Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Bühne

3738 Presseschau-Absätze - Seite 117 von 374

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.08.2022 - Bühne

Elisabeth Teige als Senta in "Der fliegende Holländer". Foto: Enrico Nawrath / Bayreuther Festspiele


In Bayreuth feiert die FAZ eine Entdeckung: die norwegische Sopranistin Elisabeth Teige, die erst Freia im "Rheingold", dann Gutrune in der "Götterdämmerung" und jetzt Senta im "Fliegenden Holländer" sang. "Ein einzigartiger, jugendlich-dramatischer Sopran ist da zu bestaunen: Teige versteht es auf wundersame Weise, die Wärme des Brustregisters in die Kopfstimme hineinzunehmen und, ohne zu brüllen, die vielfältigen Nuancen der Kopfstimme enorm zu verstärken. Der Effekt ist verwirrend: Man glaubt, der kostbare, stets halb verschattete Perlmuttschimmer Elisabeth Schwarzkopfs bekomme einen Booster von sagenhafter Kraft, mit viel Körper im Klang. ... Nach dem wirklich sensationellen Bayreuth-Debüt von Grigorian als Senta im vergangenen Jahr konnte man sich mit Recht fragen, ob die Inszenierung des 'Holländers' von Dmitri Tcherniakov ohne diese überragende Sängerin und Darstellerin nicht in sich zusammenfallen würde."

Weiteres: Navid Kermani besucht für die Zeit die Passionsspiele in Oberammergau, die - anders als viele Theater - total ausgebucht sind: "Intendanten ebenso wie Bischöfe müssten sich fragen, welche Sehnsucht die Menschen nach Oberammergau treibt, die sich in den Theatern und Gottesdiensten offenbar nicht mehr erfüllt." Im Van Magazin resümiert Eleonore Büning Opern-Neuproduktionen der Salzburger Festspiele. Besprochen wird die Performance "J'ai pleuré avec les chiens" der kanadischen Choreografin Daina Ashbee beim Berliner "Tanz im August" (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.08.2022 - Bühne

Káťa Kabanová 2022: Corinne Winters (Katěrina/Káťa) © SF / Monika Rittershaus

Im Tagesspiegel verneigt sich heute auch Eleonore Büning vor Barrie Koskys Inszenierung von Leoš Janáčeks "Katja Kabanova" bei den Salzburger Festspielen. Vor allem leuchte die junge amerikanischen Sopranistin Corinne Winters: "Sie hatte schon als Jenufa in Genf bewiesen, dass ihre Stimme bestens geeignet ist für die ausdrucksintensiven Da-Capo-Klangreden Janáceks, die direkt dem Duktus der Sprache, den Geräuschen der Natur abgelauscht sind. Leicht beweglich, nicht sehr laut, bringt sie doch Durchschlagskraft, Schmelz und Farbe mit. Und Winters geht, wofür vor allem Jakub Hrusa sorgt mit seiner brillantklaren Durchdringung der Partitur, immer wieder wundersam tröstliche symbiotische Verbindungen ein mit einzelnen Orchesterstimmen der Wiener Philharmoniker - mit den Hörnern, der Flöte, der Violine."

Eine besonders "erlesene Weltflucht" gönnen sich die Briten mit den "country-house operas", staunt Marion Löhndorf in der NZZ. Immer mehr privat finanzierte Opernhäuser auf dem Land sind in England zu finden, kleine "Gesamtkunstwerke" in Schlössern und Herrenhäusern, bespielt von exzellenten Künstlern. Den Anfang machte die 1934 von John Christie gegründete Oper in Glyndebourne, weiß Löhndorf: "Der Charme des Ungewöhnlichen stellte sich aufgrund seiner einsamen Lage ein - und der eineinhalb Stunden langen Pausen wegen. Zwischen den Akten beginnt in Glyndebourne und bei seinen Nachahmern das gesellschaftliche Ereignis. Die Rasenflächen werden zum Picknick mit Tafelsilber, Kristallgläsern und Champagner genutzt, auch bei unklarer Wetterlage. Das alles in Abendkleid und 'black tie', die auf dem Land noch immer erwünscht sind, während der Dresscode in den Städten lax gehandhabt wird."

Außerdem: Wie hält es die Ballettszene mit Nonbinarität, Transidentität und Genderfluidity, fragt Dorion Weickmann in der SZ: "Schon ein Engagement zu ergattern, ist für Profis, die den Cis-Standard sprengen, schwierig." Besprochen wird Georg Quanders Inszenierung von Carl Heinrich Grauns Oper "Silla" in Innsbruck (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.08.2022 - Bühne

Káťa Kabanová 2022: Corinne Winters (Katěrina/Káťa). © SF / Monika Rittershaus


In Salzburg hatte Barrie Koskys Inszenierung von Leoš Janáčeks "Katja Kabanova" Premiere: Im leeren Felsendom, an den Seiten aufgereiht ein Puppenchor, der den Sängern, allen voran der verzweifelten Katja Kabanova, den Rücken zukehrt. Die Kritiker sind begeistert! "Vor den Puppenmenschen rast Káta durch den Raum, eingezwängt wie in einem Käfig. Sie tut es bereits zu den ersten Tönen der Philharmoniker und wirkt wie ein an der dörflichen Enge erstickender Sehnsuchtsmensch. Genau hat Kosky ihr Drama schon zu Beginn choreografiert", lobt Ljubiša Tošić im Standard.

