Magazinrundschau

Sammelort von Halunken

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
22.10.2013. Grantland nimmt Harvey mit den Scherenhänden aufs Korn. Im Guardian überlegt Will Self, wie das Internet die Rolle des Kritikers verändert. Aeon besucht in der Wüste von Mexiko Charles Ross' Landschaftskunstwerk "Star Axis". In HVG erklärt Imre Kertész: Ich bin nun kein Holocaust-Clown. Humanities beschreibt Stéphane Mallarmés Versuch als Selbstverleger. The New Republic liest David Nirenbergs kosmopolitische Geschichte des Antisemitismus. Nautilus wagt sich an die Dorabella-Chiffre Edgar Elgars.

Humanities (USA), 01.11.2013

Steve Moyer erzählt, wie Stéphane Mallarmé, der modernste Lyriker des 19. Jahrhunderts, das "Buch" neu dachte. Basierend auf Sigridur Arnars Studie "The Book as Instrument" macht er zunächst deutlich, dass "das" Buch auch seinerzeit schon umstellt war von offeneren Medien: Alben, Feuilleton-Romanen, Zeitungen und Zeitschriften. Eine der Antworten Mallarmés auf dieses Medien-Problem vor seinem Geniestreich "Un coup de dés" war das Künstlerbuch, für das er sich unter anderem mit Edouard Manet zusammentat: "Manet und Mallarmé arbeiteten bei dem 'Raben' von Poe zusammen, das von Mallarmé übersetzt und von Manets Radierungen illustriert wurde. Für beide war ihre Zusammenarbeit ein Weg, Verleger und Akademie-Jurys zu umgehen. Sie wollten das Publikum direkt erreichen. 'Der Rabe' war in jedem Apekt ein Kunstwerk, von der Wahl der Papierdicke über die Typografie bis zu den minimalistischen Radierungen Manets, die dem Leser Raum für Kontemplaton und seine eigene Interpretation von Poes Erzählgedicht gaben." Das Buch war ein kommerzieller Misserfolg. Nur 240 Exemplare wurden gedruckt.

Das Bild zeigt Manets Raben im Flug:


Archiv: Humanities

El Pais Semanal (Spanien), 20.10.2013

Mehr Demokratie wagen auf Brasilianisch: Ex-Präsident Luiz Inácio Lula da Silva äußert sich im Interview mit Jesús Ruiz Mantilla über die neue Protestbewegung im Land: "Die Proteste in Brasilien sind gesund: Ein hungriges Volk zeigt wenig Bereitschaft zum politischen Kampf. Unsere Gesellschaft hat entdeckt, dass es durchaus möglich ist, sich mehr vom Leben zu erhoffen. Wir müssen die demokratische Teilhabe hochhalten und dürfen nicht zulassen, dass die jungen Leute sich von der Politik lossagen, denn wenn das passiert, kommt am Ende der Faschismus. Wir wollen, dass die jungen Leute offen diskutieren, damit sie die Erfahrung machen, dass die demokratische Teilhabe der einzige Weg ist. Was die Presse angeht, so verteidige ich unbedingt die Pressefreiheit - meinen Erfolg habe ich ihr zu verdanken. Allerdings kontrollieren bei uns immer noch neun Familien sämtliche Medien, erst durch das Internet hat sich das ein wenig verändert. Es geht natürlich nicht darum, Einfluss auf die Inhalte zu nehmen, sondern auch hier für mehr Demokratie zu sorgen, den Zugang zu erweitern."

Elet es Irodalom (Ungarn), 16.10.2013

Der Schriftsteller und Essayist Iván Sándor reflektiert einen kürzlich erschienenen Essay (mehr) von Péter Nádas über die Stärken und Schwächen des Demokraten und diagnostiziert für die ungarische Gesellschaft einen Mangel an liberaler Tradition. "Warum konnte sich der Liberalismus im zwanzigsten Jahrhundert nicht zu einer Kraft formen, welche das Schicksal des Landes längerfristig hätte beeinflussen können? In erster Linie, weil er ausgegrenzt und unterdrückt wurde. Doch auch nach 1990 rechneten seine Vertreter nicht mit den historisch-kulturellen Reflexen und dem mentalen Zustand der Gesellschaft. Sie überschätzte seine kurzfristige Beleibtheit. Er formulierte ideelle Ziele, ohne dass es dafür wirklich eine breite Unterstützung gab. Die Angebote sind am Unverständnis der andere Traditionen gewohnten Gesellschaft gescheitert."

