsons Biografie (erstes Kapitel) des großen Jorge Luis Borges (mehr) gelesen, und findet, hier wird zu viel interpretiert: "Ein Biograf will, dass seine Geschichte nicht nur interessant, sondern auch literarisch wertvoll ist. Darum muss die Biografie glaubhaft machen, dass das persönliche Leben des Schriftstellers von entscheidender Bedeutung für das Verständnis des Werks ist." Das klappt bei einigen Autoren, wie zum Beispiel Kafka, meint Allen. Bei Borges funktioniert es nicht: "Wir haben es mit der seltsamen Situation zu tun, in der Borges' individuelle Persönlichkeit und seine Situation nur insofern Bedeutung haben, als sie ihn dazu bringen, Kunstwerke zu schaffen, in denen persönliche Fakten für unwirklich gehalten werden."

Weitere Besprechungen: "Genau im richtigen Moment" kommt Geoffrey R. Stones "Perilous Times. Free Speech in Wartime, From the Sedition Act of 1798 to the War on Terrorism", meint Christopher Hitchens. Stone untersucht darin das Verhältnis von Freiheit und Staatsgewalt in Krisenzeiten. James F. O'Gorman empfiehlt Ada Louise Huxtables Porträt des "begnadeten, hingebungsvollen, egozentrischen und arroganten" Architekten Frank Lloyd Wright (mehr von seinen Bauten) als "anregende" Lektüre (erstes Kapitel).

Für das New York Times Magazine fährt Alex Witchel mit John Patrick Shanley zu einem Barbecue mit dessen presseskeptischer Verwandtschaft, und findet sich mit dem Dramatiker und Drehbuchautor deshalb schnell in einer "spontanen Quarantäne". Viel Zeit zum Reden mit dem vielschichtigen Shanley, von dem gerade drei Stücke am Broadway auf dem Spielplan stehen. "Seit ich sechs war, bin ich ständig in Schlägereien verwickelt. Ich wollte das nicht unbedingt. Die Leute schauten mich an und der Anblick machte sie wütend. Ich glaube, weil sie sehen konnten, dass ich gesehen habe, wer sie sind. Und das konnten sie gar nicht ab."

Die New York Times Reporterin mit dem schönen Namen Gretchen Reynolds beschreibt in der Titelreportage, was Keiji Fukuda und Tim Uyeki antreibt, ihr Leben der ewigen Jagd nach dem Grippevirus zu widmen. Und Daphne Eviatar versucht herauszufinden, ob der Gesundheitsexperte Jeffrey Sachs recht hat, wenn er behauptet, 150 Milliarden Dollar würden die Armut vom Angesicht der Erde tilgen.

Magazinrundschau vom 01.11.2004 - New York Times

Für das New York Times Magazine besucht Charles McGrath Tom Wolfe in dessen immer noch angemieteten Haus in Southampton und verarbeitet seine Eindrücke des wild an "I Am Charlotte Simmons" (erstes Kapitel) arbeitenden Schriftstellers in einem ebenso schnell fließenden Bewusstseinsstrom. Beeindruckend findet er zunächst einmal Wolfes Sammlung von mechanischen Schreibmaschinen. "Da gibt es die 1966 Underwood, das Arbeitspferd der Flotte, auch wenn man langsam ihr Alter sieht, und wo verdammt soll er eine andere herbekommen?" (bei Ebay!) "Dann gibt es die Adler, eine deutsche Maschine, und obwohl wir uns von Stereotypen jedweder Art fernhalten wollen, hat diese Maschine nun mal, Vorurteile hin oder her, einige nationale Eigenschaften. Sie ist ein wenig steif, ein bisschen teutonisch, aber sehr effizient. Jawohl! Die elektrische Smith Corona wollen wir gar nicht erwähnen, sie geht einem auf die Nerven, wie sie da sitzt und summt, als würde sie sagen: 'Also, großer Junge, auf geht's!'"

Im Aufmacher fragt sich Russell Shorto, ob die Religion nach der Sexualität das nächste große Diskussionsthema am Arbeitsplatz wird. In den USA werden Glaube und Geschäft zunehmend verbunden, etwa beim Beten für einen guten Kredit. Deborah Solomon fragt die National Book Award Finalistin Christine Schutt, ob 100 verkaufte Ausgaben auch für eine Qualitätsautorin nicht doch zu wenig sind. Und Mary Beth Pfeiffer erzählt, warum eine Frau mit psychischen Problemen im Bestrafungstrakt der Bedford Hills Correctional Facility Selbstmord begangen hat.

