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Im Kino

Holzhammer-Humanismus

Die Filmkolumne. Von Lukas Foerster, Thomas Groh
10.10.2012. In "Die Stooges - Drei Vollpfosten drehen ab" der Brüder Bobby und Peter Farrelly reimt sich Hiebe noch jedesmal auf Liebe. In Olivier Megatons "Taken 2" setzt der 59-jährige Liam Neeson seine unwahrscheinliche Actionkarriere fort.


Ganz am Ende, bevor der Abspann einsetzt, aber nach dem Schriftzug "The End", den man im Kino sonst kaum noch sieht, treten zwei junge Männer vor die Kamera, stellen sich als die Regisseure des Films vor (sind aber eigentlich Schauspieler; Peter und Bobby Farrelly wünschen sich vermutlich, so auszusehen wie ihre Doubles) und wenden sich direkt an die Zuschauer: Die Vorschlaghämmer, mit denen sich die Figuren im Film gegenseitig malträtieren, sagen sie und sie führen es auch vor, sind aus Gummi und die Finger, die stets zielgenau in die Augen des Gegenüber zu stechen scheinen, zielen in Wahrheit zwei Zentimeter höher. Kurz und gut: alles
nur Spiel, don't try this at home. Eine rührende Ansprache, die in ihrer spielerischen Direktheit gut zu dem naiven Holzhammer-Humanismus des Films passt, dem sie nachgestellt ist. Und die man auch als eine Form von Filmvermittlung lesen kann, als Perspektivierung eines Stücks Filmgeschichte, das mit der Kinogegenwart nur noch sehr wenige Berührungspunkte aufweist.

Die historischen "Three Stooges" standen zwischen 1934 und 1959 in 190 Kurzfilmen (Beispiel) für die Columbia vor der Kamera, danach entstand noch eine Handvoll längerer Werke. Die Komikertruppe - bestehend aus Moe Howard, Larry Fine und in der klassischen Phase der 30er- und frühen 40-er-Jahre Curly Howard - hatte eine Vorgeschichte im Vaudeville-Betrieb und dementsprechend sehen die Filme auch aus: Die Stooges geben stets drei tumbe, erst bei genauem Hinsehen gutherzige Tölpel und bemühen eine körperliche Form der Slapstick-Komik, die sich gegen Narrativierung weitgehend sträubt; die primitive Form der Filme war von Anfang an anachronistisch und erwies sich als unreformierbar.

Als proletarisch-anarchische Grundierung der bürgerlich-geschmackssicheren Columbia-Hauptfilme begleiteten (und unterwanderten) die Stooges drei Jahrzehnte Hollywoodgeschichte. Vermisst werden sie bis heute, unter anderem von den Brüdern Bobby und Peter Farrelly, die in Filmen wie "Verrückt nach Mary" oder "Dumm und Dümmer" ihre eigene Idee von Körperkomik als lowbrow-Kunst entwickelt haben. Jetzt erweisen sie den Slapstick-Legenden die Ehre mit einer "Stooges"-Kinoversion, die einiges vom ungehobelten Charme der Vorlagen vermittelt und doch nicht einfach nur so tut, als wäre die Zeit stehen geblieben. Die statt dessen Rahmungen setzt, Vermittlungsangebote unterbreitet.

"Die Stooges - Drei Vollpfosten drehen ab" (der dämliche deutsche Titel geht ausnahmsweise einmal voll in Ordnung) ist in drei Segmente unterteilt, deren Länge ungefähr der der historischen "Stooges"-Kurzfilme entspricht. Allerdings werden sie von einer durchgehenden Storyline zusammengehalten: Drei Kleinkinder werden einem von Nonnen geführten Waisenhaus buchstäblich vor die Tür geworfen und wachsen zu widerborstigen, der Gesellschaft nicht zu vermittelnden - ein Adoptionsversuch scheitert kläglich - jungen Männern heran. Erst als das Waisenhaus in seiner wirtschaftlichen Existenz bedroht wird, ziehen sie hinaus in die Welt und geraten in die Fänge der Erbschleicherin Lydia, die nach Wegen sucht, ihren Ehemann umzubringen.



Für die Farrellys, die in den letzten Jahren die eine oder andere kommerzielle Schlappe hinnehmen mussten, war der Stooges-Film seit langem ein Traumprojekt. Ursprünglich war ein hohes Büdget und eine Starbesetzung - Sean Penn, Benicio del Toro, Jim Carrey - vorgesehen, in dem Film, der jetzt in die Kinos kommt, ist alles eine Nummer kleiner. Chris Diamantopoulos, Sean Hayes und Will Sasso, die die Rollen der erwachsenen Stooges übernehmen, haben solide Fernsehkarrieren hinter sich, bekannte Gesichter aber sind sie nicht. Das hat den Vorteil, dass sie so weit hinter ihren Rollen verschwinden, so sehr mit den grotesk frisierten Stooges eins werden, wie das Penn oder Carrey nicht hätte gelingen können.

"Die Stooges" besteht zu weiten Teil aus wüsten, comicartig verfremdeten, von quietschenden, hupenden Soundeffekten begleiteten Prügeleien, durch die allein die Hauptfiguren sich untereinander und mit der Welt verständigen zu können scheinen; und ist doch ein grundgutmütiger, herzerwärmender Film, in dem sich Hiebe noch jedesmal auf Liebe reimt. Ein Film mit einer natürlichen Affinität zu Waisenkindern und einem Hang zu jener Art integrativer Sozialutopie, die man aus den besten Farrelly-Filmen (aus "Unzertrennlich", zum Beispiel) kennt. Ein Film, der selbst die eisige Gefühlskälte des zeitgenössischen Reality-TV zum Schmelzen bringt, wenn Moe in "Jersey Shore" als "Dyna-moe" gecastet wird.

