25 Jahre Perlentaucher
"Komm mit mir in den üdülö"
Von Marie Luise Knott
20.02.2025. "Immer geht es verdichtet prosaisch, ja alltäglich zur Sache. Mit Schönheit, Fantasie und Präzision wird alles beleuchtet, was geschieht." Marie Luise Knott antwortet auf die Kritikerumfrage des Perlentaucher.25 Jahre Perlentaucher: Wir fragen die bekanntesten Kritiker und Kritikerinnen Deutschlands: "Welches waren für Sie die fünf prägendsten Bücher der deutschsprachigen Literatur seit 2000" (Editorial). Als Orientierung haben wir ihnen diese Liste mit den meistbesprochenen Büchern der deutschen Literatur seit 2000 mitgegeben. Am 13. März feiern wir mit dem Deutschland Literaturarchiv in Marbach und der Frage: Wohin geht die deutsche Literatur? Das Archiv der bisherigen Beiträge finden Sie hier. D.Red.
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jeder 1 gedicht im kopf
Danach gefragt, was in den Jahren seit Gründung des Perlentauchers die 5 wichtigsten Neuerscheinungen im deutschsprachigen Raum waren, gerate ich in die Bredouille. Welches Buch hat unsere Zeit geprägt? Und welches meine?
Viele der Autoren, die mir bei der Anfrage spontan einfielen, sind im Original nicht deutschsprachig, auch wenn ihre Werke im deutschsprachigen Raum erschienen sind - darunter Inger Christensens "Alphabet", J.M. Coetzees "Elizabeth Costello", Cécile Wajsbrots "Zerstörung", Alice Oswalds "Memorial", Anne Carsons "Anthropologie des Wassers", Zoltan Danys "Rosenroman" oder "Die Mittellosen" von Szilárd Borbély.
Hier also, lieber Taucherinnen und Taucher, meine Liste, Stand 1. November 2024. Fiele sie morgen schon wieder anders aus?
1. Esther Kinsky, "Sommerfrische", MSB, Berlin 2009. "Komm mit mir in den üdülö", sagt der Zwiebelmann Jimmy in dem Band zu seiner Katica, und so entführt der kurze Roman uns auf eine Reise in den Ort Südungarns, zu den Pfauen und den Fischen, zur Liebe und zu den Erdbrüchen. Hier findet sich bereits der präzise Blick, und die zarte Wucht ihres gesamten literarischen Schaffens. Kinskys reiche Sprache schmiegt sich auch in der Prosa nahe an die Dichtung. Selten wurde so frei und so zugewandt und so schwebend erzählt über das Leben in einem Dorf an einem Fluss. In "Sommerfrische" ist alles schon da, was Kinskys Werk durchzieht, zuallererst die Erfahrung, dass Sprache aus Erinnerung gemacht ist.
2. Lutz Seiler, "Stern 111", Suhrkamp Verlag 2021, hat uns den Blick auf das Fremd-Eigene unserer Zeit grandios erweitert. Seiler erweist sich nach "Kruso" ein weiteres Mal als Porträtist deutschdeutscher Gegenwarten. Wo immer ich das Buch aufschlage, geht es verdichtet prosaisch, ja alltäglich zur Sache. Mit Schönheit, Fantasie und Präzision wird alles beleuchtet, was geschieht. Ein Wenderoman, der den Riss der Geschichte offenlegt. Immer neu belichtet. Und die Wunden, welche Geschichte in den Menschen schlägt, werden sichtbar. In diesem Familiendrama fliehen die Eltern ins Weite, der Junge in die anarchistische Szene des Post-DDR'schen Prenzlauer Bergs.
3. Herta Müller, "Atemschaukel", Hanser Verlag, 2009 . Dieser Roman, der vor allem aus Gesprächen mit Oskar Pastior entstand und vom Kampf ums Überleben in einem russisches Arbeitslager nach 1945 handelt, entfaltet existenzielle Fragen des Menschseins in einer großartigen Bildlichkeit - Herzschaufel, Zwiebelmann und der Kampf mit dem Hungerengel. "ICH WEISS DU KOMMST WIEDER." Der Satz der Großmutter beim Abschied des Jungen trägt ihn durch die Lagerzeit. In allen Werken Herta Müllers erweist sich Sprache als Grund im Abgrund.
