Magazinrundschau - Archiv

The New York Review of Books

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Magazinrundschau vom 17.09.2013 - New York Review of Books

Helene Epstein stellt eine echte amerikanische Heldin vor: Die 1873 geborene Dr. Sara Josephine Baker, die mit ihren pragmatischen Gesundheits- und Hygienemaßnahmen das Leben von mehr als 90.000 armen Kindern in New York rettete. Um diese Maßnahmen durchzusetzen, musste Baker sich gegen ignorante konservative Politiker und Ärzte durchsetzen, deren Verbohrtheit stark an den Widerstand heutiger Republikaner gegen Gesundheitsvorsorge für Frauen erinnert. Aber Baker, die ihr Handwerk mehrere Jahre im bettelarmen Hell's Kitchen ausübte, war eine toughe Frau: "Arzt zu sein, erforderte in jenen Tagen einen gewissen Mut. Als sie noch in Boston praktizierte, tötete Baker fast einen Betrunkenen, der seine Frau schlug, während sie ein Kind gebar. Als Gesundheitsinspektor in New York City verpasste sie in Asylen dösenden Obdachlosen Pockenimpfungen, sie lehnte Anfragen von Tammany-Politikern ab, ihre abgelegten Geliebten als Krankenschwestern anzuheuern und sie jagte die notorische Köchin Typhus-Mary durch die Straßen von Manhattan. Baker musste den ganzen Weg zum Krankenhaus auf Mary sitzen bleiben, damit diese nicht aus dem Krankenwagen sprang." Baker hat 1939 eine Autobiografie geschrieben, "Fighting for Live", die Epstein wärmstens empfiehlt.

Magazinrundschau vom 30.07.2013 - New York Review of Books

Suketu Mehta hat Rio de Janeiro besucht und eine wunderschöne, aber auch unglaublich gewalttätige Stadt erlebt. Der Ärger der Demonstranten in diesem Sommer, meint er, "resultiert aber nur zum Teil aus den Ungerechtigkeiten, die es in der ganzen Geschichte Brasiliens gab. [Das staatliche Programm] 'Bolsa Familia' hat viel getan, um das Problem der Ungerechtigkeit zu lösen, aber nicht das Problem des Rassismus. Die Hälfte des Landes ist schwarz, aber Schwarze machen 70 Prozent der Ärmsten des Landes aus. Laut einer Studie, die auf der Volksbefragung 2000 basiert, haben achtzehnjährige weiße brasilianische Jungen im Schnitt eine 2,3 Jahre längere Ausbildung als achtzehnjährige schwarze brasilianische Jungen. Der Vater eines weißen Jungen hat ebenfalls 2,3 Jahre mehr Ausbildung als der Vater eines schwarzen Jungen und der Großvater eines weißen Jungen hat sogar 2,4 Jahre mehr Ausbildung. Fast alles im Land hat sich verändert, aber die Kluft in der Ausbildung schwarzer und weißer Kinder bleibt seit drei Generationen hartnäckig konstant."

Kein Journalist ist so gut über die NSA informiert wie James Bamford, der seit Jahren zu dem Thema recherchiert (hier seine Artikel bei Wired). Für die Leser der NYRB hat er noch einmal die wichtigsten Erkenntnisse aus dem jüngsten NSA-Skandal zusammengefasst. Telefon und Internet werden gleichermaßen überwacht. Was die Internetkommunikation angeht, liefen 2002 über 99 Prozent der gesamten Internetkommunikation weltweit an irgendeinem Punkt durch die USA. "Diese Daten abzugreifen ist möglich durch eine Kombination von Techniken. Am wirksamsten ist die, bei der die NSA direkten Zugang zu den Glasfaserkabeln hat, durch die heute fast alle Kommunikationsdaten fließen. Nach einem Papier, das Snowden veröffentlicht hat, wird dieses Abfangen der durch Kabel fließenden Kommunikation Upstream genannt und es wird beschrieben als 'eine Sammlung von Datenströmen in Glasfaserkabeln und anderen Infrastrukturen'. Dieses Programm scheint sowohl sehr viel geheimer als auch sehr viel eingreifender zu sein als das von Snowden enthüllte Prism-Programm. Obwohl Prism der NSA Zugang zu Daten individueller Internetfirmen wie Yahoo, Google und Microsoft verschafft, behaupten die Firmen, der NSA keinen direkten Zugang zu ihren Servern zu geben. Mit Upstream dagegen hat die NSA direkten Zugang zur den Glasfaserkabeln und der sie unterstützenden Infrastruktur, die nahezu den gesamten Internet- und Telefonverkehr des Landes trägt."

