Saul Friedländer

Franz Kafka

Cover: Franz Kafka
C. H. Beck Verlag, München 2012
ISBN 9783406637407
Gebunden, 252 Seiten, 19,95 EUR

Klappentext

Mit 12 Abbildungen. Aus dem Englischen übersetzt von Martin Pfeiffer. Franz Kafka, der wohl enigmatischste Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, begegnet in diesem Buch dem sanften, aufmerksamen, kritischen Blick des Historikers Saul Friedländers. Saul Friedländer, selbst in Prag geboren und ein Leben lang Kafka-Leser, betrachtet ihn mit jener zärtlichen Unbestechlichkeit, die auch seine Geschichte des Holocaust prägt. Friedländers Auge sieht manches, was selbst Jahrzehnte der Kafka-Forschung nicht wahrgenommen haben. Er porträtiert Franz Kafka als Dichter der Scham und der Schuld. Er geht seinem Leben nach, befragt sein Judentum, analysiert die einzigartige Ironie Kafkas und geht auch den verschlungenen Seelenlagen nach, die tiefe Spuren im Werk hinterlassen haben.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.10.2012

Was veranlasst einen Historiker wie Saul Friedländer, den Chronisten des Holocaust, dazu, über Kafka zu schreiben? Die biografischen Parallelen, meint Thomas Meissner. Dass sich Friedländer in seinem Kafka-Buch allerdings nicht ausschließlich auf die Auseinandersetzung mit Kafkas Judentum stürzt, sondern das laut Meissner gleichwohl wissensreich behandelte Thema gleichberechtigt neben anderen steht, scheint der Rezensent gutzuheißen. Viel spannender aber erscheint ihm Friedländers Versuch, Kafka und seinen Verwalter Max Brod gegen den Strich zu lesen. Was der Autor so an sexuellen Ängsten, homoerotischen und pädophilen Komplexen in Kafkas Briefen und Tagebüchern entdeckt, ohne es zu skandalisieren, lässt Meissner staunen. Den folgenden Übertrag dieser Erkenntnisse auf Kafkas literarische Texte jedoch findet der Rezensent trotz aller Belesenheit und Kenntnisse Friedländers problematisch, weil biografistisch gedeutet. Zum Glück bleibt ihm Kafka auch nach dieser Lektüre Rätsel genug. Neue Fragen zu diesem Werk aufgeworfen zu haben, meint er, bleibt jedenfalls das Verdienst Friedländers.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 30.08.2012

Zu den Regalmetern der Kafka-Exegesen kommt nun Saul Friedländers Buch hinzu. Laut Rezensent Lothar Müller steht es da gut und sticht sogar heraus. Erstens, weil Friedländer Historiker und Jude und bedeutender Kenner der jüdischen Geschichte ist. Zweitens, weil der Autor den üblichen Scham- und Schuld-Interpretationen mit seiner These ordentlich querkommt, indem er nämlich Kafkas ewige Krise als eine sexuelle beschreibt. Nicht jüdische Motive, das zeigt der Autor Müller mittels Textbelegen, sind bei Kafka Quell für die Transformation von Leben in Literatur, sondern sein sexuelles Anderssein. Statt jüdische Heilige also homoerotische Fantasien. Müller folgt dem "Indizienprozess" mit Spannung, kann aber nicht übersehen, dass bei aller Akribie des Historikers immer eine Lücke bleibt, in der sich Zweifel einnisten und mögliches Missverstehen.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 30.08.2012

Rezensent Alexander Cammann kann sich Kafka und Friedländer gut beim Spaziergang an der Moldau vorstellen. So vergleichbar erscheinen ihm beider Biografien. Hier aber schreibt Friedländer über Kafka - und wie! Laut Cammann kann man sich der Irritation und Verstörung von Friedländers Kafka-Lektüren nur schwer entziehen. Gewissenhaft entlang der Texte entfaltet ihm der Autor seine These von der sexuellen Schuld Kafkas als Movens und Motiv seines Schreibens. Ob homosexuell oder nicht, pädophil oder nicht, spielt dabei für Cammann keine so große Rolle. Das sensationsheischende Moment dieser Lektüren tritt für ihn zurück hinter die analytische Kraft einerseits und hinter die Chance, Kafka als einen noch komplexeren Autor zu sehen andererseits.