
Ist es Aufgabe des Staates, dem Bürger vorzuschreiben, wieviel Zigaretten er rauchen oder wieviel
überzuckerte Getränke oder fette Speisen er zu sich nehmen darf?
John Stuart Mill hat das strikt verneint: Jeder wisse für sich selbst am besten, was er zu tun habe. Die
Philosophin Sarah Conly widerspricht in ihrem Buch "Against Autonomy",
erzählt der
Jurist Cass R. Sunstein, der Conlys Argumente für staatliche Intervention trotz einiger Bedenken recht wohlwollend aufnimmt: "Sie geht davon aus, dass wir uns im Lichte der jüngsten Forschungen einig sein müssten, dass Mill unsere Fähigkeit, richtig zu wählen, falsch einschätzte. 'Wir sind
zu fett, wir haben zu viele Schulden und wir sparen zuwenig für die Zukunft.' Mit diesen Feststellungen im Kopf besteht Conly darauf, dass Zwang nicht grundsätzlich ausgeschlossen werden sollte. Sie möchte viel weiter gehen als nur einen leichten Schubs zu geben. Ihrer Ansicht nach sollte die angemessene Antwort der Regierung auf menschliche Irrtümer nicht von hochabstrakten Überlegungen über den
Wert von Wahlmöglichkeiten abhängen, sondern von pragmatischen Urteilen über Kosten und Vorzüge einer paternalistischen Intervention geleitet sein. Selbst wenn man sich nur selbst Schaden zufügt, sollte und muss sogar ihrer Meinung nach die Regierung bevormundend reagieren, solange die
Vorteile die Kosten rechtfertigen."
In diesem Frühjahr entscheidet der Oberste Gerichtshof in den USA, ob die Myriad Genetics Corporation
DNA patentieren lassen kann, die sie von den zwei menschlichen Genen BRCA1 und BRCA2 isoliert hat. Diese beiden Gene erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass eine Frau an
Brust- oder Eierstockkrebs erkrankt, beträchtlich. Mit der Patentierung,
berichtet Daniel J. Kevles, könnte Myriad jede Erforschung dieser Gene außerhalb der eigenen Firma verhindern: "Die Patente von Myriad sind weitreichend, sie umfassen sowohl beschädigte als auch normale Versionen jeder islolierten Form von BRCA-DNA sowie all ihre Mutationen und inneren Veränderungen, einschließlich derer, die bisher noch unbekannt sind - implizit für das BRCA1-Gen und explizit für das BRCA2-Gen. Die Patente erfassen
jeden vorstellbaren Gebrauch der drei Typen von DNA für Diagnose, Therapie, Medikamentenforschung und der Indentifizierung anderer Krebsarten, an denen eines der Gene beteiligt ist. Die Patente würden Myriad praktisch den alleinigen Zugang zu Forschung und Diagnose an der Wirkungsweise von BRCA1- und BRCA2-Genen sichern, denn Forschung und Diagnose setzen meist Analysen und Manipulationen der isolierten DNA voraus. Indem Myriad die Macht nutzt, die in der
Exklusivität der Patente liegt, behält es sich jede diagnostische Analyse der ihr bekannten DNA eines Patienten vor."
Weitere Artikel: Ian Frazier
stellt ein hochinteressantes Buch des indischen Fotografen und Aktivisten
Subhankar Banerjee über den
Klimawandel in der Arktis vor: "
Arctic Voices: Resistance at the Tipping Point", versammelt Stimmen von 37 Autoren, die er kompiliert und mit seinen Kommentaren versehen hat. Michael Lewis bespricht
John Lanchesters Roman "Kapital" (man erfährt dabei, dass London in den frühen 80ern so lethargisch wie Berlin gewesen sein muss)