Lukas Foerster

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Soll einer sagen, Actionfilme sind zu nichts nutze: In "Taken 2" findet sich immerhin ein Vorschlag, wie man einander etwa in einer dicht bevölkerten, engen Metropole wie Istanbul wiederfinden kann, wenn man sich aus den Augen verloren hat, idealerweise, wenn man sich selbst in einem Gebäude aufhält, von dem man gar nicht genau weiß, wo es sich eigentlich befindet (zum Beispiel, weil man entführt wurde und nun im Keller gefangen ist). Liam Neeson jedenfalls, dem als Leibwächter Bryan Mills genau dies passiert ist, gibt seiner sich noch im Hotelzimmer befindlichen Tochter Kim (Maggie Grace), der ein ähnliches Schicksal droht, über ein ins Verlies geschmuggeltes Mini-Agententelefon pragmatische Anweisungen: "Wirf' eine Granate aus dem Fenster, ich zähle die Sekunden, bis ich hier die Detonation höre!" Sprach's, warf's - und die Luxuskarosserie auf dem gegenüber liegenden Dach ist nur mehr kleinteiliger Metalschrott: Geh'n wir Granaten werfen in Istanbul!

Dass Mills von den Sekunden auf mit der Schallgeschwindigkeit nicht vereinbare Distanzen schließt und seine Tochter im folgenden die Anweisung, mit einer Karte die genannte Strecke im Maßstab an einem Schnürsenkel abzumessen und mit einem Stift einen entsprechenden Radius um das Hotel zu ziehen, untergräbt, indem sie den Schnürsenkel am oberen Ende des Stiftes befestigt, gehört zu den symptomatischen Schlampereien dieses Fähnlein-Fieselschweif-Films für Beknackte. Sie setzen sich fort in den wilden Verfolgungsjagden per pedes und auf Rädern durch die Gassen Istanbuls, die der Inszenierung nach allen Regeln der Kunst aus den Händen gleiten: Ein einziges erratisches Kuddelmuddel, in dem für Konstanz lediglich die Zahl der türkischen Brezeln sorgt, die auf der Rückscheibe von Mills' Wagen wie ein festgeleimter Marker - bitte auf dieses Auto achten! - liegen bleiben. Deutlich sorgfältiger ist die Montage, wenn es gilt, die relative und sehr verständliche Immobilität ihres mit 59 Jahren immerhin einigermaßen unwahrscheinlichen Actionhelden Liam Neeson im Faustkampf zu kaschieren.



Diese unwahrscheinliche Actionfilmkarriere deutlich jenseits der 50 trat vor wenigen Jahren der erste "Taken"-Film (sinnfälliger deutscher Verleihtitel: "96 Hours") los, der immerhin als exploitativer und kompromissloser Reißer seine Freunde hat und ein im folgenden von Filmen wie "Unknown Identity" (unsere Kritik) und "The Grey" (unsere Kritik) bedientes Mini-Genre des "Neeson-Actionfilms" begründete. In "Taken" sorgte Mills für zahlreiche Tote unter den Entführern seiner Tochter, unter denen sich offenbar auch die Söhne eines albanischen Großpatriarchen befanden, der nun im vorliegenden Sequel aus Rachegründen Mills' Familie auszulöschen gedenkt. Die (ohnehin nicht lange aufrecht gehaltene) Inversion, dass nun die entwischte Tochter den Vater aus der Gefangenschaft befreien muss, ändert nicht viel daran, dass dieser zweite Aufguss gründlich missraten und insbesondere in der länglichen Exposition, die im Rahmen der Möglichkeiten einer Patchwork-Familie nach der Scheidung Normalität markiert, oft schmerzhaft peinlich geraten ist. Wie Neeson als überfürsorglicher Vater mit Knautschgesicht seiner Tochter und deren Lover nachstellt, erinnert an Al Bundy kurz vor dem Amok, den er dann später, in Istanbul, voll entfesseln kann.

Gegen Ende darf Neeson als Mills genretypische Ermattungssprüche klopfen, die wohl auch für ihn selbst gelten und ans Publikum gerichtet sein dürften: Er habe keine Lust mehr auf das Kämpfen, mit dem Töten soll ein für allemal Schluss sein, spricht's grimmig vor dem letzten Kill. "Taken 2" schließt im Modus der Endgültigkeit: That's all Folks! Nur in Ruhe lassen wird man den alten Mann wohl nicht so weiteres: In den USA behauptet sich "Taken 2" gerade problemlos an der Spitze der Kinocharts - und für "Taken 3" dürfte sich sicher irgendein türkischer Bösewicht finden, der sich an Liam Neeson für die Notsprengung seines Wagens rächen will.

Thomas Groh

Die Stooges - Drei Vollpfosten drehen ab - USA 2012 - Originaltitel: The Three Stooges - Regie: Bobby Farrelly, Peter Farrelly -Darsteller: Sofía Vergara, Jane Lynch, Larry David, Sean Hayes, Nicole 'Snooki' Polizzi, Craig Bierko, Jenni Farley, Lin Shaye, Jennifer Hudson - Länge: 92 min.

96 Hours - Taken 2 - Frankreich 2012 - Originaltitel: Taken 2 -Regie: Olivier Megaton - Darsteller: Liam Neeson, Maggie Grace, Famke Janssen, Rade Serbedzija, Leland Orser, Luke Grimes, Laura Bryce, Aclan Bates, D.B. Sweeney - Länge: 91 min.

Archiv: Im Kino

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