"Und denk dran, mich nicht zu vergessen." Sempés letzte Zeichnung erschien letzte Woche in Paris Match. Sempé, der Erfinder des "kleinen Nick", ein Zeichner, der Melancholie und Pracht verbinden konnte, ist im Alter von 89 Jahren gestorben.
"Pense à ne pas m'oublier." Le dernier dessin de Sempé paru dans "Paris Match" la semaine dernière. pic.twitter.com/VvYQgiDr9P
Sempé ist tot! "Das schreibt sich leicht, aber es ist unbegreiflich, denn seine Zeichnungen sind das Lebendigste, was Cartoons überhaupt bieten können", schreibt ein trauernder Andreas Platthaus in der FAZ. "Die Federleichtigkeit seines Tuschestrichs scheint doch alle Schwermut auszuschließen. Aber ganz Frankreich trägt nun Trauer; der Tod von Jean-Jacques Sempé ist in der kollektiven Verlusterfahrung der Nation in diesem Jahrhundert nur mit dem Hinscheiden der beiden Sänger Charles Trenet und Johnnie Hallyday zu vergleichen."
In der SZ empfiehlt Till Briegleb wärmstens die große Retrospektive des Schweizer Künstlers Ugo Rondinone in der Frankfurter Schirn. Hier werden die "verschlossenen Pforten der Unlogik" geöffnet, "um Geister und Wesen herein zu lassen - und verwandelt auch wieder heraus. Denn die Kreisläufe des Lebens bergen noch immer Rätsel, die den Verstand verspotten. Die menschliche Sehnsucht nach Sicherheit führt da die Erkenntnis nur in die Irre, wenn sie Antworten von Eindeutigkeit verlangt. Deshalb schläft ein bunter Clown mit stolz präsentiertem Rundbauch und Blackfacing in einer Umgebung von sieben großformatigen Fakebildern des nächtlichen Sternenhimmels neben einer düsteren massiven Tür zum Unbekannten. ... Die Übergänge, wo der Sinn noch unklar ist, sind Rondinones Lieblingszonen." Im Interview mit der SZ spricht Rondinone über seine Inspirationen, vor allem aus der Natur.
Wandbild von Taring Padi im Hallenbad-Ost, einem Spielort der Documenta. Ausschnitt. Auf der Documenta hängt ein weiteres antisemitisches Wandbild der Gruppe Taring Padi, schrieb Volker Breidecker schon in der gestrigen Welt. Der Antisemitismus ist hier nur wenig verklausulierter als in dem abgehängten Bild "People's Justice". Die zentrale Figur des Bilds ist ein Anzugträger mit Dollarzeichen auf dem Jackett und entblößten Beinen: "Über ihrer Schulter trägt die Figur einen Wanderstab, an dem ein gut gefüllter, ebenfalls mit Dollarzeichen versehener und so zum Geldsack mutierter Reisebeutel hängt. Wanderstab wie Reisesack sind unverzichtbare Attribute des 'Ewigen Juden'. Was haben sie ausgerechnet hier zu suchen, auf einer Darstellung sozialer Kämpfe in Indonesien, wo so gut wie keine Juden leben? Offenbar sind der oder die Urheber mit der europäischen Bildtradition bestens vertraut, denn sie setzen sie gezielt ein."
In den Documenta-Lumbungs wird über alles diskutiert, nur nicht über Antisemitismus. Ist diese Debatte denn "nicht Lumbung-kompatibel? Was sagt das über die tatsächliche Zukunftsfähigkeit des Konzepts aus?", fragt sich in der FR Lisa Berins. "Das defensive, introvertierte Verhalten von Ruangrupa ist rätselhaft, und es wirkt, als wolle das Kollektiv den Diskurs um Antisemitismus als Unterbrechung der kuratorischen Praxis ausblenden."
