Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Literatur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.02.2025 - Literatur

Adam Soboczynski antwortet auf unsere Kritikerumfrage zum 25-jährigen Bestehen des Perlentauchers. Zu den prägendsten Bücher deutscher Sprache des aktuellen Jahrtausends gehören für ihn Bücher von Günter Grass, Juli Zeh, Daniel Kehlmann, Ursula Krechel und Christian Kracht - und fügt im Addendum weitere hinzu: "Die Wichtigkeit ist nicht zwingend ein ästhetisches Kriterium. Wichtigkeit suggeriert Status und Relevanz, einen machtvollen Einfluss auf die Nachwelt. Auch ein schlechtes Buch kann leider wichtig sein. Jeder, der angefragt wurde, soll die fünf wichtigsten Bücher benennen. Das ist unmöglich, ich habe mir etwa fünfzehn notiert, und ich kann mich unmöglich festlegen." Hier alle Beiträge unserer Kritikerumfrage im Überblick.

Weitere Artikel: Paul Jandl wirft in der NZZ einen Blick auf die juristischen Auseinandersetzungen zwischen dem Galeristen Johann König und dem Autor Christoph Peters, gegen dessen Roman "Innerstädtischer Tod" ersterer gerichtlich vorgeht (unsere Resümees hier, dort und hier). Stephan Klemm schreibt in der FR über 25 Jahre LitCologne. Nora Zukker verneigt sich im Tagesanzeiger vor der Schriftstellerin Fleur Jaggy, die mit dem Schweizer Grand Prix Preis ausgezeichnet wird. Jürgen Kaube erinnert in der FAZ an den Essayisten und Literaturkritiker Jacques Rivière, der vor 100 Jahren gestorben ist. Zum Valentinstag durchstöbert Willi Winkler für die SZ die Sekundärliteratur nach Hinweisen, wie es um Brechts Kompetenzen als Liebhaber bestellt war.

Besprochen werden unter anderem Alexander Kluges und Anselm Kiefers Buch "Klugheit ist die Kunst, unter verschiedenen Umständen getreu zu bleiben" (FR), Michael Köhlmeiers "Die Verdorbenen" (FR), eine von Kat Menschik illustrierte Ausgabe von Monika Helfers "Der Bücherfreund" (FAZ), ein von Mely Kiyak herausgegebener Band mit Radiosendungen von Thomas Mann (Freitag) und Will Deans Krimi "Die Kammer" (Zeit). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.02.2025 - Literatur

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tazler Dirk Knipphals fragt sich beim Lesen von Christoph Peters' Roman "Innerstädtischer Tod", gegen den der Berliner Galerist Johann König derzeit gerichtlich vorgeht, weil er sich in einer Figur wiederzuerkennen glaubt (mehr dazu hier und dort), "ob der fiktive Konrad Raspe auch gegen diesen Roman klagen würde. Und man denkt: Nein, das würde er nicht. Bei aller bis nahe ans Satirische gehenden Kunstbetriebsoberflächlichkeit, mit der Christoph Peters seine Figur ausstattet, hätte sie bestimmt auch einen Sinn für die dem Text zugrunde liegende künstlerische Idee gehabt. Der reale Johann König hat das offenbar nicht."

Es ist "ein Roman, der sich wie ein frisch gewaschener Welpe im Gegenwartsschlamm der Zeit wälzt", halten Marlene Knobloch und Thomas E. Schmidt in der Zeit fest. Und gerade hier stellt sich "die Frage, wie weit ein Schriftsteller verfremden muss, damit sich niemand gemeint fühlt. Wo sich meist sowieso alle gemeint fühlen. Insbesondere bei einem Roman über den Berliner Kunst- und Literaturbetrieb. ... Wie soll man einen 'Hauptstadtroman' ... ohne Hauptstadtpersonal schreiben? Ohne die Orte und Geschichten, die Persönlichkeiten, ohne zappelige Galeristen, narzisstische Künstler, ohne Borchardt, Galerien, specialty coffees? Was selbstverständlich den Reiz dieser Gattung ausmacht, der Leser begegnet der eigenen Gegenwart, erkennt, ahnt, verwirft, sieht Orte und Menschen plötzlich anders. Ist es nicht genau das, was man sich von einem gegenwartsgeladenen Roman wie dem von Peters verspricht? Wie soll Literatur kritisieren können, ohne zumindest grob Richtung Welt deuten zu dürfen?"

