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Im Kino

Zugewandte Zärtlichkeit

Die Filmkolumne. Von Nikolaus Perneczky, Jochen Werner
17.10.2012. Gerardo Naranjos "Miss Bala" protokolliert den eskalierenden Passionsweg einer angehenden Schönheitskönigin. In Ken Loachs "The Angel's Share" lernt ein Schlägertyp die Vorzüge der gepflegteren Sauferei kennen.



Die Prämisse von "Miss Bala" riecht nach exploitation: Laura, eine junge Frau aus ärmlichen Verhältnissen, hat es sich in den Kopf gesetzt, am regionalen Schönheitswettbewerb von Baja California teilzunehmen. Durch reinen Zufall wird Laura mit Haut und Haaren in den Drogenkrieg hineingezogen, der im mexikanischen Grenzland zwischen Kartell und Polizei wütet. Beides, der reine Zufall und die klare Trennlinie zwischen Verbrechen und Gesetz, entpuppen sich als falscher Schein, dem wir nur deshalb aufliegen, weil uns "Miss Bala" konsequent auf Lauras Erleben der immer tumultuöseren Ereignisse verweist. Erst wenn es längst zu spät ist, begreift sie, wie ihr geschieht - und dass ausnahmslos alle, denen Laura auf ihrem eskalierenden Passionsweg begegnet, in den grenzübergreifenden Drogenhandel verwickelt sind.

Laura ist rank und schön, ob im Kugelhagel oder auf dem Laufsteg. Und sie ist oft nur leicht bekleidet, damit man das auch sehen kann. Trotzdem verweigert "Miss Bala" die Reize, die sich vom Stoff her unbedingt anbieten würden, mit einer Strenge, die nicht so sehr puritanisch als formalistisch begründet ist. Regisseur Gerardo Naranjo und Kameramann Mátyás Erdély haben eine hochartifizielle Form der Subjektivierung geschaffen. Verfahren aus dem Film noir (eine Einstellung setzt als Subjektive ein und wandelt sich, wenn der Träger des Blicks ins Bild tritt, übergangslos zu einer "objektiven" Einstellung) werden mit Perspektivführungen vermählt, die an den aus Computerspielen vertrauten Blick über die Schulter denken lassen - und an die so genannten cut scenes, die, um sich dem Filmischen anzunähern, die perspektivische Bindung zwischen Spieler und Spielfigur zeitweilig suspendieren. Ihrem Namen zum Trotz erzielen cut scenes diese vorübergehende Entbindung des Spielers vom Normalzustand der Interaktivität - sein Passivwerden - nicht anhand abrupter Schnitte, sondern in fließenden Übergängen, deren spezifischer Reiz im momentanen Verwischen der beiden Seinsweisen liegt.



"Miss Bala" ist ein Passionsfilm, ein Film über das Erleiden von Unrecht, der sich dabei aber nicht auf expressive Gesichter oder viszerale Gewaltdarstellungen verlässt. Beide kommen zwar, quasi als Backup, auch vor, werden aber auffällig oft an den Rand des Bildes oder über ihn hinaus gedrängt. Der klassische Melodramen-Topos der leidenden Frau wird wie im Dritten Kino der Sechziger und Siebziger Jahre (in Lino Brockas "Insiang", Ousmane Sembènes "La Noire de..." oder Prinz Chatrichalerm Yukols "Hotel Angel") zur Allegorie des leidenden Volks, mit dem Unterschied, dass Lauras Qualen weniger an unsere Empathie appellieren, als dass wir unmittelbar in den Strudel einer Subjektivität gerissen werden sollen, die unter dem großen Leidensdruck nachgibt und sich nicht mehr ganz selbst gehört.

Dieser Anspruch geht nicht immer auf, aber allein für die Momente, in denen er es doch tut, sollte man "Miss Bala" eine Chance geben. Immer wenn einem der Film auf die Nerven zu gehen droht, weil die Kamera etwas zu smart und kalkuliert ihre grenzüberschreitenden Bahnen zieht, wird man von Momenten großer Schönheit - ein auf keinen Symbolgehalt abhebender, sekundenlanger Schwenk von Lauras Marter auf eine leuchtende Landschaft - wieder versöhnt, zumindest vorübergehend. Im Sprint der letzten halben Stunde, der, alle Subtilitäten hinter sich lassend, geradewegs auf das hässliche Ende zusteuert, scheint der andere, von altbackener Ideologiekritik und Schlaumeierei geplagte Film, der "Miss Bala" leider auch ist, dann doch unabweisbar durch; obsiegt der schlechte Inhalt über die... nun ja, zumindest ambitionierte Form. Man ahnt es schon am Anfang, wenn Laura beim Vorsprechen für den Schönheitswettbewerb den Satz sagen soll: "Es ist mein größter Wunsch, die Schönheit unseres Landes zu repräsentieren." Wer davon abzusehen vermag (oder sich die Ohren zuhält), wird es dennoch nicht bereuen.

Nikolaus Perneczky

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Ein bisschen Schwund ist immer, insbesondere wenn etwas wirklich Großes entstehen soll. So könnte man, etwas prosaischer, den Titel des neuesten Films des britischen Workingclass-Kino-Urgesteins Ken Loach paraphrasieren: "The Angels' Share", das bezeichnet den jährlichen Verlust von zwei Prozent Substanz, der sich beim teils jahrzehntelangen Lagerungsprozess von Spitzenwhiskeys ergibt. Zwei Prozent verschwunden, verdunstet, in Nichts aufgelöst - der Anteil für die Engel eben und ein Preis, der zu zahlen ist für jenen Transformationsprozess, der aus schlichtem Schnaps im Idealfall ein denkwürdiges Genussmittel macht.

