Der kubanische Künstler Hamlet Lavastida wurde nach seiner Ausstellung "Cultura Profiláctica" über die Zeit der Institutionalisierung des Sozialismus im Berliner Bethanien in Kuba festgenommen, vorgeworfen wurde ihm, er würde zu Gewalt und zivilem Ungehorsam aufrufen. In Kuba "befindest du dich in einer anderen Realität", erklärt er im taz-Gespräch mit Sebastian Strenger: "Kuba teilt das Problem aller sozialistischen Revolutionen. Sie wollten eine Gesellschaft errichten, mit neuen Idealen. Den neuen Menschen schaffen, wie in den sozialistischen Ländern in Europa im 20. Jahrhundert auch. Um den neuen Menschen zu schaffen, müssen Sie auch eine neue Vorstellung von Geschichte entwickeln. Neue Städte, neue Gesellschaften, eine ganz neue Geografie entwerfen. Kuba ist da kein Sonderfall, eher sehr europäisch. Schließlich war es fünf Jahrhunderte lang die reichste und wohlhabendste Provinz Spaniens, nicht einfach eine Kolonie. Das ist Teil unseres historischen Erbes."
Die Pariser Kunstmesse Fiac, seit 50 Jahren im Grand Palais, muss der Art Basel weichen, dies dürfte das Todesurteil für die Fiac sein, ärgert sich Martina Meister in der Welt. "Schuld" ist Chris Dercon, seit 2018 Leiter des Grand Palais: "Dercon hat die Palastrevolution still und heimlich eingefädelt. Nur die Abendzeitung Le Monde hatte eine Vorahnung und veröffentlichte Mitte Januar einen Artikel. Darin ist auch von einem Treffen im Élysée-Palast die Rede. Offensichtlich hat sich Dercon das Einverständnis von Präsident Emmanuel Macron geholt, der nicht nur über den Atom-Code verfügt, sondern durch dessen Büro auch alle wichtigen kulturpolitische Entscheidungen Frankreichs laufen: Macron ist ein Freund der Disruption, Dercon weiß sie zu bedienen." Im Tagesspiegelberichtet Bernhard Schulz: "Der bisherige Betreiber RX France bedauerte die getroffene Entscheidung. Er kündigte mögliche rechtliche Schritte gegen das Vergabeverfahren an, das ein Sprecher als 'hastig und fehlerhaft' bezeichnete."
Außerdem: In der Baseler Fondation Beyeler erlebt Laura Helena Wurth (FAS) eine Georgia O'Keeffe ganz jenseits von "Kitsch" und "seltsam verklärter weiblicher Kraft".
Besprochen werden die SimonFujiwara-Ausstellung "Once Upon A Who?" in der Berliner Galerie Esther Schipper (Tagesspiegel).
Paris wird langsam wieder zur neuen Kunstmetropole, dem Brexit sei Dank, berichtet Ingo Arend in der SZ. "Zwar ist der Umfang des französischen Kunstmarktes noch eher gering. Im letzten 'Art Market Report' der Art Basel und der UBS-Bank schätzte die Ökonomin Clare McAndrew ihn mit 3,1 Milliarden Dollar (Großbritannien 9,9 Milliarden) auf gerade mal sechs Prozent des weltweiten Volumens. Doch die Signale für die zunehmende Bedeutung von Paris mehren sich: Einem Bericht der Online-Zeitung Artnet zufolge wuchs etwa die Auktionsindustrie an der Seine im Jahr 2020 um 49 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. 'In den letzten Jahren ist eine neue Dynamik entstanden, die Paris auf dem Kunstmarkt seinen früheren Glanz zurückgibt' hat Cécile Verdier, Präsidentin von Christie's Paris, beobachtet."
