25 Jahre Perlentaucher
Horror, Pornografie, Psychobeichte
Von Richard Kämmerlings
26.02.2025. "Das Wunderbare und Mythische erscheint unter jedem Schuhabsatz."Richard Kämmerlings antwortet auf die Kritikerumfrage des Perlentaucher.25 Jahre Perlentaucher: Wir fragen die bekanntesten Kritiker und Kritikerinnen Deutschlands: "Welches waren für Sie die fünf prägendsten Bücher der deutschsprachigen Literatur seit 2000" (Editorial). Als Orientierung haben wir ihnen diese Liste mit den meistbesprochenen Büchern der deutschen Literatur seit 2000 mitgegeben. Am 13. März feiern wir mit dem Deutschland Literaturarchiv in Marbach und der Frage: Wohin geht die deutsche Literatur? Das Archiv der bisherigen Beiträge finden Sie hier. D.Red.
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Brigitte Kronauer: "Teufelsbrück" (Klett-Cotta, 2000)
Ernst-Wilhelm Händler: "Wenn wir sterben" (FVA, 2002)
Martin Kluger: "Der Vogel, der spazieren ging" (Dumont, 2008)
Clemens J. Setz: "Die Stunde zwischen Frau und Gitarre" (Suhrkamp, 2015)
Antje Rávik Strubel: "Blaue Frau" (S. Fischer, 2021)
Meine Kriterien für diesen Kanon sind zweierlei: Es geht um Werke, die zentrale Fragen des zeitgenössischen Bewusstseins spiegeln und dabei für ihre Themen und Inhalte formal gelungene Lösungen finden. Um Literatur, die als Medium von Welterkenntnis funktioniert, indem sie in ihrer Sprache oder in der Erzählstruktur, besondere, innovative, ganz spezifisch literarische Perspektiven auf die Wirklichkeit entwickelt.
Dass hier nur Romane genannt werden, ist reine Willkür, denn gerade Lyrik oder kleine Prosaformen, man denke nur an Kafka, haben in der Literaturgeschichte mitunter tiefere Spuren hinterlassen als große Erzählwerke. In der Gegenwart aber hat der Stellenwert oder besser: die öffentliche Wahrnehmung aller anderen Formen gegenüber dem Roman drastisch nachgelassen. Man könnte mit gleichem Recht einen Kanon aus fünf Gedichtbänden aufstellen. Meiner lautete dann so: Marcel Beyers "Erdkunde" (2002), Marion Poschmanns "Grund zu Schafen" (2004), Steffen Popps "Wie Alpen" (2004), Jan Wagners "Regentonnenvariationen" (2014) und "Luna Luna" von Maren Kames (2020). Würde ich statt Romanen Erzählungsbände auswählen, wären Michael Lentz' "Muttersterben" (2001), Julia Schoch "Der Körper des Salamanders" (2001), Ingo Schulzes "Handy" (2007) Clemens J. Setz' "Die Liebe zu Zeiten des Mahlstädter Kindes" (2011) und Georg Kleins "Im Bienenlicht" (2023) auf dem Podest.
Naturgemäß fehlen auch im Romanfeld wichtige Namen einer Epik, die Formbewusstsein, Relevanz und Gegenwartsbezug verbindet. Hier ein paar Titel einer persönlichen Longlist: Clemens Meyer ("Als wir träumten", 2006), Saša Stanišić ("Wie der Soldat das Grammophon repariert", 2006), Kathrin Schmidt ("Du stirbst nicht", 2009), Dorothee Elmiger ("Einladung an die Waghalsigen", 2010), Felicitas Hoppe ("Hoppe", 2012), Wolf Haas ("Verteidigung der Missionarsstellung", 2012), Christine Wunnicke ("Der Fuchs und Dr. Shimamura", 2015), Thomas von Steinaecker ("Die Verteidigung des Paradieses", 2016), Roman Ehrlich ("Die fürchterlichen Tage des schrecklichen Grauens", 2017), Norbert Gstrein ("Als ich jung war", 2019).
Brigitte Kronauers Prosa poetisiert die durchschnittliche, banale Realität und verwandelt sie in eine Märchenwelt, in der das Wunderbare und Mythische unter jedem Schuhabsatz erscheint. Im Epochenjahr 2000 markiert "Teufelsbrück" den Übergang ins sensationelle Spätwerk dieser ewig ungestüm-jugendlichen Autorin. Die Liebe, die wie ein coup de foudre ins dahintreidelnde Leben der Erzählerin einbricht, ist ein Schlüssel in eine geheime, dem Alltag verborgene Zweitwelt hinter den prosaischen Erscheinungen. (Natürlich steht dieser Roman nur pars pro toto für das Werk dieser bedeutendsten deutschsprachigen Erzählerin der letzten 50 Jahre.)
