Magazinrundschau - Archiv

The Guardian

447 Presseschau-Absätze - Seite 5 von 45

Magazinrundschau vom 03.09.2024 - Guardian

Joshua Hammer beschäftigt sich mit einem ungewöhnlichen Erbe des 1993 von der kolumbianischen Polizei getöteten Drogenbarons Pablo Escobar: einer Flusspferdplage. Escobar hatte einen Teil seines gigantischen Vermögens in einen Privatzoo investiert. Auch nach dem Tod verblieben die Tiere zunächst auf seinem Anwesen. Aber: "Im Jahr 1998 beschlagnahmte die Regierung (Escobars) Anwesen und brachte die meisten Tiere in heimischen Zoos unter. Doch mehrere Flusspferde - die meisten Quellen sprechen von drei Weibchen und einem Männchen - wurden als zu gefährlich für einen Transport angesehen. So begann das heutige Problem in Kolumbien. Die Flusspferde vermehrten sich. (Sobald es die Geschlechtsreife erreicht, kann ein weibliches Flusspferd alle 18 Monate ein Kalb zur Welt bringen und in einer Lebensspanne von 40 bis 50 Jahren bis zu 25-mal gebären.) Männchen, die vom dominanten Männchen aus der Herde vertrieben wurden, wanderten anderswohin, gründeten eigene Herden und übernahmen neue Territorien. Heute weiß niemand genau, wie viele Flusspferde die Flüsse und Seen des Magdalena-Beckens bewohnen, das etwa 260.000 Quadratkilometer umfasst und zwei Dritteln der kolumbianischen Bevölkerung Heimat bietet. Ende 2023 zählte die offizielle Regierung 169 Tiere. David Echeverri López, Leiter des Büros für Biodiversitätsmanagement von Cornare, einer regionalen Umweltbehörde, sagt, es könnten 200 sein. Kolumbianische Biologen sagten kürzlich voraus, dass die Population bis 2040, wenn nichts unternommen wird, um ihre Vermehrung zu kontrollieren, auf bis zu 1.400 anwachsen könnte."

Magazinrundschau vom 06.08.2024 - Guardian

Charlotte Higgins porträtiert Leonid Marushchak, einen ukrainischen Historiker, der es sich nach dem russischen Überfall auf die Ukraine zur Aufgabe machte, kulturelle Schätze, die in größeren und vor allem kleineren ukrainischen Museen ausgestellt sind, vor den Bomben und den Invasoren in Sicherheit zu bringen. Die Geschichten, die er dabei erlebt, sind abenteuerlich und teilweise filmreif, aber es lohnt sich: "Seit den frühen Tagen des Krieges hat Marushchak, mit Hilfe einer bunt gemischten Gruppe mutiger Freunde, etwas Außergewöhnliches erreicht. Er hat die Evakuierung von dutzenden Museen entlang der ukrainischen Front organisiert - jedes einzelne Objekt verpackt, dokumentiert, erfasst und gezählt, und sie allesamt an geheime, sichere Orte abseits der Kampfzone verschickt. Unter den vielen zehntausenden Artefakten, die er gerettet hat, befinden sich einzelne Zeichnungen und Briefe aus Künstlerarchiven, Sammlungen alter Ikonen und antiker Möbel, wertvolle Textilien und sogar 180 eindrucksvolle, überlebensgroße mittelalterliche Skulpturen, bekannt als Babas, die von den Turk-Nomaden der Steppe geschnitzt wurden. 'Manchmal', sagt (die ehemalige ukrainische Kulturstaatssekretärin Kateryna) Chuyeva, 'hat er fast Unglaubliches geleistet' - sich selbst in extreme persönliche Gefahr begeben, um die äußerlich bescheiden anmutenden regionalen Museumssammlungen an der ukrainischen Front zu retten."

