
Hat sich Europa vom
Mittelmeer abgewendet? Die in Marokko aufgewachsene, französische Schriftstellerin
Leila Slimani erinnert daran, welche positive Bedeutung der mediterrane Raum noch vor zehn Jahren hatte: "Für mich war Mare nostrum keine Grenze und kein Friedhof, es war eine Gemeinschaft. Bei Homer ist das Mittelmehr die
hygra keleutha, die flüssige Straße, ein Raum des Gemeinsamen und des Übergangs. Es ist unser gemeinsames Erbe. Odysseus hielt auf seiner Fahrt an der Küste Afrikas ebenso wie auf den griechischen Inseln. Als ich das erste Mal Spanien, Portugal und Italien besuchte, war ich überwältigt von einem
Gefühl der Vertrautheit. Wie lässt sich Europas gegenwärtige Unfähigkeit erklären, auf dieses Meer zu blicken? Wie lässt sich verstehen, dass es dem Mittelmeer bewusst
den Rücken zukehrt, wo doch die Wendung nach Süden eine der glücklichsten Aspekte unseres Kontinents ist? Wir haben das Meer verloren und diesen wesentlichen Teil unserer Identität verraten. Wie verheerend, dass sich die Jugend im Maghreb und in Afrika nun von dem Kontinent abwendet, der sie abgelehnt und hängengelassen hat." Slimanis Forderung am Ende: "Europa darf
nicht mehr durch das Christentum oder durch exklusive, unvereinbare
nationale Identitäten definiert werden, sondern muss zu der griechischen Matrix zurückkehren, die die beiden Seiten des Mare nostrum vereint."
Außerdem: Christopher de Bellaigue
blickt in einem riesigen Report auf die
britische Landschaft, wo Kleinbauern nach dem Brexit um ihre Existenz bangen, Agrarkonzerne Riesengewinne einfahren und jetzt auch noch Milliardäre riesige
Ländereien in Reservate umwandeln, die sie
für den Jagdsport verwildern lassen. Kirean Morris
jubelt dagegen über die Erfolge des
New Nordic, das mit hyperlokaler, mikrosaisonaler Sterneküche wie im Kopenhagener
Noma nicht nur die Spitzengastronomie umkrempelt, sondern die
Welt des Essens insgesamt.