Bei "Wenn wir sterben" von Ernst-Wilhelm Händler, übrigens einem großen Bewunderer Kronauers, liegt das Gegenteil vor: Aus seinem Blick auf das "stahlharte Gehäuse der Hörigkeit" gegenüber den Imperativen des Wirtschaftslebens ist jegliche Subjektivität, ja Humanität herausgefiltert. Konsequent wird auch ein persönlicher Stil immer wieder durch Mimikry fremder Erzählweisen ersetzt. Alle Beziehungen werden auf ihr funktional-vertragliches Surrogat reduziert. Das Leben und die Liebe, die Freundschaft und der Schmerz erscheinen nur trockengefroren und luftdicht abgepackt. Der eiskalte Blick des Philosophen und Ökonomen auf die Machtkämpfe und Ego-Trips schlägt aber ins Gegenteil um: in die engagierte Behauptung von Menschlichkeit, deren fortschreitender Verlust auf jeder Seite sichtbar gemacht wird.
Martin Klugers Komödie "Der Vogel, der spazieren ging" ist ein Beweis dafür, dass die deutsch-jüdische Tradition tiefsinnigen Humors und komischer Weisheit von den Nazis doch nicht vollständig vernichtet worden ist. Eine turbulentes und temporeiches Vier-Generationen-Kammerspiel rund um einen jüdischen Weltbestsellerautor und seinen Sohn, der dem fernen Vater verzweifelt näherzukommen versucht und seine Geheimnisse ergründen will. Ein Buch, das wegen seiner Leichtigkeit - Schauplatz ist das libertäre Paris der 70er - unterschätzt werden kann. Kluger, der sein Geld mit TV-Drehbüchern verdiente und 2021 starb, bevor er seinen großen Roman über das West-Berlin der Nachkriegszeit vollenden konnte, war ein Unikat in seiner Verbindung von absolutem Sprachgehör und philosophischer Tiefe. Im "Vogel" ist die Komik errichtet über dem klaffenden, unauslotbaren Abgrund des Holocaust.
Bei Clemens J. Setz "Die Stunde zwischen Frau und Gitarre" wird die Frage nach Normalität und Abweichung auf radikale Weise gestellt. Sein Pflegeheim für Menschen mit geistiger Behinderung wird zum Mikrokosmos, in dem dunkle Fantasien und Obsessionen regieren. Die Gewaltverhältnisse zwischen vermeintlich gesunden und vermeintlich kranken Menschen legt Setz in einer hochfluiden, bildhaften Sprache offen, die die Realitätswahrnehmung selbst ins Schwanken bringt. Setz speist das gern jenseits der Geschmacksgrenzen angesiedelte Register erzählerischer Drastik - Horror, Pornografie, Psychobeichte - auf unerhörte Weise in die Literatur ein.
Dem Roman "Blaue Frau" von Antje Rávik Strubel gelingt es, die Erfahrung weiblicher Ohnmacht und Verletzung angesichts männlichen Machtmissbrauchs literarisch eindringlich umzusetzen. Zugleich stellt sie das Schicksal ihrer jungen nach Deutschland migrierten Heldin in den Kontext europäischer Erinnerung zwischen Ost und West und den mit dem Wohlstandsgefälle verbundenen Hierarchien. Identitätspolitik kann auch heißen, sich allen eindeutigen Verortungen zu entziehen.
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Brigitte Kronauer: "Teufelsbrück" (Klett-Cotta, 2000)
Ernst-Wilhelm Händler: "Wenn wir sterben" (FVA, 2002)
Martin Kluger: "Der Vogel, der spazieren ging" (Dumont, 2008)
Clemens J. Setz: "Die Stunde zwischen Frau und Gitarre" (Suhrkamp, 2015)
Antje Rávik Strubel: "Blaue Frau" (S. Fischer, 2021)
Meine Kriterien für diesen Kanon sind zweierlei: Es geht um Werke, die zentrale Fragen des zeitgenössischen Bewusstseins spiegeln und dabei für ihre Themen und Inhalte formal gelungene Lösungen finden. Um Literatur, die als Medium von Welterkenntnis funktioniert, indem sie in ihrer Sprache oder in der Erzählstruktur, besondere, innovative, ganz spezifisch literarische Perspektiven auf die Wirklichkeit entwickelt.
Dass hier nur Romane genannt werden, ist reine Willkür, denn gerade Lyrik oder kleine Prosaformen, man denke nur an Kafka, haben in der Literaturgeschichte mitunter tiefere Spuren hinterlassen als große Erzählwerke. In der Gegenwart aber hat der Stellenwert oder besser: die öffentliche Wahrnehmung aller anderen Formen gegenüber dem Roman drastisch nachgelassen. Man könnte mit gleichem Recht einen Kanon aus fünf Gedichtbänden aufstellen. Meiner lautete dann so: Marcel Beyers "Erdkunde" (2002), Marion Poschmanns "Grund zu Schafen" (2004), Steffen Popps "Wie Alpen" (2004), Jan Wagners "Regentonnenvariationen" (2014) und "Luna Luna" von Maren Kames (2020). Würde ich statt Romanen Erzählungsbände auswählen, wären Michael Lentz' "Muttersterben" (2001), Julia Schoch "Der Körper des Salamanders" (2001), Ingo Schulzes "Handy" (2007) Clemens J. Setz' "Die Liebe zu Zeiten des Mahlstädter Kindes" (2011) und Georg Kleins "Im Bienenlicht" (2023) auf dem Podest.
