Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

3757 Presseschau-Absätze - Seite 119 von 376

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.08.2022 - Film

Bereits am Mittwoch hat das Filmfestival von Locarno begonnen, FR-Kritiker Daniel Kothenschulte freut sich vor allem auf die Douglas-Sirk-Retrospektive. Sirk, der als Detlef Sierk vor den Nazis in die USA geflüchtet war, hielt viel auf die Staaten. "Etwas allerdings trennte ihn von seinen amerikanischen Freunden: deren unerschütterlicher Optimismus. Seine anhaltende Beschäftigung mit der amerikanischen Mittelschicht war geprägt vom Erleben der Nazi-Diktatur, deren Nährboden er im Kleinbürgertum ausgemacht hatte. Seine späten Meisterwerke wie 'Was der Himmel erlaubt', 'In den Wind geschrieben' und der krönende Abschluss seiner Melodramen für Universal, 'Solange es Menschen gibt' handelten von der Doppelmoral aufstrebender Gesellschaftsschichten. Sein wichtigstes Requisit war dabei der Spiegel, den er in den meisten Filmkulissen unterbrachte. Dass sich das amerikanische Publikum genau diesen von ihm vorhalten ließ, lag wiederum an Sirks positivem Menschenbild. Er liebte seine gebrochenen Heldinnen und Helden."

Besprochen werden Kiyoshi Kurosawas "To The Ends of the Earth" (Tsp, unsere Kritik hier), die Actiongroteske "Bullet Train" mit Brad Pitt nach dem gleichnamigen Roman von Kōtarō Isaka (ZeitOnline, FAZ, Standard), die Netflix-Komödie "Buba" mit Bjarne Mädel (FAZ), Stefan Sarazins Nahost-Komödie "Nicht ganz koscher" (Tsp), Ron Howards "Dreizehn Leben" (SZ), der neue Eberhofer-Krimi "Guglhupfgeschwader" (Tsp, Welt), die Apple-Serie "Surface" (FAZ) und die auf Sky gezeigte Horrorkomödie "The Baby" (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.08.2022 - Film

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

Ein Beitrag geteilt von Leslie Grace (@lesliegrace)



Der neue "Batgirl"-Film hat den Produzenten bei Warner offenbar so gut gefallen, dass sie ihn ganz für sich alleine behalten wollen. Der für irgendwas zwischen 70 und 90 Milionen Dollar bereits abgedrehte und nahezu fertig produzierte Film soll weder im Kino, noch auf Streamingplattformen zu sehen sein. "Laut Warner Brothers lag es nicht an der Qualität des Films, sondern am fehlenden strategischen Platz dafür", weiß Kathleen Hildebrand in der SZ mutmaßlich nach der Lektüre dieses Variety-Artikels. Man wolle "weg von der Priorisierung des Streamings und zurück zu prestigeträchtigen Blockbuster-Filmen, die im Kino gezeigt werden. 'Batgirl' allerdings wurde in strategisch anderen Zeiten geplant, als Warner exklusive Filme für seinen Streaming-Dienst HBO Max wollte. Auf kleine Bildschirme angelegt, kann er in puncto Spektakel wohl nicht mit den ganz großen Filmen mithalten. ... Zu klein fürs Kino, zu groß fürs Streaming." Die New York Post allerdings hat von miserablen Testvorführungen erfahren, die womöglich doch ausschlaggebender für diese Entscheidung gewesen sein dürften. Dass der Film irgendwann doch noch einmal ans Tageslicht kommen wird, kann sich Gerrit Bartels vom Tagesspiegel gut vorstellen: "Künstlerische Projekte wie diese, die unvollendet sind, verschwinden oder zensiert werden, von wem auch immer, wecken Begierden und bekommen eine ganz eigene Aura."

Gar nicht wohl wird David Steinitz von der SZ bei dem Ausblick darauf, dass im kommenden Herbst mit Amazons "The Rings of Power" (aus dem Tolkien-Universum) und HBOs "House of the Dragon" (aus dem "Game of Thrones"-Universum) gleich zwei Prestige-Blockbuster-Serien aus dem Fantasy-Genre mit völlig irrwitzigen Budgets ins Rennen um die Publikumsgunst gehen: Im Goldenen Zeitalter der Serien herrscht Abendstimmung, findet er. Noch vor kurzem "verordnete sich fast jeder Streamingdienst und jeder Sender eine Originalitätspflicht." Doch im jetzigen Szenario "klingt alles nicht mehr nach Innovation, sondern nach Copy-and-paste. Und damit nach dem Hollywoodkino der Gegenwart, wo Filme schon lange keine Kunst mehr sind, sondern 'content'. Kunst verunsichert Aktionärsnerven. 'Content' beruhigt Aktionärsnerven - zumal wenn er auf bereits existierendem 'content' beruht." Und dann hat man auch noch No-Names für die Arbeit verpflichtet: "Das macht man eher nicht, wenn man seinen Künstlern die Freiheit geben will, sich auszutoben, sondern wenn man sie an der kurzen Leine halten will."