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Welche Bücher prägten die deutschsprachige Literatur des ersten Vierteljahrhunderts dieses Jahrtausends am meisten? Das fragen wir aktuell zu unserem 25-jährigen Bestehen die Literaturkritiker im Land. Hier finden Sie den Überblick über die bisherigen Antworten - neu mit dabei ist jetzt unsere frühere Mitarbeiterin Thekla Dannenberg: Sie nennt Bücher von Angelika Klüssendorf, Rainald Goetz, Ulrich Peltzer, Saša Stanišić und Emine Sevgi Özdamar. Insbesondere letztere hat wie "kaum eine Schriftstellerin die deutsche Literatur so bereichert mit ihrer melodischen und bildreichen Sprache. Seit fast dreißig Jahren erzählt sie von ihrem deutsch-türkischen Leben als Schauspielerin und politischer Aktivistin, ein Leben in der Revolte und der Kunst, zwischen den Welten wandernd: von Istanbul nach West-Berlin über Paris nach Ost-Berlin. Özdamars Roman 'Ein von Schatten begrenzter Raum' ist ein Meisterwerk sprachlicher Opulenz und Schönheit, voller Fantasie und Klugheit."

Weiteres: Nadine Brügger schreibt in der NZZ zum mittlerweile begonnenen Prozess gegen den Attentäter von Salman Rushdie. Lothar Müller resümiert in der SZ einen Brecht-Abend mit Durs Grünbein. Besprochen werden unter anderem Peter Huths "Honigmann" (Tsp), Peter Handkes "Schnee von gestern, Schnee von morgen" (FAZ), Lothar Schirmers "Die Bienenkönigin nährt am Ende alle" (Zeit) und Feridun Zaimoglus "Sohn ohne Vater" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.02.2025 - Literatur

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Marc Reichwein schreibt in der Welt über den Versuch des Berliner Galeristen Johann König, Christoph Peters' Roman "Innerstädtischer Tod" verbieten zu lassen, weil er sich und seine Frau in der Geschichte wiederzuerkennen glaubt. Der Vergleich mit Maxim Billers "Esra" liegt hier nahe, doch unterscheiden sich beide Fälle insofern, als "die klagenden Personen bei 'Esra' keine Personen der Zeitgeschichte waren, wie es Johann König ist", so Reichwein. "Etwas forsch mutet die anwaltliche Argumentation im Verbotsantrag dort an, wo sie Eindeutigkeit im Verhältnis von Urbild und Abbild behauptet und dann so tut, als müsse jede fiktive Ausschmückung ausgewiesen werden. Die Unterstellung, dass der Romanleser 'alle Schilderungen für bare Münze nehmen und der Realität zuordnen' könnte, verkennt das Wesen aller Kunst. ... Insofern kann man und muss man ernsthaft anzweifeln, dass ein Kunstwerk, das sich Freiheiten erlaubt, die über eine vermeintlich wiedererkennbare Realität weit hinausgehen, juristisch leichtfertig verboten werden darf."

Die syrische Lyrikerin Asma Kready denkt in der taz über ihr Heimatland, Assads Sturz und ihr Schreiben nach: "Jetzt, da sich die Stürme etwas gelegt haben, ist mir klar geworden, dass Schreiben nicht nur ein Akt der Aufzeichnung von Ereignissen oder ein Versuch der Flucht ist. Es ist ein Akt des Widerstands. Worte sind meine einzige Waffe gegen das überwältigende Gefühl der Hilflosigkeit. Ich schreibe über Damaskus wie jemand, der im Dunkeln ein Bild malt und versucht, die dunklen Ecken mit Liebe und Hoffnung zu erhellen. In dem Damaskus, über das ich heute schreibe, stehen die Bäume noch, die Fenster warten noch darauf, geöffnet zu werden, und Mütter suchen noch immer nach ihren Söhnen - denen, die Assad in seinen Gefängnissen begraben hat. Ich träume von einem Syrien, in dem Freiheit nicht nur ein Wort in Reden ist, sondern ein Grundrecht. Ein Syrien, das Geschichten der Liebe und nicht der Angst verdient hat. Ich träume von Straßen, die nicht mit Panzern, sondern mit Liedern und herzlichen Gesprächen gefüllt sind."

