Magazinrundschau - Archiv

Eurozine

301 Presseschau-Absätze - Seite 18 von 31

Magazinrundschau vom 05.04.2016 - Eurozine

Die kroatische Autorin und unerschütterliche Titoistin Dubravka Ugresic verzweifelt im Gespräch mit Lukasz Pawlowski von der Kultura Liberalna an Europa, wo sie vor allem im Osten, aber nicht nur dort die Wiedergeburt des Faschismus erlebt, von Hass und Nationalismus: "Die Wahrheit wurde ersetzt. Die Leute behaupteten, der Aufstieg des Nationalismus sei etwas Gutes, weil er in der jugoslawischen Zeit unterdrückt worden war. Sie behaupteten, dass sie seit einem Jahrtausend auf den Moment gewartet hätten, an dem Kroatien ein unabhängiger Staat werden würde. Das gleiche Muster wiederholte sich in ganz Osteuropa. Doch unter dem politischen Narrativ der 'nationalen Befreiung', das westliche Politiker verstanden haben, ging primitive und rohe Plünderung vonstatten. Brutal und offen. Der postkommunistische Übergang war mit oder ohne Krieg ein perfekt organisierter Raubzug. Kommunistisches Eigentum kannte keinen Besitzer, es gehörte niemandem, und eh man sich versah, haben es sich welche geschnappt und verkauft. Fabriken wurde für winzige Beträge verkauft. Das war die sogenannte Privatisierung. Der große Raub wurde von den Mächtigen und der Kirche abgesegnet."

Magazinrundschau vom 29.03.2016 - Eurozine

Wer sich für die Länder und russischen Regionen des Kaukasus und Nordkaukasus interessiert, sollte unbedingt Emil A. Souleimanovs Osteuopa-Artikel lesen, der von Eurozine online gestellt wurde - der Artikel ist sozusagen eine kommentierte Bibliografie, die die jüngeren Publikationen auf argumentatorische Schlagkraft prüft: Leicht ist es nicht, über die Region mit ihren vielen Ethnien und komplizierten Konflikten zu schreiben. Unter anderem zitiert er Andrew Foxalls Untersuchung über die kaukasische Stadt Stawropol mit ihren starken russischen Bevölkerung, deren Schluss er teilt: "Ungeachtet der beiden Tschetschenienkriege und der wirtschaftlichen Subventionierung des Nordkaukasus aus dem Moskauer Zentrum nimmt die Kluft zwischen Russlands Kernland und seiner südlichen Peripherie zu. Transparente föderale Transferleistungen, eine klare Migrationspolitik und die soziale Integration von Migranten wären für eine Entschärfung der schwelenden Konflikte vonnöten. Optimistisch ist Foxall nicht, er hält die Lage im Bezirk Stawropol zu Recht für exemplarisch: Überall in Russland nimmt die soziale Kohäsion ab, die 'Russland den Russen'-Haltung und die Xenophobie gegen Kaukasier haben dramatisch zugenommen."

Magazinrundschau vom 15.03.2016 - Eurozine

Nur wenn sich Europa in der riesigen zentralasiatischen Region engagiert, wird es seine globale Postion behaupten können, meint Adam Balcer in einem Artikel für New Eastern Europe, den Eurozine auf Englisch publiziert. Nun wirken derartige geopolitische Betrachtungen zwar oft wie Schachspiele mit riesengroßen Figuren - aber Balcer hat etwas durchaus Zwingendes. Er rät, den Begriff des "postsowjetischen Raumes" aufzugeben, weil in ihm Russland als das organisierende Prinzip erscheint. Inzwischen sind aber auch China, Europa, die Türkei und der Iran wichtige Kräfte. Ein wenig ironisch bezeichnet Balcer diesen Raum auch als die Region, in der man Piroggen isst, die offenbar ursprünglich aus Asien kommen: "In diesem Raum ist Russland ein Newcomer. Seine Eroberungen liegen nicht weit zurück. Weißrussland und den größten Teil der Ukraine eroberte es am Ende des 18. Jahrhunderts, Anfang des 19. Jahrhunderts kam Moldawien hinzu. Die Eroberung des Kaukasus endete 1864 und die Zentralasiens in den 1880ern. In den fünfziger und sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts verlor China riesige Gebiete in Zentralasien, Sibirien und dem Fernen Osten an Russland."

