Magazinrundschau

Das Gift der Vergangenheit

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
22.10.2019. In Afghanistan geht der Krieg immer weiter, und der Abzug amerikanischer Truppen hilft auch nicht, berichtet der New Yorker. Im New Statesman staunt der Historiker Robert Saunders, wie klein die Brexiteers England plötzlich machen. Der Guardian fühlt sich etwas unter Druck gesetzt in den Räumen des Frauennetzwerks "The Wing". In Elet es Irodalom denkt László Végel über Minderheiten und Identität nach. La vie des idees widerspricht dem Vorwurf, die EU sei nicht demokratisch.

New Yorker (USA), 28.10.2019

In einem Beitrag des neuen Hefts berichtet Luke Mogelson über das andauernde Leid der afghanischen Bevölkerung nach dem Ende der Friedensgespräche: "Verhandlungen mit dem Ziel, einen Krieg zu beenden, können den absurden Effekt haben, den Krieg eskalieren zu lassen: Die Parteien kämpfen um Einfluss, indem sie auf dem Schlachtfeld Kraft demonstrieren. Mit Fortgang der Gespräche in Doha, wurde der Konflikt in Afghanistan tödlicher denn je. Kampfhandlungen und Luftangriffe töteten eine Rekordzahl an Zivilisten, mehr als 100 pro Monat, während die Taliban Offensiven gegen afghanische Militärbasen und Provinzhauptstädte startete. Der IS, der an den Gesprächen nicht teilnahm, fügte dem Ganzen eine neue Dimension der Unberechenbarkeit und der Grausamkeit hinzu, indem er Kabul und Jalalabad mit Selbstmordattentaten überzog, mit dem Ergebnis einer sehr schmerzhaften Erfahrung für die Afghanen: beispiellose Hoffnung auf Frieden und beispiellose Qualen angesichts des Alptraums, der sie einstweilen heimsuchte. Am 2. September 2019 verkündete der US-Gesandte und frühere US-Botschafter im Irak und in Afghanistan Zalmay Khalilzad, dass ein Abkommen erreicht worden sei. Einzelheiten kamen an die Öffentlichkeit: Die USA würden innerhalb von 135 Tagen 5400 Soldaten abziehen, die verbleibenden 8600 innerhalb der nächsten anderthalb Jahre. Die Taliban würden dafür mit al-Qaida brechen, die in einigen Landesteilen immer noch aktiv ist, und helfen, andere Terrorgruppierungen fernzuhalten. Ferner würden sie Verhandlungen mit der afghanischen Regierung und anderen Beteiligten in Oslo beginnen mit dem Ziel einer dauerhaften politischen Lösung. In den USA wurde das Abkommen sofort kritisiert. John Negroponte und andere hochrangige Diplomaten warnten in einem offenen Brief davor, dass der Truppenabzug noch vor einer Einigung zwischen der afghanischen Regierung und den Taliban zu einem Bürgerkrieg führen könnte. Ex-General David Petraeus prophezeite den Versuch der Taliban, 'die Regierung zu stürzen, mittelalterliche Verhältnisse zu schaffen' und dadurch den 'islamistischen Terror weltweit zu befeuern'. Senator Lindsey Graham warnte vor einem neuen 9/11."

Außerdem: Christine Smallwood berichtet von der Renaissance der Astrologie dank experimentierfreudiger Millennials. Jill Lepore erklärt Sinn und Unsinn des Instruments des Impeachments. Anthony Lane sah im Kino Robert Eggers' "The Lighthouse". Und Michael Schulman preist den Drive Adam Drivers.
Archiv: New Yorker
Stichwörter: Afghanistan, Irak

