Magazinrundschau - Archiv

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301 Presseschau-Absätze - Seite 19 von 31

Magazinrundschau vom 13.10.2015 - Eurozine

Als Folge von Krypto-Kriegen beschreibt Jamie Bartlett (ursprünglich bei Index on Censorship) die Auseinandersetzung um das freie Internet: Auf den Sieg der Cypherpunks in den 90ern antworteten Geheimdienste und Internetkonzerne mit kompletter Erfassung, doch Bartlett sieht das Pendel schon bald wieder umschlagen: "Bald wird es eine neue Generation von leicht anwendbaren Programmen zur E-Mail-Verschlüsselung geben, wie Mailpile oder Dark Mail. Dann sind da noch Projekte wie Ethereum, das ein neues Netz aus freier Energie und Platz auf den Festplatten von Millionen von Computern schaffen will, die von ihren Besitzern an das Netz angebunden werden. Weil das netzwerk mit starker Verschlüsselung arbeitet und sich über all diese indiviiduellen Rechner verteilt, kann es nahezu unmöglich kontrolliert oder zensiert werden."

Im Interview spricht die türkisch-amerikanische Philosophin Seyla Benhabib sehr kategorisch, aber doch recht allgemein über die Pflicht des Westens gegenüber Flüchtlingen und Migranten. Dass Wirtschaftsmigration auch zu einem Verdrängungswettbewerb am unteren Ende des Arbeitsmarktes führen kann, glaubt sie nicht. Ihr Beispiel aus den USA: "Jobs für Kindermädchen werden immer öfter von Frauen aus Mittelamerika übernommen, anstatt wie zuvor von schwarzen Amerikanerinnen. Warum? Ich glaube, um es post-marxistisch zu erklären, dass die ökonomische Migration Teil des sozialen Friedens ist, den die verschiedenen Klassen in den Industrienationen zuvor geschlossen haben."

Für Jakub Patocka zeigt die Abwehrhaltung der Osteuropäer gegenüber Flüchtlingen, wieviel sowjetisches Denken noch in ihnen steckt.

Magazinrundschau vom 22.09.2015 - Eurozine

Jacques Rupnik trägt einige historische Elemente zum Verständnis (wenn auch nicht moralischen Sanktionierung) des osteuropäischen Verhaltens gegenüber den Flüchtlingen bei. In der Slowakei, in Polen und der Tschechischen Republik sind mindestens drei Viertel der Bevölkerung gegen jede Einwanderung, während aus diesen Ländern selbst seit 1989 Hunderttausende emigriert sind. Aber diese Länder sind selbst Ergebnis einer ethnischen Säuberung, bringt Rupinik in Erinnerung: Und "während westeuropäische Länder seit einem halben Jahrhundert ein liberales multui-ethnisches Modell entwickeln, waren die osteuropäischen Länder vor 89 geschlossene Gesellschaften und haben auch seitdem keine Einwanderung aus dem Süden erlebt. Diese Länder waren selbst kolonisiert und teilen keineswegs die westeuropäischen Komplexe bezüglich der Kolonialzeit. Und vor allem gibt es in den osteuropäischen Ländern die weitverbreitete Vorstellung, dass das multikulturelle Modell Westeuropas ein grauenhafter Fehlschlag ist."

Der bulgarische Politologe Ivan Krastev warnt vor einer Logik der Desintegration in Europa und erinnert daran, dass internationale Experten noch im Herbst 1990 einen Zusammenbruch der Sowjetunion für äußerst unwahrscheinlich hielten. Ein solcher Zusammenbruch kommt nie aus der Peripherie, sondern immer aus dem Zentrum, schreibt er: "Teil des Problems ist, dass wir den Bestand die Europäischen Union als garantiert ansehen. Je mehr wir das tun, desto höher das Risiko der Desintegration. Gerade der Glaube, etwas könne nicht zusammenbrechen, führt zu hochriskantem Verhalten."

