Im Kino

Schmetterlinge, Frittierfett

Die Filmkolumne. Von Ekkehard Knörer
23.12.2009. In seiner Hamburg-Komödie "Soul Kitchen" will Fatih Akin das Leben selbst zeigen: Blut, Schweiß, Fritten und die zarten Hände einer Chiropraktikerin. Und mit "Bright Star" hat Jane Campion einen Kostümfilm über die sehr befristete Liebe des Dichters John Keats zu seiner Nachbarin Fanny Brawne gedreht.

Ein Mann will gar nicht nach oben. Eigentlich will Zinos (Adam Bousdoukos) nur behalten, was er hat: Sein Restaurant "Soul Kitchen" mit nicht sehr feiner Adresse in Hamburg-Wilhelmsburg und seine Freundin, die für feinere Adressen Journalismus betreibt. Das Leben bzw. das Drehbuch aber wirft ihm Knüppel zwischen die Beine. Die Freundin bekommt einen Job als Zeit-Korrespondentin in Schanghai. Zinos ist ein Mann, der eigentlich auch gar nicht in den Osten will. Und doch verspricht er der Freundin immerzu, er wolle ihr hinterher. Als sähe er nicht, was die Zuschauerin sofort begreift, dass die beiden nicht zueinander passen. Und das Restaurant wird, wie es der Zufälle viele wollen, zum Spekulationsobjekt für einen zum erzschurkischen Kapitalisten entpuppten Ex-Klassenkameraden (Wotan Wilke Möhring). Der wittert Rendite für Immobilienbaugrund und spinnt wenig subtile Intrigen.

Dem Mann, der nicht nach oben will; dem Mann des Backfischs und der Fritteuse; dem Mann, der seine Freundin nur noch per Skype in Schanghai begehren darf; diesem Mann schneit, wie die Zufälle es wollen, ein exzellenter Koch von schwierigem Charakter in die Küche. Der Koch heißt Cem (Birol Ünel), macht die Gazpacho nicht warm und wirft, ist ihm danach, mit Messern. Er vertreibt das Stammpublikum. Dann spaziert Zinos Bruder Illias (eher ungriechisch: Moritz Bleibtreu) als Freigänger aus dem Knast ins Restaurant. Er ist spielsüchtig, wirbelt wie im Western der Held den Revolver seinen Schlüssel. Immer, immer wieder. Messerwerfen, Schlüsselwirbeln. Zinos erleidet einen Bandscheibenvorfall, gerät in die zarten Händen einer Chiropraktikerin, in die nicht so zarten Hände eines Wunderheilers, außerdem bahnt sich zwischen Illias und der Kellnerin Anna (Lucia Faust) noch etwas an. Jemand stirbt, das Finanzamt wird gefickt und wenn in der entschieden unvollständigen Nacherzählung der Eindruck entsteht, dass Fatih Akin in seinen Film mehr Handlung gepackt hat als in Knecht Rupprechts Sack Flöhe passen, dann muss man sagen: Stimmt.


Ständige Flucht nach vorn. Das Gesetz, das diese Komödie sich gibt: bloß nicht verharren, nur nicht zur Besinnung kommen, immer weiter, Wendung auf Wendung, dann fallen die himmelschreienden Stereotypen vielleicht nicht so auf. Akin setzt seinen Film, seine Figuren, seinen Plot unter Druck, aber nichts an diesem Druck ergibt sich aus dem Film, den Figuren, dem Plot selbst. Alles Machination eines Drehbuchautors, der zu keinem halbgaren Einfall "Nein" sagen kann. Dann nämlich kommt die Freundin mit einem chinesischen Lover aus China zurück. Dann nämlich wird der Ex-Klassenkamerad vom Finanzamt gefickt. Dann nämlich holt den Bruder die Spielsucht ganz fatal ein. Dann nämlich ist der Koch Cem weg. Dann nämlich schluckt Udo Kier einen Knopf. Dann nämlich hat die Chiropraktikerin gar zarte Hände.