Magyar Narancs (Ungarn), 22.10.2019

Der Musiker, Musikwissenschaftler und Hochschullehrer Csaba Hajnóczy organisierte an der Kunstuniversität Moholy-Nagy in Budapest die Gründungskonferenz des Central European Network for Sonic Ecologies. Im Interview erklärt Hajnóczy, auch Gründungsmitglied von "Kontroll Csoport", einer legendären Band der alternativen ungarischen Underground-Szene der 80er Jahre, was es mit diesem Netzwerk für akustische Ökologie auf sich hat: "Meine Vorstellung war, dass man diejenigen in dieser Region, die an akustischer Ökologie und an der Untersuchung von Klanglandschaften interessiert sind, zusammenbringen könnte. Die Mehrheit der Teilnehmer waren Künstler, die sich mit Klängen beschäftigen, aber es gab auch Wissenschaftler von Feldern jenseits der Künste. (…) Lautstärke kann an sich schon störend, ja gar gesundheitszerstörend sein. Trotzdem ist das Geräusch kein einfacher Begriff, denn seine wahre Wirkung kann schlecht in Ziffern ausgedrückt werden. Der 'nicht gewünschte Ton' bedeutet nicht unbedingt eine hohe Dezibel-Zahl. Eine psychoakustische Wirkung kann auch ohne Betäubung ausgesprochen negativ sein. Eine weitere negative Wirkung von Geräuschen ist, dass es andere wichtige, mit Informationen gefüllte Töne verdeckt. (…) Es wäre sehr wichtig mit so vielen Experten zusammenzuwirken, wie nur möglich; mit Städtebauern, mit Nationalparkbetreibern, mit Biologen, die nicht aus dem Bereich der Musik kommen, sondern aus der sozialen Sphäre oder aus der Natur."

New Statesman (UK), 21.10.2019

Geschichte dient immer als "Maske, die sich die Ideologie aufsetzt, wenn sie als Erfahrung durchgehen will", weiß der Londoner Historiker Robert Saunders. Aber wie sich die Brexiteers die Geschichte des britischen Empires zurechtbiegen, kann selbst ihn noch überraschen. Denn die Brexiteers schwelgen nicht in der Erinnerung an imperiale Größe, sondern in der Erinnerung an ihre Kleinheit. "Sie erzählen nicht die Geschichte des großen untergegangenen Imperiums, sie erzählen von einer kleinen Insel, die schon immer über ihrer Gewichtsklasse kämpfte, von einem Volk verwegener Freibeuter, die kühn gegen jede Wette gewannen... David Davis erklärte in der Pro-Leave-Dokumentation 'Brexit; The Movie', 'unsere Geschichte ist bis zurück zu Francis Drake eine Geschichte der Händler und Freibeuter. Darin sind wir gut.' Dominic Raab fordert die Briten auf, zu ihrer historischen Rolle als Händler und Freibeuter zurückzukehren'. Eine solche Rhetorik zeigt keinerlei Verständnis für die Rolle, die das Empire tatsächlich in der britischen Handelsgeschichte spielte, wie es neue Märkte gewaltsam aufbrach, die Seerouten sicherte und die Vormacht des britischen Handels durchsetzte. Stattdessen belässt sie es bei vagen Appellen an den Freibeuter-Spirit, an schneidige Briten, die größeren Mächten die Bärte versengten. Das Gerede von Francis Drake erinnert an das elisabethanische Ideal von Piraten, Kaperfahrten und Wagemut, nicht die Kanonenboote und Schlachtschiffe des viktorianischen Zeitalters. So spielt die Rhetorik das Ausmaß der britischen Macht herunter, um leichter den Vergleich mit heute zu schaffen."

Weiteres: Die irische Schriftstellerin Eimear McBride beschwört die Macht des Roman. Shiraz Maher analysiert die Lage in Syrien.
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La vie des idees (Frankreich), 21.10.2019