Die New York Times Book Review: Fragt man Anthony Quinn, hat Alan Hollinghurst den Booker Prize vollauf verdient. "The Line of Beauty" preist er als "herausragendes" Stück Literatur mit einem großartigen Aufgebot an Charakteren, in dem zum ersten Mal auch Frauen prominent vertreten sind. "Außerordentlich tollkühn ist Hollinghursts Vorstellung der 'Lady', auch bekannt unter dem Namen Margaret Thatcher, die über das ganze Buch hinweg präsent ist, aber, wie Kurtz in 'Das Herz der Finsternis', bis zum Schluss unsichtbar bleibt. Als sie auf einer Party bei Fedden auftaucht, wird sie von ihren Höflingen belästigt bis Nick, durch Kokain wagemutig geworden, seinen Augenblick gekommen sieht."

John Updikes (mehr hier und hier) 21. Roman "Villages" erinnert Walter Kirn mit seinen expliziten Sexszenen an Updikes erste, erstaunlich sichere Schritte auf der Weltbühne der Literatur. Mit langen Beschreibungen des Beischlafs kehre Updike, der sich damals "den Ruf als Amerikas möglicherweise redegewandtester und gynäkologisch gründlichster Schmutzfink" erwarb, wieder zu seinen Wurzeln zurück, wenn auch in einer weicheren, reflektierteren Tonlage: "Beim frühen und mittleren Updike hatte jedes menschliche Genital seine eigene Körperlichkeit, oftmals mit klinischer Präzision und lebendiger Individualität beschrieben." Hier das erste Kapitel.

Weitere Besprechungen: Nancy Reagan war weniger machiavellistisch als gedacht, aber auch einflussreicher als vermutet, hat Walter Isaacson aus Bob Colacellos "Ronnie and Nancy" erfahren, einer "respektvollen, aber nicht schleimigen" Doppelbiografie der beiden (erstes Kapitel). Bei der Gelegenheit bespricht Isaacson auch gleich einen Band mit gesammelten Reden und Manuskripten Ronald Reagans (erstes Kapitel). John James Audubons Vogelzeichnungen (mehr) sind so menschlich, staunt Jonathan Rosen - "sein weißer Pelikan schaut aus, als würde er vor dem Losfliegen seine Taschenuhr konsultieren" -, und Richard Rhodes habe diesen Aspekt in seiner Biografie des Künstlers (erstes Kapitel) sehr gut verstanden. In einem kleinen Rezensionsessay lernt Eric Weissbard aus drei neuen Bänden, dass der moderne Pop auf sehr vielen verschiedenen Beinen steht.

Magazinrundschau vom 25.10.2004 - New York Times

In der New York Times ringt Woody Allen um Atem: "Ich schätze George S. Kaufman". Der Dramatiker, Regisseur, Autor und Scherzkeks inspirierte Allen, als der im zarten Alter von acht Jahren in der Bibliotheksklasse auf Kaufmans "You Can't Take It With You" stieß. "Das Stück war nicht nur lustig und voller Vorstellungskraft, auch die Ansammlung dieser herrlich schrägen, im surrealen Chaos zusammenlebenden Gestalten war außerordentlich warm und magisch. Mein Zuhause wurde zwar nicht von nicht ganz so farbenfrohen Exzentrikern bewohnt wie das Heim der Vanderhofs, hatte aber auch seine recht explosive Mischung aus Tanten, Onkeln, Eltern, Großeltern und Cousins, alle in der gleichen Wohnung zusammengepfercht, mit vereinter Erfindungsgabe gegen die Depression ankämpfend. Kaufmans Drama fing unser Tollhaus großartig ein."

Bob Dylans Ausflüge in die Welt des geschrieben Wortes waren, im Gegensatz zum gesungenen, bisher immer schmerzhaft", bemerkt Tom Carson, der deshalb umso überraschter ist ob der "Gerissenheit" der jetzt herausgekommenen "Chronik" des Musikers. "Das grundsätzliche Anliegen des Buches ist mythografisch. Bob Dylan soll als 20. Jahrhundert-Inkarnation des urzeitlichen Amerika dargestellt werden. Einfach vom Schreiben her gesehen ist es einer der besten getürkten 'Huckleberry Finn', den ich je gelesen habe."

