Magazinrundschau - Archiv

The New York Review of Books

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Magazinrundschau vom 12.07.2016 - New York Review of Books


Agnes Martin: Friendship (1963). Museum of Modern Art, New York

In einem sehr schönen Porträt beschreibt Hilton Als die faszinierende Malerin Agnes Martin, die in einer Reihe beachtlicher Ausstellungen in London und Los Angeles gerade wiederentdeckt wird. Sie gehörte zum Umkreis des Abstrakten Expressionismus, wurde jedoch in dieser von schwulen Männern dominierten Welt nicht glücklich. Der Ruf der Natur, aber auch schizophrene Schübe führten sie in die Prärie: "Wäre Martins tiefe Einsamkeit so bemerkenswert gewesen, wenn sie nicht eine Frau gewesen wäre? Hätte es so viel unnütze und letztendlich romantische Spekulation gegeben? Elizabeth Hardwick brachte die üblichen negativen Reaktionen auf einen gewissen Typus unabhängiger Frauen zum Ausdruck, 'wenn sie in ihrer schrecklichen Freiheit umherziehen, unversorgt wie zurückgelassene alte Ochsen'. Martin hatte nichts davon. 'Mit aller Macht werden wir gegen Einsamkeit konditioniert', beobachtete sie. 'Das Alleinsein wird als ernster und gefährlicher Zustand betrachtet... Ich glaube, dass Menschen, die gern allein sind, ernste Arbeiter auf dem Felde der Kunst werden.' In der Kunst zu arbeiten sei ein Privileg, glaubte sie, doch niemand könne sagen, wie lang die Lehrzeit dauere: Kunst sei kein Rennen. 'Um wahr und wirksam zu leben, muss die Idee der Leistung aufgegeben werden', schrieb sie 1981 in einem offenen Brief an das Whitney Museum. Folge Deiner inneren Stimme, kehre der Welt den Rücken zu und mach das Beste draus."

David Cole hat seinen Text über den amerikanischen Waffenwahnsinn als Reaktion auf Orlando, aber noch vor Dallas geschrieben. Er fasst alles zusammen, was man über Lobbyarbeit, künstliche Mythen und die bitteren Zahlen wissen muss: "Wie so vieles bei uns sind auch Waffengewalt, Mord und Totschlag nicht gerecht verteilt. Für schwarze Amerikaner ist es sechs Mal wahrscheinlicher als für weiße, getötet zu werden, und sieben bis acht Mal wahrscheinlicher, selbst zu töten (die Mehrheit der Tötungsverbrechen werden mit Schusswaffen von Schwarzen an Schwarzen begangen). Für Männer ist es 3,6 Mal wahrscheinlicher getötet zu werden als für Frauen. Bei schwarzen Männern zwischen fünfzehn und vierunddreißig Jahren sind Mord und Totschlag die häufigste Todesursache. Die meisten Verbrechen mit Waffen werden in den Städten begangen, und besonders in denen mit hoher Kriminalität und einer schwarzen Bevölkerung. Daher sind es die jungen schwarzen Männer in den Innenstädten, die den Großteil der tödlichen Kosten des Rechts auf Waffen trafen. Wenig überraschend haben Schwarze daher weniger übrig fürs Waffenrecht als Weiße. Nur 24 Prozent der schwarzen Amerikaner befürworten das Recht, eine eigene Waffe zu besitzen, dagegen 57 Prozent der weißen."

Magazinrundschau vom 14.06.2016 - New York Review of Books

Stoff für die Apokalyptiker der digitalen Revolution: Edward Mendelson liest eine Reihe hochbesorgter Bücher zum Thema, kommt dann aber zu einem eher versöhnlichen Schluss: "Jeder technologische Wandel, der die Integrität des Selbst zu bedrohen scheint, bietet immer auch neue Wege, es zu stärken. Plato warnte vor dem Akt des Schreibens - wie auch Johannes Trithemius im 15. Jahrhundert vor dem Buchdruck warnte -, dass er das Gedächnis und das Wissen der Seele in äußere Zeichen verschieben würde. Und doch haben die Wörter, die in Manuskripten und Drucken bewahrt wurden, psychologische Tiefen enthüllt, die einst als unerreichbar galten, sie haben ein neues Verständnis von Moral und intellektuellem Leben geschaffen und neue Freiheiten für Lebensentscheidungen eröffnet. Zwei Jahrhunderte nach Gutenberg malte Rembrandt eine lesende alte Frau, ihr Gesicht erleuchtet von dem Licht, das aus der Bibel in ihrer Hand scheint. Tauscht man das Buch gegen einen Bildschirm, dann ist das symbolische Bild heute buchstäblich korrekt. Aber im 21. Jahrhundert, ebenso wie im 17. Jahrhundert Rembrandts, hängt die Erleuchtung davon ab, welche Wörter wir zu lesen wählen und wie wir sie zu lesen wählen."

