Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.07.2022 - Film

Peter Greenaway wird 80, das Filmpodium Zürich ehrt ihn mit einer Retrospektive - und Urs Bühler von der NZZ konnte den exzentrischen Briten für ein Gespräch gewinnen, in dem dieser einmal mehr gewohnt vom Leder zieht, was das visuelle Analphetentum des Kinos und dessen ewigen Flirt mit dem literarischen Erzählen betrifft. Umso reger sprang er schon frühzeitig auf digitale Technologie an: "Sie ermöglicht mir, mehr Maler zu sein als je zuvor. Ich manipuliere allzu gerne. Und ich will nur schöne Bilder in meinen Filmen." So fordert er auch: "'Wir müssen einen Gegenentwurf liefern zu all der Hässlichkeit in dieser Welt.'" Seine Vorstellung von Schönheit bezieht Absurditäten wie eine gebackene Leiche ein, die in 'The Cook, the Thief, his Wife and her Lover' splitternackt auf dem Tablett zum Verzehr angerichtet ist, samt Zipfel zwischen den Beinen. 'Ich liebe den Schock des Neuen.'"

In Hamburg ist heute Abend im Museum am Rothenbaum MARKK Lancelot Oduwa Imasuens Film "Invasion 1897" aus dem Jahr 2014 zu sehen. Der nigerianische Regisseur schildert darin die Konflike, in deren Zuge auch einige der Benin-Bronzen nach Europa kamen. Er wollte damit "die Handlung kompromisslos aus der Sicht eines Mannes aus Benin darstellen", erzählt er im Gespräch mit Welt+. "Die Briten hatten zuvor die Geschichte aus ihrer Sicht dargestellt" und dabei auf die Tötung einer britischen Delegation fokussiert. "Sie nannten es 'das Benin-Massaker', obwohl es im eigentlichen Sinne eine Invasion gewesen ist. Denn der Krieg geschah in Benin, nicht in Großbritannien. Indem ich tief zu den Ereignissen vordringe, die zu dem Massaker geführt haben, wollte ich in den Vordergrund stellen, dass wir zu Unrecht angegriffen und unserer kostbaren Artefakte beraubt worden sind. Und ich wollte der ganzen Welt mitteilen, dass dies keine bloßen Kunstwerke, sondern Aufzeichnungen unserer Geschichte waren. Sie waren spirituell - und ein Kommunikationsmittel." In der Nordausgabe der taz empfiehlt Wilfried Hippen den Film. Hier der Trailer mit einigen Eindrücken:



Außerdem: Claudius Seidl erinnert in der FAZ an Blake Edwards, der vor 100 Jahren geboren wurde. Besprochen wird die Wirecard-Satire "King of Stonks" (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.07.2022 - Film

Die Macher von "Babylon Berlin" wehren sich dagegen, dass eine rechte Krawall-Postille ein Sonderheft über ihre Serie gemacht hat, berichtet Peter Laudenbach in der SZ. Die Agenturen melden den Tod des Hollywood-Regisseurs Bob Rafelson.

Besprochen werden Sebastian Kos gesellschaftspolitisch aufgeladener Kammerspiel-Thriller "Geborgtes Weiß" ("gut gemeint, aber weniger Film Noir als moralische Lehrstunde", seufzt Michael Meyns in der taz) und die Disney-Serie "The Dropout" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.07.2022 - Film