Weiteres: In der FRberichtet Sandra Danicke von einem Kunstskandal in Aachen: Das Kunstkollektiv Frankfurter Hauptschule hatte ein Nazisymbol an einem historischen Gebäude der Stadt angebracht. In der FAZ hofft Stefan Trinks, dass die Stadt Görlitz bald Gerhard Richters frühes Wandbild an der Giebelwand einer Schule unter Denkmalschutz stellt. Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Kunst für Tiere" in den Opelvillen Rüsselsheim (FR).
Künstler- und Kuratorenkollektive, wohin das Auge blickt, stöhnt Stefan Trinks in der FAZ. Er hält diese Entwicklung für fatal, weil sie nicht nur die Kunst in einem Meer von Beliebigkeit versinken lässt, sondern auch den einzelnen Künstler in einem Meer der Gleichmacherei. Und dann führt die Kollektivierung auch noch zu einer Politisierung der Kunst, wie man gut an der Documenta studieren kann, meint er, beispielsweise am BDS-unterstützenden palästinensischen Khalil Sakakini Cultural Center (KSCC), das "primär keine Künstlervereinigung, sondern eine politische" sei: "Der Vorrang der Politik vor der Kunst trifft auf beinahe alle gesetzten Kollektive der Documenta zu. ... Die einst garantierte künstlerische Freiheit ist dadurch einer prinzipiellen Angreifbarkeit gewichen. Insofern ist die Emphase, mit der sich amtierende und einstige Bürgermeister von Kassel zur Verteidigung des Projekts auf die Freiheit der Kunst berufen, verfehlt: ruangrupa wollte eine durch und durch politisierte Documenta; nun wird sie sich politisch befragen lassen müssen."
Anlässlich einer Ausstellung im Kunsthaus Bregenz unterhält sich Angelika Drnek für die NZZ mit der aus Nigeria stammenden und in Antwerpen lebenden Künstlerin Otobong Nkanga, die westliches Denken und den Kapitalismus für die Wurzel allen Übels hält. Dass dieses System sich ändert, glaubt sie kaum, "es ist ja so stark eingebettet in alles. Und es will nicht akzeptieren, dass es ganze Gruppen von Menschen ausgebeutet hat, dass es indigenes Wissen begraben hat. Es ist verbunden mit einer tiefsitzenden Ideologie der Ausbeutung. Unser Ökonomiedesign kann sich nur unter einer Bedingung ändern: wenn die westliche Ideologie stirbt. Will die Ideologie das?"
Heinrich Vogler, Studie zu "Versammlung kurdischer Hirten". Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie
Ingeborg Ruthe betrachtet in der Neuen Nationalgalerie für die FR die "Komplexbilder", die Heinrich Vogler in der Sowjetunion malte. Damals träumte er noch von der "Geburt des neuen Menschen", erzählt Ruthe, den er bei der Arbeit darstellte. "Mit der Technik der 'Komplexbilder' glaubte er, ein formales Prinzip gefunden zu haben, das sich aus den neuen sozialen Strukturen und Prozessen in der Sowjetunion ergebe und diese zugleich zum Ausdruck bringe - den 'synthetischen Charakter' der Sowjetkultur. Diese ziele nicht nach kapitalistischer Manier auf Konkurrenz, sondern auf ein organisches Zusammenwirken der 'Triebkräfte'. Vogeler hoffte, diese Bilder würden Vorlagen für Wandgemälde-Aufträge. Aber auch im gelobten Land eckte der Enthusiast an. Stalin missfielen seine Bilder, das Verdikt lautete 'Formalismus'. Das Pathos nutzte nichts. Es war wohl allzu deutlich gemalt, unter welch primitiven Bedingungen der Kommunismus unterm Roten Stern siegen sollte." Vogler wurde nach Kasachstan verbannt, wo er 1942 krank und in "bitterer Not" starb.
Weitere Artikel: Nicola Kuhn lässt sich für den Tagesspiegel von der Kuratorin Anna Gritz, neue Direktorin des Hauses am Waldsee in Berlin, ihre Ausstellungspläne erzählen. Laura Weissmüller stellt in der SZ die neue Direktorin des Wiener MAK, Lilli Hollein, vor. Und in einem zweiten Artikel begutachtet sie die Finalisten des DAM-Wettbewerbs vor.