Weitere Rezensionen: Für die ausführliche Untersuchung des "Hip" (erstes Kapitel) hat sich John Leland David Kamps uneingeschränktes Lob verdient. Leland sieht die Wurzel des 'Hippen', das mittlerweile auch Firmen wie Apple praktizieren, in der Geheimsprache der schwarzen Amerikaner, die sich gegen die Weißen abgrenzen wollten. Florence Nightingale, die berühmteste Krankenschwester der Welt, verließ sich auf ihre Familie ebenso wie sie sie verabscheute, hat Miranda Seymour aus Gillian Gills "überzeugendem" Porträt (erstes Kapitel) gelernt. Genügend Diskussionsbedarf sieht Scott McLemee nach der Lektüre von Gertrude Himmelfarbs vergleichender Analyse der französischen, britischen und amerikanischen Aufklärung (erstes Kapitel).

Im New York Times Magazine porträtiert Daphne Merkin die Schriftstellerin Alice Munro, die mittlerweile seit einem halben Jahrhundert im Geschäft ist. Merkin glaubt Munros Erfahrungen mit ihrer an Parkinson erkrankten Mutter in fast all ihren Geschichten wiederzufinden. Hier das erste Kapitel von Munros neuem Roman "Runaway". Meghan O'Rourke stellt Munros Kollegin Marilynne Robinson vor, die als Kongregationalistin besonders die Freiheit des persönlichen Gewissens schätzt. In ihrem Werk kommt Robinson deshalb auch immer wieder auf die Forderungen des Gewissens zurück, schreibt O'Rourke.

In der Titelgeschichte erkundet Susan Dominus, inwiefern Ry Russo-Young von der Erziehung durch zwei lesbische Eltern geprägt wurde. Wie auch immer die Wahl ausgeht, die Erben von Newt Gingrich bleiben einflussreich, glaubt James Traub im Kommentar. Und Deborah Solomon spricht mit Kenneth Pollack (mehr), der sich als ehemaliger CIA-Nahost-Experte für die Fehleinschätzungen im Irak entschuldigt und gleich im Anschluss vor neuen nuklearen Gefahren warnt.

Magazinrundschau vom 18.10.2004 - New York Times

Nach 28 Jahren und 2251 Seiten ist Norman Sherrys Biografie Graham Greenes (mehr auf Englisch und mehr auf Deutsch) endlich komplett. Der Schriftsteller Paul Theroux kniet nieder in Bewunderung, sowohl vor Greene als auch vor Sherry. "Wer immer sich für Graham Greenes Leben und Werk interessiert, dem wird diese dreibändige Biografie unvergleichlich erscheinen; als intellektuelle und politische Geschichte des 20. Jahrhunderts ist sie unbezahlbar; als literarische Reise, und auch als Reise durch die Welt ist sie meisterhaft; als Quellenbuch und als Galerie der Schurken ist sie faszinierend."

Der kommende Prozess gegen Saddam Hussein veranlasst Michael Massing dazu, wieder über Hannah Arendts Prozessreport über Adolf Eichmann nachzudenken. Interessanter als Massings recht banale Gedanken zur Banalität des Bösen ist jedoch die Originalbesprechung aus dem Jahr 1963 und vor allem der Verweis auf Jean Hatzfelds Bericht "Une Saison de Machettes", das bei uns schon erschienen ist. Hatzfeld lässt Vollstrecker des Genozids in Ruanda zu Wort kommen, die erschütternd kühl über ihre Taten berichten.

Weitere Artikel: Seymour Hershs "Chain of Command" ("Die Befehlskette") ist wahrscheinlich das beste Buch, wenn es darum geht zu erklären, wie die Menschenrechte, "die wir im Irak eigentlich wiederherstellen wollten, schließlich von uns selbst verletzt wurden", schreibt Michael Ignatieff über die Zusammenstellung der ursprünglich im New Yorker erschienenen Reportagen zu Abu Ghraib (erstes Kapitel). Julia Reed stellt die Flugbibliothek vor, Anthologien, die speziell für lange Interkontinentalflüge zusammengestellt wurden. Judith Shulevitz zeigt sich erschüttert von Robert Alters "bemerkenswerter" Neuübersetzung der fünf Bücher Mose. Michael Agger ist heilfroh, dass Stephen King seine voluminöse Dark Tower-Reihe nun mit dem siebten Band (erstes Kapitel) abgeschlossen hat und kann sie höchstens Fans empfehlen.