Magazinrundschau vom 01.09.2015 - Eurozine

Gigantische Datenbanken mit wissenschaftlichen, aber auch literarischen Texten sind in Russland in den letzten Jahrzehnten angewachsen. Bodó Balázs sieht in Visegrad Insight (online in Eurozine) ihren Ursprung im Samisdat. Sie sind natürlich illegal, aber das heißt nicht, dass sie nicht eine Funktion haben: "Entwicklungsländern fehlt häufig der Zugang zu Werken der Wissenschaft und Literatur, da sie nur zu Preisen zu haben sind, die für ihre lokalen Märkte unbezahlbar sind. Auch Infrasktruktur spielt hier eine Rolle: Öffentliche und Forschungsbibliotheken kämpfen mit unzureichenden Subventionen. Offizielle und legale Versuche, besseren Zugang zu schaffen, wie die Open-Access-Bewegung und Creative Commons, sind zwar ehrenwerte, aber auch langsame Initiativen, und ihre praktische Wirksamkeit ist bisher begrenzt. Piratenbibliothken gehen radikaler heran und suchen auch illegale Wege, um klassische, gelehrte und literarische Werken weltweit zur Verfügung zu stellen."

Magazinrundschau vom 25.08.2015 - Eurozine

Trotz der immer größeren Dominanz von Internetkonzernen, die die Ideen der Sharing Economy kommerzialisiert haben, hält Adrian Wooldridge an der Idee fest. Im Gespräch mit Lukasz Pawlowski von Kultura Liberalna (von Eurozine ins Englische übersetzt) betont der einstige Schumpeter-Kolumnist des Economist: "Ich denke nicht, dass die Sharing Economy zum Monopol tendiert. Was sie tut, ist, unbenutzte Ressourcen zu mobilisieren. Information ist ein wichtiger Faktor in diesem Prozess. Ein anderer ist aber schlicht Nähe zu den Produkten, die du tauschen willst. Wenn ich eine Plattform in meinem Dorf einrichte, um Gartengeräte zu tauschen, würde ich wohl kaum von einem Internetriesen gekauft. Ich sehe nicht ein, warum nicht auch lokale Unternehmen etwas aus solchen Informationen machen können, um Boden zu gewinnen und erfolgreich zu operieren."

In einem zweiten Artikel setzt der Islamforscher Olivier Roy seine Hoffnungen in einen entstehenden Säkularismus in muslimischen Ländern.

Magazinrundschau vom 21.07.2015 - Eurozine

Angesichts der nach Europa drängenden Flüchtlinge wird sich Polen an mehr Vielfalt gewöhnen müssen, meint der Soziologe Alexander Smolar und erinnert in einem ausführlichen Interview daran, dass Homogenität in Mitteleuropa nicht die historische Regel ist: "Polens Homogenität - ethnisch, national, kulturell, religiös - machte den Transformationsprozess viel einfacher. Es gab nicht die Konflikte wie in anderen Ländern, die einen Großteil der politischen Energien aufbrauchten und notwendigen Wandel verhinderten. Jugoslawien ist zum Beispiel mit dem Ende des Kommunismus in einen grauenvollen Konflikt getaumelt, obwohl es zu dem Punkt viel weiter war als Polen, viel westlicher und ökonomisch enger mit dem Westen verbunden. Polens Homogenität ist ein Resultat von Millionen Toten und der erzwungenen Migration von noch mehr Millionen. All diese unvorstellbaren Tragödien haben einen undeutlichen, doch starken Makel auf dem kollektiven Gewissen hinterlassen. Unser Land ist kulturell verarmt, was sich in einer wachsenden Nostalgie zeigt, doch das alte Polen ist für immer verschwunden."

"Was sich hier noch bewegt, ist blanke Zukunftsangst", seufzt Robert Menasse beim Blick auf ein ermüdetes Europa, das sein perspektivisches Ziel und seinen "historischen Vernunftgrund", die Überwindung des Nationalismus, völlig aus dem Blick verloren habe: "Wäre François Hollande imstande, Mitterands Satz "Le nationalisme c"est la guerre" frei heraus zu sagen? Würde es Angela Merkel wagen, den Satz von Walter Hallstein "Das Ziel ist die Überwindung der Nationen" zumindest zu buchstabieren? Zwar kann jeder auf die Frage "Was ist die EU?" im Schlaf mit "Friedensprojekt!" antworten, gähnen und weiterschlafen, aber diese Antwort ist weniger als die halbe Wahrheit. Die ganze Wahrheit war, ist und bleibt: "Sicherung von nachhaltigem Frieden durch die Überwindung der Nationen und Schaffung eines nachnationalen Europa.""