Außerdem: In der SZ plaudert Tobias Kniebe mit den Produzenten Philipp Käßbohrer und Matthias Murmann, die gerade mit der Serie "King of Stonks" und der Komödie "Buba" auf Netflix durchstarten. Arno Widmann (FR) und Sarah Pines (NZZ) erinnern an Marilyn Monroe, die vor 60 Jahren gestorben ist. Andreas Busche erzählt im Tagesspiegel von seinem Treffen mit dem Schauspieler Brian Tyree Henry, der in der Actionkomödie "Bullet Train" als Widersacher von Brad Pitt zu sehen ist.

Besprochen werden die Actionkomödie "Bullet Train" mit Brad Pitt nach dem gleichnamigen Roman von Kotaro Isaka (FR, taz), Kiyoshi Kurosawas "To the Ends of the Earth" (Perlentaucher), Vincent Maël Cardonas "Die Magnetischen" (Perlentaucher), Régis Roinsards gleichnamige Verfilmung von Olivier Bourdeauts Roman "Warten auf Bojangles" (taz), die DVD-Ausgabe von Dario Argentos "Dark Glasses" (taz, unsere Kritik hier) und die Netflix-Komödie "Buba" mit Bjarne Mädel (SZ, FAZ, ZeitOnline). Außerdem informiert uns die SZ, welche Filme sich in dieser Woche wirklich lohnen und welche nicht.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.08.2022 - Film

Darstellungsoptimismus: Barry Levinsons "The Survivor"

Ziemlich ärgerlich findet Bert Rebhandl in der FAZ (online nachgereicht) Barry Levinsons Auschwitz-Drama "The Survivor" über den Boxer Harry Haft, ein Film, der in Konventionen verhaftet ist und lediglich an Überbietungen interessiert scheint. "Inszenierte Aufnahmen von Leichen, die zur Verbrennung gebracht werden, erwecken nicht so sehr den Eindruck, hier entstünde eine Verbindung zu den frühesten Filmzeugnissen aus den gerade befreiten Lagern oder eben zu den unter Todesgefahr erstellten vier Bilddokumenten von den Abläufen des Mordens, sondern wirken wie eine obszöne Überbietung früherer Darstellungen des Unrepräsentierbaren. Levinson war als Hollywood-Regisseur immer Pragmatiker ('Rain Man'), nun hat er mit einem Alterswerk, das ihm zweifellos großes Anliegen war, einen signaturhaften Film über den Darstellungsoptimismus des Streaming-Zeitalters gemacht."

Außerdem: Vor dem Beginn des 75. Filmfestivals in Locarno sorgt sich Andreas Scheiner von der NZZ um die Zukunft des Schweizer Dokumentarfilms: Selbst gezielt auf Dokus spezialisierte Verleihe bringen kaum noch Filme in die Kinos.

Besprochen werden die Actiongroteske "Bullet Train" mit Brad Pitt nach dem gleichnamigen Roman von Kotaro Isaka (Presse, Welt), Hanna Bergholms Horrorfilm "Hatching" (Presse, unsere Kritik) und die auf Netflix gezeigte Comedy-Serie "Mom, Don't Do That!" aus Taiwan (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.08.2022 - Film



Als Lieutenant Nyota Uhura auf der Brücke des Raumschiffs Enterprise war die Schauspielerin Nichelle Nicols eine Pionierin in Sachen Diversität auf dem Fernsehschirm, halten die Feuilletons in ihren Nachrufen fest. Eigentlich wollte sie die Rolle nach der ersten Staffel hinschmeißen, erzählt Stefan Hochgesand in der taz - doch kein geringerer als Martin Luther King konnte sie davon abbringen: "Als 'Star Trek' startete, war man es gewohnt, eine Schwarze Frau als Zimmermädchen in einer Serie zu sehen - aber sicher nicht als Teil der Brückencrew auf einem Raumschiff. Man mag von Rangabzeichen halten, was man will - aber als Lieutenant ist sie Teil der höheren Kommandoebene. Was für ein Statement zur Hochzeit der Bürgerrechtsbewegung! Und da die Philosophie von 'Star Trek' nicht aufs Ballern, sondern auf Diplomatie setzt, sitzt Uhura als Kommunikationsoffizierin an einer Schlüsselstelle. In ihr bloß die Telefonistin im Minirock zu sehen, wäre ein massives Missverständnis."