Scott Anderson ist für das New York Times Magazine in den Sudan gereist und hat versucht, die Gründe für die größte humanitäre Katastrophe der Gegenwart zu verstehen. Zu Beginn seiner großen Reportage trifft er einen ehemaligen Janjaweed, jene Reiter, die sich selbst Ritter nennen und die Provinz Darfur in Schrecken versetzt haben. "'Wir ritten nachts, um sehr früh am Morgen vor den Dörfern unserer Feinde zu sein', erzählte er. 'Üblicherweise reihten wir uns am Rand des Dorfes entlang auf - wir wollten keine Schlacht, wir wollten, dass sie fliehen - dann gab unser Führer das Signal und wir griffen an." Als Anderson ihn fragt, was sie dann getan haben, antwortet der Janjaweed ihm nicht. "Stattdessen bedachte er mich mit seinem verstörenden Lächeln und seine Stimme, schon ein Flüstern, wurde noch leiser. 'Alles was Du dir vorstellen kannst. Vielleicht auch ein paar Dinge mehr.'"

Zur Einführung in die kulinarischen Extraseiten dieser Ausgabe denunziert Michael Pollan seine Landsleute als ängstliche Esser und nennt einige skurrile Irrwege der Nahrungsaufnahme, etwa "die Nur-Trauben-Diät, die Dr. John Harvey Kellogs den Patienten seines legendär schrägen Sanatoriums in Battle Creek (mehr) verschrieb oder die Mode des 'Fletcherizing' - jeder Bissen wird bis zu hundertmal gekaut -, von Horace Fletcher (auch bekannt als das Große Mahlwerk) gegen Ende des vorvergangenen Jahrhunderts eingeführt."

Weitere Artikel: Im Aufmacher inspiziert Ron Suskind die Methode, mit der George Bush das Land führt: "glaubensbasiertes Regieren". Bush wirkt so sicher, weil er die komplexen Fakten ignoriert, mit Suskind. "Dem offenen Dialog, auf Fakten gestützt, wird kein innerer Wert beigemessen. Es könnten ja Zweifel aufkommen, die den Glauben unterminieren würde." Jimmy Carter habe ihm imponiert, erzählt der polnische Außenminister Wlodzimierz Cimoszewicz im Interview mit Deborah Solomon. Ein einziges Mal lässt der sonst so diplomatische Politiker indirekt Kritik an den Amerikanern durchdringen. "Es stimmt, viele polnische Unternehmen haben erwartet, in den wirtschaftlichen Wiederaufbau des Irak einbezogen zu werden, und das ist nicht geschehen." Michael Kimmelmann stellt einen Künstler vor, über den man in New York zu reden beginnt. Lamar Peterson (mehr) malt idyllische Vorstadtszenen mit netten grausamen Details.

Magazinrundschau vom 11.10.2004 - New York Times

"War Trash", Ha Jins Erinnerungen eines chinesischen Kriegsgefangenen der USA während des Koreakriegs lassen einen vergessen, dass man einen Roman und keine Autobiografie vor sich hat, jubelt Russell Banks. Der bereits hochdekorierte Schriftsteller mischt in seinem neuen Buch "zwei alte und ehrwürdige westliche Literaturtraditionen - den Roman als wirklichkeitsgetreue Memoiren und die authentischen Memoiren als Gefängnisgeschichte. Es ist ein brillanter und origineller Zeilenspung, und Ha Jin meistert ihn bravourös; mit dem Ergebnis, dass der Erzähler, Yu Yuan, einer der am besten ausgearbeiteten Charaktere ist, die in den vergangenen Jahren aus der Welt der Prosa aufgetaucht sind." Dazu gibt es ein Interview mit Ha Jin, zum Lesen oder Anhören.

Andrew Delbanco bewundert Harold Bloom, der zwar manchmal "irritierend extravagant" schreibt, an guten Tagen aber eine Literaturkritik zur Literatur emporheben kann. In "Where Shall Wisdom Be Found?", einer Ode an seine Lieblingsschriftsteller, vollbringt Bloom dieses Kunststück nicht nur einmal. Zu "mathematisch" austariert findet John Banville "The Double", den neuen Roman von Jose Samarago. Er kann nicht glauben, dass die beiden Protagonisten sich gleich wie Roboter verhalten müssen, Identität hin oder her. Die jetzt erschienene Auswahl der Tagebucheinträge Jack Kerouacs beweist ein für alle Mal, dass er kein "halbfertiger primitiver Kiffkopf war, der den Sinneseindruck dem Sinn vorzog", jubelt Walter Kirn. Ted Widmer interessieren an Kitty Kellyes "The Family" (erstes Kapitel), dem heiß erwartetem Enthüllungsbuch über den Bush-Clan, weniger die Marijuanageschichten als vielmehr die Chronik des Aufstiegs einer Familie in den innersten Machtzirkel Amerikas.