Magazinrundschau vom 08.03.2016 - Eurozine

Vor eine Woche hat Adam Zagajewski den Jean-Améry-Preis für Essayistik erhalten, ohne dass es die deutsche Öffentlichkeit allzusehr interessiert hätte (immerhin hat ihn der Tagesspiegel interviewt, unser Resümee). Eurozine bringt einen kurzen, höchst aktuellen Essay Zagajewskis, der zeigt, wie sehr der Lyriker und Essayist den Améry-Preis verdient hat. Zagajewski analysiert hier die beiden Seelen in der Brust europäischer Intellektueller - Aufklärung und Romantik - als widerstreitende Tendenzen. Beiden gesteht er Legitimität zu, allerdings blicken wir heute eher in die Fratze des Romantizismus mit seiner Tendenz zu Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit: "Ich muss zugeben, dass ich viele Argumente der Verteidiger des 'alten Europa' verstehen kann, wenn auch nicht alle. Es ist eine sehr komplexe Ideenschlacht, die nicht auf das einfache Schema 'Fortschritt versus Reaktion' reduziert werden kann. Selbst heute kann dieser Clash der Ideen nicht ignoriert werden, und sei es, weil er Generationen von Intellektuellen geprägt hat. Ich kann die Argumente der Autoren verstehen, die das Schwinden der Religion, den Verfall der Fantasie, die Tendenz, Menschen als rein biologische Wesen zu sehen, beklagen. Allerdings würde ich das Erbe der Aufklärung niemals völlig zurückweisen. Es scheint, dass wir Europäer unfähig bleiben, die beiden Hauptelemente unserer Erfahrung zu vereinbaren, das des Tages und das der Nacht, das der im Common Sense begründeten Handlung und das der ekstatischen Poesie."

Eurozine war Partner des Améry-Preises und stellt aus diesem Anlass einen ganzen Strauß lesenwerter Texte zusammen, die für den Preis nominiert waren. Kenan Malik betrachtet sakrale Kunst aus der Perspektive eines Nichtgläubigen. Fernando Savater schreibt über Voltaire Auch ein Essay des slowenischen Autors Ales Debeljak, der im Januar bei einem Autounfall ums Leben kam, wird präsentiert. Hier ein erläuternder Überblick.

Magazinrundschau vom 02.02.2016 - Eurozine

Faszinierend liest sich der aus Esprit übernommene Text des Islamwissenschaftlers Hamit Bozarslan über den Denker Ibn Chaldun, der um 1400 vor der Reconquista floh und in der Folge eine tief pessimistische Theorie des Verfalls etablierter und der Entstehung ambitionierter neuer Mächte entwickelte. Bozarslan liest sie vor dem Hintergrund des heutigen triumphierenden Islamismus. Die Fragen, die sich Ibn Chaldun stellte, schildert Bozarslan so: "Wie erklären, dass die Gemeinschaft des Islam, die sich ontologisch von jeder anderen Gemeinschaft auf Erden vor ihr unterscheiden musste, letztlich den gleichen Prozess des 'Verfalls' durchlief wie die anderen? Und wie kann man den Islam jenseits des Glaubens verteidigen, als Kultur und Zivilisation, während er doch zugleich Objekt und Subjekt seiner Zerstörung ist?"