Weitere Artikel: Frauke Steffens berichtet in der FAZ über den Prozess gegen den Attentäter, der Salman Rushdie 2022 mit einem Messer schwer verletzte (und im Gerichtssaal "Free Palastine" rief). In der FAZ-Reihe "Pflichtlektüre für Demokraten" widmet sich Jannis Koltermann Julien Gracqs "Das Ufer der Syrten". Mit leichtem Amüsement nimmt David Hugendick auf Zeit Online zur Kenntnis, dass im US-Literaturbetrieb gerade über Sinn und Unsinn von "Blurbs" - also werbenden Empfehlungen auf Buchumschlägen von Schriftstellern für Schriftsteller - diskutiert wird. Erdmut Wizisla empfiehlt im Tagesspiegel die Lektüre von Bertolt Brechts handgeschriebenen Notizen.

Besprochen werden neue Bücher von und über Betty Paoli (NZZ) und Sofia Andruchowytschs "Die Geschichte von Sofia" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.02.2025 - Literatur

"Welche waren für Sie die fünf prägendsten Bücher der deutschsprachigen Literatur seit 2000", wollen wir von den Literaturkritikern in unserer Umfrage zu 25 Jahren Perlentaucher wissen. Die Antworten sind mittlerweile sehr ansehnlich (hier unser Überblick mit allen Texten). Neu hinzu kommt nun Jan Drees, der eine von Björn Kuhligk und Jan Wagner herausgegebene Lyrik-Anthologie, sowie Romane von Christian Kracht, Juli Zeh, Hannes Bajohr und Feridun Zaimoglu nennt. Vor allem letzterer hat nach Drees' Ansicht die hiesige Literaturlandschaft wie kaum ein zweiter geprägt: "Mit 'Liebesmale, scharlachrot', diesen 'neuen Leiden des jungen Ali' begann 2000 eine nicht abflauende Massen-Liebe und Leidenschaft für eine variantenreiche deutschsprachige 'Literatur mit Migrationshintergrund', die Suche nach dem wichtigsten 'Wenderoman' vielleicht nicht beendend, aber deutlich marginalisierend. Tausend neue Stimmen, tausend neue Geschichten sind seitdem erschienen, eine hohe, weite Tür wurde aufgestoßen, das Scheinwerferlicht gelenkt auf Stars wie Emine Sevgi Özdamar (Büchnerpreis 2022), Saša Stanišić (Deutscher Buchpreis 2019) und Tijan Sila (Ingeborg-Bachmann-Preis 2024). Pures Gold."

Im Tagesspiegel hält Gerrit Bartels den Versuch des Galeristen Johann König, Christoph Peters' Roman "Innerstädtischer Tod" verbieten zu lassen (unser erstes Resümee), für schlecht beraten, handelt es sich dabei doch gerade nicht um ein Buch, "das im Herbst des vergangenen Jahres für Aufsehen gesorgt hatte. Das tut es jetzt ganz sicherlich."

Viel Freude hat FAZ-Kritiker Andreas Platthaus beim Besuch der großen, vom Comiczeichner Flix kuratierten Uderzo-Ausstellung im Museum für Kommunikation in Berlin, bei der es sich um eine Variante einer Hommage an den Asterix-Zeichner handelt, die zuvor auch schon in Paris zu sehen war. "Flix konnte aus dem Vollen schöpfen, wählte in Uderzos Atelier aber nur rund sechzig Originalseiten aus. Trotz dieser moderaten Zahl wirken sie viel intensiver als in der Pariser Ausstellung, weil sie in Berlin jeweils singuläre ästhetische Wirkung entfalten können, statt eng gehängt einander jeweils die Wirkung zu nehmen. ... Man erkennt die Virtuosität dieses Wanderers zwischen den beiden Welten der amerikanischen und der frankobelgischen Comicästhetik. Reuezüge gibt es nicht bei Uderzo, seine Arbeit mit dem Pinsel ist von höchster Eleganz. ... Etwas kurz kommt neben diesem Feuerwerk an Zeichenkunststücken die für 'Asterix' so wichtige Erzählfreude von René Goscinny, doch dessen Tochter lieh immerhin die Schreibmaschine nach Berlin aus, auf der ihr Vater bis zum frühen Tod 1977 die Szenarien der Abenteuer geschrieben hatte." Dlf und Dlf Kultur haben mit Flix über die Ausstellung und Uderzo gesprochen.