In einem kundigen Hintergrundessay erläutert Franklin Foer den Konflikt zwischen den mittlerweile in die Defensive geratenen Neocons und den erstarkenden Isolationisten innerhalb der Republikanischen Partei. Der von Bush 2000 ausgerufene Waffenstillstand ist durch den Irakkrieg hinfällig geworden. In der neu eingerichteten Bestseller-Kolumne beschäftigt sich Dwight Garner mit der diesjährigen Rekordnachfrage nach politischen Büchern.

Im New York Times Magazine  berichtet Robin Marantz Henig von einem neuen Medikament, das auf den ersten Blick nur ein weiteres Herzmittel ist, bei näherem Hinsehen aber gesellschaftlichen Sprengstoff in sich birgt. BiDil funktioniert bei Schwarzen besser. Es scheint der Beweis dafür zu sein, dass sich die menschlichen Rassen genetisch unterscheiden. Das eröffnet ganz neue Forschungsmöglichkeiten. Und Probleme. "Für rassenbasiertes Nischenmarketing müssten Medikamentenhersteller zunächst die biologischen Unterschiede zwischen Schwarzen, Weißen, Asiaten und Indianern herausfinden. Und je mehr sie diese Unterschiede beschreiben und erklären, desto mehr spielen sie den Rassisten in die Hände."

Aus den Entwicklungslaboren des Schokoriegelherstellers Mars liefert Jon Gertner eine Reportage, die sich wie ein Wissenschaftskrimi liest. Hinter dreifachen Sicherheitsschleusen arbeiten dort Chemiker seit fünfzehn Jahren mit einem beachtlichen Budget an der Entwicklung der gesunden Schokolade. Flavanole, Bestandteile der Kakaonuss, können die Blutzirkulation begünstigen, haben die Forscher herausgefunden. Und der Schokoladenriegel CocoaVia, ein Prototyp mit künstlich erhöhten Flavanolwerten, wird schon über das Internet vertrieben.

Außerdem trommelt Matt Bai für den Präsidentschaftskandidaten John Kerry und fragt sich, ob dessen überdachte, aber auch komplexe Terrorismusbekämpfungsstrategie den immer noch vom 11. September traumatisierten Amerikanern zu vermitteln ist. Deborah Solomon unterhält sich mit dem Schriftsteller Edward P. Jones, der nicht so recht weiß, was er mit der halben Million Dollar Preisgeld als MacArthur Fellow anfangen soll. Lynn Hirschberg erfährt von Claire Danes, dass sie mit neun eine selbstbewusstere Schauspielerin war als mit 25 (jetzt posiert sie dafür für die New York Times). Und für die Design-Aficionados gibt es diese Woche eine Beilage, in der stilvolle, aber unerschwingliche Möbel zu sehen sind, als Ausstattung für Wohnungen, die man sich nie wird leisten können.

Magazinrundschau vom 04.10.2004 - New York Times

Vergangene Woche haben wir schon Philip Roths Bericht über die Entstehungsgeschichte seines neuen Buches "The Plot Against America" lesen dürfen, jetzt bestätigt ein begeisterter Paul Berman, was sich schon angedeutet hat. "Philip Roth hat einen grandiosen politischen Roman geschrieben, wenn auch in einer Weise, die seine Leser nie geahnt haben - die Fabel eines alternativen Universums, in dem Amerika faschistisch geworden ist und das Alltagsleben unter einer Dampfwalze von nationaler Politik und Massenhass plattgewalzt wird. Hitlers Alliierte regieren im Weißen Haus. Antisemitische Mobs beherrschen die Straße." Berman weiß gar nicht, wo er mit dem Lob anfangen soll. "Der Roman ist düster, lebendig, traumhaft, grotesk und gleichzeitig unheimlich glaubwürdig." Das Fazit: "Roth hat seinen Weg in einen archetypischen Alptraum gefunden - die bange, uralte Mitternachtsangst der amerikanischen Juden." Hier das erste Kapitel, hier mehr über den Autor.

