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Im Kino

Branchenüblicher Zynismus

Die Filmkolumne. Von Lukas Foerster, Thomas Groh
21.12.2011. George Clooney verleiht in "The Ides of March" leeren Sälen und Turnhallen der Obama-Ernüchterung des linksliberalen Hollywoods Ausdruck, manövriert aber mitunter wie ein Filmstudent. Zwischen Oktoberfest und Pornofilm-Set sucht Nikolaus Geyrhalter in "Abendland" dessen Bewohner, kommt dabei aber über Vorurteile kaum hinaus.


Häufig bewegt sich Stephen Meyers (Ryan Gosling) durch nichts als Schwärze oder schält sich, oft nur ansatzweise, aus dem Dunkel, ebenso schiebt er sich zurück ins Unsichtbare. Er regelt die Dinge im Hintergrund, testet - etwa in der Eröffnungssequenz - das Medienequipment auf der Bühne vor leerem Saal, der in einer paar Stunden rappelvoll sein wird, um schließlich im Ernstfall dort nicht mehr in Erscheinung treten zu müssen. Stephen Meyers ist der zweite Mann im Kampagnenteam von Gouverneur Mike Morris (George Clooney), der in Ohio die zentrale Schlacht auf dem Weg zu einer möglichen Präsidentschaft zu schlagen hat. Und er ist ein junger Aufsteiger in dieser Branche, der verfettende Männer mit Haarausfall voranstehen (auf republikanischer Gegenseite Paul Giamatti als Tom Duffy; an der Spitze der eigenen Seite: Philip Seymour Hoffman als Paul Zara), sowie bei aller Karrierefixiertheit überdurchschnittlich idealistisch: Mit Morris, einem unzweifelhaft an Barack Obama angelegten Charismatiker und begnadetem Redner, das Weiße Haus fest im Blick, ist er der seltene Fall eines Karrieristen, der seine Überzeugungen bei diesem Lebensweg nicht zu Grabe trägt.

Doch kennzeichnet die Schwärze Meyer nicht nur als unsichtbaren Mann, sondern auch als einen, der aus dieser Unsichtbarkeit hervortritt - im ersten Bild buchstäblich auf die Bühne ins Scheinwerferlicht - und von der Schwärze des branchenüblichen Zynismus schließlich geschluckt zu werden droht: Als Meyers von Duffy ein Angebot zum Seitenwechsel erhält, dies aber, nach einem Treffen unter vier Augen ohne Zaras Kenntnis, ausschlägt und sich überdies auf eine Affäre mit der Praktikantin Molly (Evan Rachel-Wood) einlässt, zieht sich die Schlinge um Meyers' Hals existenz- und kampagnenbedrohend zu - bis Meyers zum skrupellosen Gegenmanöver ansetzt.



Ein Film über politische Ideale, berufliche Kompromisse und, schlussendlich, das Maß an Zynismus, das den Weg an die ganz großen Fleischtöpfe entschieden erleichtert. Rundum bemerkenswert ist es, dass Clooney - sonst und vor allem in seinen Filmen die engagierteste Stimme des linksliberalen Hollywoods - diese bittere Geschichte hinter den Kulissen der Wahlkampagne eines fast schon grotesk charismatischen, progressiven Ideal-Präsidenten in spe und damit aus Clooneys Perspektive auf der "guten" Seite ansiedelt: Das mag viel aussagen über die Obama-Ernüchterung und ist fast sogar ein bisschen böse, wenn Meyers in einem entscheidenden Dialog eine fatale wie allzu menschliche Verfehlung Morris' anspricht, die schwerer wiege als alle Kriege und wirtschaftlich desaströse Entscheidungen, mit denen ein Präsident ohne weiteres davonkommen könne. Allerdings ist "The Ides of March" in jenen Momenten auch am schwächsten, in denen der Plot vorangetrieben werden und Schauspieler vor ruhiger Kamera ein menschliches Drama in kleinste Mundwinkelregungen übersetzen sollen. Gerade im mittleren Teil des Films, der von einem arg ausgezirkelten, melodramatischen Binnenplot getragen wird, verfällt der Film in plumpe, standardisierte Manöver zur Steuerung des emotionalen Haushalts aus dem Handbuch für angehende Filmstudenten.



Stark ist "The Ides of March" hingegen immer dann, wenn er eine Art Raumgrammatik entwirft und unterschiedlichste Sphären eines Wahlkampfs - den privaten Transitraum des Hotels, die Schaltzentrale des Kampagnenbüros, die Bühne des öffentlichen Geschehens und der wahlkampfwirksamen medialen Repräsentation - genauer in den Blick nimmt, miteinander kontrastiert oder gegen ihren eigentlichen Status bürstet: Eine leere Turnhalle wird zum Rückzugsraum für grundlegende Strategiegespräche, das Geschehen auf einer Bühne vor leerem Saal bringt Erkenntnisgewinn, was den performativen Charakter noch der rhetorisch geschliffensten Rede betrifft. Die entscheidenden Weichenstellungen werden ohnedies an entlegenen Orten in die Wege geleitet - auf Parkbänken, im Treppenhaus zum Dachboden, in der Küche eines Restaurants nach Feierabend, auf der Rückbank in einer Staatskarosse, oder aber - bildlich einem der stärksten Momente des ganzen Films - hinter einer gigantischen Flagge der USA, vor der Morris gerade eine zentrale Rede hält. Oft ist es nur eine hauchdünne Schicht, die die eigentlichen Ereignisse von den mediengerecht zurecht geschmiedeten Auftritten der buchstäblich um Repräsentation bemühten Demokratie trennt, und diese Schicht ist die Symbolpolitik der USA selbst, scheint dieses Bild zu sagen, das man so auch in den großen Verschwörungsthrillern eines Alan Pakula finden könnte. In diesen Momenten ist George Clooney, als Regisseur wie als öffentliche Persona, eben doch ganz bei sich.