Außerdem: Malise Ruthven liest zwei neue Bücher über den "Islamischen staat". Und Janet Malcolm macht ihrem Abscheu über die Verhunzung russischer Klassiker durch das Übersetzerpaar Richard Pevear und Larissa Volokhonsky Luft.

Magazinrundschau vom 31.05.2016 - New York Review of Books

Der Osteuropahistoriker Timothy Snyder hat Bücher von Karl Schlögel, von Peter Pomerantsev und von Pawel Pieniazek (leider nicht ins Deutsche übersetzt!) über Putins Russland und die Ukraine gelesen. Für Russland war der Krieg in der Ukraine und die Eroberung der Krim ein guter Vorwand, von den eigenen wirtschaftlichen Problemen abzulenken, lernt er: "Zwar setzt sich der Niedergang fort, aber er kann jetzt als Preis präsentiert werden, den es für die Siege im Ausland zu zahlen gilt. Während des September 2015 blieb die Ukraine das Hauptthema. Im Oktober wurde es Syrien. Die neuen russischen Kriege sind ein Bonapartismus ohne Napoleon, sie lösen mit Hilfe ausländischer Abenteuer vorübergehend Spannungen zu Hause, aber ohne eine Vision für die Welt zu haben. Ideale werden nur zur Kenntnis genommen, um sie verspotten zu können. 'Das ist eine neue Art von Kreml-Propaganda', schreibt Pomerantsev, 'es geht nicht darum, den Westen wie im Kalten Krieg als Gegenmodell anzugreifen, sondern darum, in seine Sprache zu schlüpfen, um von innen mit ihm zu spielen und ihn zu verhöhnen.' Autoritarismus ist das beste aller möglichen System - so der Gedanke dahinter - denn die anderen sind entgegen ihrer Erscheinung auch nicht besser. Lügen im Dienste des Status quo ist vollkommen gerechtfertigt, denn die Lügen der anderen Seite sind noch verderblicher."

Magazinrundschau vom 10.05.2016 - New York Review of Books

Durchaus interessante Einblicke in die Welt der Geheimdienstler hat Charlie Savage mit den Erinnerungen des früheren NSA-Direktors Michael Hayden gewonnen, doch empfehlen will er die Lektüre von "Playing the Edge" nicht: Hayden habe zur Wahrheit ein so taktisches Verhältnis wie ein sowjetischer Apparatschik. Zum Beispiel wenn es um das Gesetz geht, mit dem nach Edward Snowdens Enthüllungen die Befugnisse der NSA beschränkt werden sollten: "Am Morgen der entscheidenden Abstimmung veröffentlichte das Wall Street Journal einen Beitrag von Hayden, der das Gesetz in schrecklichsten Farben ausmalte. Titel: 'Nur ISIS kann diese Reform gut finden'. Der Chef der Republikaner, Mitch McConnell, drängte alle Senatoren, Haydens Text zu lesen, und brachte ihn sogar ins offizielle Protokoll ein. Später blockierten republikanische Senatoren den Gesetzesvorschlag per Filibuster. Im Juni 2015 jedoch, zwei Wochen nachdem der USA Freedom Act endlich verabschiedet worden war, erklärte Hayden bei einem Live-Interview mit dem Wall Street Journal, dass die Reform nicht der Rede wert sei: 'Wenn mir jemand sagt: Diese Snowden-Sache wird für euch in den nächsten zwei Jahre ein Albtraum. Aber wenn alles, was man von euch verlangt, dieses kleine Programm 215 zu den amerikanischen Metadaten sein wird - und ihr habt übrigens immer noch Zugang zu ihnen, ihr müsst nur zum Gericht und euch die Daten von den Telefongesellschaften geben lassen, statt sie selbst zu speichern. - Also dann würde ich nach zwei Jahren sagen: Wenn es weiter nichts ist. Cool!'"

Außerdem zu lesen sind die Notizen, die sich Joan Didion Mitte der siebziger Jahre zum Prozess gegen Patty Hearst machte und in denen sie ihr eigenes Aufwachsen im kalifornischen Reichtum anspricht.