Großartig! David Orr ist in die Tiefen des Netzes getaucht und hat knapp 25 Websites heraufgeholt, in denen sich alles um Literatur dreht. Von Maud Newtons Blog, das als eine der besten Quellen für Neuigkeiten aus dem Verlagswesen gepriesen wird, bis hin zu WordsWithoutBorders, deren norwegische Betreiber es sich zur Aufgabe gemacht haben, möglichst viele Bücher ins Englische zu übersetzen.

Tom Carson mag Jon Stewart nicht nur, weil er in der ersten Folge seiner täglichen Comedy Show nach dem 11. September geweint hat, sondern auch weil er Bücher schreibt wie "America (The Book). A Citizen's Guide to Democracy Inaction", in dem er "selbstironischen jüdischen Witz mit Ivy-League-Schickheit" verbindet. Nicht immer überzeugend findet dagegen Colm Toibin die Versuche Stephen Greenblatts, in seiner Shakespeare-Biografie "Will in the World" aus der Vita des Meisters sein Oeuvre zu destillieren. Ben Macintyre glaubt Jonathan Randal, wenn er Osama Bin Laden als Geschäftsmann in Sachen Terror sieht, der beinahe schon unsterblich ist. Die Printausgabe kommt in aufgefrischtem Gewand daher, neu ist eine Kolumne zur Welt der Bestseller. Dwight Garner nimmt sich zum Einstand die allererste Bestenliste aus dem Jahr 1935 vor, die es hier als Pdf gibt.

Aus naheliegenden Gründen ist diese Ausgabe des New York Times Magazine der Kunst gewidmet. Am 20. November öffnet das MoMa seine runderneuerten Pforten. Arthur Lubow schafft es in einer der längsten Reportagen der vergangenen Jahre, aus der monatelangen Vorbereitungsarbeit der Kuratoren eine spannende Geschichte zu machen. Lubow verrät auch schon einiges. So wird nicht mehr der Badende von Cezanne die Besucher in der Eingangshalle begrüßen, sondern Paul Signacs Werk "Vor dem Hintergrund eines Hintergrunds voller rhythmischer Hebungen und Winkel, Töne und Farben, ein Porträt von M. Felix Feneon im Jahr 1890". MoMA-Direktor Glenn Lowry soll begeistert gewesen sein, als er im April das briefmarkengroße Bild am Schaumstoffmodell des Museums entdeckte, das den Kuratoren zur Veranschaulichung dient. "Ich würde sagen, wir können den Vorhang heben." Hier kann man sich unterlegt von Schwenks durch das halbeingerichtete Museum die Erklärungen des Kurators John Elderfield anhören.

Weiteres: Mit glamourösen Fotos von Tina Barney stellt Maura Egan die Frauen vor, die New Yorks Kunstszene als Mäzene mit ihrem Geld nähren und lenken. Wo sind die großen Impresarios der Vergangenheit geblieben, fragt sich Jesse Green, wenn er sich die Anwärter auf den Chefposten des geschichtsträchtigen Public Theatre ansieht. In einer weiteren Galerie sind Porträts aus der Hand von Elizabeth Peyton zu sehen, eine der erfolgreicheren jungen Malerinnen New Yorks. James Traub grübelt, ob die Museen auch in Zukunft noch als Rückzugstätten aus dem hektischen Stadtleben taugen werden. Und Russell Shorto besucht Nonesuch Records, um herauszufinden, wie dieses kleine aber feine Label den Weg in die Zukunft der Musikindustrie weisen könnte. 

Magazinrundschau vom 27.09.2004 - New York Times

Jonathan Mahler steuert einen kurzweiligen Essay über die Deadline bei, die von Schriftstellern ebenso gefürchtet wie ignoriert wird. "Amerikas legendärste Autorin mit Schreibblockade ist sicherlich Fran Lebowitz, die - mit Ausnahme eines Kinderbuches - ihr letztes Werk 'Social Studies' 1981 herausgebracht hat. (Sie übernahm die Führung von Harold Brodkey (mehr), dessen sehnlichst erwartetes Debüt sich so lange verzögerte - mehr als drei Jahrzehnte, wie sich herausstellte - dass er schließlich zum wahrscheinlich ersten Schriftsteller wurde, der berühmt wurde, weil er kein Buch geschrieben hatte." Hier befragt der Playboy Lebowitz zu ihrem Buch in Arbeit.

Eric Pace verabschiedet die französische Schriftstellerin Francoise Sagan, indem er sie noch einmal über die Liebe als Krankheit und den Spaß am Fahren schneller Wagen sprechen lässt: "Wie irre und hoffnungslos auch immer man verliebt ist, bei 120 Meilen pro Stunde nimmt das ab."