Johannes Schneider blickt in Zeit online ratlos auf die "Kontextualisierungen" antisemitischer Bildmotive durch die Documenta-Leitung. "Mit Eigenheiten der indonesischen Volkskunst und der Unterdrückungserfahrung unter der Herrschaft des einstigen Diktators Haji Mohamed Suharto, auf die nun die Kontextualisierung vergleichsweise ausführlich eingeht, lassen sich allgemein Derbheit und Respektlosigkeit, aber recht schwer explizite visuelle Bezugnahmen auf zum Beispiel die deutsche SS erklären, die wiederum explizit mit hasserfüllten Stereotypen über jüdische Menschen in Verbindung gebracht wird. Das spricht vielmehr für eine gewisse, aber mit zu wenig Wissen unterfütterte Kenntnis des Holocausts. Es wäre nun Zeit zur Offenlegung gewesen: was man weiß, was man nicht weiß, was man zu wissen glaubt, welche Fragen man vielleicht auch hat an die andere Seite der Kritik an diesen Darstellungen, mit der man seit einigen Monaten sehr engagiert nicht kommuniziert."
Philip Guston, Aegean, 1978. The Estate of Philip Guston, courtesy Hauser & Wirth
Eigentlich sollte die große Philip-Guston-Retrospektive schon im Sommer 2020 in Washington gezeigt werden. Dann kam Covid, gleichzeitig wurde der Kampf um "richtige" und zumutbare Kunst immer hässlicher, so dass die Ausstellung erst jetzt, mit vielen Warnschildern versehen, im Museum of Fine Arts in Boston eröffnet wurde. Das Problem, erklärt Barry Schwabsky in The Nation: Guston, ein weißer, in Kanada geborener Jude, war ein vehementer Kritiker des Rassismus in den USA und hat vor allem 69/70 immer wieder vermummte Ku-Klux-Klan-Männer gemalt. Das war den Kuratoren angesichts der Aufstände nach dem Mord an George Floyd zu heikel. Sie verschoben die Ausstellung, was sofort Protest nach sich zog, während andere vor dem "Schaden und dem Schmerz" warnten, den die Klan-Bilder auslösen könnten. Jetzt wurde sie also doch noch eröffnet. Und Schwabsky findet sie einfach bizarr: Für die Kuratoren ist Gustons Auseinandersetzung mit dem Rassismus das einzig wichtige. "Im Gegensatz dazu wird fast keiner der vielen Kriege erwähnt, die die Vereinigten Staaten zu Gustons Lebzeiten führten und die seine Kunst ebenso stark beeinflussten. ... Während der politische Kontext von Gustons Leben und Kunst durch die Zeitleiste auf bizarre Weise eingeengt wird, fehlt der künstlerische und kulturelle Kontext seines Werks gänzlich: Die einzigen künstlerischen Ereignisse, die erwähnt werden, sind eine Handvoll seiner eigenen Ausstellungen." Künstlerkollegen und Bewegungen die er bewunderte, wie die mexikanischen Wandmaler, Abstrakten Expressionisten, Pop-Künstler, Minimalisten und die Underground-Comic-Künstler - "sie werden in der Zeitleiste nie erwähnt. Auch die Poesie und Belletristik, in die er sich vertiefte, fehlt ... Ist dies alles kein wesentlicher Kontext für Gustons Kunst?"
Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Über die Zeichnung hinaus" in der Zitadelle Spandau in Berlin (Tsp), die Ausstellung "Surrealism Beyond Borders" in der Tate London (wo der "Prozess der Dekolonisierung" als eine der Triebkräfte der Kunstbewegung ausgemacht wird, wie Catrin Lorch in der SZ zufrieden konstatiert), die Ausstellung "VolksWagner. Popularisierung - Aneignung - Kitsch" im Richard-Wagner-Museum Bayreuth (SZ) und die Ausstellung "1929/1955. Die erste documenta und das Vergessen einer Künstler:innengeneration" im Zentrum für verfolgte Künste Solingen (FAZ).