Wieland Freund von der Welt relativiert die Freude über "Raumschiff Enterprise" etwas: Der legendäre Kuss zwischen Nichelle Nichols und William Shatner war keineswegs der erste im Fernsehen zwischen einer weißen und nicht-weißen Person. Und "identitätspolitisch" mag die Serie fortschrittlich gewesen sein, doch " aus feministischer Perspektive ist es weniger gut gelaufen." Und dennoch: "'Star Trek' war schon die Utopie einer diversen Zukunft, als 'woke' noch weithin unbekannter Slang-Begriff war." Kurze Nachrufe schreiben außerdem Maria Wiesner (FAZ) und Kathleen Hildebrand (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.08.2022 - Film

Visuelle Gags: "Omicron", zu sehen gewesen bei Terza Visione

Tilmann Schumacher resümiert auf critic.de das Frankfurter Filmfestival Terza Visione, das sich auf das italienische Genrekino spezialisiert und als echtes Trüffelschweinchen unter den noch von historischen 35mm-Kopien projizierenden Veranstaltungen ihrer Art etabliert hat - angesichts immer weiter verfallenden Kopien und zusehends knausernden Filmarchiven eine Herausforderung. Doch "die Dichte an schönen Kopien war so hoch wie nie zuvor, die Dankbarkeit des Publikums groß. Wie ein Livekonzert einer bestimmten Band ein Event ist, auf das man teils Jahre wartet und bei dem man die eine sich bietende Gelegenheit nutzen muss, so ist es auch mit raren Kopien bei einem Filmfestival dieser Art. Die Aufführung ist ein einmaliger Vorgang, der sich einem einbrennt und sich auf keine andere Weise so reproduzieren lässt." Als besondere Entdeckung des Festivals feiert er im übrigen Ugo Gregorettis Science-Fiction-Satire "Omicron": Es "begeisterten nicht nur die sprachlichen Gags, die vor allem in der zweiten Hälfte wie Zahnrädchen ineinandergreifen, sondern auch, wie visuell der Film angelegt ist."

Außerdem: Auf ZeitOnline reicht Georg Seeßlen Geburtstagsgrüße für Arnold Schwarzenegger nach. Patrick Holzapfel schreibt im Filmdienst einen Nachruf auf den Regisseur BobRafelson. Außerdem melden die Agenturen, dass die Schauspielerin Nichelle Nichols gestorben ist, die man als Lieutenant Uhura aus "Raumschiff Enterprise" kannte.

Besprochen werden Barry Levinsons Holocaust-Drama "The Survivor" (Tsp), die Amazon-Serie "Paper Girls" (FAZ), die Apple-Serie "In With the Devil" (Freitag) und die Netflix-Serie "Uncoupled" (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.07.2022 - Film

Die von Krisen und Skandalen gebeutelte Hollywood Foreign Press Association, die die Golden Globes verteilt, tritt die Rechte an der Filmauszeichnung an den Milliardär Todd Boehly ab - die Globes sollen künftig eine kommerzielle Veranstaltung werden. Jürgen Schmieder erklärt in der SZ die Hintergründe: Boehly festigt damit seinen - eh schon gegebenen - Einfluss in Hollywood, außerdem erhalten die Mitglieder der HFPA künftig statt Zuwendungen, Aufmerksamkeiten, Vorteilen und Geschenken ein Gehalt. Es kursiert die Zahl von 75.000 Dollar pro Jahr. "Wer nun fragt: Moment, die HFPA-Leute kriegen statt Geschenken nun einfach ein Gehalt? Antwort: Ja, genauso scheint es auszusehen. Die sogenannten weitreichenden Veränderungen führen doch eher dazu, dass vieles bleiben könnte wie bisher. Auch der Unterhaltungsbranche könnte der Deal nützen. Es war eine haarsträubende Heuchelei, dass viele so taten, als müsse nur die HFPA an den Pranger gestellt werden - obwohl alle wussten, was da lief, machten sie dennoch mit, solange es sich für sie lohnte."