Weitere Artikel: Nachdem sie William Trevors immerhin elfte Kurzgeschichtensammlung "A Bit on the Side" goutiert hat, bejubelt Lynn Freed den Meister jener Kleinigkeiten, die das Menschsein ausmachen, ohne jegliche Zurückhaltung: "Mit unendlicher Geduld arbeitet er sich voran, um hier ein Stück zu enthüllen, dort etwas aufzudecken, um dann alles zusammenzubringen, wenn die Geschichte selbst schon vorbei ist. Immer wieder gelingt ihm dieser magische Akt." Genau die richtige Mischung haben die Herausgeber der Anthologie "Just Enough Liebling" (erstes Kapitel) des Essayisten und Journalisten A. J. Liebling gefunden, lobt Charles McGrath. Besonders beeindruckt ihn, wie frisch, "weise und zynisch zugleich" Lieblings Ansichten erscheinen, etwa zur Beziehung von Journalismus und Geld. "Full Bloom", Hunter Drohojowska-Philps Biografie der amerikanischen Malerin Georgia O'Keeffe, kann Jed Perl dagegen nicht vom Hocker reißen. Zu brav, zu konventionell die Herangehensweise, zumal für ein Sujet wie Keeffe. Das Ergebnis: "business as usual".

Nach seinen Recherchen in der Welt der Blogs wird Matthew Klam im New York Times Magazine das Gefühl nicht los, dass sich der Schwerpunkt des politischen Journalismus gerade in Richtung der "zum großen Teil unbezahlten, T-Shirt-tragenden Armee" der Blogger verschiebt. "Zu Beginn dieses Monats startete eine Truppe von rechtsorientierten Bloggern einen koordinierten Angriff gegen CBS News und deren Behauptung, dass Präsident Bush eine Spezialbehandlung in der National Guard genossen habe; innerhalb von 24 Stunden gelangte die exzessive Analyse von Schriftarten aus den Siebzigern auf Drudge, von dort aus zu Fox News, den anderen Sendern und schließlich auf die Titelseiten der führenden Zeitungen des Landes." Blogger sind den Medienstrategien der Politiker besser gewachsen als konventionelle Reporter, meint Klamm. "Sie haben begonnen, so wie die PR-Macher der Pseudo-Events zu arbeiten, indem sie zusammenbleiben, Informationen teilen und gegenseitig die besten Zeilen der anderen wiederholen."

Für ihr Porträt des rätselhaften und unkonventionellen Regisseurs Wong Kar-wai (Filme) besuchte Jaime Wolf auch das Set von "2046" auf Macao, auf dem alle nur auf einen warteten: Wong Kar-wai. "Kurz nach Mitternacht fuhr ein Minivan herein, Wong stieg aus, in der Hand ein Haufen Papier, auf dem er in Langschrift die Szenen notiert hatte, die demnächst gedreht werden sollten. Ein Assistent verteilte schnell die Kopien. Es schien, als wäre Wong gerade aus einer Cafe-Schreib-Session gekommen, mit einem kurzen Stop bei Kinko's, was der Wahrheit recht nahe kam."

Außerdem: Deborah Solomon unterhält sich mit dem kanadischen Designer Bruce Mau, der wohl als Einziger behauptet, der iPod interessiere ihn nicht. Charles Siebert berichtet, was die Wissenschaftler bei der großangelegten Suche nach außerirdischem Leben vorhaben. Die Stilsektion ist ganz der Zukunft des Automobils gewidmet: Christopher McDougall kündigt fliegende Vehikel an, John Tierney erklärt in seinem Manifest, warum alle profitieren, wenn noch mehr gefahren wird, und Spike Gillespie stellt fest, dass wir das altbekannte Fahrgefühl auch in Zukunft nicht missen müssen.