Magazinrundschau vom 23.07.2024 - Guardian

Technische Innovationen sind bei weitem nicht ausreichend, um die sich in den letzten Jahren in vielen Weltgegenden wieder verschärfenden Hungerkatastrophen zu bekämpfen, erläutert Jean-Martin Bauer, der selbst an vielen humanitären Projekten federführend beteiligt war; aber ohne moderne Technik geht in der Entwicklungshilfe heute erst recht nichts mehr. Tatsächlich ermöglicht digitale Technik oft niederschwellige Lösungen für drängende Probleme: "Jetzt, da Internetzugang weit verbreitet ist, ermöglichen E-Commerce-Plattformen Familienbauern und Lebensmittelverarbeitern überall, ihre Produkte direkt an die Verbraucher zu verkaufen und dabei mehrere Ebenen von Zwischenhändlern zu umgehen. Dies ist der Fall bei einer Reihe neuer Online-Dienste, die es den Menschen ermöglichen, Lebensmittel von Bauern zu bestellen, die direkt vor ihre Haustür geliefert werden: Dazu gehören Farm to Home in Pakistan, Twiga Foods in Kenia und Waruwa in Lateinamerika. Twiga bedient täglich 10.000 Kunden. Das nigerianische Pendant, FarmCrowdy, sammelt Lebensmittel von 25.000 einzelnen Bauern, um sie in Lagos zu verkaufen. Durch die sofortige Abwicklung digitaler Zahlungen hat Mobile Money - ein Bezahlsystem, das von Mobilfunkanbietern und nicht von traditionellen Banken verwaltet wird - den Aufstieg des landwirtschaftlichen E-Commerce und den Zugang zu Finanzdienstleistungen für Milliarden von Menschen ohne Bankkonten ermöglicht. Mobile Money wird jetzt in Ostafrika breit genutzt, das Eröffnen eines Mobile-Money-Kontos ist dort so einfach wie der Kauf einer SIM-Karte und das Bezahlen eines Taxis oder einer Mahlzeit, so simpel wie das Senden einer Textnachricht. Die Mobilfunkindustrie schätzte, dass im Jahr 2023 weltweit mehr als 1,6 Milliarden Menschen Zugang zu Mobile Money-Diensten hatten. Mobile Money ist oft dort verfügbar, wo der Zugang zu traditionellen Finanzdienstleistungen begrenzt ist, die Nutzung in Subsahara-Afrika und Südasien steigt stark an."

Magazinrundschau vom 09.07.2024 - Guardian

Mark Miodownik entwirft eine kleine Kulturgeschichte moderner Anästhetika, mit einem besonderen Schwerpunkt auf Lachgas. Unter anderem hat in dieser Erzählung Samuel Colt einen Auftritt, ein Ingenieur, der im 19. Jahrhundert die narkotisierende Wirkung von Lachgas nutzt, um eine ganz andere Erfindung zu finanzieren: "Um zu vermeiden, sich selbst in die Luft zu jagen, erhitzte Colt vorsichtig Ammoniumnitrat, hielt die Temperatur unter 300 Grad und sammelte das entstandene Gas in einem Seidenbeutel, der sich allmählich zu einem Ballon ausdehnte. In seinen Bühnenshows lud er Freiwillige auf die Bühne ein, um das Gas einzuatmen, woraufhin sie in Hysterie verfielen, sangen und tanzten. Der Anblick einer prüden Krankenschwester mittleren Alters, die plötzlich in Gesang ausbrach, oder eines schüchternen Herrn, der sich in einen Komiker verwandelte, sorgte für Unterhaltung beim zahlenden Publikum. Angesichts des fragwürdigen Rufs von Lachgas was es von größter Bedeutung, dass das Spektakels in den geschmacklichen Grenzen tugendsamer Familienunterhaltung blieb, weshalb sich Colt als Arzt ausgab. Als er genug Geld gesammelt hatte, gab er die Shows auf und widmete sich seiner eigentlichen Leidenschaft, der Entwicklung einer Pistole für den Handgebrauch mit drehbarem Zylinder: den Colt-Revolver."
Stichwörter: Lachgas, Anästhetika, Hysterie