Außerdem: Was der NSA doch noch durch die Lappen geht, beschafft dann der britische Geheimdienst GCHQ mit seinem Tempora-Programm. So gesehen ist es ziemlich absurd, wie Timothy Garton Ash in den einleitenden Absätzen zu einem Artikel über die Rolle Deutschlands in Europa ausgerechnet Ängste vor den Deutschen beschwichtigen will. Nathan Thrall denkt über die Zukunft Israels nach. William Luers, Thomas R. Pickering, Jim Walsh machen Vorschläge, wie sich die Beziehung der USA zum Iran verbessern ließe. Auf Martin Scoreses Artikel über die Sprache des Films haben wir schon letzte Woche hingewiesen.

Magazinrundschau vom 02.07.2013 - New York Review of Books

Laszlo Krasznahorkais düsterer Roman "Satantango" ist jetzt auch in englischer Übersetzung herausgekommen, und Adam Thirlwell ist absolut in den Bann geschlagen von diesem ungarischen Propheten: "Eine vorläufige Beschreibung seines Stils muss also seine sorgfältig einstudierte Obskurität ebenso umfassen wie seine Verspieltheit, seinen umfassenden Pessimismus, seine Liebe für die Apokalypse und die Freude an obsessiven Monologen. Oder anders gesagt: Krasznahorkais Thema ist die totale Desillusionierung der Welt, aber wie er diese Desillusionierung darstellt, ist bezaubernd, nein hynotisierend. Er ist einer der großen formalen Erneuerer der Gegenwartsliteratur."

Außerdem: Martin Wolf rechnet vor, wie und warum Europas Sparpolitik gescheitert ist. Steve Coll geht der Frage nach, ob für Obamas Nahost-Politik dasselbe gilt.

Magazinrundschau vom 04.06.2013 - New York Review of Books

Immer mehr und immer größere Kreuzfahrtschiffe fahren durch Venedig. Anna Somers Cocks sieht die Stadt in Gefahr, da die Hafenbehörde unter ihrem mächtigen Chef Paolo Costa weder die Folgen noch die Kosten für die Stadt beachtet: "Costa bestreitet, dass die Passage der Schiffe Auswirkungen auf die Gebäufe der Stadt oder die Qualität der Luft hat, doch seine Kritiker behaupten, dass keine echte unabhängige Studie durchgeführt wurde. Fest steht nur, dass aus den 200.000 Kreuzfahrt-Touristen, die 1990 in Venedig an Land ging, im Jahr 2000 bereits 337.000 geworden sind und 2011 sogar 1,8 Millionen. Silvio Testa führt die lautstarke Kampagne 'Keine großen Schiffe' an (ihre Anhänger haben Transparente an die Ufer des Giudecca-Kanals gehängt, mit denen sie die Kreuzfahrer wissen lassen, was sie von ihnen halten) und er hat mir gesagt, dass an einem einzigen Tag im Juli 2011 sechs dieser Schiffe im Hafen festmachten und auf einen Schlag 35.000 Touristen ausspuckten."

David Cole rauft sich die Haare über die Erfolge der amerikanischen Waffen-Lobby, die nicht eimal Überprüfungen zulassen wollte, damit Waffen wenigstens nicht mehr an Kriminelle, Wahnsinnige und Gewalttäter verkauft werden dürfen: "Jedes Jahr sterben in den USA zweimal so viele Menschen durch Schusswaffen wie bei Terroranschlägen weltweit."