4. Friederike Mayröcker. Von ihr würde ich am liebsten, wie von den vorigen auch, alle Bücher nennen, denn Mayröckers phantastische Sprachwelten sind immer im Wandel und entfachen sich immer neu an den kleinsten und größten Dingen . Der "ganze Wahnwitz der Heiligkeit dieses Lebens" geht bei ihr ein in die "entzündbare Brust der Strophen" (Marcel Beyer). Am Beginn der Perlentaucher-Ära veröffentlichte Suhrkamp "Requiem für Ernst Jandl" (2001). Drei Tage vor Jandls Tod, verfasste sie als Paraphrase auf eines seiner Gedichte:
("in der küche ist es kalt
ist jetzt strenger winter halt
mütterchen steht nicht am herd
und mich fröstelt wie ein pferd" EJ)
in der küche stehn wir beide
rühren in dem leeren topf
schauen aus dem fenster beide
jeder 1 gedicht im kopf.
6.6.2000
5. "abrasch. Eine Sammlung für Poesie als Übersetzung", hg. von Alma Vallazza, edition per procura 2002. Gleich eingangs wird dort klar gemacht, dass Dichtung aus Buchstaben gemacht ist. Wer weiß schon, was alles ein "abrasch" ist. Ein Pferdeschmuck, Futter zur Begütigung gieriger Dämonen, Tönungsschwankungen in Webfäden bei Teppichen? Alma Vallazza jedenfalls hatte in "abrasch" lauter Fundstücke zur Begütigung der Abstürze im Übersetzen zusammengetragen - eine unscheinbare Sammlung, ein Gewebe, auf das ich immer wieder zurückkomme. Zu Yoko Tawadas "Celan liest Japanisch" ebenso wie zu "Die Moral der Teppiche" von Rudolf Kassner.
Nachsatz
Warum sind 5 nur 5? Wo bleiben Uljana Wolfs "falsche freunde" (in meiner Kehle sitzt ein lump, der jedes lied zu einer lüge umverklumpt); wo bleibt ihr neuester Gedichtband "Muttertask", wo bleibt Yoko Tawadas "Sprachpolizei", Ilse Aichingers "Unglaubwürdige Reisen", Sasha Marianna Salzmanns Istanbul-Roman "Außer sich", und natürlich: Barbara Köhlers "Niemandsfrau"? Außerdem fehlt die Sprachmagie von Oskar Pastior, die mich bannt, seit ich vor Jahrzehnten das erste Mal von seinen "Jalousien" hörte.
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jeder 1 gedicht im kopf
Danach gefragt, was in den Jahren seit Gründung des Perlentauchers die 5 wichtigsten Neuerscheinungen im deutschsprachigen Raum waren, gerate ich in die Bredouille. Welches Buch hat unsere Zeit geprägt? Und welches meine?
Viele der Autoren, die mir bei der Anfrage spontan einfielen, sind im Original nicht deutschsprachig, auch wenn ihre Werke im deutschsprachigen Raum erschienen sind - darunter Inger Christensens "Alphabet", J.M. Coetzees "Elizabeth Costello", Cécile Wajsbrots "Zerstörung", Alice Oswalds "Memorial", Anne Carsons "Anthropologie des Wassers", Zoltan Danys "Rosenroman" oder "Die Mittellosen" von Szilárd Borbély.
Hier also, lieber Taucherinnen und Taucher, meine Liste, Stand 1. November 2024. Fiele sie morgen schon wieder anders aus?
1. Esther Kinsky, "Sommerfrische", MSB, Berlin 2009. "Komm mit mir in den üdülö", sagt der Zwiebelmann Jimmy in dem Band zu seiner Katica, und so entführt der kurze Roman uns auf eine Reise in den Ort Südungarns, zu den Pfauen und den Fischen, zur Liebe und zu den Erdbrüchen. Hier findet sich bereits der präzise Blick, und die zarte Wucht ihres gesamten literarischen Schaffens. Kinskys reiche Sprache schmiegt sich auch in der Prosa nahe an die Dichtung. Selten wurde so frei und so zugewandt und so schwebend erzählt über das Leben in einem Dorf an einem Fluss. In "Sommerfrische" ist alles schon da, was Kinskys Werk durchzieht, zuallererst die Erfahrung, dass Sprache aus Erinnerung gemacht ist.