Und György Konrád meint in einem Artikel über die Meinungsfreiheit: "Obwohl für den Intellektuellen die Gedankenfreiheit das Wichtigste ist, ist es in Ungarn in der letzten Zeit Mode geworden, sich vom Geist der Freiheit abzuwenden oder sich von vornherein über sein anstehendes Verschwinden zu erschrecken, es dabei als gegeben zu akzeptieren. Das verwirrte Volk hat es nicht begriffen, wie leicht dieser, unser gemeinsamer Schatz, die Freiheit verloren gehen kann. Real gab es einen politischen Stimmungswechsel, der in einer von einem Führer dominierten autoritären Herrschaft mündete. Als wären die demokratischen Instinkte und Sensibilitäten meiner Landsleute verunsichert, scheint es so, dass die Mehrheit die eigene Niederlage begrüßt."
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New Republic (USA), 21.10.2013

Der Historiker David Nirenberg hat eine Geschichte des Antisemitismus in der westlichen Welt vorgelegt, "Anti-Judaism", die nicht einfach nur eine Auflistung der schlimmsten antisemitischen Ressentiment ist, schreibt ein absolut hingerissener Anthony Grafton in seiner Besprechung: Nirenberg will wissen, warum so viele Kulturen und Intellektuelle sich immer wieder mit den Juden auseinandergesetzt haben. "Nirenbergs Parade imaginierter Juden - die scheußlichste Prozession seit den Flagellanten in 'Das siebte Siegel' - reicht von der arabischen Halbinsel bis nach London und vom 7. Jahrhundert v.Chr. bis zum 20. Jahrhundert nach Christus. Immer von den Originalquellen in den Originalsprachen ausgehend, beobachtet Nirenberg die verschiedenen Wege, auf denen imaginierte Juden den Zwecken realer Autoren und Denker dienen - von Mohammed, der eine neue Religion gründete, bis Shakespeare, der eine neue kommerzielle Gesellschaft beobachtete. Gott steckt hier teilweise in den Details: in der vorsichtigen, zärtlich beobachteten Art mit der Nirenberg alles zerlegt, von der scharfen politischen Rhetorik bis zur klangvollen Shakespearschen Drama."

Sehr interessant auch dieser Artikel von Matthew Shaer, der die Berichterstattung über Syrien untersucht: Neben Bürgerjournalisten und unabhängigen Organisationen gibt es inzwischen auch viele Medien, die von ausländischen Interessen gesteuert sind.
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Grantland (USA), 15.10.2013

"Harvey mit den Scherenhänden" wird Studioboss Harvey Weinstein in Hollywood für seine berüchtigten Eingriffe beim Filmschnitt genannt. Seine kreativen Kriege, etwa mit Martin Scorsese und Billy Bob Thornton, sind legendär - und der Erfolg gibt ihm recht. Dass sich die Interventionen positiv auf die Qualität der Filme auswirken, wagt Karina Longworth allerdings zu bezweifeln. So soll Weinstein beispielsweise standardmäßig die Kürzung eines Films um zwanzig Minuten verlangen: "'Zwanzig Minuten' scheint eine magische Zahl für Harvey zu sein, geradezu eine Zwangsneurose... In Zeiten, in denen die größten Kassenerfolge der letzten drei Jahre immer über zwei Stunden lang waren, macht die Kürze einen Film nicht kommerzieller. Aber indem er die Handschrift des Regisseurs untergräbt, kann sich Harvey als der wahre Mächtige fühlen, und das braucht er, um seinen magischen Einfluss auf einen Film zu entfalten." (Gerade beklagte sich der Regisseur Olivier Dahan in Liberation bitter, dass Weinstein seinen Film über Grace Kelly umschneidet.)
Archiv: Grantland

New York Review of Books (USA), 07.11.2013

Die New York Review of Books feiert fünfzigsten Geburtstag! Erst wenige Artikel aus dieser Jubiläumsausgabe sind online. Lesen darf man aber schon die Besprechung von Thomas Pynchons Roman "Bleeding Edge" über den 11. September durch den Schriftsteller Michael Chabon. Er sieht darin alle von Pynchon bekannten Motive und Topoi versammelt: seinen Kampf gegen das, was Jack Kirby die "Antilebens-Gleichung" nannte, Verschwörungstheorien und Ironie als dramaturgisches Mittel. „"Seit 'V.'’ sind fast alle seine Romane auf einer Basis von Kriminalliteratur angelegt, unterlegt mit Science Fiction, Jungsabenteuer, Western, Spionageroman und anderen Genres, die sich wie Verschwörungsstheorien auf geheime Pläne stützen. Seine gebrochenen Plots enthüllen die erkenntnistheoretische Gebrochenheit paranoider Systeme, die im Grunde nichts weiter als Versuche sind, hochfliegend, jedoch nicht weniger dazu verurteilt genau wie alle anderen daran zu scheitern, aus einer kaputten Welt schlau zu werden.“"

Zu lesen ist außerdem die Erzählung „"Love in the Gardens“" von Zadie Smith.