"Wieso heißen plötzlich alle Oliver", fragte sich Wiglaf Droste einst, wieso heißen plötzlich alle Chris, fragt sich Andreas Scheiner heute in der NZZ mit Blick auf die aktuelle Star-Riege Hollywoods am Beispiel des teuersten Netflix-Blockbusters bis dato, "The Gray Man". Der Film selbst "ist wurst" und der Co-Star Chris Evan "ist uninteressant.", denn "Evans fehlt, was Walter Benjamin einst als Aura umschrieben hat: diese Ahnung von Unnahbarkeit, Echtheit, Einmaligkeit. Stars stellen einen 'gelebten Mythos' (Barthes) dar." Doch "in der heutigen Aufmerksamkeitsökonomie bleibt der Star oft ein Oberflächenphänomen. Ein Star ohne Eigenschaften. ... Wer kann die Chrise auseinanderhalten? Alle sind Ende dreißg, Anfang vierzig, mehr oder weniger blond und blauäugig und dürften, wenn man den Körperbau vergleicht, beim Kraftsport ungefähr dieselben Lasten stemmen. Eigentlich könnte man jeden für den andern besetzen. Sie sind austauschbar, stören niemanden, das breite Publikum kann sich offenbar auf sie einigen." Aktuelle Rezensionen zum "The Gray Man" gibt es auf ZeitOnline und im Standard.

Weitere Artikel: Angesichts der krassen Repressionswelle gerade im Iran empfiehlt Andrey Arnold in der Presse iranische Filme zum Streamen. Im Filmdienst führt Karsten Munt durch das Werk von Alex Garland (mehr dazu hier). Die Staatsanwaltschaft Baden-Baden hat ihre Ermittlungen gegen Arte eingestellt, meldet Denis Gießler in der taz: Der Kultursender hatte versehentlich eine ungeschnittene Version von George A. Romeros in Deutschland beschlagnahmten (und in Frankreich ab 12 freigegebenen...) Splatterklassikers "Day of the Dead" ausgestrahlt (mehr dazu hier) - da Arte aber von Frankreich aus operiert, mangelt es an einem für weitere Ermittlungen nötigen "inländischen Handlungsort". In der FAZ gratuliert Patrick Bahners dem Regisseur Gus van Sant zum 70. Geburtstag. Verlorene Jungs bilden ein Kernmotiv in seinen Filmen - dazu ein Video-Essay:

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.07.2022 - Film

Für Filmfilter arbeitet sich Benjamin Moldenhauer durch die Regiearbeiten von Alex Garland, der mit seinem Horrorfilm "Men" (aktuelle Besprechungen nicht nur bei uns, sondern auch auf critic.de und bei Filmfilter) gerade die Feuilletons aufmerken lässt (unser Resümee). Garland zeigt sich Moldenhauer als Philosoph der Science-Fiction: "Es sind keine kleinen Themen, die Garland in seinen Geschichten verhandelt, immer geht es ums große Ganze. Die Filme sind, um es einmal vorsichtig zu sagen, philosophisch ambitioniert, und dass sie sich nicht verheben mit dem, was sie uns über uns erzählen wollen, ist eigentlich schon erstaunlich genug. ... Und man kann, wie bei allen Erzählungen Garlands, entscheiden, ob das Ende nur schrecklich, ambivalent oder auch einfach ein Versprechen auf etwas Neues, noch nicht Definiertes ist."

Außerdem: Kerstin Holm stellt in der FAZ die Kurz-Zeichentrickfilme des russischen Animators Oleg Kuwajew vor, der mit seinen Arbeiten seine Landsleute über die Realität des Ukrainekriegs aufklären will. In der Welt schreibt Hanns-Georg Rodek einen Nachruf auf den Schauspieler Christian Doermer - dem einzigen Nicht-Regisseur der Unterzeichner des Oberhausener Manifests. Er "war einer der großen Übersehenen des deutschen Nachkriegsfilms".

Besprochen werden Jia Zhang-Kes auf Mubi gezeigter Dokumentarfilm "Swimming Out Till the Sea Turns Blue" (Perlentaucher), Charline Bourgeois-Tacquets "Der Sommer mit Anaïs" (Zeit), eine DVD-Ausgabe von Harald Brauns Film "Zwischen gestern und morgen" aus dem Jahr 1947 (critic.de), Marie Kreutzers "Corsage" (Intellectures, unsere Kritik), der Actionfilm "The Gray Man" mit Ryan Gosling (Presse), Sebastian Kos Thriller "Geborgtes Weiß" (Tsp), die Sky-Dokuserie "22. Juli - Die Schüsse von München" (taz), Philippe de Chauverons "Monsieur Claude und sein großes Fest" (Standard, Artechock), Louie Psihoyos' und Peggy Callahans "Mission: Joy - Zuversicht & Freude in bewegten Zeiten" (Artechick) und Detlev Bucks neuer "Bibi & Tina"-Film (Welt, Artechock).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.07.2022 - Film