Magazinrundschau vom 11.06.2024 - Guardian

Jessica Camille Aguirre zeichnet die Geschichte dreier französischer Krimineller nach, die mit ihrer Firma Crépuscule in den Emissionshandel eingestiegen waren und Dank Mehrwertsteuerbetrug Millionen scheffelten. Die Geschichte spielt zwischen Frankreich, Israel und den USA und ist - mindestens - Netflixserien-tauglich: es geht um Freundschaft, Betrug und Sex im Gefängnisbesucherraum. Und natürlich um Unmengen von Geld. "Als die französischen Behörden im Juni 2009 erkannten, dass Mehrwertsteuerbetrug allgegenwärtig war, wussten sie sich nicht anders zu helfen, als Emissionszertifikate von der Mehrwertsteuer zu befreien, außerdem stoppten sie den Handel mit CO2-Zertifikaten für zwei Tage. Der Markt brach zusammen. Das französische Rechnungsprüfungsamt ermittelte, dass sich der Gesamtbetrag, den die Betrüger gestohlen hatten, auf 1,6 Milliarden Euro belief. Zu den schlimmsten Tätern zählten die Personen hinter Crépuscule. Daten zeigen, dass das Unternehmen Geschäfte im Umfang von 65 Millionen Tonnen CO2 getätigt hatte - das gleiche Volumen, das von den Finanzriesen Société Générale und Deutsche Bank bewegt wurde, was der Hälfte der an die französische Industrien ausgeteilten Emissionsrechten entspricht. Insgesamt waren die Geschäfte von Crépuscule 827 Millionen Euro wert, und die Staatsanwälte argumentierten später, dass dieselben dazu dienten, noch einmal um die 150 Millionen Euro an Mehrwertsteuer zu veruntreuen."

Abnehmen? Her mit Ozempic. Muckis? Her mit den Steroiden. Die sind weltweit so verbreitet wie nie zuvor. Stephen Buranqi hat sich mit diversen Steroidnutzern, Ärzten und Wissenschaftlern unterhalten und schreibt über die Folgen, aber auch die Gründe der Epidemie. Einer ist schlicht und einfach ihre Allgegenwart: "Wollte man früher Trenbolon, das Pferdesteroid Boldenon oder andere leistungssteigernde Medikamente erwerben, war es nötig, Zugang zum Geheimwissen der Bodybuilding-Kultur zu erlangen. 'Vor etwa einem Jahrzehnt musstest du wirklich jemanden im Fitnessstudio kennen, und du musstest vertrauenswürdig sein', so Tim Piatkowski, ein Drogenforscher an der australischen Griffith University. Nick Gibbs, ein Kriminologe der Northumbria University, Autor eines Buches über die Entwicklung von Steroidmärkten, stellte fest, dass dadurch die Anzahl derer, die an Steroide gelangen konnten, begrenzt war: 'Ich selbst könnte diese Art von Netzwerken nicht kontaktieren. Ich bin zu klein, ich entspreche nicht dem Bild'. Das hat sich geändert, seitdem der Verkauf von Steroiden ins Netz gewandert ist. Es kostet mich nicht mehr als 20 Minuten Recherche, um Instagram-, TikTok- und Telegram-Konten zu finden, die mir einen achtwöchigen Testosteron- und Trenbolonzyklus sowie die benötigten Spritzen anbieten, alles für eine Preis von etwa 150 Pfund."