Außerdem: Im FAZ-Bücherpodcast spricht Sandra Kegel mit Julia Schoch über deren neuen Roman "Wild nach einem wilden Traum". Besprochen werden unter anderem Zach Williams' Storyband "Es werden schöne Tage kommen" (NZZ, unsere Kritik), Ricardas Gavelis' "Vilnius Poker" (NZZ), Reinhard Kleists Comic "Low: David Bowie's Berlin Years" (NZZ), Kai Sinas "Was gut ist und was böse. Thomas Mann als politischer Aktivist" (taz), Jakob Wassermanns "Mein Weg als Deutscher und Jude" (Welt), Kevin Lamberts "Querelle de Roberval" (Freitag) und Elsa Koesters "Im Land der Wölfe" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.02.2025 - Literatur

Tazler Sebastian Moll stößt im Werk von Alice Munro auf Spuren, die darauf hindeuten, dass die Literaturnobelpreisträgerin die sexuellen Übergriffe ihres Gatten auf ihre Tochter durchaus literarisch verarbeitet haben könnte: "Man kann diese Geschichten, wie jedes Kunstwerk, als unabhängige Stücke Literatur lesen. Jahrzehntelang wurden sie auch so behandelt, solange Alice Munro in der Öffentlichkeit den Schein eines intakten Privatlebens aufrechterhielt. Nach den Enthüllungen ihrer Tochter ist es freilich schwer geworden, sie vom Leben losgelöst zu sehen."

Weitere Artikel: Lothar Müller befasst sich in der SZ mit einem neu gefundenen Briefwechsel zwischen Rainer Maria Rilke und Sigmund Freud. In den online nachgereichten "Actionszenen der Weltliteratur" erinnert Michael Pilz daran, wie Stanislaw Lem im Alter infolge eines Zuckerschocks stürzte und sich dabei so sehr am Kopf verletzte, dass er beträchtliche Mengen Blut verlor.

Besprochen werden unter anderem Julia Schochs "Wild nach einem wilden Traum" (Standard), Amir Tibons "Die Tore von Gaza. Eine Geschichte von Terror, Tod, Überleben und Hoffnung" (Standard), Niviaq Korneliussens "Das Tal der Blumen" (NZZ), Ottmar Ettes "Mein Name sei Amo" (Tsp), Sara Gmuers "Achtzehnter Stock" (NZZ), Suzumi Suzukis "Die Gabe" (FR) und Ines Habich-Milovićs "Dein Vater hat die Taschen voller Kirschen" (Presse). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Mathias Mayer über Platons "Epigramm auf den Tod Dions":

"Tränen spannen die Moiren als Gabe schon Ilions Frauen
und der Hekabe zu, als sie das Leben erblickt..."
Stichwörter: Munro, Alice, Lem, Stanislaw

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.02.2025 - Literatur

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Spürbar absurd findet es Andreas Platthaus in der FAZ, dass der Berliner Galerist Johann König gegen Christoph Peters' Berlinroman "Innerstädtischer Tod" juristisch vorgeht, weil dieser sich in einer Figur wiederzuerkennen glaubt. Erinnerungen an den Prozess gegen Maxim Billers "Esra" werden wach. "Was indes 'Innerstädtischer Tod' fundamental von 'Esra' unterscheidet, ist die Tatsache, dass Maxim Biller nie einen Hehl aus der Autofiktionalität seines Romans gemacht hat, während Peters durch die aktualisierende Wiederaufnahme der Handlungsstruktur von Koeppens 'Tod in Rom' ein fiktionales Vorbild zusätzlich fiktionalisiert - in Analogie zum platonischen Höhlengleichnis, dessen Schattenbilder dem Betrachter ein unmittelbares Erkennen von Wahrheit unmöglich machen, darf man auch Peters' Verfahren als gleich doppelt von der Wahrheit entfernt bezeichnen: Die Berliner Realia werden nicht nur in der fiktionalen Darstellung des Autors zerrgespiegelt, sondern literarisch auch noch durch die bald siebzig Jahre alte Brille Wolfgang Koeppens gesehen."