Marion Ackermann, Chefin der Kunstsammlungen Dresden, gehört dem siebenköpfigen Experten-Gremium, dass die Documenta auf antisemitische Werke überprüfen soll. Da schaut Gürsoy Doğtaş (SZ) doch mal in die "Online-Collection" von Ackermanns eigenem Haus - und siehe da: "Die öffentliche Sammlung enthielt bis vor wenigen Tagen etliche frei einsehbare antisemitische Werke, ohne jeden Kommentar, ohne jede Distanzierung, also ohne jene Kontextualisierung, die auf der Documenta vorgesehen ist. Nach einer Anfrage der SZ wurden die Bilder zunächst offline genommen." Etwa "eine von Hegenbarth illustrierte Ausgabe der Novelle 'Taras Bulba' von Nikolai Gogol war bis eben in der Online-Collection der Staatlichen Kunstsammlungen zu finden. Das Buch bedient unverblümt den Antisemitismus. Damit er die Kosaken heroisieren kann, zeichnet Gogol die Juden im Kontrast als körperlich, moralisch und geistig unterlegen. Hegenbarth hat die passenden Bilder dazu geschaffen, etwa 'Der Jude rühmt die Schönheit der Woiwodentochter' und 'Der Jude zahlt dem Heiducken Geld', beide um das Jahr 1928 entstanden, beide groteske, abwertende Darstellungen."
Für die Weltliest Kevin Culina die "Kontextualisierung" einiger algerischer Zeichnungen der Künstlergruppe "Archives des luttes des femmes en Algérie", denen ebenfalls Antisemitismus vorgeworfen wurde. Der Text stammt von der Gruppe selbst. Die Zeichnungen dienten der Illustration eines Kinderbuchs des palästinensischen Schriftstellers Ghassan Kanafani. Dieses Buch erzählt, wie eine Gruppe von Palästinensern von zionistischen Milizen brutal ermordet wird. Die Milizen werden entmenschlicht und roboterhaft dargestellt. Culina zitiert Susanne Urban von der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Hessen (Rias Hessen). "'Statt sich mit der geäußerten Kritik am Antisemitismus auseinanderzusetzen, wird behauptet, die Kritiker verstünden einfach den Kontext der Bilder nicht', so Urban zur Welt." Außerdem werde Kanafani nicht kontextualisiert sondern "dekontextualisiert", weil seine Mitgliedschaft in der Terrororganisation Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) in dem Papier der Künstlergruppe nicht thematisiert werde.
Außerdem: Im Tagesspiegelschreibt Christiane Meixner einen Nachruf auf den im Alter von 55 Jahren verstorbenen Maler Carsten Kaufhold. Besprochen wird eine Ausstellung des Berliner Bildhauers Daniel Hölzl in der Galerie Dittrich & Schlechtriem (Berliner Zeitung)
Eine echte Entdeckung macht Christiane Meixner (Tagesspiegel) in der Fondation Cartier in Paris: Sally Gabori, eigentlich Mirdidingkingathi Juwarnda Sally Gabory, begann erst mit 81 Jahren zu malen und wurde innerhalb von zehn Jahren zu einem Star der australischen Kunstszene. In Europa ist sie noch völlig unbekannt: "Man schaut halt nicht so oft von hier nach Australien und verbindet vor allem mit der Malerei der Aborigines ein festes Vokabular aus Punkten und figurativer Darstellung. Gabori hingegen hat sich die Sprache der Abstraktion angeeignet - ohne Vorkenntnisse, sondern im Gegenteil mit einer biografischen Geschichte, die auf alles andere als eine späte Hinwendung zur Kunst deutet." Davon zeugen vor allem ihre Bilder von Bentinck Island, der Insel, auf der sie geboren wurde und die sie verlassen musste und die sie immer wieder aus der Vogelperspektive kartografierte.