Magazinrundschau vom 28.05.2024 - Guardian

Malcolm und Simone Collins sind Pronatalisten - sie haben sich angesichts sinkender Geburtenraten zum Ziel gesetzt, so viele Kinder wie möglich zu bekommen, um die Menschheit vor dem Aussterben zu bewahren, erzählt Jenny Kleeman, die die Familie für den Guardian besucht hat. Kritiker werfen ihnen Rassimus vor, nicht zuletzt, weil sie immer wieder ultrarechten Nationalisten eine Bühne bieten, die die Theorie vom 'Großen Austausch' propagieren, Malcolm wiegelt ab und betont, nur höhere Geburtenraten könnten auf lange Sicht Diversität sicherstellen. Die eigenen Kinder sollen dann aber trotzdem ganz besonderen Standards genügen: "Sie haben die Genome ihrer eingefrorenen Embryonen testen lassen und wählen anhand von darauf basierenden Vorhersagen zu Intelligenz und zukünftiger Gesundheit aus, welche sie implantieren lassen. Sie wollen nicht nur eine große Familie, sie wollen eine optimale. Präimplantationsdiagnostik ist in den USA unreguliert. (…) 'Natürlich haben wir nach dem IQ geschaut', so Malcolm. Sie haben die Embryonen aussortiert, die hohe Risikofaktoren für Krebs hatten und für das, was Simone 'Mental-Health-Zeugs' nennt, 'für das es keine guten Behandlungsmöglichkeiten gibt', inklusive Schizophrenie, Alzheimer, Depressionen, Angststörungen. Sie haben nicht nach Autismus screenen lassen, das ist für sie Teil der Identität einer Person. Sie haben noch 34 Embryos übrig, die, die sie nicht selbst brauchen, geben sie weiter, ein lesbisches Paar in Kalifornien hat bereits drei bekommen. 'Menschen selektieren bei ihrer Partnerwahl ständig, wenn sie bestimmte Merkmale bevorzugen', sagt Simone unbekümmert. Aber das hier geht weit über die normale Wahl eines Partners oder auch von Samen- und Eizellenspendern hinaus: Sie führen ein genetisches Screening an ihren Nachkommen durch und versuchen sicherzustellen, dass diese über die nächsten Generation entscheidenden Einfluss über die menschliche Evolution haben werden. Was unterscheidet das von Eugenik? 'Es ist etwas ganz anderes', meint Malcolm, der sich über die Frage freut. Eugenik sei staatliche geförderte selektive Fortpflanzung, um die Dominanz bestimmter Gene sicherzustellen, argumentiert er. Was seine Frau und er tun, sei Polygenik, die Nutzung von Technologien, um Eltern die Wahl darüber zu ermöglichen, welche Eigenschaften ihnen wichtig sind."