Besprochen werden die Transmediale-Ausstellung in der Berliner Akademie der Künste (die "die Schäden und das Toxische der Technologie" untersucht, so Birgit Rieger im Tsp, taz), die Ausstellung "Scheitere an einem anderen Tag" in der Berliner Galerie Nord (taz) und die Georgia-O'Keeffe-Ausstellung in der Fondation Beyeler in Basel (Zeit).
Francisco Pradilla y Ortiz: Johanna, die Wahnsinnge, 1877. Bild: Museo del Prado In der spanischen Kunst gab es auch neben Goya noch ein 19. Jahrhundert, staunt Paul Ingendaay in der FAZ und kann sich gar nicht satt sehen an den Historienschinken, die der Prado aus dem Depot geholt hat: Heroismus! Triumph! Tragik! Groß findet er Antonio Gisberts Gemälde "Die Erschießung von Torrijos und seinen Kameraden am Strand von Málaga", das dem Helden des spanischen Liberalismus ein Denkmal setzt. Aber auch anderes: Genau gegenüber von Gisberts "Erschießung" hat der Prado die dramatische Szene mit Johanna der Wahnsinnigen platziert, die auf offener Heide mit wirrem Blick auf den Sarg ihres Geliebten starrt, der sie nicht wiederliebte, während das zahlreiche Geleit der Königin in der Kälte hockt und bibbert. Francisco Pradilla y Ortiz kam in seiner Malerei immer wieder auf das tragische Schicksal von 'Juana la Loca' zurück, doch wenn man nach dem perfekten Ausdruck von vornehmem Wahnsinn und romantischer Todessehnsucht Ausschau hält: Hier ist er. Eduardo Rosales, dem ein eigener Saal gewidmet ist, malte eine andere Königin: die allseits verehrte Isabella, die Katholische, die auf dem Sterbebett ihr Testament diktiert. Es ist - sehr spanisch - eine Szene von tiefem Ernst und hoher Feierlichkeit."
Francis Bacon, Head VI, 1949. Bild: Royal Academy Francis Bacon war ein fantastischer Maler, aber auch ein großer Manipulator, stellt Adrian Searle im Guardian fest: Bacon genoss es, Betrachter anzulocken, um sie dann zu schockieren. Aber es funktioniert auch in der Schau "Man and Beast" in der Royal Academy in London, wie Searle meint: "In ihrer theatralischen Malerei, ihren flachen Ebenen und knorrigen Ausbrüchen sind Bacons Situationen und Verwicklungen absolut dramatisch. Und dann das Kreischen und Schreien der Tiere, die verletzlichen und verzerrten Körper, die geschleuderte Farbe, die angehaltenen Hochgeschwindigkeitsunschärfen, die geknickten Grashalme und die zerknitterten Laken. Manchmal ist es, als ob Bacons Gemälden alle Luft entzogen wurde, als bliebe ein hechelnder Hund irgendwo an einer ägyptischen Autobahn zurück, während im Hintergrund cartoonhafte Autos die Küstenstraße entlang rasen, und der Papst auf seinem Thron in seiner abgeschiedenen Einsamkeit nach Luft schnappt."
Besprochen werden der Bildband "The Petunia Carnage" des Fotografen Klaus Pichler über die Zerstörung einer Petuniensorte (FR), eine Ausstellung der Berliner Künstlerinnen Lotte Jacobi und Lotte Reiniger im Käthe-Kollwitz-Museum Berlin (Tsp), eine Ausstellung über den Naturfotografen Fred Koch in der Alfred Ehrhardt Stiftung in Berlin (BlZ), Martin Noëls Grafiken in der Albertina (Standard).