Die Debatte um Jean-Jacques Lebels Installation mit Fotos von in Abu Ghraib gefolterten und getöteten Irakern auf der Berlin-Biennale führt für FAZ-Kritiker Niklas Maak direkt "ins Zentrum der seit Jahren schwelenden Frage, wer unter welchen Bedingungen Bilder von Gewalttaten zeigen kann, sollte und darf. ... Nun ist es eine Sache, ob etwa die Bilder von Erschießungen und von schreiend davonlaufenden nackten Kindern im Vietnamkrieg oder aktuell die der Opfer des Massakers von Butscha dazu beitragen, die Öffentlichkeit aufzuklären darüber, was passiert; oder ob hinlänglich bekannte, 'ikonische' Bilder von bekannten Gewalttaten im Kunstkontext verwendet werden. Hat die Kunst, die solche Bilder weiterverwertet, eine aufklärerische Funktion, oder macht sie die Bilder des Leidens zum Ornament einer Kritikalitätsästhetik, die ihren Aufklärungsanspruch gar nicht einlösen kann?"
Besprochen werden weiter die Ausstellung "Holzschnitt. 1400 bis heute" im Kupferstichkabinett am Kulturforum Berlin (FAZ) und Julius H. Schoeps' Band "Wem gehört Picassos 'Madame Soler'" (FR).
Jan Zier besucht für die taz die Hamburger Malerin und Bildhauerin Magda Krawcewicz, die gern auf Mythen und Symbole zurückgreift, "die das eigene Unterbewusstsein ebenso wie das kollektive Gedächtnis ansprechen. 'Ich suche nach Begriffen, die eine Welt eröffnen, zu der viele Bilder passen.' So wie bei ihren Idolen, die auf den ersten Blick leicht morbide wirken: kleine Totenköpfe aus Porzellan, die einen in einem stillen, klaren, einem sehr lebendigen Weiß anstrahlen. Hinter der Oberfläche offenbaren sich alle Brüche des genauso zarten wie zeitlosen Materials. Sie sind geschmückt mit Federn und Muscheln, Pocken und Schlangenhäuten und erinnern damit zwar an Fetischobjekte. Doch sie behalten ihre Leichtigkeit, weil sie keiner spezifischen Zeit oder Kultur zuzuordnen sind und auch keine ganz eigene erschaffen wollen. Und obwohl sie eben Idole sind, haftet diesen Werken so gar nichts Religiöses an. Wohl aber spielen die kleinen kultischen Werke mit der ganzen Kraft des Mythologischen - und zwar ganz kulturübergreifend." Mehr demnächst in der Hamburger Galerie Holthoff.
Weiteres: Kevin Hanschke recherchiert für die FAZ, wie die Museen, die zum Schutz ihrer Exponate die richtige Raumtemperatur halten müssen, mit der Klimakrise umgehen. Besprochen wird Reto Pulfers Ausstellung "Blitzzzustand" im Kunsthaus Potsdam (taz).
Außerdem: In der SZ resümiert Jörg Häntzschel den Fall um die auf der Berlin Biennale ausgestellten Folterbilder aus Abu Ghraib des französischen Künstlers und Aktivisten Jean-Jacques Lebel. Die drei irakischen Künstler Layth Kareem, Raed Mutar und Sajjad Abbas haben dagegen protestiert und ihre Argumente nun in der New Yorker Kunstzeitschrift Artforum veröffentlicht, so Häntzschel: "Der Hauptvorwurf der Künstler liegt darin, dass Lebel die verletzenden Bilder der US-Soldateska erneut zeigt, und zwar, ohne die abgebildeten Personen oder deren Angehörige um Erlaubnis gebeten zu haben." Für die FAZ besucht Bettin Wohlfarth die nun fürs Publikum geöffnete Fondation Hartung Bergman in Antibes, die in der Ausstellung "Die Archive der Kreation" Werke des Malerpaares Anna-Eva Bergman und Hans Hartung zeigt.