Magazinrundschau vom 04.06.2024 - Guardian

In einer Reportage gibt Carey Baraka uns einen kleinen Einblick in das Leben der jungen Reichen und Schönen Kenias. Ihre Eltern sind wohlhabend genug, sie auf amerikanische oder europäische Universitäten zu schicken. Einige kehren danach zurück, wissen dort aber oft nicht so recht, was mit sich anfangen, wie ein mitfühlender Baraka schreibt: "So viele von ihnen hatten davon geträumt, ihre Communities mitzugestalten oder Künstler zu sein. Sie hatten für ihre College-Zeitschriften geschrieben, Galerieausstellungen organisiert, Theaterstücke aufgeführt - aber jetzt, zurück in Kenia, sehen sie sich außerstande, die Menschen zu werden, die sie sein wollten. Sie spüren den Druck des Abschlusses, einen Druck, der, wie Audrey und Bilha mir erzählten, bedeutet, dass sie einen hochrangigen Job finden mussten, der dem hochrangigen Abschluss entspricht. Manchmal reicht das immer noch nicht aus. Sie sehen sich ehemalige Klassenkameraden an, die in New York im Finanzwesen oder in Unternehmensberatungen arbeiten, und haben das Gefühl, dass sie zurückgelassen wurden und den Rückstand nie aufholen werden." Andere bleiben gleich fort, wie Nyangie, die in den USA im Finanzwesen arbeitet: "Ich fragte Nyangie, ob sie in Erwägung ziehen würde, zurück nach Kenia zu gehen. 'Nur wenn ich viel Geld verdienen würde', sagte sie. Auf jeden Fall wollte ihre Mutter nicht, dass sie zurückzieht. Sie wollte, dass Nyangie und ihre älteren Brüder sich irgendwo anders ein Leben aufbauen. Für Nyangie wurde dies dadurch erleichtert, dass sie die Art und Weise hasste, wie Kenia regiert wurde. Aber sie hasst die USA noch mehr, sagte sie. Ich fragte mich, wie wahr das ist. Sie hat sich entschieden, dort zu bleiben, und es kommt mir so vor, als ob sie versuchen würde, beides zu haben. Sie hasse die Waffen, betont sie, und den Raubtierkapitalismus. 'Wenigstens respektiert der Kapitalismus in Kenia die Heiligkeit des Dezembers. Nach dem Jamhuri-Tag geht nichts mehr', sagt sie in Anspielung auf Kenias Unabhängigkeitstag, den 12. Dezember. 'Wenn man es bis zum Jamhuri-Tag nicht geschafft hat, war es unwichtig.' (Als ich sie einige Monate später zu ihrem erklärten Hass auf die USA befragte, sagte sie: 'Solange ich noch jung bin, bin ich bereit, mit dem Raubtierkapitalismus zurechtzukommen, wenn ich dadurch die Zukunft erreiche, die ich mir wünsche, aber die Rückkehr ist definitiv das Endziel.'"

Magazinrundschau vom 26.03.2024 - Guardian

John Whitfield weiß faszinierendes - und erschreckendes - aus der Welt der Ameisen zu berichten. Genauer gesagt geht es um eine Reihe von ursprünglich in Südamerika heimische Ameisenarten, die die Fähigkeit besitzen, Superkolonien zu bilden, also homogene Populationen, die sich teilweise über Tausende von Kilometern erstrecken. Und ausgerechnet diese aggressiven, potentiell ganze Ökosysteme destabilisierenden Insekten sind weltweit auf dem Vormarsch: "In den letzten 150 Jahren hat sich die Argentinische Ameise praktisch überall verbreitet, wo es heiße, trockene Sommer und kühle, feuchte Winter gibt. Eine einzige Superkolonie, die vermutlich von kaum mehr als einem halben Dutzend Ameisenköniginnen abstammt, beherrscht eine über 6000 Kilometer lange Küstenlinie in Südeuropa. Eine andere hat sich über fast die gesamte Länge Kaliforniens ausgebreitet. Die Art ist in Südafrika, Australien, Neuseeland und Japan angekommen, sie hat sogar die Osterinseln im Pazifik und St. Helena im Atlantik erreicht. Die Ameisentreue überspannt Ozeane: Arbeiterameisen aus unterschiedlichen Kontinenten, die in mehreren Millionen Nestern leben und mehrere Trillionen Individuen umfassen, akzeptieren sich gegenseitig so selbstverständlich, als wären sie im selben Nest geboren. Arbeiter aller Länder, vereinigt Euch! Wobei, nicht ganz." Denn tatsächlich brechen gelegentliche Ameisenweltkriege aus, die alle menschlichen Konflikte in den Schatten stellen. Zum Beispiel in Kalifornien: "Ein Team von Wissenschaftlern, das diese Grenze ein halbes Jahr lang, zwischen April und September 2004, beobachtete, schätzt, dass an einem Grenzabschnitt, der ein paar Zentimeter breit und ein paar Meilen lang ist, 15 Millionen Ameisen starben."