Für das "Literarische Leben" der FAZ hat Markus Steinmayr nachgesehen, welche Bücher die Kanzlerkandidaten der Parteien als maßgeblich fürs eigene Leben erachten. Bei Robert Habeck stößt er unter anderem auf Herman Melvilles "Moby Dick" - und dies sicher nicht nur, weil es sich dabei um ein "ökokritisches Buch" handelt: "Nautik und Herrschaft sind darin metaphorisch eng miteinander verbunden. ... Wie man im operettenhaften Kapitel 40 des Romans nachlesen kann, kommt die Mannschaft der 'Pequod' aus aller Herren Ländern, und Kapitän Ahab gelingt es als, wie Burkhardt Wolf in 'Fortuna di mare - Literatur und Seefahrt' schreibt, 'Modellfall charismatischer Herrschaft', diese diverse Mannschaft zu einer Einheit zu formen. Das beschreibt die Lage der grünen Partei. Diversität als Feier der Unterschiede und der Differenz braucht Einheit, die durch eine charismatische Führungsfigur repräsentiert wird, als die die PR-Strategen Habecks Persona konstruieren. Habeck ist daher für manche, ob grün oder nicht, ein Ahab der Transformation."

Unsere Kritikerumfrage zu 25 Jahren Perlentaucher geht weiter: Welches waren die fünf prägendsten Bücher der deutschsprachigen Literatur seit 2000, wollen wir wissen. Der bereits illustren Schar an Kritikern (hier der Überblick) gesellt sich heute Nico Bleutge hinzu. Er führt Bücher von Thomas Kling, Katja Lange-Müller, Wolfgang Herrndorf, Terézia Mora und Jürgen Becker an. Und er beobachtet in der von uns zusammengestellten Liste mit den am meisten besprochenen Büchern der letzten 25 Jahre eine Tendenz in der deutschen Literaturkritik: "Beim Blättern durch all die aufgelisteten Bücher fällt mir auf, wie viele Titel in den Feuilletons kurzfristig hochgeschossen wurden, um ein paar Monate später schon wieder vergessen zu sein. Ein Phänomen, das sich durch die Einführung der beiden großen Buchpreise (Deutscher Buchpreis, Preis der Leipziger Buchmesse) noch verstärkt hat." Und mit Blick auf die stets unterrepräsentierten Gedichte zeigt sich ihm auch "die Grenze einer rein quantitativen Erfassung von Büchern, die nicht zuletzt der Lyrik nie gerecht werden kann". Um dem entgegenzuwirken betreiben wir beim Perlentaucher eine Lyrikkolumne.

Außerdem: Dass der junge japanische Schriftstellers Yui Suzuki für einen Roman über Goethe den renommierten japanischen Akutagawa-Preis erhalten hat, lässt Irmela Hijiya-Kirschnereit in "Bilder und Zeiten" der FAZ über die Goethe-Begeisterung in Japan nachdenken. Karen Krüger erzählt in "Bilder und Zeiten" von ihrer Reise nach Percoto im Osten Italiens, wo der Schriftsteller Michael Krüger mit dem Nonino-Preis ausgezeichnet wurde. Die FAZ dokumentiert die Rede, die Tilman Spreckelsen zur Eröffnung der Ausstellung "Die komische Kunst des Walter Moers" im Caricatura-Museum Frankfurt gehalten hat. In einer "Langen Nacht" des Dlf Kultur widmet sich Cristiana Coletti dem italienischen Schriftsteller Antonio Tabucchi. Im Literatur-Feature von Dlf Kultur treffen die Schriftstellerin Nora Bossong und die Kulturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen im Gespräch über Bücher über die NS-Zeit aufeinander.

Besprochen werden unter anderem Zach Williams' "Es werden schöne Tage kommen" (taz, FR, unsere Kritik), Ismail Kadares "Der Anruf. Untersuchungen" (taz), Wang Xiaobos "Das Goldene Zeitalter" (NZZ), Charles Linsmayers "Die andere Schweizer Literatur" (NZZ), Margot Douahiys Krimi "Verbrannte Gnade" (Jungle World), eine Ausstellung im Zürcher Museum Strauhof zu Virginia Woolfs "Mrs. Dalloway" (NZZ), Karin S. Wozonigs Biografie über die Journalistin und Dichterin Betty Paoli (FAZ) und Octavia E. Butlers "Parabel vom Sämann" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.02.2025 - Literatur