Die kubanischen Künstler und LGBTQIA+-Aktivisten Daniel Tirana und Amaury Pacheco waren zwar zur Documenta 15 nach Kassel eingeladen worden, haben jedoch abgesagt, weil ihnen bei der Rückkehr vermutlich die Einreise nach Kuba verweigert würde. So wird das Regime in letzter Zeit Kritiker los, berichtet Tobias Käufer in der Welt: "Zuletzt machte unter anderem die kubanische Aktivistin Anamely Ramos die Erfahrung, als ihr bei der geplanten Rückreise nach Kuba auf dem Flughafen in Miami der Zutritt zum Flugzeug in die Heimat verweigert wurde. Im Juli demonstrierte sie deswegen tagelang vor dem Weißen Haus in Washington, um das Schicksal der im Zwangsexil lebenden Kubaner aufmerksam zu machen. Die Kuba-Ausstellung auf der Documenta erfreut sich bei den Besuchern großer Beliebtheit. Gezeigt wird die massive Unterdrückung der unabhängigen Kunst und Kulturszene durch das sozialistische Regime in Havanna. Regierungskritischen Künstlerinnen und Künstler wird unverhohlen angedroht: Exil oder Gefängnis."
Alex Feuerherdt, Redakteur der Website mena-watch.de, weist bei audiatur-online.ch auf das Phänomen der "Umwegkommunikation" hin, das bei postkolonialen Verfechtern des "globalen Südens" zu beobachten sei. Das was bei uns als antisemitisch gilt, sei es in Darbietungen des "globalen Südens" zu Israel nicht, weil der Kontext ein anderer sei. So erlauben diese Darbietungen zugleich stellvertretende Äußerungen über Israel, die man sich hierzulande nicht trauen würde. Nur ist der Kontext im "globalen Süden" nicht so anderes, wie die doch höchst konventionellen Documenta-Karikaturen zeigen, wendet Feuerherdt ein: "'Peoples' Justice' folgt einer Ästhetik, wie sie aus westlichen Agitprop-Bildern seit Jahrzehnten bekannt ist, und die Darstellung von Juden als Nazis und Schweine ist in jedem Kontext antisemitisch. Die Ikonografie des Antisemitismus ist zudem uralt und global, natürlich kennt man sie bei Taring Padi. Genauso hat die Gleichsetzung der israelischen Armee mit der deutschen Wehrmacht, wie sie im Zyklus 'Guernica Gaza' betrieben wird, in den palästinensischen Gebieten keine andere Bedeutung als in Europa. Die Botschaft lautet: Die Israelis sind wie die Nazis. Und so versteht man sie auch hier wie dort." Den Begriff der "Umwegkommunikation" übernimmt Feuerherdt aus einem FAZ-Beitrag von Leonard Kaminski.
Weitere Artikel: Im Tagesspiegelfordert Susanne Krause-Hinrichs von der Flick Stiftung, Antisemitismus künftig im Grundgesetz zu ächten. "Eine Staatszielverpflichtung im Grundgesetz zur Antisemitismusprävention ... könnte vieles ändern. Was Antisemitismus sei und wie er zu bekämpfen ist, würde dann endgültig auch definitorische Aufgabe einer dynamischen Rechtsprechung werden. Die Länder Brandenburg und Sachsen-Anhalt haben ihre Verfassungen immerhin schon entsprechend geändert." Im Humbold-Forum freut sich Andreas Kilb (FAZ) über das neue Dach für das Männerhaus von Palau und ein neues Doppelrumpfboot, das Handwerker aus Fidschi im Auftrag der Staatlichen Museen nachgebaut haben. Peter Kropmanns feiert in der FAZ mit den Parisern 150 Jahre "Wallace-Brunnen", das sind die gußeisernen grünen Trinkwasserspender auf den Straßen.
Besprochen werden die Ausstellung "Allemagne / Années 1920 / Nouvelle Objectivité / August Sander" im Centre Pompidou (SZ) und die David-Hockney-Retrospektive im Kunstmuseum Luzern (FAZ).