Bereits am 13. Juli ist der Regisseur Dieter Wedel gestorben. Mit seiner Fernsehsaga über die Semmelings und den Mehrteilern "Der große Bellheim", "Der Schattenmann" und "Der König von St. Pauli" begründete er seinen künstlerischen Ruhm. Das Gerichtsverfahren gegen ihn, das klären sollte, was es mit den MeToo-Vorwürfen gegen ihn auf sich hat, ist nun eingestellt. "Er war, was man früher durchaus lobend einen Berserker nannte, ein Maniac, ein toxisch anmutender Kerl, der alles, was er sich so dachte, für irgendwie schon göttlich, fast noch besser hielt: ein Ringen um Endgültiges", schreibt Jan Feddersen in der taz. "Deutsche Innerlichkeit, feuilletonistisches Air, hüstelndes Distinktionsgeschraubsel? Nicht sein Ding." Genau, ruft Michael Hanfeld in der FAZ: "Episches Erzählen der Gegenwart, das war sein Ding." Er hat den Fernsehmehrteiler vielleicht nicht erfunden, aber "als eigenständige Erzählform auf jeden Fall etabliert und perfektioniert", erkennt Hanns-Georg Rodek in der Welt an. Wedel war "einer der größte Stars des deutschen Fernsehens, als das noch daran zu glauben schien, gelegentlich große Kunst für ein großes Publikum produzieren zu können", schreibt Dirk Peitz auf ZeitOnline. Seine Mehrteiler "sind alle als deutsche Sittengemälde angelegt, als universelle Gesellschaftsbetrachtungen, auch das lässt sie aus heutiger Sicht fast überambitioniert wirken: Das Fernsehen erklärte den wiedervereinigten Deutschen damals noch ihr Land."

Vieldeutige Farbsymbolik: "Men" von Alex Garland

Alex Garlands antipatriarchaler Horrorfilm "Men" (unser erstes Resümee) beschäftigt alle Feuilletons. Horrorfilme saugen die Diskurse ihrer Gegenwart oft auf wie ein Schwamm, schreibt Anke Leweke auf ZeitOnline. Doch Garlands Film "irritiert, weil seine Horrorbilder sich entziehen, eben nicht auf die eine Interpretation zu reduzieren sind" - so ergeben sich "überraschende Assoziationsketten" und "unvermittelt betritt der Film das Genre des Body-Horrors: Das männliche Geschlecht eignet sich die Fähigkeit des Gebärens an. Konsequent überlässt uns auch dieser Alex-Garland-Film die Deutungshoheit über sein nun wirklich sehr abgefahrenes Spektakel." Von einem "viszeralen Horrortrip" spricht Dobrila Kontic im Freitag: "Der Plot scheint passgenau auf den allgegenwärtigen Diskurs um toxische Männlichkeit zugeschnitten, aber die Auseinandersetzung mit Garlands Werk belegt, dass diesen schon länger das Unbehagen mit destruktiven männlichen Verhaltensweisen beschäftigt." Aber "inmitten des Grauens wartet 'Men' - wie alle Filme Garlands - auch mit einer Reihe von Momenten meditativer Schönheit auf: Prägnant-harmonische Bildkompositionen, eine vieldeutige Farbsymbolik und betörend mit Musik untermalte Landschaftserkundungen durchziehen den Film." Tazlerin Arabella Wintermayr vermisst einen "tiefergehenden Erkenntnisgewinn", für sie läuft der Fil mauf eine "simple Verallgemeinerung" hinaus: "Alle Männer sind gleich, und das seit Urzeiten." Auch Männer besprechen den Film: Daniel Kothenschulte (FR), Tobias Kniebe (SZ), Jens Balkenborg (Standard) und Andreas Busche (Tsp).