Burkhardt Wolf schließlich rekonstruiert, wie der Vietnamkrieg den hors-champ, den Erzähler aus dem Off, ins politische Kino brachte: "Godards Kino stellt ein politisches cinéma verité in dem Sinne dar, dass es nicht zur Manifestation politischer Wahrheiten dient, sondern vielmehr "die Wahrheit des Kinos" manifestiert, indem es das Imaginäre der Bilder auf deren Ungedachtes hin überschreitet. Oder anders gesagt: Um "wahre" und in diesem Sinne "politische" Filme zu machen, muss vom Bildfeld ein Bezug zum hors-champ gestiftet werden. Der hors-champ beschränkt sich dabei nicht auf den kritischen Off-Kommentar. Ganz allgemein kann man ihn als das (noch) nicht sichtbare Feld jenseits des Bildkaders bestimmen."

Magazinrundschau vom 07.07.2015 - Eurozine

In einem etwas komplexen und mäandernden, aber letztlich sehr interessanten Text aus der polnischen Zeitschrift Respublica (von Eurozine ins Englische übersetzt) zieht Oksana Forostyna eine Parallele zwischen der Erfahrung von Dissidenten des Islam wie Salman Rushdie und Ayaan Hirsi Ali und der Ukraine. Beide werden von ähnlichen Fraktionen der westlichen Öffentlichkeit mit Häme überschüttet, während Islamismus oder Putinismus auf einen Diskurs der "Toleranz" stoßen, der ihnen eine "Andersheit" zubilligt und laut Ayaan Hirsi Ali nur ein "Rassismus der geringen Erwartungen" ist. "Zusammen mit heuchlerischen Ideologien moderner Diktaturen hat die westliche Nachsicht zu einer giftigen Konvention geführt: Einige Gemeinwesen scheinen geeigneter, freie demokratische Gesellschaften aufzubauen als andere mit ihren "kulturellen Besonderheiten". Und noch andere verharren in der Grauzone der "souveränen Demokratie" oder des "Staatskapitalismus". Aber da "alle Kulturen gleich" sind, gelten die "kulturellen Besonderheiten - ob sie in der Religion, der Tradition oder Kulten und Helden liegen - als heilig und unveränderlich, und jeder Versuch, sie zu kritisieren oder dekonstruieren, macht aus dem Kritiker einen Kolonialisten, westlichen Imperialisten, rechten Konservativen oder gar Faschisten."

Magazinrundschau vom 30.06.2015 - Eurozine

Nicht allein die Ukraine, ganz Europa befindet sich im Krieg, sagt der Historiker Andrij Portnov im Gespräch mit Ketevan Kantaria, denn Putin ziele auf eine grundlegende Veränderung des internationalen Gefüge. Zugleich ist Portnovs Diagnose mit Blick auf Europa, das den Ukrainern nicht mal Einreisefreiheit biete, und Deutschland, das seine Führungsrolle nicht akzeptiere, pessimistisch: "Viele Menschen sind sich heute bewusst, dass Europa kein reales Angebot für die Ukraine hat. Und das ist ein Problem. Und dann ist da das Problem des Vertrauens. Wenn die Ukraine keine klare Perspektive für eine EU-Mitgliedschaft hat, ist die Frage: Was nun? Was ist die Alternative? Da ist keine Alternative. Ich sehe in den Diskussionen jedenfalls keine Alternative für die Zukunft dieses Landes."
Stichwörter: Ukraine, Portnov, Andrij

Magazinrundschau vom 23.06.2015 - Eurozine

Den Preis für die "Finnlandisierung", die Neutralität während des Kalten Krieges, bezahlt Finnland bis heute, sagte die Schriftstellerin Sofi Oksanen in einem Vortrag in der lettischen Nationalbibliothek, der bei Eurozine zu lesen ist. Die willfährige Selbstzensur, zu der sich das Land damals verpflichtete, hält noch immer an. "Die Sprache dieser Zeit schien einem zahnlosen Mund ohne Zunge zu entstammen. Die Sowjetunion richtete Finnland darauf ab, gehorsam allen unerwünschten Äußerungen gegenüber Russland auszuweichen, und dieses Verhalten hat sich in unser Unterbewusstsein eingeschrieben. (...) Das finnlandisierte Finnland war eine Erfolgsgeschichte der Sowjetunion, ein Fallbeispiel, das der Welt bewies, dass die Sowjetunion friedlich mit seinem Nachbarn koexistieren konnte. Gleichzeitig hielt sie Finnland an der Leine. Angesichts des Erfolgs dieses Projekts ist es nicht verwunderlich, dass das heutige Russland weitere Länder finnlandisieren möchte - wenn es nach dem Nationalisten Alexander Dugin geht, sollte ganz Europa finnlandisiert werden."