Magazinrundschau vom 17.05.2016 - New York Review of Books

Halb angewidert, halb wie das Geständnis eines Süchtigen liest sich Mark Danners Essay über Donald Trump in der New York Review of Books. Eines kann er ihm nämlich nicht absprechen: "Seine Wahlkampfauftritte sind auf verlegen machende Weise unterhaltsam, sie sind eine Art schuldiges Vergnügen." Und Medien, besonders die großen Fernseh-Networks, machen wegen der Werbeeinahmen fleißig mit: "In dem teilweise korrupten politischen System Amerikas dienen die Kandidaten als Kofferträger, die das Bargeld von den großen Unternehmen zu den Networks bringen. Aber Trump hat noch einen anderen Einnahmefluss möglich gemacht. Er ist von allein ein Quotenhit. Wenn Fernsehen die Lieferung von Publikum an Werbetreibende ist, dann hat Trump mehr Publikum geliefert als jeder andere Kandidat es jemals könnte. Vierundzwanzig Millionen Augenpaare bedeuten richtig Geld. Trump bringt solche Zahlen, niemand sonst."

Magazinrundschau vom 26.04.2016 - New York Review of Books

Die große Degas-Ausstellung im New Yorker Museum of Modern Art vermittelt ein authentisches Bild des französischen Malers, schwärmt Anka Muhlstein. Sogar die selten zu sehenden Landschaftsgemälde werden gezeigt. Sie sind schon deshalb besonders interessant, weil Degas die Malerei im Freien strikt ablehnte. "Sogar seine engsten Freunde, darunter die Halévys, waren baff, als sie 1892 erfuhren, dass Degas 21 Landschafsbilder ausstellen wollte. Er hatte noch nie zuvor welche gemalt. Die Überraschung der Halévys war verständlich: schließlich hatte er sich immer über Maler, die im Freien arbeiten, lustig gemacht. 'Malen ist kein Sport', warf er Ernest Rouart an den Kopf, der das Land auf der Suche nach Motiven durchstreifte. Selbst mit seinen getönten Augengläsern konnte Degas kein helles Licht vertragen und er verkündete, dass der Anblick der See zu Monet war für seine Augen. Niemand hatte ihn je auf einem Rennplatz Skizzen machen sehen. In einem Gespräch mit Halévy erklärte Degas, er habe während einiger Zugreisen im Sommer in der offenen Tür gestanden 'und auf der Fahrt konnte ich vage die Dinge sehen. Das gab mir die Idee, einige Landschaften zu malen'. 'Reflektionen Ihrer Seele?', fragte Halévy. 'Reflektionen meiner Sehkraft', antwortete Degas.

Magazinrundschau vom 05.04.2016 - New York Review of Books

Sehr düster liest sich Orville Schells Artikel über eine Remaoisierung Chinas, die sich als Antikorruptionskampagne ausgibt und in Wahrheit eine brutale Gleichschaltungskampagne ist. Hauptinstrument, so Schell, ist die "Zentrale Disziplinarkommission der Kommunistischen Partei Chinas", die auch außergerichtlich operieren kann und überall große Angst verbreitet: "Viele fürchten, dass China in eine Periode des Neo-Maoismus abgleitet. Nur verstärkt wurden diese Befürchtungen, als Parteichef und Staatspräsident Xi Jinping am Neujahrstag nach Jinggangshan pilgerte, wo Mao im Jahr 1927 seine erste revolutionäre Basis errichtete. Xi wurde hier als 'vereint mit den Massen' dargestellt, der vor einem Plakat des Großen Vorsitzenden Mao ein Mahl mit Bauern teilte. Diese Reise hat eine Flut von Fotografien, Fernsehnachrichten und Popsongs ausgelöst, die allesamt das segensreiche Wirken von 'Onkel Xi' (Xi Dada) preisen."

Magazinrundschau vom 22.03.2016 - New York Review of Books

Kaum ein Thema war in den deutschen Feuilletons, dass der Germanist Matthias Weßel voriges Jahr in Kassel ein deutsches Originalmanuskript von Arthur Koestlers "Sonnenfinsternis" entdeckt hat. Der Koestler-Biograf Michael Scammell findet den Fund dagegen bedeutsam: "Die Auswirkungen von Weßels Entdeckung sind beträchtlich, denn 'Sonnenfinsternis' gehört zu den wenigen Büchern, die der Welt nur in Übersetzung bekannt sind. Diese Besonderheit ist bisher wenig diskutiert worden in der Literatur zu Koestler und seinem berühmten Roman, auch in meiner langen Biografie berühre ich das Thema kaum. Doch ist die Sache umso außergewöhnlicher, wenn man bedenkt, dass der Roman in mehr als dreißig Sprachen übersetzt wurde, und alle Übersetzungen basieren auf der englischen Ausgabe, was bedeutet, dass sie nicht nur Übersetzungen sind, sondern Übersetzungen einer Übersetzung. Das betrifft auch die deutsche Version, die Koestler selbst 1944 ins Deutsche zurück übersetzte."