Naturgemäß fehlen auch im Romanfeld wichtige Namen einer Epik, die Formbewusstsein, Relevanz und Gegenwartsbezug verbindet. Hier ein paar Titel einer persönlichen Longlist: Clemens Meyer ("Als wir träumten", 2006), Saša Stanišić ("Wie der Soldat das Grammophon repariert", 2006), Kathrin Schmidt ("Du stirbst nicht", 2009), Dorothee Elmiger ("Einladung an die Waghalsigen", 2010), Felicitas Hoppe ("Hoppe", 2012), Wolf Haas ("Verteidigung der Missionarsstellung", 2012), Christine Wunnicke ("Der Fuchs und Dr. Shimamura", 2015), Thomas von Steinaecker ("Die Verteidigung des Paradieses", 2016), Roman Ehrlich ("Die fürchterlichen Tage des schrecklichen Grauens", 2017), Norbert Gstrein ("Als ich jung war", 2019).
Brigitte Kronauers Prosa poetisiert die durchschnittliche, banale Realität und verwandelt sie in eine Märchenwelt, in der das Wunderbare und Mythische unter jedem Schuhabsatz erscheint. Im Epochenjahr 2000 markiert "Teufelsbrück" den Übergang ins sensationelle Spätwerk dieser ewig ungestüm-jugendlichen Autorin. Die Liebe, die wie ein coup de foudre ins dahintreidelnde Leben der Erzählerin einbricht, ist ein Schlüssel in eine geheime, dem Alltag verborgene Zweitwelt hinter den prosaischen Erscheinungen. (Natürlich steht dieser Roman nur pars pro toto für das Werk dieser bedeutendsten deutschsprachigen Erzählerin der letzten 50 Jahre.)
Bei "Wenn wir sterben" von Ernst-Wilhelm Händler, übrigens einem großen Bewunderer Kronauers, liegt das Gegenteil vor: Aus seinem Blick auf das "stahlharte Gehäuse der Hörigkeit" gegenüber den Imperativen des Wirtschaftslebens ist jegliche Subjektivität, ja Humanität herausgefiltert. Konsequent wird auch ein persönlicher Stil immer wieder durch Mimikry fremder Erzählweisen ersetzt. Alle Beziehungen werden auf ihr funktional-vertragliches Surrogat reduziert. Das Leben und die Liebe, die Freundschaft und der Schmerz erscheinen nur trockengefroren und luftdicht abgepackt. Der eiskalte Blick des Philosophen und Ökonomen auf die Machtkämpfe und Ego-Trips schlägt aber ins Gegenteil um: in die engagierte Behauptung von Menschlichkeit, deren fortschreitender Verlust auf jeder Seite sichtbar gemacht wird.
Martin Klugers Komödie "Der Vogel, der spazieren ging" ist ein Beweis dafür, dass die deutsch-jüdische Tradition tiefsinnigen Humors und komischer Weisheit von den Nazis doch nicht vollständig vernichtet worden ist. Eine turbulentes und temporeiches Vier-Generationen-Kammerspiel rund um einen jüdischen Weltbestsellerautor und seinen Sohn, der dem fernen Vater verzweifelt näherzukommen versucht und seine Geheimnisse ergründen will. Ein Buch, das wegen seiner Leichtigkeit - Schauplatz ist das libertäre Paris der 70er - unterschätzt werden kann. Kluger, der sein Geld mit TV-Drehbüchern verdiente und 2021 starb, bevor er seinen großen Roman über das West-Berlin der Nachkriegszeit vollenden konnte, war ein Unikat in seiner Verbindung von absolutem Sprachgehör und philosophischer Tiefe. Im "Vogel" ist die Komik errichtet über dem klaffenden, unauslotbaren Abgrund des Holocaust.
Bei Clemens J. Setz "Die Stunde zwischen Frau und Gitarre" wird die Frage nach Normalität und Abweichung auf radikale Weise gestellt. Sein Pflegeheim für Menschen mit geistiger Behinderung wird zum Mikrokosmos, in dem dunkle Fantasien und Obsessionen regieren. Die Gewaltverhältnisse zwischen vermeintlich gesunden und vermeintlich kranken Menschen legt Setz in einer hochfluiden, bildhaften Sprache offen, die die Realitätswahrnehmung selbst ins Schwanken bringt. Setz speist das gern jenseits der Geschmacksgrenzen angesiedelte Register erzählerischer Drastik - Horror, Pornografie, Psychobeichte - auf unerhörte Weise in die Literatur ein.
Dem Roman "Blaue Frau" von Antje Rávik Strubel gelingt es, die Erfahrung weiblicher Ohnmacht und Verletzung angesichts männlichen Machtmissbrauchs literarisch eindringlich umzusetzen. Zugleich stellt sie das Schicksal ihrer jungen nach Deutschland migrierten Heldin in den Kontext europäischer Erinnerung zwischen Ost und West und den mit dem Wohlstandsgefälle verbundenen Hierarchien. Identitätspolitik kann auch heißen, sich allen eindeutigen Verortungen zu entziehen.
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