Der Leitsatz der "Soul Kitchen"-Dramaturgie lautet offenkundig: "Wann immer die Geschichte ins Stocken gerät, werfe ich eben alles wieder über den Haufen." Nichts folgt aus etwas, alles, die Schauplätze, die Stereotypen und was sie tun: reine Willkür. Was in Komödien ja ein Ding der Möglichkeit ist, wenn sie diese Willkür zugleich reflektieren beziehungsweise um die Künstlichkeit ihres Erzählens sichtlich wissen. Bei Akin aber wird nie und nimmer etwas reflektiert und/oder sichtlich gewusst. Das Leben selbst will er zeigen, Blut, Schweiß und Frittierfett, aber er lockt's, weil er zur Form keine Idee hat, partout hinterm Ofen nicht vor. (Er hat, anfallsweise, Inszenierungseinfälle, die man, wie im schlechten Regietheater, mit einer Formidee nicht verwechseln darf.)


So schubst er und schiebt er seine Figuren ohne Hintersinn, ohne doppelten Boden, ohne eine Spur von Finesse über den kaum bespielbaren Acker, den dieses Drehbuch darstellt. Nackt flitzen dafür die sehr simplen Lebensweisheiten übers Feld: Geldgier böse, Familie wichtig, Zeit-Korrespondentin egoistisch. Und im Grunde steckt hinter dem schwitzenden Leben, das Akin und der Film ohne Pause behaupten, eine beträchtliche Lieblosigkeit - dem eigenen Handwerk, aber nicht zuletzt den Figuren gegenüber, die in Wahrheit nicht sie selbst, sondern nichts weiter als das sind, was sie darstellen sollen: das rohe Leben, den Grundguten, den Süchtigen, den Geldgierigen, die sich durch den Tag schlagende Künstlerin und so weiter.

Der Zwischenton ist Fatih Akins Sache nicht. Was nicht so schlimm wäre, träfe er überhaupt je einen Ton. Er spielt seine Geschichte aber wie ein Tauber auf total verstimmtem Klavier, wenn auch, was es nicht besser macht, mit viel Enthusiasmus, heftig und laut. Er hat sichtlich großen Spaß dabei, was nichts daran ändert, dass man es als Zuschauer schnell nur noch schwer erträgt. Man staunte schon beim böse missratenen Vorgänger "Auf der anderen Seite", wie um Gottes willen es sein konnte, dass Akins "Gegen die Wand" funktioniert hat - wohl deshalb, weil das ein Film war, in dem das Klavier aus dem zehnten Stock eines Hauses Absatz um Absatz die Treppe hinunter saust und poltert. Das ist die Sorte kaputter Performance, die Akin hinbekommt. In "Soul Kitchen" jedoch marodiert er mit dem Feingefühl eines Nilpferds durch eine Geschichte, deren behauptete Bauchgefühle reine Kopfgeburt bleiben.

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Endlose Ströme umfangreichster Biografien mehr oder minder berühmter Menschen ergießen sich Jahr für Jahr auf den britischen Buchmarkt. Zu den Spezialisten dieses boulevardnah siedelnden Gewerbes, die Spezialisten nicht für einen Gegenstand sind, sondern fürs Suchen nach Spuren, fürs Waschen oft genug schmutziger Wäsche und fürs Wühlen in Archiven, aus denen sie Einzelheiten ziehen, für die von Rechts wegen keine Sau sich interessieren sollte - zu diesen Spezialisten also, die alles wegbiografisieren, was ihnen vor die Flinte kommt, gehört auch der britische Ex-poeta-laureatus Andrew Motion. Vor gut zehn Jahren hat er eine Biografie des Dichters John Keats veröffentlicht, die bald darauf der australischen Filmemacherin Jane Campion ("Das Piano") in die Hände fiel. "Bright Star" ist das Ergebnis dieser Begegnung.

Es figuriert in der Biografie des John Keats, was für die Gedichte naturgemäß wenig zur Sache tut, die Liebesgeschichte zur ihrerseits ohne Keats nie und nimmer auf die Nachwelt gekommenen Fanny Brawne prominent. Kurz war das Leben des Keats, kürzer noch, sehr viel kürzer, war die Zeit, die den beiden für ihre Liebe blieb. Geboren war sie, die Liebe, aus der Not. Keats fand, bettelarm, bei einem befreundeten Dichter namens Charles Armitage Brown Unterschlupf vor den Toren von London und traf in diesem Unterschlupf auf die noch nicht volljährige Tochter der Vermieterin: Fanny. Über sie ist wenig überliefert, nicht zuletzt, weil Keats die Briefe, die sie ihm schrieb, nicht aufbewahrt hat. Seine jedoch haben wir noch. Aus ihnen bedient sich der Motion folgende Film fürs dampfgekochte Drama, das er aus den historischen Fakten macht.