Eurozine hat außerdem ein Gespräch der polnischen Zeitschrift Kultura Liberalna mit dem deutschen Soziologen Wolfgang Streeck über die Reform der Europäischen Union und deutsche Obsessionen übersetzt. Die alles entscheidende Frage sei die Beziehung zwischen Nationalstaaten und den Institutionen der EU, sagt Streeck: "In dieser Debatte müssen die Deutschen endlich verstehen, dass sie die einzigen sind, die ihre nationale Identität der europäischen Einheit opfern wollen. Ironischer Weise liegt gerade darin ein Programm zur deutschen Hegemonie. Je mehr Deutschland die anderen Nationen bedrängt, ihm in seiner antinationalen Obsession zu folgen, desto mehr werden Parteien wie der Front National, die Wahren Finnen, UKIP und so weiter gewinnen."

Magazinrundschau vom 26.01.2016 - Eurozine

Russland wird keine Zukunft haben, solange es keine Geschichte hat, glaubt die russische Autorin und Lyrikerin Maria Stepanowa, in deren Augen Ideologie und Beliebigkeit die Vergangenheit in einen reinen Kampfplatz verwandelt haben: "Zu keinem der entscheidenden Ereignisse in unserer Geschichte herrscht heute Einigkeit: Es gibt keinen Konsens zu Peter I., zur Revolution von 1917, zu Stalin oder Chruschtschow; tatsächlich sind wir uns nicht einmal über Rurik einig (den Gründer der Kiewer Rus). Jedes Mal, wenn ein wichtiger Punkt unserer Geschichte diskutiert wird, provoziert das heftige und unendliche Debatte, die uns nicht erlauben, einen Schlussstrich zu ziehen. Im psychoanalytischen Sprachgebrauch würde man unser Verhältnis zur Geschichte als gescheiterte Loslösung beschreiben. Man könnte diesen Prozess der Loslösung vermutlich ganz einfach dadurch beginnen, dass wir anerkennen, was wir erlebt haben. Ohne diese Anerkennung kann es keine historische Wahrheit geben, dann wird sie austauschbar, dann hört in Russland Geschichte auf, eine exakte Wissenschaft zu sein und verwandelt sich in reine Fiktion. In ihrem Kern ist heute in Russland die Geschichte Literatur geworden."

Weiteres: Stefan Szwed erkundet die putinesken Anwandlungen der polnischen Regierung unter Jaroslaw Kaczyński. Der Soziologe Wolfgang Streeck gibt Europa noch eine Chance.

Magazinrundschau vom 05.01.2016 - Eurozine

Robert Menasse begründet in einem Essay, der zuerst auf Englisch in Eurozine erscheint (und auf Deutsch in den Akzenten kommen wird), warum er nicht an die These glaubt, dass Demokratie allein im Rahmen von Nationalsstaaten funktionieren könne - allzu oft habe der Nationalismus gerade zerstörerisch gewirkt: "Denken Sie an Österreich: Das alte Österreich, das Habsburgerreich war ein multiethnisches vielsprachiges Konstrukt, ein transnationales Gebilde, das weder eine nationale Idee noch Ambition hatte. Die verschiedenen als Kronländer zusammenlebenden Regionen genossen Schutz durch die angehäufte Größe, die Geltung der Gesetze und eine gemeinsame Verwaltung und Infrastruktur, ohne zu versuchen, die verschiedenen Kulturen und Mentalitäten zu homogenisieren. Die Ideologie des Nationalismus war es, die dieses Konstukt zerstörte. Und die Völker in den dann unabhängigen Nationen verbrachten nicht einen glücklicheren, freieren oder autonomeren Tag als zuvor, im Gegenteil, sie lebten elende Leben in totalitären Regimes. Besser wurden die Dinge erst, als diese Länder in die transnationale Gemeinsschaft der EU eintraten."

Außerdem in Eurozine: Pham Van Quangs leider staubtrockener, zuerst in der Nouvelle Revue publizierter Überblick über frankophone vietnamesische Literatur.