Weiteres: David Bromwich warnt vor einer Intervention in Syrien und erinnert an den katastrophalen Irakkrieg, die auch nicht sonderlich erfolgreiche Intervention in Libyen, Al Qaida und die Tatsache, dass in Syrien ein Machtkampf zwischen Sunniten und Schiiten stattfindet. Richard Dorment übt scharfe Kritik an der Praxis der Andy Warhol Foundation, auf der Rückseite eines nicht anerkannten Werks mit unlöschbarer roter Tinte und ohne Angabe von Gründen das Wort "Abgelehnt" zu stempeln.

Magazinrundschau vom 28.05.2013 - New York Review of Books

Nach dem Bombenanschlag auf den Boston-Marathon rätselt die Öffentlichkeit über die Motive der Attentäter. Christian Caryl zeichnet ein Psychogramm der Brüder Tsarnaev und beschreibt in der New York Review of Books den verhängnisvollen Einfluss des älteren Tamerlan auf seinen jüngeren Bruder Dzhokhar: "Jede Analyse muss mit Tamerlan beginnen. Aus Gesprächen mit seinen Bekannten ergibt sich das Bild eines Mannes, der der Leitstern seiner Familie war. Besonders seine Mutter Zubeidat scheint ihn geradezu krankhaft verehrt zu haben. Während ihrer Presskonferenz in Dagestan, wo sie mittlerweile lebt, schreckte sie die Journalisten mit Vorhaltungen über seine Schönheit auf und verglich ihren Sohn mit Herkules. Beide Eltern erachteten ihn zweifellos als ihr wichtigstes Erbe an die Welt. Der Vater, ein ehemaliger Boxer, trieb ihn zu einer Sportlerkarriere an und fuhr oft auf dem Fahrrad nebenher, wenn sein Sohn trainierte. "Er stand an der Spitze der Familie", erinnert sich ein Jugendfreund. 'Er war der größte, der stärkste, der meistgeliebte. Jeder lachte über seine Witze.'"

Außerdem: Sheryl Sandbergs Buch "Lean In" ist keine feministische Lektüre, sondern ein branchentypischer Ratgeber für beruflichen Erfolg, meint Anne Applebaum. Mark Ford liest neue Bücher zu Nabokovs "Lolita". Jerome Groopman lobt ein Buch der Autistin Temple Grandin über das autistische Hirn. Jenny Uglow vertieft sich in eine Kulturgeschichte der Gabel. Und James Gleick lernt von dem Physiker Lee Smolin, dass Zeit doch etwas ganz Reales ist.

Magazinrundschau vom 23.04.2013 - New York Review of Books

John Gray hat mit großem Interesse die kluge und elegante Karl-Marx-Biografie von Jonathan Sperber gelesen, die Marx ganz im Denken des 19. Jahrhunderts verortet. Doch so leicht wie Sperber will Gray Marx nicht aus der Verantwortung entlassen: "Marx glaubte, dass eine andere und unvergleichlich bessere Welt entstehen würde, wenn der Kapitalismus erst einmal überwunden wäre, und er gründete seinen Glauben an die Möglichkeit einer solchen Welt auf einen inkohärenten Mischmasch aus idealistischer Philosophie, zweifelhaften evolutionären Spekulationen und einer positivistischen Weltsicht. Lenin folgte in Marx' Fußstapfen, als er eine neue Version dieses Glaubens in die Welt setzte. Die von Leszek Kolakowski und anderen vorgebrachte Behauptung ist noch nicht widerlegt, dass der tödliche Mix aus metaphysischer Gewissheit und Pseudowissenschaft, den Lenin von Marx übernahm, einen entscheidenden Anteil an der Entstehung des kommunistischen Totalitarismus hatte. Marx' leninistische Anhänger verfolgten die unerfüllbare Vision einer harmonischen Zukunft nach dem Zusammenbruch des Kapitalismus und schufen so eine repressive und inhumane Gesellschaft, die selbst zusammenbrach, während sich der Kapitalismus - trotz aller Probleme - weiter ausbreitet."