Im Filmdienst legt uns Esther Buss die Ausstellung "No Master Territories" im Berliner Haus der Kulturen der Welt ans Herz. Es geht um die Geschichte des feministischen Kinos der Siebziger- und Achtzigerjahre zwischen Fiction und dokumentarischen Formen. "Häusliche Sphären und weibliche Arbeit sind nur einer von vielen möglichen Eingängen" in diese Ausstellung, schreibt Buss. Das Kuratorenteam "setzt auf eine dezentrale Präsentationsform ohne Kapitel und vorgegebenen Parcours. Man könnte ihn auch mit 'Near the Big Chakra' (1971) beginnen, einer Collage von Alice Anne Parker (Severson), die 38 Vulven von Menschen im Altern von drei Monaten bis 63 Jahren in Großaufnahme aneinandermontiert. Oder mit 'Pour mémoire' (1987), einem kurzen Erinnerungsfilm an Simone de Beauvoir. Ein Jahr nach ihrem Tod suchte die Schauspielerin und Videoaktivistin Delphine Seyrig ('Jeanne Dielman') ihr Grab auf dem Friedhof von Montparnasse auf."

Besprochen werden Lesia Kordonets' Dokumentarfilm "Pushing Boundaries" über ukrainische Paralympics-Athleten (NZZ), Barry Levinsons Holocaustdrama "The Survivor" (SZ), die Satire "Der perfekte Chef" mit Javier Bardem (SZ, Filmfilter) und die Amazon-Serie "Paper Girls" (Berliner Zeitung).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.07.2022 - Film

Javier Bardem bei der Fantasiearbeit: "Der Perfekte Chef"

Für epdFilm hat sich Thomas Abeltshauser mit Javier Bardem zu einem großen Gespräch über dessen Werk getroffen. Aktuell ist der Schauspieler im Kino in der Satire "Der perfekte Chef" zu sehen. "Er müsse einer Figur glauben, müsse verstehen, warum sie etwas tut, und schränkt gleich ein: 'Was ich nicht muss, ist, wie diese Figur zu fühlen. Ich glaube nicht an Method-Acting. ... Es ist Fantasiearbeit. Ich muss nicht mit meiner ganzen Persönlichkeit mit dieser Figur verschmelzen.' Stattdessen gründet er seine Körpersprache bisweilen auf Tiere. Als Drogenkönig Escobar in 'Loving Pablo' etwa waren es die Bewegungen eines Nilpferds, als psychotischer Killer in 'No Country for Old Men' imitierte er einen Hai."

Arnold Schwarzenegger 1974. Foto: RMY Auctions / Wikipedia


Arnold Schwarzenegger wird (morgen) 75. Sein Körper war immer schon Gegenstand feuilletonistischer Diskussionen, Projektionen und Sehnsüchte. Als "Schließmuskelmann in Vollendung" bezeichnete ihn vor sehr, sehr vielen Jahren Peter Sloterdijk. Ganz anders liest sich, was heute der Kunstprofessor und Bodybuilder Jörg Scheller in der NZZ über Schwarzenegger schreibt: Der männliche Muskelkörper ist ironiebegabt - im Gegensatz zur dumpfen Männerei eines Putin etwa. "Alles an Schwarzenegger ist künstlich. Spiel. Zitat. Hyper, hyper. Pop eben. Putin indes gibt in pseudogelehrten, geschichtsphilosophesken Schwadronaden vor, Russland zu entpopifizieren. Zurück zum heiligen Ernst! Krieg. Essenz. Tiefe. Authentizität. Tradition. Schwarzenegger ist nicht nur in Form, sondern auch, wie einst sein Freund Andy Warhol, ein postmoderner Mensch der Form. Eine Form hat feste Grenzen, aber man kann sie mit diversen Inhalten befüllen. Die festen Grenzen Schwarzeneggers sind Kapitalismus, Liberalismus, Demokratie. Innerhalb dieser ist Raum für Freiheit und Eigensinn, für Fluides, Spielerisches, Experimentelles." In der taz führt Jenni Zylka durch Schwarzeneggers Leben und Werk.

Weiteres: Claudia Roth stellt sich tot, ärgert sich Rüdiger Suchsland in seiner Artechock-Glosse darüber, dass die grüne Bundeskulturpolitik in Sachen Filmbranche außer Gießkannen für Streamingdienste eine Vogel-Strauß-Strategie fährt. Ebenfalls ärgern sich auf Artechock die beiden Filmemacherinnen Ella Cieslinski und Felicitas Sonvilla über den nun auch bis zum Statuenregen beim Deutschen Filmpreis anhaltenden Erfolg von Andreas Kleinerts Thomas-Brasch-Biopic "Lieber Thomas", das ihnen viel zu viril ausgefallen ist: "Weiberhelden dieser Art sollten out sein." Peter Kremski schreibt auf Artechock einen Nachruf auf den Schauspieler Christian Doermer.