Fanny ist der Bearbeitung durch heutige Fantasie und Projektion zugänglicher als Keats, in dem die Klischees vom verkannten und armen und kranken und viel zu früh verstorbenen Genie auf fast schon wieder langweilige Weise zusammenkommen. Campions Ehrgeiz geht nun dahin, diesem Keats (gespielt von Ben Wishaw) eine selbstbewusste Fanny (Abbie Cornish) gegenüberzustellen. Ein eher ärgerlicher Sekundärimpuls: die Unbekannte, die für Keats schon vor allem eine Projektionsfläche gewesen sein dürfte, wird nun in pseudofeministischer Nachträglichkeit aufgemantelt zur würdigen Partnerin des armen Genies. Die Strategie ist durchsichtig und eine Szene nach der anderen von "Bright Star" besteht aus der nicht unangestrengten Arbeit, die in die Selbstbehauptung Fanny Brawnes gesteckt wird. Dem selbst wenig begabten Dichter Brown (Paul Schneider), enger Freund Keats', hier aber vor allem als Fannys Widerpart eingesetzt, hält sie wiederholt stand. Und gleich zu Beginn reicht Jane Campion ihrer Heldin Nadel und Faden. Im ersten Bild des Films setzt Fanny einen Stich: Sie näht ihre Kleider selbst, gewillt zu ein wenig Extravaganz. In Farbe und Schnitt ragt die Heldin per handgenähtem Kostüm aus dem Restpersonal, ohne je richtig besonders zu sein.


Ein wenig ist das auch ein Selbstporträt Campions, ob sie will oder nicht. Eine Filmemacherin ermäßigten Eigensinns. Den Pomp, die Widerstandsüberwindungsdramaturgie und die eine oder andere Kostümliebesfilmgenreeinschlägigkeit fährt sie runter. Das allein, eine gewisse Dezenz (aber: Schmetterlinge! Geigen!), ein gewisser Fluss der Montage, ein gewisser Zug zu Impressionismus statt Ausstattungspomp hat Teile der Kritik bei der Aufführung von "Bright Star" in Cannes schon begeistert. Zu Unrecht. Jedem Schritt, den sich Campion vom typischen Kostümfilm entfernt, folgt ein Schritt in die andere Richtung sehr verlässlich.

Auf nichts muss man ganz verzichten: die Kostüme nicht, den Einspruch widriger Wirklichkeit gegen die Liebe nicht, das Liegen im Kornfeld nicht, die zärtliche Annäherung und das Verzweifelt-vor-dem-Fenster-Herumstehen nicht und zuletzt auch auf den Heulkrampf nach Übermittlung der Todesnachricht nicht. Worauf man dagegen verzichten oder jedenfalls bis zum Abspann warten muss: dass man von Keats hört, was an ihm eigentlich interessant ist - ein vollständig rezitiertes Gedicht. Sonst nur funktionalisierte, florilegisch herausgepflückte schöne Stellen: A Thing of Beauty Is a Joy Forever. Nicht fürs Gedicht und den, der sie schrieb, interessiert sich der Film, er bedient sich nur der Gedichte: für Liebesbehauptung, Todesahnung und dergleichen. In keinem der Züge, die ihn vom Üblichen distanzieren sollen, ist Campions "Bright Star" konsequent. Heraus kommt ein weitgehend geschmackssicher, stets elegant inszeniertes Werk, voll guter Absichten und freundlich-trauriger Leidenschaft, weit entfernt von Zumutungen und wirklicher Originalität jeder Art. Kurzum: Bionade-Biedermeier für Kinogänger.

Ekkehard Knörer

Soul Kitchen. Deutschland 2009 - Regie: Fatih Akin - Darsteller: Adam Bousdoukos, Moritz Bleibtreu, Birol Ünel, Anna Bederke, Lucas Gregorowicz, Demir Gökgöl, Wotan Wilke Möhring, Pheline Roggan, Dorka Gryllus

Bright Star.Großbritannien / Australien / Frankreich / USA 2009 - Originaltitel: Bright Star - Regie: Jane Campion - Darsteller: Ben Whishaw, Abbie Cornish, Paul Schneider, Kerry Fox, Thomas Sangster, Samuel Barnett, Sebastian Armesto, Samuel Roukin