Kein Gespräch und keine Debatte wird die Documenta vor dem Meinungsfuror retten, der jetzt mit den Antisemitismusvorwürfen über sie hereinbricht, bedauert Harry Nutt in der FR. Denn eigentlich sollte das Künstlerkollektiv Ruangrupa Gemeinschaft und solidarisches Handeln in den aufgepeitschten Kunstbetrieb bringen: "Mit dem Vorwurf des Antisemitismus aber werden die Macher der Documenta fifteen, wie es nun in weltsprachlicher Anmutung heißt, von der Schärfe einer Debattenkultur erfasst, in der Indizien und Spekulationen scheinbar genügen, um das gesamte Unterfangen zu diskreditieren. Damit soll nicht abgelenkt werden von möglichen ideologischen Motiven, vor denen Künstlerinnen und Künstler gewiss nicht gefeit sind. Es ist beinahe naheliegend, dass in den Weltregionen, aus denen Ruangrupa künstlerische Impulse für die Documenta zu beziehen beabsichtigt, antiisraelische Einstellungen keine Seltenheit sind und erst recht nicht ohne Weiteres von antisemitischen Affekten unterschieden werden können."
In der taz scheinen Ulrich Gutmair allerdings die Vorwürfe gegen die palästinensische Künstlergruppe Questions of Fundintg nicht aus der Luft gegriffen, wie er mit Hinweis auf einen online zu findenden Text von Yazan Khalili zeigt: "Dieser postkolonial inspirierte Kulturschaffende, der bald in der Kunstmetropole Kassel tätig sein wird, schlägt netterweise vor, man solle den jüdischen Bürgern Israels doch dabei helfen, sich von ihrem Staat zu "emanzipieren". Ist das noch Antizionismus von der antisemitischen Art oder schon Humanismus?"
Weiteres: Beate Scheder wirft für die taz einen Blick auf die litauische Kunstszene, mit der sich Kaunas als europäische Kulturhauptstadt empfiehlt und die nicht zuletzt seit dem Goldenen Löwen für die Künstlerinnen Lina Lapelytė, Rugilė Barzdžiukaitė und Vaiva Grainytė auf der Biennale in Venedig boomt. In der FR meldet Ingeborg Ruthe, dass der Sammler Peter Janssen sein Samurai-Museum in Berlin im Mai eröffnen wird.
Besprochen wird eine Ausstellung der britisch-indischen Künstlerin Sutapa Biswas in Kettle's Yard in Cambridge (taz).
In der FAS nimmt Julia Encke den Vorstand des documenta Forum e.V. ins Visier, der sich in einer Stellungnahme zu den Antisemitismusvorwürfen auf den Grundsatz der Kunst- und Wissenschaftsfreiheit berufen hatte. Sie erkennt darin eine Nähe zur Initiave GG 5.3 Weltoffenheit, die eine Verurteilung der BDS-Kampagne als antisemitisch ablehnt. Zumals sich die Erklärung nicht explizit zu Israel bekenne: "Damit haben die Verfasser der Presseerklärung eine eindeutige Positionierung unternommen: Niemand, auch wenn er BDS unterstützt, darf unter Druck gesetzt oder gar ausgeladen werden. Wenn Claudia Roth hier nicht dagegenhält, bedeutete das, dass der Bundestagsbeschluss faktisch annulliert wird."
Weiteres: In der NZZspricht der britische Künstler und Schriftsteller Edmund de Waal über das Schicksal der jüdischen Familie Camondo und die Keramiken, die ihr er für einstiges Stadtpalais, das Musée Nissim de Camondo angefertigt hat. Im Standardfordern die Zeithistorikerin Sophie Lillie und der Künstler Arye Wachsmuth eine neue Gedenkkultur auch für das Wiener Künstlerhaus.
Besprochen wird die Schau "The World of Music Video" in der Völklinger Hütte (FAZ).