Der Politologe Bernard Bruneteau legt mit seinem Buch "Combattre l'Europe - De Lénine à Marine Le Pen" eine Art Phänomenologie gegen die EU gerichteter Diskurse vor, die vor allem von rechts und von links kommen. Häufig wird dabei die Kritik vorgetragen, die EU sei in Wirklichkeit nicht demokratisch, ein Vorwurf, den Bruneteau laut der positiven Besprechung von Agnès Louis nicht gelten lässt: "Wenn man sagt, dass Europa nicht demokratisch sei, heißt das oft, dass man die Demokratie als Ausdruck des Volkswillens versteht, der durch eine Regierung umgesetzt wird, die genau das tut, was das Volk will. Das Problem der Union ist allerdings, dass sie die Macht zwischen der nationalen Regierung und den europäischen Institutionen aufteilt... Europa, das ist geteilte und darum geschwächte Macht, das ist der Vorwurf. Aber diese Kritik verkennt die Tatsache, dass liberale Demokratien stets aus essenziellen Teilungen bestehen, vor allem der Gewaltenteilung. Worum es hier laut Bruneteau geht, ist nicht der Gegensatz zwischen einer nationalen Demokratie und einer europäischen Technokratie, sondern der zwischen Anhängern und Gegnern einer repräsentativen liberalen Demokratie sowohl auf der nationalen als auch auf der europäischen Ebene."

Guardian (UK), 21.10.2019

In dieser Woche eröffnet in London der erste Ableger von Audrey Gelmans exklusivem amerikanischen Frauenclub The Wing, der gern und viel von sich reden macht, aber natürlich nicht jede Frau hereinlässt. Linda Kinstler hat sich die amerikanischen Klubs des Unternehmens angesehen, die der Verbreitung von Karriere-Netzwerken, Frauenrechtsliteratur und feministischen Stickern dienen. Wohlfühlen mochte sie sich dort nicht: "Ein Raum nur für Frauen hat etwas Schönes und Machtvolles, sogar Alchemistisches. Für einige Frauen ist es ein Ort, an dem sie Unterstützung, Freundschaft und Inspiration finden, wo sie sich für nichts entschuldigen müssen, wo ihnen nichts gestohlen und nichts in die Drinks geträufelt wird. Bei allen Ablegern gibt es Räume, in denen junge Mütter stillen können, bei zweien Kinderbetreuung. Jeder Flügel bietet zudem einen luxuriösen Kosmetik-Raum mit einer breiten Palette von Hairstyling- und Make-up-Produkten. Diese Kosmetikräume sind, wie mir Angestellte berichteten, eine wichtiges Element im Storytelling des Unternehmens. Sie sollen das Leben einfacher machen, wie Gelman einst sagte, und zwar für jene Frauen, für die 'der Erfolg nicht nur erforderte, die Nachrichtenlage zu kennen, jede einzelne E-Mail beantwortet zu haben und zu Hause nichts anbrennen zu lassen, sondern auch gut auszusehen, weil das nun mal von einer Frau erwartet wird und weil es mir mehr Sicherheit gibt'. Und genau das ist der Punkt, an dem für die Kritiker die Alchemie zerfällt: The Wing ist kein Ort, der allen Freuen zugute kommt, sondern einer, an dem man ständig darüber nachdenken muss, wie gut man performt, und zwar Feminismus und Femininität. Und wie jede Performance kann auch diese erschöpfen und die Gefahr des Versagens in sich tragen. Während ich Zeit in The Wing verbrachte, musste ich an jene 'ideale Frau' denken, die Jia Tolentino kürzlich in einem Essay beschrieb: Sie hat einen teuren Haarschnitt und teure Haut, sie ist schlank und erfolgreich. 'Die ideale Frau von heute pflegt einen markt-freundlichen Mainstream-Feminismus', schreibt sie. 'Dieser Feminismus hat sich so organisiert, dass er so für viele Menschen sichtbar und ansprechend wie möglich ist. Er überbewertet den individuellen Erfolg von Frauen.'"
Archiv: Guardian