Magazinrundschau vom 09.06.2015 - Eurozine

Warum, fragt die kroatische Autorin Slavenka Drakulic, haben die Frauen in Osteuropa nach der Wende eigentlich ihre Emanzipation nicht verteidigt? Weil sie ihnen von oben auferlegt war? Weil auch sie in unsicheren Zeiten lieber an alten Werten festhalten? "Für Frauen in Osteuropa brachte die 1989 wiedergewonnene Freiheit unerwartete Einschränkungen ihrer ökonomischen, sozialen und reproduktiven Rechte mit sich. Dass besonders Frauen von den Kürzungen der öffentlichen Ausgaben betroffen waren und als Angestellte niederer Kategorie betrachtet wurden, führte zu weiblicher Massenarbeitslosigkeit. Armut wurde weiblich. Bei einem politischen Schwerpunkt auf wirtschaftlicher Transformation und dem Aufbau demokratischer Strukturen, hatten Frauenrechte keine vordringliche Priorität. Im Ergebnis arbeiteten weniger und weniger Frauen (auch wenn wir wissen, dass 30 bis 50 Prozent im informellen Sektor Geld verdienten). Überzeugt, das Richtige zu tun, blieben mehr und mehr Frauen zu Hause und hielten sich aus Politik und öffentlichem Leben heraus. Es entstand keine Frauenbewegung. Es gibt keinen Sinn mehr für gegenseitige Interessen. Die Vorstellung, dass Frauen andere Frauen unterstützen sollten, um gemeinsame Ziele zu verfolgen, existiert schlicht und einfach nicht. Die Ideologie kollektiver Solidarität gehört der Vergangenheit an."

Außerdem übt der weißrussische Schriftsteller Artur Klinau die postmoderne Neugestaltung der Minsker Museumslandschaft, die sozialistischen Realismus, Big Business und Disneyland-Fantasien unter einen Hut bringt.

Magazinrundschau vom 02.06.2015 - Eurozine

Eurozine bringt ein kleines Dossier zur Charlie-Hebdo-Debatte. Jens-Martin Eriksen und Frederik Stjernfelt untersuchen das häufig gegen die Zeichner vorgebrachte Argument, ihr Humor richte sich gegen eine machtlose Minderheit. Wo die Macht liege, so die Autoren, müsse nun mal durch öffentliche Debatte ermittelt werden. Und "das Argument, dass Meinungen einer Minderheit a priori geschützt werden müssten, ist seltsam, denn in demokratischen Gesellschaften besteht die Mehrheit der Organisationen und Gruppen faktisch aus natürlichen Minderheiten. Eine Minderheit der dänischen Bevölkerung unterstützt die dänische Arbeiterpartei (ihr Anteil liegt in den letzten Jahren bei 24 Prozent). Bedeutet das, dass es kein Recht gibt, sie zu kritisieren?"

Sehr gut hierzu passt Dmitry Uzlaners Artikel "Fifty shades of Russian fetishism", der zeigt, wie die Rede von beleidigten Kategorien der Gesellschaft (meist orthodoxen Gläubigen) zu einem Instrument politischer Unterdrückung wird - virtuos praktiziert in Russland: "Interessant ist an diesen Kategorien zunächst, dass sie so unpersönlich sind. Wir sind weder mit realen Personen, noch mit deren persönlichen Meinungen konfrontiert, sondern mit etwas sehr Abstraktem, Vagem und Unpersönlichem. Wir haben es mit gesichtslosen "Anderen" zu tun, die "wirklich glauben" oder sich "zutiefst beleidigt" fühlen."

Außerdem in Eurozine: Brian Whitacker stellt einige Erkenntnisse aus seinem Buch über Atheismus in der arabischen Welt vor (wir haben hier bereits aus einem Interview mit Whitaker zitiert).