Georgia O'Keeffe: Vom See, Nr. 1 (From The Lake No. 1), 1924. Des Moines Art Center, Nathan Emory Coffin
Exzellent kuratiert findet Ursula Scheer in der FAZ die Georgia-O'Keeffe-Ausstellung in der Basler Fondation Beyeler. Statt einer chronologischen Anordnung oder biografischer Interpretation hat Kuratorin Theodora Vischer die knapp neunzig Bilder topografisch geordnet, erklärt Scheer: "Nicht darum, welches Bild man sich von O'Keeffe machen kann, geht es, sondern darum, ihren Blick nachzuvollziehen. ... Wie die Künstlerin neue Orte naturalistisch in ihrer Gesamtheit erschließt, dann reduzierend ins Detail geht und schließlich innere Landschaften formt an dem für sie typischen Kipppunkt zwischen Abstraktion und Figuration, lässt sich von Raum zu Raum nachvollziehen. Mit jeder Ankunft andernorts ändert sich die Palette, beginnt etwas Neues. Mensch und Tier haben keinen Platz in ihrer Bildwelt, Zeichen der Zivilisation sind sparsam gesetzt oder fehlen."
In der Welt ist Hans-Joachim Müller schon mal froh, dass wenigstens ein Mitglied der die Documenta kuratierenden indonesischen Künstlergruppe Ruangrupa keinen Antisemitismus unterstützen will. Jetzt muss man sehen, ob es ihnen gelingt, sich von den Israel-Boykottierern zu distanzieren. "Solange aber diese Fragen noch nicht geklärt sind, besteht keinerlei Grund, in die künstlerische Freiheit der Documenta einzugreifen oder nur aus der Idee des kunstaktivistischen Miteinanders voreilige Qualitätsschlüsse zu ziehen", findet er. Generell stellt sich ihm beim Blick auf die Kuratoren allerdings die Frage, ob "die Documenta überhaupt noch eine Kunstveranstaltung sein [will]? Oder wird sie nur vorführen, mit welchen ungesehenen Fantasiemitteln diese oder jene Selbsthilfegruppe ihre Probleme angeht? In einem kunstfreien Umfeld wird das BDS-Geschwätz kaum auszugleichen sein. Kunst aber war immer ein riskanter Ausweg aus dem rituellen Nullsummenspiel der Meinungen und Überzeugungen. Nur das macht sie unverzichtbar."
Philipp Hindahl unterhält sich für monopol mit der Kuratorin Ruth Catlow über Blockchain-Technologie und DAOs, Decentralised Autonomous Organisations. Das ist, erklärt Catlow, "eine Gruppe, die auf der Blockchain basiert und aus smart contracts besteht. Das wiederum sind Sequenzen von Code, die auf der Blockchain verzeichnet sind und verbindliche Regeln zur Organisation möglich machen. Das lässt die Mitglieder Entscheidungen treffen, zum Beispiel wie Ressourcen gesammelt und verteilt werden. Außerdem erlauben solche Organisationen, über Ländergrenzen hinaus zu kooperieren." Catlow hofft auf "finanzielle Infrastrukturen, die der Kultur dienen, nicht eine Kultur, die der Finanzwelt dient".
In lens culturestellt Joanna L. Cresswell die taiwanesische Künstlerin John Yuyi vor, die in ihren Arbeiten den menschlichen Körper und seine Beziehung zur Außenwelterforscht: "Viele von Yuyis Bildern konzentrieren sich auf die Haut und den Körper, insbesondere auf Gesichtszüge wie Augen, Nasen und Lippen - die sensorischen Teile von uns, die, die sehen und schmecken und herausfinden, wie wir mit der Welt in Verbindung treten, denn Verbindung und die Art und Weise, wie wir einander kennenlernen können, stehen im Mittelpunkt ihrer Arbeit. 'Ich bin in Taiwan aufgewachsen, umgeben von Menschen einer einzigen Rasse, mit so wenigen Menschen verschiedener Ethnien. Darum hat es gedauert bis ich erwachsen war und Freunde hatte, um wirklich zu sehen, wie unterschiedlich Menschen sind. Haut, Poren, Augenbrauen, alles', sagt sie. 'Ich fand das so interessant. Selbst jetzt, wenn ich denke, dass ich über eine Beziehung hinweg bin, denke ich immer noch an die Haut dieser Person, ihre Muttermale, diese Teile von ihr. Ich glaube, deshalb haben Gesichter und Haut eine wirklich tiefe Bedeutung für mich.'"