Magazinrundschau vom 12.03.2024 - Guardian

Peter Pomerantsev fragt sich im Guardian, wie demokratische Kräfte autokratischer Propaganda entgegenarbeiten können. Zu diesem Zweck wendet er sich dem britischen Journalisten Sefton Delmer zu, der im Zweiten Weltkrieg eine Reihe von Versuchen unternahm, deutsche Soldaten gegen ihre Führung aufzubringen; nicht durch klassische, die Wahrheit predigende "Gegenaufklärung", sondern indem er versuchte, an ihre eigenen Interessen zu appellieren. Besonders fasziniert zeigt sich Pomerantsev von Delmers Soldatensender Calais, der einen paradoxen, aber möglicherweise gerade deshalb effektiven Adressierungsmodus wählte: "Hier war eine Sendung, die eine Nazisendung zu sein behauptete, die aber wusste, dass ihr Publikum wusste, dass sie keine war; und deren Publikum dennoch einschaltete, weil es die emotionale und physische Sicherheit benötigtete, die darin bestand, so zu tun, als sei es doch ein Naziprogramm. Wenn das Prinzip der Goebbels'schen Propaganda darin bestand, die Zuhörer zu betäuben, sie in der lauten, wütenden Menge aufgehen zu lassen, dann schuf Delmer als Alternative eine Sendung, die sie dazu aufforderte, eine Serie von autonomen, bewussten Schritten zu machen, sie aktiv werden zu lassen. Andere mediale Aktivitäten Delmers, wie etwa Flugblätter, die erklärten, wie man Krankheiten vortäuschte, um von der Front abberufen zu werden, zielten ebenfalls darauf ab, dass Menschen selbst die Kontrolle übernehmen und aktiver wurden. (...) Was also können wir von Delmers sonderbaren, widersprüchlichen Aktvitäten lernen? Diktatoren und Propagandisten in Demokratien nutzen Hass versprühende Trollfarmen und verschwörungsselige Fernsehsender; sie zielen auf die tiefsten Verletzungen ihres Publikums ab und fördern Grausamkeit. Wenn wir damit konkurrieren wollen, müssen wir eine neue Generation demokratischer Medien erschaffen, die mit demselben Fokus, aber mit anderen Werten arbeitet."

Magazinrundschau vom 27.02.2024 - Guardian

Jacob Mikanowski berichtet über neue, naturwissenschaftlich grundierte Methoden in der Geschichtswissenschaft und die Veränderungen und auch Kontroversen, die sie in der Disziplin auslösen. Sicher ist jedenfalls: Wir können heute viel mehr über die Vergangenheit herausfinden als früher. "Heute lesen Historiker Manuskripte nicht nur; sie testen die Seiten selbst und extrahieren das Genom der Kuh- und Schafherden, deren Felle dazu benutzt wurden, das Pergament herzustellen. Kleinste Proteinspuren, die bei archäologischen Ausgrabungen gefunden wurden, können dazu benutzt werden, Fetzen organischer Materie zu identifizieren - Biberpelze in Vikingergräbern zum Beispiel - und ihren Herkunftsort zu ermitteln. Die Studie antiker Proteine ist inzwischen eine eigene Disziplin mit dem Namen Paläoproteomik. Andere forensische Techniken öffnen weitere vormals verschlossene Fenster in die Vergangenheit. Die Analyse stabiler Isotope, die in menschlichen Knochen und Tierzähnen gespeichert sind, hat es Wissenschaftlern ermöglicht, den Weg eines einzelnen Mädchens von Deutschland nach Dänemark zu verfolgen; den Export von Pavianen vom Horn von Afrika nach Ägypten nachzuvollziehen; und die jährliche Reise eines wollenen Mammut aus Indiana durch den mittleren Westen nachzuzeichnen. Sequenzierung alter DNA, die auf mittelalterlichen Schachfiguren gefunden wurde, wurde bis in afrikanische Savannen zurückverfolgt. Alte Hühnerknochen wurden dazu benutzt, die Verbreitung polynesischer Völker im Pazifikraum zu kartieren."

Außerdem: Mark Townsend berichtet in einer Reportage für den Observer vom Niedergang der Demokratie im Senegal und in Afrika überhaupt.