Elet es Irodalom (Ungarn), 18.10.2019

Das jüngste Buch des im serbischen Novi Sad lebenden ungarischen Schriftstellers László Végel ("Temetelten múltunk" - Unsere unbegrabene Vergangenheit, Noran Libro, Budapest, 2019) ist nach Intention des Verfassers ein autofiktionaler Roman um das Thema des Minderheitendaseins. Im Interview spricht Végel u.a. über Fragen der Identität: "Ich wollte absichtlich keine gewöhnliche Autobiografie schreiben, sondern dachte an einen Roman, der von der neueren Gattungslehre als Autofiktion bezeichnet wird. (…) Ich lebte das Drama des 'Staatsbürgers' auf dem Ex-Territorium, bei dem das Minderheitenparadigma auch ein universelles menschliches Schicksal erschließt. In diesem Sinne bin ich kein traditioneller Minderheitenschriftsteller. Denn ich glaube, dass der Minderheitenzustand seismographisch ist; er zeigt rechtzeitig das universelle menschliche Drama, in dem wir alle Opfer geworden sind oder sein werden. Denn es ist offensichtlich, dass in unserer hysterisch beschleunigten Zeit der Mensch, in den Fußstapfen seiner verlorenen oder gestohlenen Identität taumelnd, unfähig ist, seine Vergangenheit in Würde zu begraben. Das Gift der Vergangenheit stinkt um uns herum. Die alte Identität ist verloren gegangen, eine neue haben wir uns nicht angeeignet. Allmählich werden wir alle zu Zentauren, egal wie sehr wir uns dagegen wehren. In dieser stinkenden Geschichte lebte ich und lebe ich auch heute noch. (…) Wir machen uns vor, dass uns noch ein intimes, inneres, persönliches Leben geblieben ist, doch Dank der modernen Kommunikationsmitteln, liegt jenes (Leben) längst in Ruinen. Wir betrügen uns aber, weil wir töricht hoffen, dass wir einen Ort zum Flüchten haben. Die simulierte 'intime Identität' ist unser geheimer Bunker geworden."

New York Review of Books (USA), 07.11.2019

In der aktuellen Ausgabe des Magazins stellt Sophie Pinkham ein Buch von Bathsheba Demuth vor über die Beringstraße zwischen Russland und Alaska und die Menschen und Tiere, die dort leben: "Auch wenn es sich bei 'Floating Coast' um eine Umweltgeschichte handelt, kann man es auch als Meditation über eine Biosphäre lesen. Demuth beschreibt großzügig diese Landschaft, die sie liebt, seit sie als Teenager zuerst dort war, doch nicht so sehr mit politischem oder wirtschaftlichem Blick. Sie interessiert sich für die Tiere, Wale vor allem, und nimmt die Perspektive des Meeres ein; Verträge und Handelsabkommen, Monarchen und Präsidenten fließen in der Ferne vorüber. Obwohl die Beringstraße das Zentrum ist, wandert das Buch mit den Kreaturen, deren Geschichte es dokumentiert, und folgt den Walfangflotten bis nach Japan und Hawaii. Eines von Demuths zentralen Anliegen ist der Energietransfer zwischen den Organismen. Sie schreibt: 'Am Leben zu sein, bedeutet, Teil einer Kette von Verwandlungen zu sein.' In der Arktis verwandelt sich Sonneneinstrahlung vor allem im Meer in Kalorien, da reflektierendes Eis und Schnee die Möglichkeiten zur Photosynthese an Land dezimieren. Algen und Plankton bilden die Basis für Ökosysteme, zu denen kalorienreicher Fisch gehört, Wale, Walrosse und Seehunde, die den Landbewohnern als Nahrung dienen. Für die Menschen in Beringia, die Chukchi, Iñupiat und Yupik, stellten diese Tiere nie einen austauschbaren Profitquell dar, sondern immer ein Überlebensmittel. Mythen von Tieren, die sich in Menschen verwandeln und umgekehrt bezeichneten eine biologische Wahrheit: Die Verwandlung von tierischem Fleisch in den menschlichen Leib."

Außerdem: Regina Marler liest zwei Bücher über Alfred Stieglitz. Und Linda Greenhouse stellt Evan Thomas' Biografie der Obersten Richterin Sandra Day O'Connor vor.