Versteht die Welt nicht mehr, aber am Ende singt sie Edith Piaf: Atsuko Maeda als Yoko

Breit besprochen wird auch Kiyoshi Kurosawas Mediensatire "To the Ends of the Earth" - eine in Usbekistan gedrehte Variante von Sofia Coppolas "Lost in Translation" aus japanischer Perspektive, schreibt Daniel Kothenschulte in der FR. Bereits 2019 als Auftragsarbeit zum Jubiläum der diplomatischen Beziehungen zwischen Japan und Usbekistan entstanden, komme dieser "kleine große Film von überraschender Romantik" gerade recht, um die sanfte Flaute im Kino zu überbrücken. Große Freude bereite aber "die Freiheit, mit der Kurosawa seine offene Reiseerzählung gestaltet. Wie er auf der einen Seite all das Kolorit liefert, das man vielleicht von einem Jubiläumsfilm erwartet, es zugleich aber auch an den touristischen Vorstellungen bricht. Erst am Ende erlaubt er sich, in den weiten Berglandschaften zu schwelgen - und auch das nicht ohne Ironie. Mit Blick auf eine befreite Ziege findet auch Yoko hier ihren Sehnsuchtsort im Stil von 'The Sound of Music' - und schmettert in unwiderstehlicher Leidenschaft eine japanische Version von Edith Piafs 'Chanson d'amour'."

Ein deutsches Publikum erlebt in diesem Film "eine doppelte Exotik", schreibt Bert Rebhandl in der FAZ: "Japanische Popkultur trifft auf ein wenig bekanntes Land, in dem immer noch die Spuren der Sowjetunion zu erkennen sind, wie auch eine Ahnung von Orient." Kiyoshi Kurosawa kennt man im Westen vor allem für seine Horrorfilme und eine sanfte Ahnung des Unheimlichen durchzieht auch diesen Film, beobachtet Philipp Stadelmaier in der SZ. "Das Unheimliche ist aber sanftmütig und entlarvt die Angst vor dem Fremden als Projektion und Vorurteil, die amüsierten und neugierigen Blicke der Usbeken werden zum Spiegel, der Yoko auf sich selbst zurückwirft. Weswegen in diesem wunderbaren Film Yokos Reise nicht nur durch die äußere Welt führt, sondern auch, über die sichtbaren 'Enden der Erde' des Titels hinausgehend, in ihr eigenes Innenleben."

Besprochen werden Charline Bourgeois-Tacquets "Der Sommer mit Anais" (Tsp), Philippe de Chauverons "Monsieur Claude und sein großes Fest" (Freitag), Sebastian Kos "Geborgtes Weiß" (online nachgereicht von der FAS), Gaz Alazrakis Remake von "Der Vater der Braut" (SZ) und die Disney-Serie "Only Murders in the Building" von und mit Steve Martin (TA), Außerdem informiert uns die SZ, welche Filme sich in dieser Woche lohnen und welche nicht.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.07.2022 - Film

Das iranische Regime fährt weiter seine Krallen aus. Jetzt wurde bestätigt: Der kürzlich verhaftete Jafar Panahi muss nun die sechsjährige Haftstrafe antreten, die bereits 2010 über den Filmemacher verhängt, aber bislang nicht vollstreckt wurde. Der ebenfalls verhaftete Filmemacher Mohamad Rasoulof war zuvor ebenfalls zu einer Haftstrafe verurteilt worden. "All diese Urteile wurden nicht vollzogen - das Damoklesschwert des Gefängnisses hing jedoch all die Jahre über den Regisseuren", schreibt Christiane Peitz im Tagesspiegel. "Willkür ist eine bewährt Methode des Regimes, um seine Kritiker in Schach zu halten. Beide Filmemacher arbeiteten weiter (Rasoulof wurde wie Panahi der Pass entzogen, aber er hatte kein Drehverbot). Jafar Panahi drehte in seiner Wohnung das Videotagebuch 'Dies ist kein Film', eine tragikomische Selbstreflexion über die Gefangennahme der Fantasie. Und er drehte, nach dem ebenfalls heimlich entstandenen semidokumentarischen Vexierspiel 'Closed Curtain' (Silberner Bär 2013) das Roadmovie 'Taxi Teheran' (Goldener Bär 2015)."