Für Robbie (Paul Brannigan in einem sehr eindrucksvollen Debüt) erschließt sich mit dem Bewusstsein, dass es da überhaupt einen Unterschied gibt - zwischen dem schnellstmöglichen Selbstabschuss durch Schnaps und stärkere Rauschmittel und dem sinnlichen Genuss eines Tropfens guten Whiskeys - eine ganz neue Welt. Überhaupt steht dieser Robbie bereits zu Filmbeginn an der Schwelle zu einem neuen Leben, das vielleicht seine letzte Chance überhaupt darstellt. Gerade noch einer Gefängnisstrafe entgangen, wird der jugendliche Schlägertyp stattdessen zu 300 Stunden gemeinnütziger Arbeit verurteilt - wo er, neben einer Truppe skurriler Nebencharaktere, auf den gutmütigen Sozialarbeiter Harry (John Henshaw) trifft, der an das Gute in Robbie glaubt und ihm eine echte Chance gibt, ein neuer Mensch zu werden.

Diese Chance ist Robbie bereit, das macht "The Angels' Share" von Anfang an vielleicht ein wenig zu klar, mit beiden Händen begierig zu ergreifen - da es aber um ihn herum zu viele ungelöste Verbindungslinien in die verkorkste Vergangenheit gibt, macht sein soziales Umfeld ihm den Ausstieg aus der Gewalttäterkarriere nicht eben leicht. Schnell wird klar: ein Ortswechsel muss her, will Robbie nicht immer wieder in die alten Fehden hineingezogen werden. (Und, vielleicht auch dies, soll nicht immer wieder der lange Schatten der Schuld, die er gegenüber seinen gezeichneten Opfern auf sich geladen hat, auf ihn fallen.)



Das Kapital für den angestrebten Neubeginn, so plant Robbie nach seiner Einführung in die Sphären der Whiskey-Kultur, ist am einfachsten durch einen Raubzug zu beschaffen, für den er all die Straftäter auf Bewährung zur Hilfe heranzieht, mit denen er tagtäglich Laub harkt. Um ein besonders wertvolles Fass uralten Whiskey geht es, das meistbietend versteigert werden soll (und schließlich, in nicht mehr ganz einwandfreiem Zustand, für eine unmoralische Summe an einen ahnungslosen Ami verkauft wird). Das letzte Drittel des Filmes widmet sich der Durchführung dieses Coups - was eigentlich, so ist man versucht zu urteilen, gar nicht nötig gewesen wäre. Seine stärksten Augenblicke hat "The Angels' Share" eindeutig in den stilleren Momenten, in denen die Figuren nichts Lustiges tun müssen, sondern einfach nur sein dürfen.

In diesen Sequenzen, die in der ersten Stunde des Films in der Mehrzahl sind, ist "The Angels' Share" zwar auch problematisch, insofern sich der Eindruck aufdrängt, dass Loach es seinen Figuren und letztlich auch sich selbst und uns - den Zuschauern - immer etwas zu leicht machen will. Zwar konfrontiert er in einer durchaus bewegenden Sequenz Robbie und uns mit den Spätfolgen seiner unkontrollierten Gewalt, aber vom chronologischen Beginn der Filmerzählung an ist dieser Zorn, dieser Hang zur Brutalität dann doch wie ausgeknipst: statt mit sich selbst ringt dieser Robbie, eher sanfter Teddybär und Punching-Bag der Anderen als angry young man, immer nur mit den Knüppeln, die ihm die Gesellschaft zwischen die Beine wirft. So einfach ist das leider normalerweise nicht, und das macht "The Angels' Share" eher zu einem etwas naiven Sozialmärchen als zu einer Charakter- oder Gesellschaftsstudie mit realistischem Anspruch.

Das wäre noch nicht schlimm, wenn der Film die zugewandte Zärtlichkeit, die er seinem Protagonisten gegenüber glaubhaft vorbringt, auch seinen anderen Figuren gegenüber durchhalten würde. Da Loach aber doch immer wieder der Versuchung nachgibt, eine vermeintlich unbedeutende Nebenfigur für eine derbe Pointe der Lächerlichkeit preiszugeben, verfestigt sich der Gesamteindruck, es hier mit einem nicht so recht zu Ende gedachten Film zu tun zu haben. Von seinen Apologeten wird Loach als einer der letzten unverdrossenen Verfechter einer linksorientierten, offen politischen Tradition des britischen Sozialrealismus gepriesen. Man darf Zweifel anmelden: Um wirklich politisch zu sein, ist Loach an der Komplexität der Verhältnisse und seiner Protagonisten viel zu wenig interessiert.

Jochen Werner

Miss Bala - Mexiko 2011 - Regie: Gerardo Naranjo - Darsteller: Stephanie Sigman, Noe Hernandez, James Russo, José Yenque, Irene Azuela, Jose Yenque, Miguel Couturier, Gabriel Heads - Länge: 113 min.

Angel's Share - Ein Schluck für die Engel - Großbritannien / Frankreich 2012 - Originaltitel: The Angels' Share - Regie: Ken Loach - Darsteller: Paul Brannigan, Siobhan Reilly, John Henshaw, Gary Maitland, William Ruane, Jasmin Riggins, Roger Allam - Länge: 101 min.

Archiv: Im Kino

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