Besprochen werden ein Band mit den Gesprächen zwischen Pier Paolo Pasolini und Gideon Bachmann (Filmdienst), C.B. Yis "Moneyboys" (Tsp, unsere Kritik hier), Hanna Bergholms Horrorfilm "Hatching" (Freitag, mehr dazu hier), die im Netz mit viel Häme übergossene Netflix-Jane-Austen-Verfilmung "Überredung" ("nicht so schlimm, wie manche Rezensionen glauben machen", findet Kathleen Hildebrand in der SZ), die Satire "Der perfekte Chef" mit Javier Bardem (Artechock, Presse, Standard)  und Vincent Maël Cardonas "Die Magnetischen" (Artechock, taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.07.2022 - Film

Garstig, klein und schön: Grauenhaftes in "Hatching"

Hanna Bergholms finnischer Horrorfilm "Hatching" unterwandert seine hygge-gemütliche Fassade mit einem Ei, aus dem Schauerliches schlüpft, auf angenehm bösartige Weise, freut sich Jochen Werner im Perlentaucher: Es ist "ein garstiger kleiner Horrorfilm, der nicht subtil zu Werke geht, aber auch nicht der Subtilität bedarf", und nicht zuletzt "ein in der Transparenz seines Subtextes zum elevated horror anschlussfähiger und doch in seiner klassizistischen Substanz und Schlichtheit bezaubernder Mitternachtsfilm, der es in früheren Dekaden - als das Publikum für solche liebevollen Schauerstücke noch existierte - zum Geheimtipp hätte bringen können." In diesem Film sind "mütterliche Übergriffigkeit, Kontrolle und Grausamkeit die eigentlichen Monster", schreibt Esther Buss im Standard. Doch "zu der düsteren Atmosphäre und Grindigkeit vergleichbarer Filme geht die Regisseurin jedoch demonstrativ auf Abstand. Die lichten, pastellfarbenen Bilder erinnern eher an die adoleszenten Erfahrungswelten Sofia Coppolas."

Besprochen werden C.B. Yis "Moneyboys" (Perlentaucher, SZ, mehr dazu bereits hier), Barry Levinsons "The Survivor" über den Auschwitz-Überlebenden Harry Haft (FR), die DVD von Madelaine Sims-Fewers und Dusty Mancellis "Violation" ("schlägt, reißt, sägt quer durch alle etablierten Register", staunt Ekkehard Knörer in der taz), Vincent Maël Cardonas "Die Magnetischen" (Tsp, FR), die Satire "Der perfekte Chef" mit Javier Bardem (Freitag) und der Superhelden-Animationsfilm "Super-Pets" (Standard). Außerdem verrät uns die SZ, welche Filme sich lohnen und welche nicht.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.07.2022 - Film

Schöne, unaufdringliche Form: "Moneyboys"

Der Filmemacher C. B. Yi hat seine Kindheit zwar in China verbracht, aber später in Wien Film studiert - unter anderem bei Michael Haneke. Sein Debütfilm "Moneyboys" entstand in Taiwan, weil er in China an ein Tabu rührt: die Prostitution junger Männer. Einen "klugen Film über zwischenmenschliche Beziehungen und Sexarbeit unter den Bedingungen des chinesischen Kapitalismus", bezeugt Fabian Tietke in der taz. "Yi hält die Empathie mit seinen Figuren in der Balance mit einer Distanz, die er braucht, um gesellschaftliche Strukturen sichtbar zu machen." Auch sieht man in dem Film "deutlich, wie schnell der Fortschritt in China die Generationen auseinandergerissen hat", ergänzt Bert Rebhandl in seiner von der FAS online nachgereichten Kritik. "Wie in vielen anderen Filmen aus dem Land zeigt sich das oft bei Szenen, in denen gegessen wird." Und "für diese Spannung" zwischen den Generationen finde der Film "eine schöne, unaufdringliche ästhetische Form. Den Übergang zwischen den Welten markiert eine Fähre, die ein junger Mann mit der Hand mithilfe eines Seils steuert - ein fast schon kontemplativer Akt, mit dem der Grundton des Films ganz gut getroffen wird. Fortschritt und Rückzug, Aufbruch und Distanzierung in einer komplexen Bewegung." Für Dlf Kultur hat Susanne Burg mit dem Regisseur gesprochen.