Thomas Groh

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Mit der Großaufnahme einer Überwachungskamera beginnt der Film. Die Kamera dreht sich um zwei Achsen, scheinbar autonom, kein Mensch, der sie bedient, vorerst auch kein Blickobjekt ist in Sicht. Dann ein Schnitt auf einen Mann, der vor einem Bildschirm sitzt und die Kamera mit einem Joystick steuert. Er scheint, soweit man das seinem Gemurmel entnehmen kann, auf der Suche nach Eindringlingen zu sein. Dann wieder ein Umschnitt auf eine Totale des Überwachungswagens mit auf dem Dach befestigter Kamera in der Nähe eines Grenzzauns. Eine Art dialektischer Dreischritt: Kamera - Kamerabild - Kamerablick im Raum.

Das ist dann schon die erste von um die zwanzig kurzen dokumentarischen Szenen, die Nikolaus Geyrhalters "Abendland" kommentarlos und mit wenigen Ausnahmen ohne direkt ersichtliche Übergänge oder sich aus dem Material ergebender Reihenfolge hintereinander stellt. Die meisten dieser Miniaturen zeigen öffentliche oder institutionelle Räume und porträtieren gleichzeitig einen Ort und einen Funktionszusammenhang. Eine Poststation und den zugehörigen Paketversand, das Oktoberfest und ein Besäufnis mit anschließendem Notfallwageneinsatz, ein Filmset, auf dem ein Porno gefilmt wird. Gedreht wurde in mehreren europäischen Ländern, gelegentlich tauchen emblematische Bilder des modernen Abendlands auf: das Europaparlament, der Eurofighter.

Die einzelnen Szenen sind in meist um die zehn Einstellungen aufgelöst, die Kamera bleibt oft statisch, die wenigen Bewegungen, die es gibt, sind dann sehr prägnant, Schwenks zum Beispiel enthalten den Gestus des Zeigens. Es gibt eine Tendenz zur symmetrischen Totalen. Innerhalb der Segmente finden sich oft kleine Argumentationsketten. Einige in der Art der eingangs beschriebenen Szene: im Europaparlament zum Beispiel Rede - Gegenrede - Sprachgewirr (statt: Verständigung). Andere funktionieren weniger dialektisch: Castortransport kommt zum Stehen - Demonstranten ketten sich an die Gleise - Demonstranten werden von den Gleisen entfernt - Castortransport fährt weiter.



Die Kamerafahrt entlang der Bahngleise ist, wie einiges andere in "Abendland", visuell beeindruckend. Dennoch muss man von den zyklisch wiederkehrenden Castordemonstrationen, die ja streng genommen eher Heimatschutzfestspiele als Anti-Atomkraft-Protest sind, nicht viel halten, um gerade in dieser Sequenz eine eindeutige ideologische Positionierung des Films ausmachen zu können, die auf die totale Diskreditierung individueller politischer Handlungsmacht hinausläuft: Die Demonstranten (die teilweise lieber tanzen wollen) werden erst von der Demonstrationsleitung aus dem Off zur Ordnung gerufen und dann von der Ordnungsmacht Polizei wieder abtransportiert, der Zug hat Verspätung, aber die ist längst eingeplant. Die Entscheidung, das Segment mit dem wiederanfahrenden Zug enden zu lassen, verschiebt den Modus der Bilder endgültig von der Diagnose zur Setzung. Nicht: Ich gehe ins Abendland und schaue mir an, was ich da finde; sondern: Ich zeige Euch mein Abendland. Nicht, dass der Film das, was er zeigt, affirmieren würde. Er schließt nur von Anfang an die Option Veränderung aus.

Das ist der Abendlandbewohner für diesen österreichischen Dokumentarfilm: Gleich nach der Geburt wird er verkabelt, bleibt dann von der Wiege bis zur Bahre eingespannt in Maschinenkonstruktionen, wird ständig beobachtet und vermessen, baut schließlich selbst einen technologischen Wall um sich auf, um die diversen, nicht-abendländischen Anderen von sich fernzuhalten, am Ende steigt er vielleicht sogar, wer weiß, in den Eurofighter, um die Festung Europa mit Waffengewalt zu sichern. Intimität und Lebenslust und damit alle Situationen, in denen man sich emphatisch als Individuum in der und auch gegen die Gesellschaft positionieren kann, kommen in einem solchen, weitgehend in Technik augehobenen Leben nur noch als ihre eigene Parodie vor, als Pornografie und totalitärer Kirmes-Techno. Es mag schon etwas dran sein an dieser Diagnose. Nur leider wurde ich das Gefühl nicht los, dass Nikolaus Geyrhalter das alles schon wusste oder zu wissen glaubte, bevor er damit begann, diesen Film zu drehen. Und dass der Film dann nicht mehr ist als die Bebilderung eines Vorurteils, das nicht versprachlicht wird, sich in den Bildern aber umso nachdrücklicher einnistet und das spätestens in dieser ästhetischen Bearbeitung eine antidemokratische Schlagseite nicht verleugnen kann.

Lukas Foerster

The Ides of March - Tage des Verrats - USA 2011 - Regie: George Clooney - Darsteller: Darsteller: Ryan Gosling, George Clooney, Evan Rachel Wood, Paul Giamatti, Marisa Tomei, Philip Seymour Hoffman, Max Minghella, Jeffrey Wright - Länge: 97 min.


Abendland - Österreich 2011 - Regie: Nikolaus Geyrhalter - Länge: 94 min.

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