Weitere Artikel: Im Interview mit dem Standard erklärt die neue Mak-Direktorin Lilli Hollein (Schwester von Max), wie sie das Mak woker machen will, Unisex-Toiletten und Abschaffung von Herr und Frau in der Anrede inklusive. Philipp Meier skizziert in der NZZ die schwierigen Aufgaben der künftigen Kunsthaus-Direktorin Ann Demeester, die das Haus mitten im Streit um die Kunstsammlung Bührle übernimmt. Die Briten geraten immer mehr unter Druck, endlich die Parthenon-Skulpturen an Griechenland zurückzugeben, seit das Archäologische Museum Palermo ein Fragment des Parthenon-Frieses zurückgegeben hat, berichtet Thomas Ribi in der NZZ.
Wie Diversity ist "Kunstfreiheit" ein Argument, das nie zieht, wenn es um proisraelische Künstler geht. im Streit um die Documenta 15 empfiehlt in der Jüdischen Allgemeinen Ayala Goldmann daher einfach, "auch israelische Künstler (und zwar keine BDS-Aktivisten) einzuladen - zumal die Auswahl der Teilnehmer nicht abgeschlossen ist. Dann müssten die Boykott-Fans Farbe bekennen: Weigern sie sich, mit Israelis zusammenzuarbeiten, kann auf ihre Teilnahme an einer mit deutschem Geld finanzierten Ausstellung getrost verzichtet werden."
Andernorts geht die Debatte um die BDS-Nähe der Documenta weiter: Dass die Vorwürfe so an den Haaren herbeigezogen sind, wie Elke Buhr es kürzlich in Monopol behauptete (unser Resümee), stimmt nicht, schreibt Alex Feuerherd bei mena-watch: zum indonesischen Künstlerkollektiv Ruangrupa, das die künstlerische Leitung der 15. Documenta hat, "gehören unter anderem Ade Darmawan und Farid Rakun, zwei antiisraelische Aktivisten. Darmawan zählt zu den Unterstützern des stramm antizionistischen Aufrufs 'A Letter Against Apartheid', in dem Israel als 'Apartheidsystem' bezeichnet wird, und Kuratorin Lara Khaldi vom künstlerischen Team der Documenta, ist ebenfalls strikt pro BDS. Buhr hatte auch geschrieben, das palästinensische Kollektiv "Question of Funding" habe nur zufällig in einem Kulturzentrum getagt, das nach dem Nazisympathisanten Khalil Sakakini benannt ist. Da mogelt sie, so Feuerherdt: "Anders als Menschen, die in Straßen wohnen, die 'nach Antisemiten und Kolonialverbrechern benannt wurden', waren die Kollektivsprecherin Lara Khaldi und der Kollektivsprecher Yazan Khalili zuvor jahrelang in der Leitung des KSCC, das mit seinen antisemitischen Aktivitäten sehr wohl in der Tradition seines Namensgebers stand und steht. Sie nutzen mitnichten nur 'einfach die Strukturen'."