Wenn die Kunst die Natur respektiert: Alex Garlands "Men"

Im neuen Horrorfilm "Men" des Regisseurs Alex Garland - längst einer der interessantesten Autorenfilmer im Bereich Horror und Science-Fiction - geht es auf schöne Weise garstig zu, verspricht Dietmar Dath in der FAZ: "Ein hässlicherer Film über Schleim, Blut und Chlorophyll lässt sich kaum denken, geschweige drehen. Ein schönerer aber auch nicht. ... Wie es sich für Kunst gehört, herrscht in diesem Film der größte Respekt für das, was nicht Kunst ist, die Natur: Echos komponieren im Idiom eines Minimalismus, der kniffliger gezinkt pfeift als alles von Terry Riley, Vögel spotten auf Psychoanalytisch, Wälder bestehen aus Höhenunterschieden - oben auf dem Hügel, der sich nur erklimmen lässt, wenn man die Mühe nicht scheut, sich an gruslig schwarzen Wurzeln hochzuziehen, kann man auf Baumkronen hinunterschauen." Garland "sucht und findet Anschlüsse an Filmgeschichtliches, an die Ahnen: Und Jacques Tourneur zeugte Nicolas Roeg zeugte David Cronenberg..."

Besprochen werden ein von Lars Henrik Gass herausgegebener Band zum Nachlass des Filmproduzenten Hellmuth Costard (taz) und die Sky-Serie "Il Re" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.07.2022 - Film

Urs Bühler porträtiert in der NZZ die belgische Schauspielerin Cécile de France. Daniel Kwans und Daniel Scheinerts Groteske "Everything Everywhere All at Once" ist geradezu "glorreich" darin, wie er das Internet versteht, staunt Titus Blome in einem 54books-Essay. Maria Wiesner hat für die FAZ mit der Paramount-Archivarin Andrea Kalas gesprochen, die passgenau zu Jubiläen restaurierte Klassiker wieder in die Kinos bringen lässt. Magnus Klaue geht in der Jungle World dem Erfolg der Francis-Durbridge-TV-Krimis in der Bundesrepublik der 60er und 70er auf den Grund.

Besprochen werden der Actionblockbuster "The Gray Man" mit Ryan Gosling (taz) und Joscha Bongards Dokumentarfilm "Pornfluencer", das seine Sexleben auf Pornoplattformen vermarktet (taz).
Stichwörter: Scheinert, Daniel, 1960er

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.07.2022 - Film

Intensiv, weil Ähnliches geschieht: "Eight Deadly Shots"

Manche fahren im Sommer nach Italien, um ins Kino zu gehen - so verlässlich viele Filmkritiker auf Wallfahrt nach Bologna, wo das filmhistorische Festival Il Cinema Ritrovato unter der teils sengenden Sonne mit gekühlten Kinosälen lockt. Das Team von critic.de berichtet in einem großen Dossier von seinen Fundstücken. Tilman Schumacher beispielsweise hat Mikko Niskanens Film "Eight Deadly Shots" aus dem Jahr 1972 für sich entdeckt, der in seinem Heimatland Finnland zum Allgemeinwissen gehört. Langeweile macht sich in den fünfeinhalb Stunden Laufzeit keine breit: "Es ist ein Film, in dem sich kontinuierlich Dinge ereignen und entwickeln. ... Aus seinen gräulichen, eng kadrierten Schwarzweißbildern spricht Klarheit und der Wille, gleichermaßen die Alltäglichkeiten wie auch die besonderen Augenblicke in einer einfachen Geschichte aufzuspeichern; um schöne Bilder geht's dabei nicht vordergründig. Und es braucht die Laufzeit, weil in dem Landstrich, den er uns peu á peu auffächert, die Zeit wie stillzustehen scheint, sich hier Ähnliches bis Immergleiches ereignet. Seine Kraft entfaltet 'Eight Deadly Shots' daraus, dass wir die Figuren über den Wechsel der Jahreszeiten und ihre persönlichen Höhen wie Tiefen (mehr und mehr überwiegen die Tiefen) hinweg dabei begleiten, wie sie aus einem erfahrungsarmen Leben in der nordfinnischen, von Armut und archaischer Land- und Forstarbeit geprägten Einöde das Beste zu machen versuchen. Man merkt nicht von Anfang an, dass das intensiv werden wird - dafür braucht es Wiederholungen, das Gefühl von Ereignislosigkeit, das auch manchen Figuren zusetzt."

