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Im Kino

Wie hingehaucht

Die Filmkolumne. Von Lukas Foerster, Thomas Groh
25.10.2012. Die Schönheit von Ira Sachs' Liebesdrama "Keep the Lights On" hat etwas mit dem unwiederbringlichen Verstreichen von Zeit zu tun. Nadav Lapids "Policeman" untersucht die innere Zerrissenheit Israels.


Fast überbelichtet, wie ausgebrannt wirken manche Bilder in Ira Sachs' "Keep the Lights On". Wenn der dänische Regisseur Erik Rothman (Ture Lindhardt) zum ersten Mal mit ansieht, wie sein neuer Freund, der Anwalt Paul Lucy (Zachary Booth) Crack raucht, schneidet der Film vom anschließenden Liebesspiel hart auf einen hell strahlenden Museumsraum, in dem sich Erik und Paul zwischen einigen wenigen ausgestellten Fotografien bewegen und vom sie umbegebenden Weiß fast verschluckt werden. "Keep the Lights On" ist ein ausgesprochen schöner Film, ausgeleuchtet mit natürlichem Licht, getaucht in warme, aber nicht kraftvolle, eher ein wenig ausgebleicht wirkende Farben; fragile Farben, die jederzeit überschwemmt werden können von einer gefährlichen Helligkeit. In den Außenszenen gibt es oft Lichtreflexionen, die sich über die Straßen New Yorks legen, diese ein wenig derealisieren.

"Keep the Lights On" ist ein schwules Indie-Liebesdrama, das in der realitischen Färbung von Dialogen und Bildgestaltung zum Beispiel an Andrew Haigs "Weekend" anschließt; oder in der persönlichen Flektion des Materials an die - heterosexuellen, zerquälten und im direkten Vergleich freilich schon etwas plump anmutenden - Romanzen des Mumblecore-auteurs Joe Swanberg. Wenn "Keep the Lights On" über Haig und Swanberg hinaus führt, dann unter anderem in derartigen Lichtreflexionen, die eine Grundmelancholie in die Bilder einträgt, die etwas mit dem unwiederbringlichen Verstreichen von Zeit zu tun hat.

Streng verweigert sich der Film der Subjektivierung. Die Kamera hält meist einen mittleren Abstand, bewegt sich wenig, zeigt Eriks Leben, vor allem seine Beziehung mit Paul, dessen Drogenkonsum immer selbstzerstörerischere Ausmaße annimmt, dazwischen kürzere Geschichten mit anderen Männern oder auch Szenen mit seiner Freundin Claire, die ein Kind von ihm will, von außen. Nur in den Sexszenen rückt die Kamera nahe heran an die Körper, aber auch da wird kein spezifisches Erleben aufgerufen, eher eine allgemeinere erotische Sensation. Man kann das Lesen als ein Versuch, Erinnerungen gleichzeitig abzubilden und ein wenig von sich fernzuhalten. "Keep the Lights On" verarbeitet autobiografisches Material und verschiebt es gleichzeitig in die Fiktion. Die Grundzüge der Geschichte basieren auf Sachs' Beziehung zu dem Literaturagenten Bill Clegg, aber schon die dänischen Dialogzeilen, die Erik gelegentlich aufsagt, ziehen eine Distanz ein zwischen dem Amerikaner Sachs und seinem alter ego. Auch dreht Erik keine Spiel-, sondern Dokumentarfilme. Der Film "In Search of Avery Willard" über einen vergessenen schwulen Künstler, den Erik in "Keep the Lights On" dreht, existiert zwar tatsächlich, wurde jedoch von Sachs nur produziert und von einem anderen Regisseur inszeniert.



"Keep the Lights On" ist aus vielen kurzen Szenen zusammengesetzt. Nichts wird lang ausgespielt, ausdiskutiert. Mal ist Paul in Therapie, mal wieder auf Drogen, mal sind die beiden glücklich vereint, mal wartet Erik auf Paul, einsam in der Wohnung, während der gottweißwas macht. Viermal Viermal blendet Sachs Jahreszahlen ein: 1998, 2000, 2003, 2006. Zehn Jahre dauert die Beziehung, doch wieviel Zeit im Film wirklich vergeht, ist eine andere Frage. Wenn man genau hinsieht, kann man einige modische und technologische Veränderungen nachverfolgen, aber das ist nicht die Art von Zeitbild, die den Film interessiert. Festmachen kann man das zum Beispiel an der Musik. Die Liebesgeschichte entwickelt sich nicht, wie so viele andere Kinoliebesgeschichten, entlang zeitgenössischer Hits, sondern ist von Anfang bis Ende grundiert mit Kompositionen des 1992 - also vor dem Beginn der Erzählung - in Folge seiner AIDS-Erkrankung verstorbenen Musikers Arthur Russell: die fein gewebten, wie hingehauchten, nach Innen gewendeten Klangminiaturen übertragen den Film in die intime Zeit der Erinnerung, der Rückschau, die nicht die Gesamtheit der Vergangenheit aufruft, sondern nur einzelne Gesten, Worte, Lichtreflexionen. Das entscheidende an der Vergangenheit, das erkennt der Film, ist nicht, dass sie anders aussieht als die Gegenwart, sondern dass sie eben tatsächlich vergangen ist, abgeschlossen, nicht wiederzugewinnen, in der Gegenwart höchstens vorhanden als Spur, als vernarbte Wunde.