2. Lutz Seiler, "Stern 111", Suhrkamp Verlag 2021, hat uns den Blick auf das Fremd-Eigene unserer Zeit grandios erweitert. Seiler erweist sich nach "Kruso" ein weiteres Mal als Porträtist deutschdeutscher Gegenwarten. Wo immer ich das Buch aufschlage, geht es verdichtet prosaisch, ja alltäglich zur Sache. Mit Schönheit, Fantasie und Präzision wird alles beleuchtet, was geschieht. Ein Wenderoman, der den Riss der Geschichte offenlegt. Immer neu belichtet. Und die Wunden, welche Geschichte in den Menschen schlägt, werden sichtbar. In diesem Familiendrama fliehen die Eltern ins Weite, der Junge in die anarchistische Szene des Post-DDR'schen Prenzlauer Bergs.
3. Herta Müller, "Atemschaukel", Hanser Verlag, 2009 . Dieser Roman, der vor allem aus Gesprächen mit Oskar Pastior entstand und vom Kampf ums Überleben in einem russisches Arbeitslager nach 1945 handelt, entfaltet existenzielle Fragen des Menschseins in einer großartigen Bildlichkeit - Herzschaufel, Zwiebelmann und der Kampf mit dem Hungerengel. "ICH WEISS DU KOMMST WIEDER." Der Satz der Großmutter beim Abschied des Jungen trägt ihn durch die Lagerzeit. In allen Werken Herta Müllers erweist sich Sprache als Grund im Abgrund.
4. Friederike Mayröcker. Von ihr würde ich am liebsten, wie von den vorigen auch, alle Bücher nennen, denn Mayröckers phantastische Sprachwelten sind immer im Wandel und entfachen sich immer neu an den kleinsten und größten Dingen . Der "ganze Wahnwitz der Heiligkeit dieses Lebens" geht bei ihr ein in die "entzündbare Brust der Strophen" (Marcel Beyer). Am Beginn der Perlentaucher-Ära veröffentlichte Suhrkamp "Requiem für Ernst Jandl" (2001). Drei Tage vor Jandls Tod, verfasste sie als Paraphrase auf eines seiner Gedichte: ("in der küche ist es kalt
ist jetzt strenger winter halt
mütterchen steht nicht am herd
und mich fröstelt wie ein pferd" EJ)
in der küche stehn wir beide
rühren in dem leeren topf
schauen aus dem fenster beide
jeder 1 gedicht im kopf.
6.6.2000
5. "abrasch. Eine Sammlung für Poesie als Übersetzung", hg. von Alma Vallazza, edition per procura 2002. Gleich eingangs wird dort klar gemacht, dass Dichtung aus Buchstaben gemacht ist. Wer weiß schon, was alles ein "abrasch" ist. Ein Pferdeschmuck, Futter zur Begütigung gieriger Dämonen, Tönungsschwankungen in Webfäden bei Teppichen? Alma Vallazza jedenfalls hatte in "abrasch" lauter Fundstücke zur Begütigung der Abstürze im Übersetzen zusammengetragen - eine unscheinbare Sammlung, ein Gewebe, auf das ich immer wieder zurückkomme. Zu Yoko Tawadas "Celan liest Japanisch" ebenso wie zu "Die Moral der Teppiche" von Rudolf Kassner.
Nachsatz
Warum sind 5 nur 5? Wo bleiben Uljana Wolfs "falsche freunde" (in meiner Kehle sitzt ein lump, der jedes lied zu einer lüge umverklumpt); wo bleibt ihr neuester Gedichtband "Muttertask", wo bleibt Yoko Tawadas "Sprachpolizei", Ilse Aichingers "Unglaubwürdige Reisen", Sasha Marianna Salzmanns Istanbul-Roman "Außer sich", und natürlich: Barbara Köhlers "Niemandsfrau"? Außerdem fehlt die Sprachmagie von Oskar Pastior, die mich bannt, seit ich vor Jahrzehnten das erste Mal von seinen "Jalousien" hörte.
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