Weitere Artikel: Frédéric Jaeger berichtet auf critic.de vom Filmfest Marseille, dessen "fantastische Arbeit" er in höchsten Tönen lobt. Im FAZ-Interview schlägt Björn Böhning von der Allianz Deutscher Produzenten Alarm, dass die Kosten in der Filmproduktion derzeit explodieren.

Besprochen werden der Actionfilm "The Gray Man" mit Ryan Gosling (der Film strotze "nur so vor Lustfeindlichkeit", stöhnt Marie-Luise Goldmann in der Welt), Constance Meyers Debütfilm "Robuste" mit Gérard Depardieu (Standard) und die auf DVD veröffentlichte "Darkman"-Filmreihe (critic.de).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.07.2022 - Film

Mit reger Freude liest ein vom Filmdienst allerdings unterschlagener Rezensent (F D?) die deutsche Ausgabe des ursprünglich in den 90ern von Thierry Fremaux konzipierten Gesprächsbands "Regisseur der Zwischentöne" mit Claude Sautet. Lange galt Sautet verfemt als bourgeoiser Erfolgsregisseur - von solchen filmpolitischen Konfliktlinien frei kann man seine Filme heute aber problemlos auch als Cinephiler goutieren. "Worin besteht der Sautet-Touch? Kaum ein anderer Regisseur hat so treffsicher Aussehen, Gedränge und Gehetze, auch das soziale Spektrum sowie die Geräuschkulisse und den Geruch von Brasserien, Cafés oder Restaurants einzufangen bzw. nachzubilden vermocht wie er. Einblicke in die Herstellung solcher Sequenzen gibt das Buch zahlreich und zwar multiperspektivisch, sowohl auf die Darsteller bezogen wie auf die produktiven Besonderheiten einer Ausstattung oder auf produktionstechnische Hindernisse. Die Gespräche zeichnen sich durch sichere Richtungswechsel aus: ein kontinuierliches Hin-und-zurück vom How-To-Do der Werkstatt ins Why-To-Do des philosophischen Boudoir. Denn der 2000 verstorbene Sautet, der sich selbst als 'Bourgeois passioné' sah, wusste dennoch genau zu analysieren, was seine Klasse kennzeichnete: ein fast pathologisches Ineinander von Überschwang und Trauer und eine melancholisch zögerliche Lust am Dasein, die sich permanent an den Widersprüchen des Alltags brach."

Außerdem: Thomas Abeltshauser porträtiert in der taz den argentinischen Musiker Gustavo Santaolalla, der gerade mit seinen oscar-preisgekrönten Filmmusiken auf Tour ist. Sofia Glasl vertieft sich für den Filmdienst in den Schlund des Körperhorrorfilms im Allgemeinen, in dessen Prägung und Auslegung durch David Cronenberg im Besonderen. Kathleen Hildebrand trauert in der SZ um die Figur des strahlend blonden männlichen Hollywoodstars, der von den Leinwänden fast verschwunden zu sein scheint - mit Ryan Gosling als Ken in "Barbie" aber ein Comeback zu erleben verspricht. Mag Großbritannien sich mit Brexit und Johnson auch zusehends in die Misere reiten, die Liebe der Briten zu ihren Stars ist ungebrochen, schreibt Eva Ladipo in der FAZ. Besprochen wird Sophie Hydes "Meine Stunden mit Leo" (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.07.2022 - Film