Richtig findet es die französische Historikerin Anka Muhlstein, dass das Metropolitan Museum die Ausstellung L'Impressionnisme et la Mode" aus dem Musée d'Orsay um die Moderne ergänzt als "Impressionism, Fashion, and Modernity" in New York zeigt: "Die Verbindung zwischen Impressionismus und Mode ist heikel, nah an der Täuschung. Dies liegt nur zum Teil daran, dass die Kleider in ihren Schaukästen starre Museumsstücke sind, während die gleichen Kleider auf der Leinwand glänzen, bewegt und untrennbar verbunden sind mit den Bewegungen der Frauen, die sie tragen. Es liegt auch daran, dass bei einem eleganten Kleid wesentliche Merkmale die Details sind - was die Qualität eines Kleides ausmacht, sind die Form eines Knopfes, der Sitz einer Falte, die Feinheit der Stickerei, die Perfektion des fini (um die Sprache eines Haute-Couture-Ateliers zu benutzen) -, während es Monet, Manet oder Renoir in erster Linie darum ging, eine Haltung zu evozieren, einen Eindruck, das auf dem Stoff spielende Licht. Tatsächlich arbeiteten sie also am Unfertigen, am non-fini. Dies ist das genaue Gegenteil zu einem Porträt von Ingres, der sich beflissen darum mühte, die Kleidung seines Modells in detaillierter Exaktheit wiederzugeben."

Magazinrundschau vom 09.04.2013 - New York Review of Books

Nach seinem großen Bericht im New Yorker vor zwei Jahren hat Lawrence Wright seine jahrelangen Recherchen über Scientology nun in dem Buch "Going Clear" zusammengefasst. Dieses wurde noch einmal monatelang von Anwälten und Journalisten gegenrecherchiert, um den prozesssüchtigen Anwälten der Geldschmiede kein Einfallstor zu bieten, weiß Diane Johnson, die auch sonst sehr beeindruckt von Wrights Buch ist: "In einem der schockierendsten Kapitel enthüllt Wright, wie das Finanzamt eingeschüchtert wurde, um Scientology den Status einer Religion zu gewähren. Als das Finanzamt 1993 Scientology einen Bescheid über eine Milliarde Dollar Steuernachzahlungen schickte, hat Wright herausgefunden, wurde es von Scientology infiltriert und seine Beamten bedroht. 'Einige Regierungsmitarbeiter erhielten', so Wright, 'mitten in der Nacht anonyme Anrufe, andere stellten fest, dass ihre Haustiere verschwunden waren. Ob diese Ereignisse nun zu Scientologys Angriff angehörten oder nicht, sie trugen zu der Paranoia bei, die viele in der Behörde verspürten. Das Finanzamt musste sich gegen mehr als zweitausend Verfahren zur Wehr setze. Es kapitulierte schließlich vor Scientologys Kampagne aus Klagen und Schikanen, reduzierte den Betrag auf 12,5 Millionen Dollar und genehmigte, sehr zum Nutzen der Scientologen, ihren Antrag, als Kirche eingestuft zu werden, was der Organisation unbeschreibliche Summen an künftigen Steuern ersparte."

Pankaj Mishra stellt mit Mohsin Hamid ("How to Get Filthy Rich in Rising Asia"), Tash Aw ("Five Star Billionaire") und Randy Boyagoda ("Beggar's Feast ") eine Riege junger Autoren vor, die ganz wie einst Dickens oder Balzac mit ihren Geschichten von jungen Glücksuchern die "amoralischen Landschaften" des boomenden Asiens beschreiben. Allerdings hat sich das Bild des Unternehmers gewandelt: "Erfolg rührt weniger aus den Gütern oder Dienstleistungen her, die ein Geschäftsmann zu bieten hat, als vielmehr darin, eine entsprechende Persönlichkeit widerzuspiegeln. Daher verbreiten sich so schnell bestimmte Typen: die Raubkopierer, Verkäufer, Trickser, Mittelsmänner - die inzwischen eine eigene soziale Klasse bilden in Asiens informeller und unorganisierter Ökonomie."