Die Schriftstellerin Teresa Präauer macht sich in der SZ Gedanken dazu, warum sich gerade alle mit "Brudi" oder "Bro" ansprechen. In der FAZ gratuliert Jürgen Kaube dem Schriftsteller Wolfgang Matz zum 70. Geburtstag. Ebenfalls 70 wird der Schriftsteller Alban Nikolai, dem Andreas Platthaus in der FAZ gratuliert. Besprochen werden unter anderem Kathryn Scanlans "Boxensport" (FR), illustrierte Neuausgaben der Kurzgeschichten von Anne Frank (SZ) und der Briefwechsel zwischen Hans-Georg Gadamer und Martin Heidegger (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.02.2025 - Literatur

Kickl ante portas! Volker Weidermann schreibt für die Zeit ein Stimmungsbild der österreichischen Literatur kurz vor der nicht unwahrscheinlichen Regierungsübernahme durch die FPÖ. Getroffen hat er dafür in Wien Elfriede Jelinek, Barbi Marković, Julia Jost, Toxische Pommes und den Literatur-, TV- und Kino-Allrounder David Schalko. "Die meisten, denen man in diesen Tagen in Wien begegnet, scheinen noch in einer Art Schockzustand zu sein. In einem Stadium des Unglaubens, dass die gemäßigten Parteien wirklich in all ihrer Blindheit und Verantwortungslosigkeit der FPÖ die Macht sozusagen schenken. 'Wir leben in Österreich längst in einem großen Ibizavideo', sagt David Schalko. ... Österreich, kurz vor Kickls Kanzlerschaft. Jahrzehntelang als Gefahr beschworen. Und jetzt? 'Ist es den Leuten nicht inzwischen völlig egal?', fragt Schalko. Und antwortet sich selbst: 'Der Wunsch, an die stumpfsinnigen Märchen der FPÖ zu glauben, ist größer, als von der dreckigen und verkommenen Realität dieser Partei etwas wissen zu wollen. Man will, dass es knallt. Und die anderen stehen betroppt daneben und erstarren im Schockzustand, wünschen sich geistig auf einen 'Zauberberg', um dort, abgeschottet von der Realität, ihrer Erschöpfung und Depression nachzugeben.'"

25 Jahre Perlentaucher! Und wir wollen von den Literaturkritikern wissen: "Welches waren für Sie die fünf prägendsten Bücher der deutschsprachigen Literatur seit 2000?" In unserer Reihe (hier der Überblick mit allen Beiträgen) antwortet heute Lothar Müller. Er nennt Bücher von Lutz Seiler, Marcel Beyer, Frank Witzel, Dorothee Elmiger und Anne Weber - allesamt "Bücher, die mich als Einsatzpunkte eigenwilliger Autorschaft beeindruckt haben. An Seiler schätzt er die zu Poesie gewordene "Generationserfahrung" in der DDR, an Witzel wie dieser die alte BRD "abgründiger und unheimlicher" wiederkehren lässt. Bei Elmiger schätzt er die "Spannung, die zwischen den Polen Essay und Erzählen entsteht", und an Weber ihre "quecksilbrige Erzählerinnenstimme". Und mit Beyer dringt er tief vor in "die alten Flöze, die Geologie, Mineralogie und Literatur verbinden".

Besprochen werden Zach Williams' "Es werden schöne Tage kommen" (SZ, unserer Vorwort), Antonia Kühns Comic "Aufblasbare Eltern" (FAZ.net), Édouard Louis' "Monique bricht aus" (Welt), Ričardas Gavelis' "Vilnius Poker" (Tsp), Andrew O'Hagans "Caledonian Road" (FR), Christoph Martin Wielands "Geschichte des Prinzen Biribinker" (Standard), Jens Natters Comic "Der Kopf der Hanse" (Tsp), Sebastian Barrys "Jenseits aller Zeit" (FAZ) und Bela B. Felsenheimers "Fun" (Zeit). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.02.2025 - Literatur