Der Wiener Ringturm, ummantelt von Dóra Maurer. Foto: Hertha Hurnaus / Dóra Maurer
Sabine B. Vogel unterhält sich für die Presse mit der ungarischen Künstlerin Dóra Maurer über deren Kunstwerk "Miteinander", für das sie den Wiener Ringturm mit einem 4.000 Quadratmeter großen Bild ummantelt hat. Die Künstlerin, die in Ungarn seit den sechziger Jahren populär ist, arbeitet dabei mit geometrischen Formen. "Durch Josef Hoffmann und die anderen ist Geometrie hierzulande ganz anders aufgefasst worden als in Ungarn, wo sie meist viel einfacher, krasser - und auch mehr als vereinfachte Umschreibung der gesehenen Formen - wahrgenommen wurde. Geometrie wurde in Ungarn sozusagen falsch verstanden, als Erweiterung des Kubismus. ... Die Geometrie wurde mit einer Art Verdichtung der Natur verbunden. So hat sie in den 1970er-Jahren auch gewirkt - und wurde neben dem Sozialistischen Realismus geduldet. Das war ein wenig anders als die Konkrete Kunst im Westen." Ihre eigene Kunst habe "mit Dichtung auf eine andere Art zu tun - das Erlebte fügt formale und farbliche Elemente zur Arbeit hinzu, aber nicht wortwörtlich. Auch nicht als etwas Seelisches, sondern eher rhythmisch."
Marta Popidova, Yugoslavia. How Ideology Moved Our Collective Body, 2013. Foto: Manifesta 14 Pristina / Majlinda Hoxha
Jörg Häntzschel besucht für die SZ die "Manifesta" im kosovarischen Prishtina, wo der Krieg noch allgegenwärtig ist: "Überall im Grand Hotel wie auch an den anderen Ausstellungsorten wird das Erbe des Kriegs verhandelt, die Migration, die überhitzte Geschichte des Landes. Eine brillante Einführung gibt das Video von Marta Popidova, die mit Dokumentar-Footage aus den Jahren 1945 bis 2000 erzählt, wie das Patchwork-Land Jugoslawien durch Rituale, Ikonografie und ideologische Beschwörung zusammengehalten wurde - bis es zerfiel. Es ist eine großartige Revue von Sport-Wettkämpfen, Paraden und nationalen Großereignissen, allen voran dem Begräbnis von Tito."
Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Dissonance. Platform Germany" im Berliner Künstlerhaus Bethanien (BlZ), Ausstellungsstücke aus dem St. Pauli Museum des Fotografen Günter Zint im Museum Lüneburg (taz) und eine Ausstellung des Comiczeichners Chris Ware in der Bibliothek des Centre Pompidou (FAZ).
Katsuhiro Ōtomo, Akira, Schnitt Nr. 182. Finaler Produktonshintergrund. Toshiharu Mizutani.
Kevin Hanschke betrachtet in der Berliner Tchoban Foundation für die FAZ interessiert das Comic-Tokio, das sich der Manga-Künstler Katsuhiro Ōtomo in den Achtzigern für seinen Manga und das anschließende Anime "Akira" für die Zukunft vorgestellt hat. Beeinflusst wurde er dabei von der "Arbeit des Architekten Kenzo Tange. Die Idee, neue Quartiere für die schnell wachsende Stadt auf einer Mülldeponie in der Bucht von Tokio zu errichten, stammt direkt aus dessen städtebaulichem Plan von 1961." Für das Anime wiederum wurden "Tausende Skizzen angefertigt, die die Betrachter in die surreale Stadtlandschaft eintauchen lassen. Eine Zeichnung der Müllkippe, auf der Neo Tokyo errichtet ist, unterstreicht das: Trümmer ragen aus dem Moder heraus, im Hintergrund fällt ein Sonnenstrahl durch den schwarzen Himmel. Violett-weiß leuchten in einer weiteren Zeichnung die Wolkenkratzer im Hintergrund auf. Sie strahlen das Versprechen jeder großen Stadt aus: Freiheit und Anonymität. Im Vordergrund stehen die Gebäude der Vergangenheit: Art-déco-Häuser, stumme Zeugen der Zwanzigerjahre."
Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Surreal! Vorstellung neuer Wirklichkeiten" im Wiener Sigmund-Freud-Museum mit Werken von Giorgio de Chirico, Salvador Dalí, André Masson und anderen Surrealisten (SZ) und eine Installation in Form einer Schrankwand von Henrike Naumann im Berliner Gropius-Bau (SZ).
In einem Essay für Zeit onlineuntersucht die Kunstwissenschaftlerin Annekathrin Kohout den Einfluss Instagrams auf die Kunst. Für junge Künstler ist es ein willkommenes Marketing-Tool. Aber das ist nicht alles, meint Kohout: "In der Kunstwelt kamen lange Zeit die Ärmsten und Reichsten der Gesellschaft zusammen. ... Trotz gegenseitiger Abhängigkeit konnten sich die einen, die Künstler:innen, vormachen, moralisch, geistig, weltanschaulich in der stärkeren Position zu sein - und die anderen, die gut situierten Sammler:innen, blieben es objektiv finanziell, mit Ausnahme jener wenigen Künstler:innen, deren Erfolg derart groß war, dass sie irgendwann auch zu den Reichen gehörten. Nun läuft dieses Abkommen aber Gefahr, beendet zu werden. Für Wohlhabende ist es nicht mehr von so großer Bedeutung, sich kunstaffin zu zeigen. Heute kann ihnen popkulturelle Bildung einen ebensolchen Statusgewinn verschaffen, wie es einst im eigenen Milieu nur Kenntnis und Unterstützung der Hochkultur vermochte. Ein Kostüm von Lady Gaga oder Art Toys von auf Instagram erfolgreichen jungen Nachwuchskünstler:innen zu besitzen, kann von genauso großer Attraktivität sein, wie ehedem Inhaber eines Gemäldes des heute längst unbezahlbaren Gerhard Richter zu sein. ... Bildende Künstler:innen büßen aus diesem Grund zunehmend ihre Sonderstellung ein."
Der Streit um die Documenta nimmt kein Ende. Ein Gremium aus sieben Beratern, unter dem Vorsitz der Politologin Nicole Deitelhoff soll jetzt die Documenta vor weiteren Antisemitismusskandalen bewahren, berichtet Leon Holly auf Zeit online. Zuerst mal kritisierten sie die Geschäftsführung der Kunstschau, heißt es in einem zweiten Artikel. "'Die von ihr vertretene Position, dass weder weitere Kunstwerke aufgrund antisemitischer Inhalte entfernt werden müssten noch eine systematische Prüfung der Werke notwendig sei, widersprechen einem fachlichen und ergebnisoffenen Dialog', teilten die Fachberater mit."
In der FAZ Hannes Hintermeier würdigt den Galeristen und Kunstsammler Heiner Friedrich, dessen Werke man in den Nordhallen der ehemaligen Munitionsanstalt St. Georgen im etwas unwirtlichen Traunreut sehen kann. "Die gezeigte Kunst selbst ist von vorzüglicher Qualität, da würde kein Sammler, kein großes Museum zögern. Allein die unheimlich aktuell wirkenden Gemälde Uwe Lausens, der 1970 im Alter von neunundzwanzig Jahren starb, lohnten eine wiederholte Wiederkehr. Als einzige Frau im Umkreis von Documenta-und Biennale-Haudegen fällt die heute einundsechzigjährige Maria Zerres mit ihren farbsprühenden Großleinwänden aus dem Rahmen. Malerei pur, die, als Zerres in den Achtzigerjahren durchstartete, ganz aus der Mode war."
Besprochen werden die Schau "Foto-Reflexionen" in der Kieler Stadtgalerie (taz), eine Ausstellung mit Fotos aus Nordkorea von Andreas Taubert in der Fotogalerie Friedrichshain (BlZ) und die Ausstellung "Frei.Schaffend.", mit der das Städel Museum das Werk der deutsch-schweizerischen Malerin Ottilie W. Roederstein vorstellt (taz).
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