Andreas Busche kommentiert im Tagesspiegel das gestern bekannt gegebene Programm des Filmfestivals Venedig: Gezeigt wird auch ein neuer Film von Jafar Panahi, der vor wenigen Tagen vom iranischen Regime dazu verdonnert wurde, seine Haftstrafe anzutreten. Er hat "zum fünften Mal ohne Dreherlaubnis in seinem Heimatland eine Produktion realisiert - und, wie viele befürchten, wohl für längere Zeit zum letzten Mal. Festivalleiter Barbera nennt 'No Bears' Panahis ungewöhnlichsten Film, seit dieser unter verschärften Restriktionen drehen muss."

Außerdem: SZ-Kritiker David Steinitz vertreibt sich die Zeit im Sommerloch mit der Lektüre dieses Variety-Artikels über die Gagenhöhe von Hollywoodstars. Claudius Seidl schreibt in der FAZ zum Tod des Schauspielers Paul Sorvino. Ebenfalls in der FAZ schreibt Jan Wiele zum Tod des Regisseurs Bob Rafaelson.

Besprochen werden Vincent Maël Cardonas Hommage "Die Magnetischen" an die Radiopiraten der frühen Achtziger (SZ, ZeitOnline), Alex Garlands "Men" (NZZ, mehr dazu bereits hier), die Satire "Der perfekte Chef" mit Javier Bardem (Tsp), Kiyoshi Kurosawas "To The Ends of the Earth" (Welt, mehr dazu bereits hier) und die auf Disney+ gezeigte Serie "Abbott Elementary" (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.07.2022 - Film

Peter Greenaway wird 80, das Filmpodium Zürich ehrt ihn mit einer Retrospektive - und Urs Bühler von der NZZ konnte den exzentrischen Briten für ein Gespräch gewinnen, in dem dieser einmal mehr gewohnt vom Leder zieht, was das visuelle Analphetentum des Kinos und dessen ewigen Flirt mit dem literarischen Erzählen betrifft. Umso reger sprang er schon frühzeitig auf digitale Technologie an: "Sie ermöglicht mir, mehr Maler zu sein als je zuvor. Ich manipuliere allzu gerne. Und ich will nur schöne Bilder in meinen Filmen." So fordert er auch: "'Wir müssen einen Gegenentwurf liefern zu all der Hässlichkeit in dieser Welt.'" Seine Vorstellung von Schönheit bezieht Absurditäten wie eine gebackene Leiche ein, die in 'The Cook, the Thief, his Wife and her Lover' splitternackt auf dem Tablett zum Verzehr angerichtet ist, samt Zipfel zwischen den Beinen. 'Ich liebe den Schock des Neuen.'"

In Hamburg ist heute Abend im Museum am Rothenbaum MARKK Lancelot Oduwa Imasuens Film "Invasion 1897" aus dem Jahr 2014 zu sehen. Der nigerianische Regisseur schildert darin die Konflike, in deren Zuge auch einige der Benin-Bronzen nach Europa kamen. Er wollte damit "die Handlung kompromisslos aus der Sicht eines Mannes aus Benin darstellen", erzählt er im Gespräch mit Welt+. "Die Briten hatten zuvor die Geschichte aus ihrer Sicht dargestellt" und dabei auf die Tötung einer britischen Delegation fokussiert. "Sie nannten es 'das Benin-Massaker', obwohl es im eigentlichen Sinne eine Invasion gewesen ist. Denn der Krieg geschah in Benin, nicht in Großbritannien. Indem ich tief zu den Ereignissen vordringe, die zu dem Massaker geführt haben, wollte ich in den Vordergrund stellen, dass wir zu Unrecht angegriffen und unserer kostbaren Artefakte beraubt worden sind. Und ich wollte der ganzen Welt mitteilen, dass dies keine bloßen Kunstwerke, sondern Aufzeichnungen unserer Geschichte waren. Sie waren spirituell - und ein Kommunikationsmittel." In der Nordausgabe der taz empfiehlt Wilfried Hippen den Film. Hier der Trailer mit einigen Eindrücken:



Außerdem: Claudius Seidl erinnert in der FAZ an Blake Edwards, der vor 100 Jahren geboren wurde. Besprochen wird die Wirecard-Satire "King of Stonks" (NZZ).