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In der FAZ-Reihe "Pflichtlektüre für Demokraten" widmet sich Sophie Klieeisen Gregor von Rezzoris beim ursprünglichen Erscheinen im Ausland sehr beachteten, in Deutschland aber weitgehend übersehenen, wenn nicht gar abgetanen, Memoiren "Denkwürdigkeiten eines Antisemiten": "In der Nachkriegs-, Trümmer- und Kahlschlagliteratur der jüngeren Generation, die sich mit den eigenen Verlusten beschäftigte und nicht mit den Ursachen jener Verluste, die sie und ihre Eltern der Welt angetan hatten, klaffte eine psychosentiefe Lücke: der über die Jahrhunderte im sozialen und kulturellen Selbstverständnis verwurzelte, zu täglich erprobtem Instinkt und geübtem Reflex geronnene Antisemitismus aller Gesellschaftsschichten." Der Schriftsteller "hatte das Sakrileg begangen, so unverhohlen wie kaum ein Deutschsprachiger vor und nach ihm von dieser Selbstverständlichkeit des Hasses in einem sehr undeutsch eleganten, undeutsch ironischen, undeutsch literarisch plaudernden, manchmal gar verschnörkelten Stil zu erzählen. Auch der war mit dem deutschen Vernichtungskrieg untergegangen. Davon wollte man noch zu Beginn der Achtziger nichts wissen. ... Grund genug, diesen Roman all jenen Demokraten auf die Lektüreliste zu setzen, die an der Frage zu verzweifeln scheinen, wie der stetige Anstieg von Antisemitismus und der wiederaufkeimende Wunsch nach irgendeiner Form einer homogenen Gesellschaft zu bremsen und zu senken wäre."

Weitere Artikel: Dass der französische Comiczeichner Luz, der den islamistischen Anschlag auf Charlie Hebdo nur knapp überlebt hat, sich beim Comicfestival in Angoulême erstmals wieder in der Öffentlichkeit präsentierte, "ist hoffentlich der Beginn einer Rückkehr zur Normalität für den Autor", schreibt Andreas Platthaus in der FAZ. Paul Jandl fasst in der NZZ das Interview zusammen, dass der Schriftsteller Clemens Meyer kürzlich dem Spiegel gegeben hat. Der dieser Tage beginnende Prozess gegen den gescheiterten Attentäter von Salman Rushdie könnte ein "düsteres Spektakel" werden, glaubt Hilmar Klute in der SZ.

Besprochen werden unter anderem Édouard Louis' "Monique bricht aus" (Standard), Tove Ditlevsens "Vilhelms Zimmer" (FR), Ursula Gräfes Neuübersetzung von Yukio Mishimas "Der Held der See" (FAZ) und Ursula Krechels "Sehr geehrte Frau Ministerin" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.02.2025 - Literatur

Unsere Kritikerumfrage anlässlich von 25 Jahren Perlentaucher geht weiter (hier übrigens alle Beiträge unserer Reihe). Wir fragen: Welches waren für Sie die fünf prägendsten Bücher der deutschsprachigen Literatur seit 2000? Cornelia Geißler antwortet mit fünf Büchern von Julia Franck, Katja Lange-Müller, Marcel Beyer, Katja Petrowskaja und Lutz Seiler. Deren Romane nimmt sie zum Anlass, um thematische Schwerpunkt-Cluster zu identifizieren, von denen einer heraussticht: "Die deutsche Teilung ist im 21. Jahrhundert Geschichte, doch sind vieler Menschen Leben dadurch geprägt worden." Ein Niederschlag davon findet sich somit auch in in der Literatur. Auch "nahm im betrachteten Zeitabschnitt eine große Zahl von Autorinnen und Autoren den eigenen Lebenslauf als Stoff. "'Vielleicht Esther' von Katja Petrowskaja ragt aus dieser Strömung thematisch und durch ihre Vorgehensweise heraus. Die Autorin erforscht ihre ukrainisch-jüdische Familienbiografie, fügt Fäden zusammen, die von nazideutschen Befehlsempfängern zerrissen wurden. Ihr beharrliches Suchen nach Informationen und einer Sprache dafür entfalten eine lang andauernde Wirkung."

Besprochen werden unter anderem Bill Gates' Autobiografie "Source Code" (NZZ), Kathryn Scanlans "Boxenstart" (taz), Richard Sennetts Essay "Der darstellende Mensch" (NZZ), Jean d'Amériques "Zerrissene Sonne" (FAZ) und Victor Heringers "Die Liebe vereinzelter Männer" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.