Magazinrundschau vom 15.12.2015 - Eurozine

Alexander Mikhailovsky erzählt in einem sehr interessanten historischen Rückblick die Vorgeschichte des jetzt so blühenden russischen Nationalismus (wenn da schon sonst nichts blüht), der sich in den siebziger Jahren nach den Repressionen der stalinistischen Jahrzehnte wieder zu regen begann und Ende der achtziger Jahre sozusagen bereit stand: "Im Gegensatz zu früheren Jahrzehnten war die Breschnew-Nomenklatura an einem kontrollierten Gedeihen ideologischer Nischen (etwa der liberalen, national-bolschewistischen oder traditionalistischen) interessiert. Ziel war es, die Repräsentanten und die Verbreitung der Ideen zu kontrollieren. Kein Protagonist dieser Nischen sollte fähig sein, seine Nische zu verlassen oder gar als Stimme der Kommunistischen Partei zu sprechen. Die Abwesenheit einer realen Öffentlichkeit und nationalen Zusammenhalts schuf die Basis, um die kommunistische Autokratie in eine 'Kratokratie' zu verwandeln', das heißt in eine Regierung, die regiert, weil sie regiert - um Vittorio Stradas treffenden Neologismus für den späten sowjetischen Totalitarismus zu zitieren."

Magazinrundschau vom 24.11.2015 - Eurozine

Martina Hessler zeichnet in einem aus dem Wespennest übernommenen Text ideengeschichtlich nach, wie sich der Mensch als Mängelwesen zu begreifen lernte, erst im Vergleich zum Tier, dann zur Maschine. Gegenüber der Maschine hegte man lange einen prometheischen Stolz, denn all ihren Fähigkeiten zum Trotz war es doch der Mensch, der sie geschaffen hatte. Seit der Mensch in die Konkurrenz gezwungen wird, herrsche eher die prometheische Scham: "Waren es bei Herder, und auch bei Gehlen, noch die fehlenden Instinkte, die im Mensch-Tier-Vergleich offensichtlich wurden, so offenbart nun der Mensch-Technik-Vergleich andere Unzulänglichkeiten, Defizite und Grenzen des Menschen, die vor allem in seinen körperlichen Eigenschaften und Bedürfnissen (Hunger, Müdigkeit, Erschöpfung), aber auch in der menschlichen Emotionalität, den Leidenschaften und möglichen Irrationalitäten gesehen werden. Diese werden geradezu als gefährlich, zumindest als hinderlich oder bedrohlich für den für die technische Kultur so wichtigen reibungslosen Ablauf bis hin zum effizient-rationalen Töten im angeblich sauberen Krieg definiert."

Basil Kerski ruft die Polen zu mehr Solidarität gegenüber Flüchtlingen auf, die sie selbst schließlich auch in Europa erfahren hätten, und unterfüttert sein Plädoyer mit seiner eigenen polnisch-irakischen Familiengeschichte: "Wäre meine Familie nicht aus dem Irak entkommen, wäre ich also kein Migrant, würde ich wahrscheinlich nicht mehr leben."

Magazinrundschau vom 20.10.2015 - Eurozine

Eurozine übernimmt Michaël Fœssels sehr schönes autobiografisches Gespräch mit Jürgen Habermas aus der katholischen Zeitschrift Esprit. Wie tief der Abgrund zwischen Habermas und Foucault anfangs war, illustriert Habermas an den Filmvorlieben der beiden: "Foucault hat mich 1982 für sechs Wochen ans Collège de France eingeladen. Am ersten Abend sprachen wir über deutsche Filme: Herzog und Syberberg waren seine Lieblingsregisseure, während ich für Kluge und Schlöndorff Partei nahm. Später haben wir uns das Curriculum unserer beiden, jeweils anders verlaufenden philosophischen Lehrjahre erzählt. Er erzählte, wie ihm Claude Lévi-Strauss und der Strukturalismus dazu verholfen hätten, sich von Husserl und 'aus dem Gefängnis des transzendentalen Subjekts' zu befreien. Im Hinblick auf seine Diskurstheorie der Macht habe ich ihn damals schon nach den impliziten Maßstäben gefragt, die seiner Kritik zugrunde liegen. Er sagte nur: 'Warten Sie auf den dritten Band meiner Geschichte der Sexualität.'"