25 Jahre Perlentaucher
Prägende Lektüren?
Von Gustav Seibt
18.02.2025. "Mir bedeuten die sprachlich konzentrierten, stilistisch abgespeckten Bücher inzwischen mehr als die Feste der Sprache." Gustav Seibt antwortet auf die Kritikerumfrage des Perlentaucher.25 Jahre Perlentaucher: Wir fragen die bekanntesten Kritiker und Kritikerinnen Deutschlands: "Welches waren für Sie die fünf prägendsten Bücher der deutschsprachigen Literatur seit 2000" (Editorial). Als Orientierung haben wir ihnen diese Liste mit den meistbesprochenen Büchern der deutschen Literatur seit 2000 mitgegeben. Am 13. März feiern wir mit dem Deutschland Literaturarchiv in Marbach und der Frage: Wohin geht die deutsche Literatur? Das Archiv der bisherigen Beiträge finden Sie hier. D.Red.
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Ob man jenseits der Vierzig - das war ich, als der Perlentaucher mit seiner Arbeit begann - von Lektüren noch "geprägt" werden kann, ist fraglich. Man darf, wenn man nicht mehr ganz jung ist, dankbar sein, wenn Literatur überhaupt noch "spricht", auch beim Wiederlesen. Mir fallen aus dem letzten Vierteljahrhundert aber schon genügend Bücher ein, die mir auch jenseits des literaturkritischen Berufs im Gedächtnis geblieben sind:
1) Christoph Heins Roman "Willenbrock" (2000), der mit unheimlicher Hellsicht die Konstellation beschrieb, die bis heute den extremistischen Protest in Ostdeutschland trägt: Der Systemwechsel von 1990 als Ordnungsverlust und Globalisierung als Grenzverlust, beides als existenzielle Verunsicherung.
2) Wilhelm Genazinos Bildungsroman "Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman" (2003), als gestochen scharfes Zeitbild Westdeutschlands um 1960 und zugleich als zeitlose moralische Geschichte gegen intellektuellen Hochmut. Der Held steht wie Wilhelm Meister vor der Entscheidung zwischen einem kaufmännischen und einem ästhetischen Beruf. Er entscheidet sich zunächst gegen das Schreiben und wird Lagerarbeiter. Der Roman selbst beweist, dass das nicht das Ende war, dass aber die erste Entscheidung richtig war. Genazino ist komisch und streng zugleich, das kann sonst keiner.
3) Jenny Erpenbecks Roman "Heimsuchung" (2006), der eine originelle Form von Geschichtsschreibung vorführt, in der das Subjekt des Geschehens über die Epochen des 20. Jahrhunderts eine Immobilie ist. Was für ein glänzender, hier stringent und kompakt ausgeführter Einfall! Die Seevilla bei Bad Saarow ist das narrativ unentbehrliche Element der Kontinuität, das die Brüche umso deutlicher hervortreten lässt.
4) Angelika Klüssendorfs Memoir "Das Mädchen" von 2011, samt seinen Fortsetzungen ("April" 2014, "Jahre später" 2018). Wir hatten eine deutsche Annie Ernaux schon, bevor Autofiktion zu beherrschenden literarischen Mode wurde! Hier wird Sprache zur Rettung aus dramatischen und gewaltsamen sozialen Umständen. Lakonie als Gefäß für verletzte Subjektivität, Kälte als Überlebensform in der menschlichen Katastrophe, ein Stil, der trotz allem die Fassung bewahrt.
5) In der Liste des Perlentauchers vermisse ich Walter Kempowskis Spätwerk "Alles umsonst" von 2006. Gibt es einen verzweifelteren, umfassenderen historischen Roman zur deutschen Katastrophe, die alle ihre Aspekte, Holocaust, Krieg, Vertreibungen, das unentrinnbare Geflecht der Schuld, aufgreift? Ich kenne keinen. Kempowski ist hier ganz bei sich, bei seiner eigentlichen Stärke: nüchterner, abgründiger Trauer. Ich erkenne in dieser verhaltenen Trauer auch die einzige glaubwürdige Form eines Patriotismus, der nicht in purer politischer Gegenwart hängenbleibt.
Ja, auch Wolfgang Herrndorfs Bücher haben mich umgehauen, erst "In Plüschgewittern", dann "Tschick". Als Rezensent darf man sich glücklich preisen, wenn man so etwas zu rühmen bekommt.
