Fabrizio Gatti

Bilal

Als Illegaler auf dem Weg nach Europa
Cover: Bilal
Antje Kunstmann Verlag, München 2009
ISBN 9783888975875
Gebunden, 475 Seiten, 24,90 EUR

Klappentext

Aus dem Italienischen von Friederike Hausmann und Rita Seuß. Bilal ist ein Illegaler, unterwegs auf einer der berüchtigtsten Transitrouten von Afrika nach Europa. Bilal ist Fabrizio Gatti, der renommierte Journalist und "italienische Wallraff", der sich als Migrant unter die anderen gemischt hat, um zu erleben, was sie erleben, und davon zu erzählen. Von Dakar zieht er mit dem Flüchtlingsstrom bis in die Sahara; auf klapprigen Lastwagen durchqueren sie zu Hunderten die Wüste, unter unvorstellbaren Entbehrungen. Immer wieder werden sie überfallen. Schlepper und korrupte Polizisten wechseln sich darin ab, den Flüchtlingen ihre letzte Habe zu nehmen: Der moderne Menschenhandel entlang der neuen großen Trecks ist auch ein brutales, hochprofitables Geschäft. Viele stranden, manche Spur verliert sich für immer. Die es schaffen, die mit letzten Mitteln die Grenzen passieren, die gefährliche Überfahrt in viel zu vollen Booten übers Meer überleben, erwarten Auffanglager, die Menschenkäfigen ähneln. Doch auch wenn sie abgeschoben werden, sie werden wiederkommen, solange sich das Elend in ihrer Heimat nicht ändert.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.12.2010

Rezensentin Annika Müller wünschte, alles, was sie in diesem Buch des "Espresso"-Chefreporters Fabrizio Gatti gelesen hat, wäre Fiktion. Leider kann ihr Gatti mit seiner investigativen Recherche zum Thema europäische Flüchtlingspolitik den Gefallen nicht tun. Im Gegenteil, mit Gatti kommt Müller dem Problem so nahe wie nie. Folgt der Autor doch nicht nur den Flüchtlingsströmen von Westafrika durch die Sahara Richtung Europa. Laut Müller gewinnt er das Vertrauen einiger Migranten, notiert Horrorberichte über Hetze, Folterungen und unvorstellbare Transport- und Lagerverhältnisse und wird, indem er sich als Flüchtling ausgibt, schließlich selbst zum Opfer. So nüchtern der Rezensentin das alles präsentiert wird, so schockierend wirkt es auf sie, so lehrreich allerdings auch. Denn über Europas fragwürdigen Umgang mit afrikanischen Migranten, seinen bigotten Flüchtlingspakt mit Gaddafi und die Menschen hinter den uns täglich erreichenden Nachrichten über die Opfer dieser Politik wurde Müller noch nie derart eindringlich informiert.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 11.03.2010

Als beeindruckendes Buch, das seinem Leser den Boden unter den Füßen wegzieht und dennoch Züge eines Abenteuerromans trägt, beschreibt Hilal Sezgin diese Reportagen des italienischen Reporters Fabrizio Gatti, der sich selbst auf die modernen Sklavenrouten begeben hat, auf denen Flüchtlinge versuchen, in die Festung Europa zu gelangen. Die Bewunderung der Kritikerin erwirbt sich der Autor vor allem mit der Tatsache, dass er seinem Gegenstand nie mit Hochmut, seinem Leser nie mit dem Gestus der Belehrung begegnet. Dass er über seiner Rolle des Berichterstatters nie vergisst, dass er auch Mensch unter Menschen ist, unterwegs mit Flüchtlingen Freundschaft schließt und seine Besitztümer mit ihnen teilt.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 13.02.2010

Höchst eindringlich fand Jonathan Fischer diesen 2005 im Original erschienenen Bericht, für den sich der Reporter Fabrizio Gatti als schiffbrüchiger kurdischer Flüchtling aus dem Meer fischen ließ und der in Italien Fischer zufolge so hohe Wellen schlug, dass eine parlamentarische Untersuchung zu den beschriebenen Umständen eingeleitet wurde. Der Bericht erhelle nicht nur, dass es sich beim Menschenhandel um ein hochprofitables Geschäft handele. Er führe dem Leser auch eindringlich Einzelschicksale vor Augen. Und was der Kritiker am allerwichtigsten findet: Gatti gebe in seinem Buch all den Gestrandeten von Lampedusa oder den Kanaren, den Ertrunkenen und Überlebenden, ein Gesicht. Mache sie als Menschen kenntlich, "die Hunger, Erniedrigungen, den Verlust von Familie und Heimat" auf sich nähmen, nur um "ein wenig an den Privilegien teilzuhaben", die "wir als unsere selbstverständlichen Rechte erachten".

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 04.02.2010

Entsetzten und Erschütterung ist Rezensent Alex Rühle bei der Lektüre von Fabrizio Gattis Erfahrungsbericht über seine Reise vom Senegal auf der so genannten "Sklavenpiste" bis ins Flüchtlingslager in Lampedusa, deutlich anzumerken. Schockiert hat Rühle über die nicht selten tödlich verlaufenden Reisen gelesen, über Polizisten, die Geld aus den Flüchtlingen herausprügeln und über Schlepper, die ihre Passagiere mitunter einfach in der Wüste zurücklassen, um "Benzin zu sparen". Es schwingt bei Rühle viel Bewunderung mit für Gattis unerschrockene Undercover-Recherche, wobei der Rezensent betont, dass der italienische Autor seinen Bericht nicht nutzt, um sich als "Held" zu inszenieren, sondern sich im Gegenteil zumeist völlig zurücknimmt. Dem Reporter geht es um die politischen Zustände, die ein unmenschliches Lager wie Lampedusa oder die Abschiebepraxis in Italien und anderswo möglich machen, so der beeindruckte Rühle.
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