In einem bitteren Artikel beschreibt David Shulman, wie israelische Menschenrechtsaktivisten von der Regierung unter Druck gesetzt und von rechten Siedler-Organisationen regelrecht verfolgt werden. Shulman berichtet von verdeckten Operationen, Polizeiwillkür, Unterwanderung und Schmutzkampagnen. Ein wichtiges Instrument dabei ist ein neues Gesetz, das NGOs zwingt, bei jeder Stellungnahme ihre ausländische Finanzierung offen zulegen, was besonders Peace Now, Breaking the Silence und B'Tselem treffen würde, die von der EU unterstützt werden: "Friedensaktivisten wurden von Protestlern, die zumindest theoretisch durch das Recht geschützt sind, zu Dissidenten befördert, das heißt zu legitimen Angriffszielen der Regierung."

Besprochen werden außerdem zwei Bücher über Hillary Clinton und ihre weiblichen Wähler bzw. Nichtwähler sowie eine Biografie Jakob Fuggers.

Magazinrundschau vom 29.03.2016 - New York Review of Books

Als lesenwerte Einführung in die ukrainische Geschichte - geschrieben an die Adresse von Ausländern - empfiehlt Anne Applebaum Serhii Plokhys "The Gates of Europe - A History of Ukraine". Allein, was sie über diese Geschichte der ukrainischen Sprache nacherzählt, illustriert sehr gut, warum die Mehrsprachigekit geradezu zur Identität dieser Nation gehört: "Während des von Plokhy so genannten 'galizischen Alphabet-Krieges' von 1859 versuchte das Habsburger Reich, das damals die heutige Westukraine regierte, das lateinische Alphabet durchzusetzen, um sicherzustellen, dass seine ukrainischen Untertanen nicht russifiziert würden. Ungefähr zur selben Zeit verbot das Zarenreich seinen Untertanen, irgendein anderes als das kyrillische Alphabet zu benutzen, um ihre Polonisierung zu verhindern. Einige Jahre später verboten die russischen Behörden ukrainische Publikationen grundsätzlich. Im 20. Jahrhundert wurde das Ukrainische weiter marginalisiert, und Russisch wurde de facto zur offiziellen Sprache der ukrainischen Sowjetrepublik."

Außerdem in der New York Review of Books: Ian Buruma erzählt den amerikanischen Lesern der Zeitschrift, was von Brüssel zu halten ist. Denis Donoghue liest pünktlich zum hundertsten Jahrestag der irischen Revolution R.F. Fosters Buch "Vivid Faces - The Revolutionary Generation in Ireland, 1890-1923".

Magazinrundschau vom 15.03.2016 - New York Review of Books

Es ist immer wieder überraschend und abstoßend, mit welchem Ton wissender Überlegenheit angloamerikanische Intellektuelle über die französische Reaktion auf den Dschihadismus und die Attentate schreiben. Mark Lilla wiederholt in seiner Lektüre die tausend Mal erprobten Klischees über Frankreich und wirft dem ermordeten Zeichner Charb noch im Grabe "Narzissmus" vor, wenn er in seinem kurz vor dem Attentat veröffentlichten "Brief an die Heuchler" auf dem Recht zu Karikatur und Blasphemie besteht und den Begriff der "Islamophobie" kritisiert: "In einer Welt, wo diese Unterscheidungen so klar wären, wie Charb sie skizziert, wäre es einfacher zu leben. Es ist eine Sache - eine notwendige und mutige Sache - gegen Dschihadisten und Anhänger der Blasphemiepolizei einzustehen, die Meinungs- und Kunstfreiheit einschränken wollen. Es ist etwas anderes, das Zusammengehörigkeitsgefühl gewöhnlicher Muslime, die angesichts des Fundamentalismus Scham und Verantwortung empfinden mögen, zu leugnen. Charb und radikale französische Republikaner führen die Kämpfe gegen die katholische Kirche aus dem 18. und 19. Jahrhundert neu auf, die eine machtvolle religiöse Institution war." Während die Muslime heute ganz ohne Machtstrukturen auskommen müssen?

Außerdem in der Review: Michael Wood stellt Neuerscheinungen über Orson Welles vor. Dan Chiasson porträtiert die Dichterin Eileen Myles. Ingrid D. Rowland liest Paul Goldbergers Frank-Gehry-Biografie. Und Geoffrey O'Brien liest Darryl Pinckneys Berlin-Roman "Black Deutschland".