Aeon (UK), 15.10.2013

In der Wüste New Mexicos arbeitet der Bildhauer Charles Ross seit über vierzig Jahren an seinem monumentalen Landschaftskunstwerk "Star Axis". Ross Andersen durfte die Stätte besichtigen und berichtet ergriffen: "Ich wurde gebeten, keine Fotos zu machen und in meiner Geschichte unspezifisch bezüglich des Ortes zu sein. Außerdem instruierte man mich, nachts auf dem Tafelberg keine Scheinwerfer zu benutzen, um nicht ungebetene Besucher anzuziehen. Diese Mantel-und-Degen-Rituale haben künstlerische Gründe. Wie jeder ehrgeizige Künstler, möchte Ross sein Werk perfektionieren und polieren, bevor er es enthüllt. Aber sie haben auch praktische Gründe. 'Star Axis' ist zwar fast fertiggestellt, nicht jedoch die Sicherheitsmaßnahmen. Die völlige Finsternis kann einen dort nachts die Orientierung verlieren und in eine der Spalten stürzen lassen. Im Internet kursiert sogar das Gerücht - Ross wollte es nicht bestätigen -, Charlize Theron sei hier beinahe in den Tod gestürzt."


Archiv: Aeon
Stichwörter: Theron, Charlize

Huffington Post fr (Frankreich), 20.10.2013

Einen "„ideologischen Molotowcocktail“" nennt Anne Sinclair in ihrem Leitartikel den Fall des aus einem Schulbus gezerrten und aus Frankreich ausgwiesenen Roma-Mädchens Leonarda. „Es sei ein brisanter Mix, der diesen Cocktail erzeugt habe: "Die illegalen Einwanderer, die Sicherheit, der Front National, der zum Mittelpunkt des politischen Spiels geworden ist, die Kontroversen um die Roma, der endlose Streit über Laizität, die Differenzen zur Stellung des Islam, der Eindruck der Unentschlossenheit an der Regierungsspitze.“" Und den Intellektuellen falle nichts weiter ein, als sich über nationale Identität zu zerfleischen, etwa in einer Fernsehsendung am vergangenen Freitag, in der ein "außer sich geratener Alain Finkielkraut den Drehbuchautor Abdel Raouf Dafri, dem man seine Abscheu gegenüber dem Philosophen deutlich ansah, zwei Mal anbrüllte: Schweigen Sie".

Auch in anderen französischen Medien wird das Thema diskutiert. In Le Point singt die Schriftstellerin und Literaturkritikerin Claire Gallois dem Staatspräsidenten François Hollande das Loblied des Rücktritts. Und in Rue89 kritisiert Mathieu Deslandes, die Linke wisse offenbar nicht mehr, wo sie lebt.

HVG (Ungarn), 09.10.2013

Unter dem Titel "Ich war ein Holocaust-Clown" erschien vor kurzem in der Zeit ein Interview mit dem Schriftsteller Imre Kertész. Die Aussagen des Literatur Nobelpreisträgers haben erneut für Aufsehen in Ungarn gesorgt. Gábor Murányi sprach mit Kertész unter anderem über dieses Interview, das eigentlich sein letztes sein sollte: "Die von mir hochgeachtete und geschätzte Kritikerin, Iris Radisch hatte diesmal nicht aufmerksam genug gelesen. Ich hatte im Jahre 2007 einen Auftritt in Sachsen abgesagt und formulierte in meinem Tagebuch so 'ich bin nun kein Holocaust-Clown'; die Gefahr bestand, ich wurde aber zu keinem Clown. (...) In der Eile weiß ich gar nicht, ob Dostojewski oder Camus es geschrieben hat, dass das einzige ernsthafte philosophische Problem der Suizid sei. Ich entschied mich für das Leben, denn ich sorgte für kein Selbstmordwerkzeug. Ich dachte stets, wenn die Zeit kommt, springe ich aus dem Fenster. Jetzt ist die Zeit umsonst gekommen, ich kann ohne Begleitung nicht einmal zum Fenster gehen. Nichts wird mehr passieren, es kann nichts mehr passieren. Höchstens... Wann wird dieses Interview erscheinen?" (Aktualisierung vom 25.10.: Iris Radisch weist darauf hin, dass in der deutschen Fassung von Imre Kertesz' Tagebuch auf Seite 411 der Satz steht: "Ich bin nicht länger Holocaust-Clown".)
Archiv: HVG

Nautilus (USA), 17.10.2013

Der Komponist Edward Elgar, Schöpfer der "Enigma Variations" und von "Pomp and Circumstances", hatte eine Schrulle, die bis heute gut ankommt: Er liebte Rätsel, Verschlüsselungen und Denksportaufgaben. Seiner guten Freundin Dorabella Penny schickte er einst eine Reihe rätselhafter Zeichen, die bis heute nicht überzeugend entschlüsselt sind, erzählt Mark MacNamara. "Unzählige Kryptographen haben voller Eifer versucht, die 'Dorabella-Chiffre' zu knacken - unter Einsatz höherer Mathematik und Analytik. Aber die Elgar Society ist bisher mit keiner Lösung einverstanden. Sie ist der selbst ernannte Schiedsrichter in dieser Sache. Während der Union Jack stolz über ihrem pfeifenden Teekessel flattert, verlangt die Elgar Society, dass die Lösung die Chiffre auflösen und aus sich selbst heraus verständlich sein soll, so dass Elgar Aficionados in der ganzen Welt einander zunicken und sagen können: 'Natürlich, das ist es. Warum haben wir das nicht gesehen?'"
Archiv: Nautilus