Außerdem liest Ian Johnson neue Bücher zu China und seiner drohenden, möglichen oder ganz sicheren künftigen Vormachtstellung. Auf Robert Darntons Ankündigung seiner Digitalen Bibliothek für Amerika haben wir bereits in den Feuilletons hingewiesen.

Magazinrundschau vom 19.03.2013 - New York Review of Books

Kenneth Roth, Direktor von Human Rights Watch, ist nicht grundsätzlich gegen den Einsatz von Drohnen, erhebt aber Einspruch gegen die vom amerikanischen Justizministerium vorgelegten Richtlinien zum Einsatz von Drohnen durch die CIA. Seiner Ansicht verstoßen sie gegen das in der Genfer Konvention formulierte Gebot, Feinde nach Möglichkeit gefangen zu nehmen anstatt sie zu töten: "Wer dieses Gebot nicht einhält, animiert andere Regierungen dazu, es ebenfalls zu umgehen. Ohne dass ein tatsächlicher bewaffneter Konflikt bestünde, könnten sie einen 'globalen Krieg' ausrufen und Verdächtige einfach töten. Man stelle sich das Unheil vor, das Russland auslösen könnte, wenn es in Europa angebliche tschetschenische 'Kämpfer' töten würde, oder wenn China uighurische 'Kämpfer' in den USA töten würde."

Weiteres: In einem Essay zieht Daniel Barenboim aus den kompositorischen Werk Rückschlüsse auf Beethovens Weltanschauung und politische Orientierung und stellt fest: ein Marktliberaler war er jedenfalls nicht.

Magazinrundschau vom 05.03.2013 - New York Review of Books

Joshua Hammer schickt eine Reportage aus Mali, wobei er vor allem die Geschehnisse der vergangenen Monate zu rekonstruieren versucht. Nicht sicher ist sich Hammer, ob der Spuk nun tatsächlich vorüber ist: "Die Dschihadisten sind in die Canyons und Dünen der Sahara geflüchtet. Viele werden in den Bergen von Adrar des Ifoghas vermutet, ein nahezu undurchdringliches Gebiet nördlich der kleinen und sehr armen Stadt Kidal nahe der algerischen Grenze. Die Franzosen sagen, dass sie im März mit ihrem Rückzug beginnen wollen und ihre Operation an eine 12.000 Mann starke afrikanische Truppe mit UN-Mandat übergeben wollen. Einige ziehen jedoch die Möglichkeit eines langen Aufstands in Betracht: 'Die Geschwindigkeit, mit der die Franzosen durch die Städte gezogen sind, hat viele Leute überrascht, wir sind gespannt zu sehen, was als nächstes passiert', sagte mir die amerikanische Botschafterin Mary Beth Leonard in Bamako. 'Wenn man die Sache nicht gleich richtig erledigt, muss man sich über das asymmetrische Problem Sorgen machen. Wo wird es auftauchen? In der Pariser Metro? Oder in Bamako?"

Weiteres: Walter Kaiser feiert den Renaissance-Maler Piero della Francesca, dem die Frick Collection in New York eine große Ausstellung widmet. Besonders das Fehlen jedes emotionalen Ausdrucks, die Stille und Strenge rühren Kaiser an und er empfiehlt nachdrücklich einen Essay von Zbigniew Herbert über Piero. Helen Epstein berichtet von Bleivergiftungen, die amerikanische Kinder zum Teil als Testpersonen und unter der wissenschaftlichen Aufsicht der Johns Hopkins Universität erlitten haben. Und der britische Philosoph Colin McGinn stellt freundlich, aber entschieden fest, dass sich Ray Kurzweil mit seinem Buch "How to Create a Mind: The Secret of Human Thought Revealed" etwas übernommen hat.