Im Tagesspiegelreicht das Birgit Rieger, um die Vorwürfe gegen die Documenta als infam zurückzuweisen. Es muss also andere Gründe für die Kritik geben, glaubt sie: "Das indonesische Kollektiv trat bei der Documenta an, um die Perspektive des globalen Südens in den westlichen Kunstbetrieb einzubringen. So wollte es auch die Findungskommission, die Ruangrupa berufen hat, um die Documenta als internationale Diskursplattform voranzubringen. Globale Machtverhältnisse und Themen wie Dekolonisierung sollen auf den Tisch. Diese Agenda soll nun offenbar mit Antisemitismus-Vorwürfen torpediert werden. Soll bloß niemand aus Asien kommen und hier seine Themen setzen."
"Es hätte sicher geholfen, wenn Ruangrupa und Khalili sich nach den Vorwürfen, bei aller Kritik an der Siedlungspolitik, klar zum Existenzrecht und dem Sicherheitsbedürfnis Israels bekannt hätten. Ein solches Bekenntnis liegt aber nicht vor", notiert Niklas Maak in der FAZ. Eigentlich müsste Claudia Roth jetzt die Grenzen setzen, meint er, mit Blick auf den Bundestagsbeschluss zum BDS.
Weiteres: Wieland Freund schreibt in der Welt den Nachruf auf den amerikanischen Fotografen Steve Schapiro. Besprochen werden eine Ausstellung der Naturfotografie von Fred Koch in der Alfred Ehrhardt Stiftung in Berlin (Tsp, taz), die Zukunftsschau "Futura" in der Hamburger Kunsthalle (Zeit) und die Ausstellung "Picasso, l´étranger" im Palais de la Porte Dorée in Paris (FAZ).
Moriz Nähr: Ludwig Wittgenstein. Porträt zur Verleihung des Trinity College Stipendiums 1929. Foto: Klimt-Foundation, Wien Almuth Spiegler hat sich für die SZ im Wiener Leopold Museum in die Ausstellung zu Ludwig Wittgensteingewagt. Und siehe da: Der Philosoph war auch Fotograf und befasste sich mit den Themen der zeitgenössischen Kunst: "Die Überlagerung von Ähnlichkeiten und Unterschieden. Das Interesse an Unschärfen. Die Selbstdarstellung. So inszenierte sich Wittgenstein selbst in einem der frühen Fotoautomaten, streng frontal, ohne Lächeln, ohne narrativen Firlefanz. Das Fotoalbum benutzte Wittgenstein dagegen als eine Art Gedanken- und Affektarchiv mit Fotos der weiblichen Familienmitglieder, seiner norwegischen Hütte, aber auch der Typen-Porträts des Personals am Familien-Landsitz. In diesen kleinen, beklebten Notizheften, die man per Screen auch durchblättern kann, sieht man Wittgenstein beim reflektierenden, experimentierenden Sehen zu, ganz nach seinem Prinzip: 'Denk nicht, schau!'"
35 Jahre lang hat das Verborgene Museum Werke vergessener Künstlerinnen ausgegraben, darunter die Arbeiten von Lotte Laserstein, Marianne Breslauer, Louise Stomps und Yva. Jetzt geht es in die Berlinische Galerie über. Zum Abschied betont die langjährigen Chefkuratorin Marion Beckers im Monopol-Interview, dass die Arbeit noch lange nicht getan ist: "Viele der Künstlerinnen, die wir schon gezeigt haben, brauchen noch zahlreiche weitere Ausstellungen. Wir müssten beispielsweise noch einmal Martel Schwichtenberg zeigen, Augusta von Zitzewitz weiter bearbeiten und zeigen, da gibt es Namen über Namen, die einfach da sind und mehr Sichtbarkeit benötigen. Auch die Museen tragen eine Mitschuld an der fehlenden Öffentlichkeit der Künstlerinnen, da sie ihre Werke nur selten angekauft haben. Und wenn, dann landeten sie im Depot."
Besprochen werden die Retrospektive des Zeichners und Illustrators Tomi Ungerer in der Sammlung Falckenberg in Hamburg (taz) und Bogomir Eckers auf fünfhundert Jahre angelegte Tropfsteinmaschine in der Kunsthalle Hamburg (FAZ).
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