Mir fällt bei der kleinen Auswahl auf, dass mir die sprachlich konzentrierten, stilistisch abgespeckten Bücher inzwischen mehr bedeuten als die Feste der Sprache, die mich in meiner Jugend "geprägt" haben, bei Thomas Mann, Arno Schmidt und Carlo Emilio Gadda. Als Beispiel aus der nicht deutschsprachigen Literatur möchte ich für diese schlanke Form noch Philipp Roth' Meisterwerk "Nemesis" von 2010 nennen.
Konzentration heißt immer auch Abstand - er ist mir offenbar lieber als die beliebte Immersion.
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Ob man jenseits der Vierzig - das war ich, als der Perlentaucher mit seiner Arbeit begann - von Lektüren noch "geprägt" werden kann, ist fraglich. Man darf, wenn man nicht mehr ganz jung ist, dankbar sein, wenn Literatur überhaupt noch "spricht", auch beim Wiederlesen. Mir fallen aus dem letzten Vierteljahrhundert aber schon genügend Bücher ein, die mir auch jenseits des literaturkritischen Berufs im Gedächtnis geblieben sind:
1) Christoph Heins Roman "Willenbrock" (2000), der mit unheimlicher Hellsicht die Konstellation beschrieb, die bis heute den extremistischen Protest in Ostdeutschland trägt: Der Systemwechsel von 1990 als Ordnungsverlust und Globalisierung als Grenzverlust, beides als existenzielle Verunsicherung.
2) Wilhelm Genazinos Bildungsroman "Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman" (2003), als gestochen scharfes Zeitbild Westdeutschlands um 1960 und zugleich als zeitlose moralische Geschichte gegen intellektuellen Hochmut. Der Held steht wie Wilhelm Meister vor der Entscheidung zwischen einem kaufmännischen und einem ästhetischen Beruf. Er entscheidet sich zunächst gegen das Schreiben und wird Lagerarbeiter. Der Roman selbst beweist, dass das nicht das Ende war, dass aber die erste Entscheidung richtig war. Genazino ist komisch und streng zugleich, das kann sonst keiner.
3) Jenny Erpenbecks Roman "Heimsuchung" (2006), der eine originelle Form von Geschichtsschreibung vorführt, in der das Subjekt des Geschehens über die Epochen des 20. Jahrhunderts eine Immobilie ist. Was für ein glänzender, hier stringent und kompakt ausgeführter Einfall! Die Seevilla bei Bad Saarow ist das narrativ unentbehrliche Element der Kontinuität, das die Brüche umso deutlicher hervortreten lässt.
4) Angelika Klüssendorfs Memoir "Das Mädchen" von 2011, samt seinen Fortsetzungen ("April" 2014, "Jahre später" 2018). Wir hatten eine deutsche Annie Ernaux schon, bevor Autofiktion zu beherrschenden literarischen Mode wurde! Hier wird Sprache zur Rettung aus dramatischen und gewaltsamen sozialen Umständen. Lakonie als Gefäß für verletzte Subjektivität, Kälte als Überlebensform in der menschlichen Katastrophe, ein Stil, der trotz allem die Fassung bewahrt.
5) In der Liste des Perlentauchers vermisse ich Walter Kempowskis Spätwerk "Alles umsonst" von 2006. Gibt es einen verzweifelteren, umfassenderen historischen Roman zur deutschen Katastrophe, die alle ihre Aspekte, Holocaust, Krieg, Vertreibungen, das unentrinnbare Geflecht der Schuld, aufgreift? Ich kenne keinen. Kempowski ist hier ganz bei sich, bei seiner eigentlichen Stärke: nüchterner, abgründiger Trauer. Ich erkenne in dieser verhaltenen Trauer auch die einzige glaubwürdige Form eines Patriotismus, der nicht in purer politischer Gegenwart hängenbleibt. Ja, auch Wolfgang Herrndorfs Bücher haben mich umgehauen, erst "In Plüschgewittern", dann "Tschick". Als Rezensent darf man sich glücklich preisen, wenn man so etwas zu rühmen bekommt.
Mir fällt bei der kleinen Auswahl auf, dass mir die sprachlich konzentrierten, stilistisch abgespeckten Bücher inzwischen mehr bedeuten als die Feste der Sprache, die mich in meiner Jugend "geprägt" haben, bei Thomas Mann, Arno Schmidt und Carlo Emilio Gadda. Als Beispiel aus der nicht deutschsprachigen Literatur möchte ich für diese schlanke Form noch Philipp Roth' Meisterwerk "Nemesis" von 2010 nennen.
Konzentration heißt immer auch Abstand - er ist mir offenbar lieber als die beliebte Immersion.
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