Filmriss: Zhang Yimous "Eine Sekunde"

Für die Berlinale wurde sie in allerletzter Sekunde von den Behörden zurückgepfiffen, jetzt startet Zhang Yimous melodramatische Komödie "Eine Sekunde" im regulären Betrieb. Vor dem historischen Hintergrund der Kulturrevolution hat der chinesische Auteur eine Hommage ans Kino gedreht: Ein Kolchosendorf repariert hier einen Filmstreifen. Zu erleben ist "das Kino als ein Medium, das menschliche Nähe verspricht und ein Surrogat menschlicher Nähe bietet", schreibt Benjamin Moldenhauer im Filmfilter. Zugleich ist "das Bild, das Zhang Yimou von staatlicher Repression zeichnet, nicht eben schmeichelhaft." Yimous Film musste oft umgeschnitten werden, bis China grünes Licht gab, erklärt Karsten Munt im Perlentaucher: "Die Schatten der Kulturrevolution sind gut erkennbar: brutale Armut, dümmliche niedere Staatsdiener, verschiedene Generationen, die buchstäblich aufeinander losgehen. Und doch ist der Film so wenig daran interessiert eine politische Perspektive zu entwickeln, dass ich mir keine ernsthaft subversive Fassung des Films vorstellen kann." Fabian Tietke zeigt sich in der taz sanft enttäuscht: "Jene Zeiten, in denen Regisseure wie Zhang Yimou in den späten 1980er-Jahren begannen, nach Formen zu suchen für die Transformation des Landes, sind lange vergangen. Zhang Yimous Hommage an den analogen Film wirkt wie ein Abgesang auf bessere Zeiten des chinesischen Kinos." Weitere Kritiken schreiben Anke Leweke (Zeit), Daniel Kothenschulte (FR), Christiane Peitz (Tsp) und Andreas Kilb (FAZ).

Außerdem: In einem Essay für Eskalierende Träume denkt Sabrina Mikolajewski darüber nach, wie Nicolas Cage - und insbesondere dessen 80s-Komödie "Vampire's Kiss" - sie durch die Pandemie und andere Krisen getragen hat. Dazu passend wirft Eric Kohn für Indiewire einen Blick darauf, wie Regisseur Tom Gormican und Nicolas Cage dem "Cabinet des Dr. Caligari" Tribut zollen. Für die FAZ spricht Anna-Louisa Schönfeld mit der Schauspielerin Katharina Hauter und dem Regisseur Oliver Hirschbiegel über ihre Serienadaption von Ferdinand von Schirachs Kurzgeschichtenband "Strafe". Die Presse meldet, dass Netflix zahlreiche Szenen für die erfolgreiche vierte Staffel von "Stranger Things" in dem ehemaligen NS-Gefängnis Lukiškės in Litauen gedreht hat, das nun zu einem "Stranger Thigs"-Themenhotel ummodifiziert werden soll - wogegen sich Protest richtet.

Besprochen werden Sophie Hydes "Meine Stunden mit Leo" mit Emma Thompson (Freitag, mehr dazu bereits hier), die abschließende Staffel von Pamela Adlons "Better Things" (Freitag, ZeitOnline), Kurt David Hardners Horrorfilm "Spiral" (Perlentaucher), Joachim Lafosses "Die Ruhelosen" (Tsp, SZ), der Actionfilm "The Gray Man" mit Ryan Gosling (SZ), die zweite Staffel der Serie "Atlanta" (taz), die Wiederaufführung von Fellinis "La Dolce Vita" (Welt), Erec Brehmers und Angelina Zeidlers "Wer wir gewesen sein werden" (Artechock), Marten Persiels "Everything Will Change" (Artechock) und die Serie "In with the Devil" (BLZ).