Magazinrundschau vom 20.09.2004 - New York Times

Die Vereinigten Staaten im Jahr 1940. Der Fliegerheld und Antisemit Charles A. Lindbergh kandidiert gegen Franklin D. Roosevelt, gewinnt und wird Präsident der USA. Vor dieser Kulisse entfaltet sich "The Plot Against America", der neue Roman von Philip Roth (mehr). In einem Essay beschreibt er, wie ihn die Memoiren Arthur Schlesingers inspiriert haben und was ihn persönlich mit dem Thema verbindet. "Noch bevor ich zur Schule ging, wusste ich schon etwas über den Antisemitismus der Nazis und den amerikanischen Antisemitismus, der von so bekannten Personen Leuten wie Henry Ford und Charles Lindbergh gepflegt wurde, die mit Filmstars wie Chaplin und Valentino in diesen Jahren die weltweit bekanntesten Berühmtheiten waren. Das Genie des Verbrennungsmotors und der Luftfahrtheld Lindbergh - und unser nationaler antisemitischer Propagandaminister, der Radiopriester Charles Coughlin (Lebenslauf, Reden und Hörprobe hier) - waren ein Hassthema sowohl für meinen Vater wie auch seine Freunde. Freiwillig besaß in unserer jüdischen Nachbarschaft praktisch niemand einen Ford, obwohl es das beliebteste Auto des Landes war."

T. C. Boyles (mehr) neues Stück nennt sich "Inner Circle" (erstes Kapitel) und handelt von den persönlichen, professionellen und sexuellen Beziehungen des legendären Soziologen Alfred C. Kinsey zu einem seiner ergebenen Mitarbeiter. Obwohl Boyle von Perfektionisten wie Kinsey fasziniert sei, erweise er sich selbst "immer wieder als Herold der menschlichen Unzulänglichkeiten", diagnostiziert A. O. Scott. Leider hören die Unzulänglichkeiten diesmal nicht beim Sujet auf. Der Roman, meckert Scott weiter, "hat eine verwischte, hastige, unfertige Art. Wir bekommen nicht genug Kinsey und gleichzeitig viel zu viel von ihm."

Weiteres: Die New York Times Book Review druckt den Titel von nicht mal zur Hälfte ab, Vendela Vida lobt die 81 kurzen experimentellen Kapitel von Nick Flynns Autobiografie als "kunstvolle Meditation". Der Titel des Buchs, den die Times nicht nennen mag, lautet "Another Bullshit Night in Suck City". Terrence Rafferty hat den aktuellen Reißer der produktiven Joyce Carol Oates gelesen und rät: "Lesen Sie 'The Falls' schnell und schauen Sie nicht zu genau hin, oder zu lange. Dann machen Sie was anderes. Oates wird es jedenfalls tun." Und Maud Casey windet dem "komisch-düsteren" Debüt "April Fool's Day" (erstes Kapitel) des kroatischen Schriftstellers Josip Novakovich einen Lorbeerkranz aus Druckerschwärze. Wie Novakovic alleine den serbischen Regen beschreibt, in diesem "leichten, eleganten Tempo"! Laura Millers Letztes Wort ist eine Suada gegen die Sitte, Bücher grundsätzlich zuerst als Hardcover herauszubringen. (Hm, werden Autoren von Taschenbuch-Tantiemen satt?)

Im New York Times Magazine berichtet Deborah Solomons Bericht von ihrem Treffen mit dem 88-jährigen Arthur Miller. Es geht um "Finishing the Picture" - nach "After the Fall" von 1964 der zweite Versuch Millers, seine Ehe mit Marilyn Monroe in einem Theaterstück zu beschreiben. Doch Solomon kann ihm kaum ein Wort über Monroe entlocken. "'Man tut, was man tun kann und den Rest muss man dem Zeitgeist überlassen', bemerkt er fröhlich. 'Vielleicht werde ich vollkommen vergessen. Die meisten Werke auf der Welt werden vollkommen vergessen; 99,99 Prozent aller Kunstwerke sind vergessen. Es gab so viele Autoren, die in ihrer Zeit berühmt waren, und die heute niemand mehr kennt. Geschichte ist wie ein gigantisches Biest - sie krümmt ihren Rücken und wirft einfach herunter, was drauf liegt.' Seine Bemerkungen waren bescheiden, aber unmöglich ernst zu nehmen. Die Wahrheit ist, nicht jeder wird in den Abgrund des Vergessens geworfen. Und als er sprach, musste ich daran denken, dass Monroe unvergessen ist."

Lynn Hirschberg unterhält sich mit dem brasilianischen Regisseur Walter Salles, dessen "Motorcycle Diaries" (mehr hier und hier) über den frühen Che Guevara demnächst herauskommt. Elizabeth Rubin zeichnet den Weg der jungen amerikanischen Anwältin Fern Holland, die sich im Irak für die Rechte der Frauen einsetzte und dafür ermordet wurde. Hingewiesen sei schließlich noch auf das opulente Style Magazine, das ganz der herbstlichen Männermode gewidmet ist.