Magazinrundschau vom 26.02.2013 - New York Review of Books

Ist es Aufgabe des Staates, dem Bürger vorzuschreiben, wieviel Zigaretten er rauchen oder wieviel überzuckerte Getränke oder fette Speisen er zu sich nehmen darf? John Stuart Mill hat das strikt verneint: Jeder wisse für sich selbst am besten, was er zu tun habe. Die Philosophin Sarah Conly widerspricht in ihrem Buch "Against Autonomy", erzählt der Jurist Cass R. Sunstein, der Conlys Argumente für staatliche Intervention trotz einiger Bedenken recht wohlwollend aufnimmt: "Sie geht davon aus, dass wir uns im Lichte der jüngsten Forschungen einig sein müssten, dass Mill unsere Fähigkeit, richtig zu wählen, falsch einschätzte. 'Wir sind zu fett, wir haben zu viele Schulden und wir sparen zuwenig für die Zukunft.' Mit diesen Feststellungen im Kopf besteht Conly darauf, dass Zwang nicht grundsätzlich ausgeschlossen werden sollte. Sie möchte viel weiter gehen als nur einen leichten Schubs zu geben. Ihrer Ansicht nach sollte die angemessene Antwort der Regierung auf menschliche Irrtümer nicht von hochabstrakten Überlegungen über den Wert von Wahlmöglichkeiten abhängen, sondern von pragmatischen Urteilen über Kosten und Vorzüge einer paternalistischen Intervention geleitet sein. Selbst wenn man sich nur selbst Schaden zufügt, sollte und muss sogar ihrer Meinung nach die Regierung bevormundend reagieren, solange die Vorteile die Kosten rechtfertigen."

In diesem Frühjahr entscheidet der Oberste Gerichtshof in den USA, ob die Myriad Genetics Corporation DNA patentieren lassen kann, die sie von den zwei menschlichen Genen BRCA1 und BRCA2 isoliert hat. Diese beiden Gene erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass eine Frau an Brust- oder Eierstockkrebs erkrankt, beträchtlich. Mit der Patentierung, berichtet Daniel J. Kevles, könnte Myriad jede Erforschung dieser Gene außerhalb der eigenen Firma verhindern: "Die Patente von Myriad sind weitreichend, sie umfassen sowohl beschädigte als auch normale Versionen jeder islolierten Form von BRCA-DNA sowie all ihre Mutationen und inneren Veränderungen, einschließlich derer, die bisher noch unbekannt sind - implizit für das BRCA1-Gen und explizit für das BRCA2-Gen. Die Patente erfassen jeden vorstellbaren Gebrauch der drei Typen von DNA für Diagnose, Therapie, Medikamentenforschung und der Indentifizierung anderer Krebsarten, an denen eines der Gene beteiligt ist. Die Patente würden Myriad praktisch den alleinigen Zugang zu Forschung und Diagnose an der Wirkungsweise von BRCA1- und BRCA2-Genen sichern, denn Forschung und Diagnose setzen meist Analysen und Manipulationen der isolierten DNA voraus. Indem Myriad die Macht nutzt, die in der Exklusivität der Patente liegt, behält es sich jede diagnostische Analyse der ihr bekannten DNA eines Patienten vor."

Weitere Artikel: Ian Frazier stellt ein hochinteressantes Buch des indischen Fotografen und Aktivisten Subhankar Banerjee über den Klimawandel in der Arktis vor: "Arctic Voices: Resistance at the Tipping Point", versammelt Stimmen von 37 Autoren, die er kompiliert und mit seinen Kommentaren versehen hat. Michael Lewis bespricht John Lanchesters Roman "Kapital" (man erfährt dabei, dass London in den frühen 80ern so lethargisch wie Berlin gewesen sein muss)