Im Grunde ist die Zeit innerhalb dieser Narbe gewordenen Vergangenheit suspendiert. Für Paul, der zwar innerlich, aber nicht äußerlich verfällt (und sich schließlich rekonstituiert). Vor allem aber für Erik, der neun Jahre lang dieselbe Frisur trägt, fast durchweg am selben Film dreht. Dass "Keep the Lights On" funktioniert, dass der Film seine vermeintlich allzu oft erzählte Geschichte so erzählen kann, dass man ihr gebannt folgt, so als habe man sie noch nie vernommen, liegt auch an dem großartigen Hauptdarsteller: Thure Lindhardts Spiel ist geprägt von einer untergründigen, zurückgenommen passiv-aggressiven Hysterie, die nie ganz zum Ausbruch kommt. Die Art, wie er sich, ein wenig staksig, durch die Straßen bewegt, dabei den Passanten ungelenk ausweichend, wie er mit verschränkten Armen in der Wohnung stehen bleibt, wenn Paul nach tagelanger, unerklärter Abwesenheit wieder zurück kommt und wie er dann nach Worten ringt und doch nur hilflos an der Badezimmertür stoppen, die Hand ausgestreckt, aber die Tür nur leicht berührend, sich in sich selbst zurückziehen kann: All das evoziert - wie auf andere Art die Lichtreflexionen und Arthur Russells gedämpften elektronischen Beats - eine enorme emotionale Intensität, die keine unmittelbare Übertragung des Dargestellten ist, sondern ihre Eigenart gerade durch Vermittlung, Übersetzung, Distanzierung gewinnt.

Lukas Foerster

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Sehr deutlich, sehr mittig zerfällt der Film in zwei Teile: Hier ist Yaron (Yiftach Klein), Alpha-Mann einer israelischen Polizei-Elitetruppe und werdender Vater, dort eine sich radikalisierende klassenkämpferische Gruppe rund um Shira (Yaara Pelzig), die mitten in den Vorbereitungen zu einer Geiselnahme stecken. Beide durch einen harten Schnitt separierte Teile hält Nadav Lapid in (wie schon die erste Einstellung zeigt) zwischen Intimität und Distanz changierenden, letztlich kühlen Bildern in etwa im Gleichgewicht - beide Stränge finden zusammen, als die Geiselnahme vollzogen wird: Schießbefehl! Ein Actionfilm ist "Policeman" dennoch nicht.

"Lass' das mit den Palästinensern draußen, das macht alles nur kompliziert", sagt einer der Terroristen beim Verfassen des Pamphlets, mit dem die Gruppe ihre Kritik - vorrangig an der rasant auseinandergehenden Schere zwischen Arm und Reich im Land - vermitteln will. Tatsächlich macht "Policeman" sehr eindeutig klar, dass es um den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern nicht geht. Auch das Elend, das Shira immer wieder in Brandreden anprangert, sieht man nicht im Bild: Es geht weniger um konkrete reale Konflikte, eher konturiert Nadav Lapid einen Riss, der durch die israelische Gesellschaft geht. Auch daher erklärt sich, warum der Film von der Kamera her ruhig und kalt, vom Schnitt her aber immer wieder hart und brutal konzipiert ist. Die sich auf den Straßen Tel Avivs manifestierende Protestbewegung gegen die kaum hinnehmbare Mietpreissituation, die im vergangenen Herbst als Vorspiel von "Occupy" zu beobachten war, liegt zeitlich nach den Dreharbeiten zu diesem Film - ist aber wie dieser ebenfalls Symptom einer inneren Zerrissenheit, die auch Shira - als Tochter aus wohlhabendem Hause, die für die Ärmsten das Wort ergreift - in sich spüren mag.



Man darf an "Policeman" nicht in Erwartung eines Thrillers herantreten. Spannend ist der Film als Beobachtungsstudie von Körpern und Bewegungen: Yaron etwa definiert sich ganz als aktiver, souveräner Körper - als Radfahrer, unter der Dusche, bei spontanen Liegestützen und Klimmzügen. Als Masseur seiner schwangeren Frau oder in einer fast schmerzhaft langen Einstellung, in der Yaron seine Freunde bei einem Grillfest begrüßt - jeden mit Handschlag und viriler Umarmung, für die Frauen hat er Kommentare wie "tolle Figur" und "du hast abgenommen" übrig. Nie expliziert, aber durch die Kamera eindeutig impliziert wird, dass er als werdender Vater und Ehemann einer hochschwangeren und deshalb an die Wohnung gefesselten Gattin auch mit anderen Frauen schläft: "Sie kann das Kind jeden Moment kriegen, deswegen kann ich nicht mit ihr ficken", sagt er an einer Stelle. Reiz-Reaktion - es ist nicht übertrieben zu sagen, dass Yaron, zwar nicht in seinen Zügen, aber in seinem Verhältnis zum Körper, fast animalische Züge trägt.

Dem gegenüber stehen die Terroristen  - Theoretiker, Klassenkämpfer, die über Wörter und Sätze streiten. In ihren Bewegungen oft gehemmt, manchmal leicht linkisch wirken. Als würde Nadav Lapid sagen wollen: "In Israel ist das Verhältnis zwischen Körper und Geist gestört." Der erste gesprochene Satz des Films lautet: "Dies ist das schönste Land der Welt".

Thomas Groh

Keep the Lights On - USA 2012 - Regie: Ira Sachs - Darsteller: Thure Lindhardt, Zachary Booth, Paprika Steen, Sebastian La Cause, Juliana Nicholson, Sarah Hess, Roberta Kirshbaum, Jamie Petrone, Maria Dizzia - Länge: 102 min. - Start: 25.10.2012

Policeman - Israel 2011 - Originaltitel: Ha-shoter - Regie: Nadav Lapid - Darsteller: Yiftach Klein, Yaara Pelzig, Michael Moshonov, Menashe Noï, Michael Aloni, Gal Hoyberger, Meital Berdah, Shaoul Mizrahi - Länge: 105 min. - Start: 25.10.2012
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