Auch Jan Brachmann geht in der FAZ d'accord mit dieser Interpretation: "Barrie Kosky hat diese Oper aus dem Jahr 1921 bei den Salzburger Festspielen durch die Kostüme von Victoria Behr ganz in die Gegenwart geholt - in dem Wissen, dass die Zeit religiös geprägter Ehr- und Schuldvorstellungen, die Zeit sozialer Ausgrenzung von Normabweichlern, auch die eines harten Matriarchats, das durch Katjas Schwiegermutter, die Kabanicha, verkörpert wird, nicht vorbei sind. Diese Welt lebt weiter: in den streng katholischen Dörfern Ostpolens, in Rumänien und Albanien und wahrscheinlich sogar in manchen Strichen Niederbayerns. Europa ist etwas ganz anderes als das Bild, das sich die Espresso-Macchiato-Boheme in den Metropolen davon macht."

Kosky braucht überhaupt keine Requisiten, staunt Judith von Sternburg in der FR, er verlässt sich ganz auf seine "fabelhafte Personenführung": "Die Sängerinnen und Sänger lösen sich aus der Menge oder tauchen aus den schmalen Durchgängen auf, die sich zwischen ihr auftun. Nur Katja gehört nie dazu, ist zu lebendig, zu beweglich, rennt schon zum Vorspiel über die Bühne, ist unglücklich auf die Art, in der leidenschaftliche Menschen unglücklich sind." Auch Joachim Lange lobt in der nmz die Personenregie: "Davon profitiert allen voran die phänomenale Corinna Winters als Katja. Eine junge, hübsche Frau, eigentlich noch am Anfang ihres Lebens, doch eingesperrt und schon am Ende. Ein leichtfüßiger Wirbelwind mit beeindruckender vokaler Ausdruckskraft. Sie ist das Glanzlicht eines in jeder Hinsicht durchweg exzellenten Ensembles."

Fehlt noch die Musik. Und die, vom wie Janáček in Brünn geborenen Jakub Hrůša dirigiert, war auch ganz fabelhaft, schwärmt Michael Stallknecht in der SZ: "Es mag ein Klischee sein, dass jemand eine Musik 'im Blut' haben kann. Aber Hrůša gelingt bei 'Káťa Kabanová', wie die Festspiele das Stück philologisch korrekt nennen, tatsächlich, womit sich viele Dirigenten schwertun: die kleinteilig gebrochene Fraktur mit dem großen Gefühl zu versöhnen. Er schält die komplexen Rhythmen heraus und hält sie dabei flexibel. Er setzt harte Schnitte und klare Konturen, gibt aber immer dem Melos und, im richtigen Maß, dem Sentiment Raum."

Weiteres: In der taz berichtet Torben Ibs vom Berliner Festival "Tanz im August". Besprochen wird außerdem Rolando Villazóns Inszenierung von Rossinis "Il barbiere di Siviglia" mit Cecilia Bartoli in Salzburg (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.08.2022 - Bühne

Der Ring als Familienserie: Hier eine Szene aus dem "Rheingold". Foto: Enrico Nawrath / Bayreuther Festspiele


In Bayreuth fürchtete SZ-Kritiker Egbert Tholl einen Moment lang, eine Saalschlacht würde ausbrechen, als Valentin Schwarz nach der "Götterdämmerung", dem letzten Teil des Rings, auf die Bühne trat: "Die einen brüllen ihren, nun ja, Hass heraus, die anderen stehen und klatschen ostentativ, vielleicht auch, weil sie den neuen 'Ring des Nibelungen' überlebt haben. Angesichts dieser disparaten Reaktionen kann man nun lange diskutieren, ob dieser 'Ring' Kult wird oder ein Desaster ist." Kohärent war er nicht, aber damit hat Tholl kein Problem, "weil heutzutage ausgedehnte Familiengeschichten selten noch stringent erzählt werden können, dazu ist unsere Welt zu disparat. Schwarz' Sammelsurium der (kruden) Einfälle und sekundenkurzer Geistesblitze taugt durchaus zur Metapher unserer Gegenwart. Allerdings dehnt er die Inkohärenz vom Inhaltlichen aufs Handwerkliche aus. Es gibt lange Momente brillanter Personenführung (erster Aufzug bei Gunther daheim), es gibt noch längere, in denen nichts passiert (der ganze zweite Aufzug)" und die zwei Orchester, mit Cornelius Meister am Pult, konnten es auch nicht raushauen: Hätte Meister "doch nur auf Christian Thielemann gehört und bedacht, dass man nach vier Stunden Musik in der 'Götterdämmerung' noch Luft nach oben haben muss, damit der Trauermarsch knallt. Hier knallt nichts."

In der FAZ kann Jan Brachmann den fast zwanzigminütigen Buhorkan (er schreibt von einer "Hinrichtung") aus tiefstem Herzen nachvollziehen: Mal ist der "Ring" ein anonymer Junge, mal der junge Hagen, Walhall eine Designerlampe, Notung erst Pistole, dann Schwert. Jeder Objektbezug ist ausgelöscht. "Deutlicher können Valentin Schwarz und Andy Besuch nicht den Stinkefinger in Richtung des um Deutung bemühten Publikums ausfahren und ihm zu verstehen geben: 'Wir haben die Arbeit am Sinn satt. Ihr seid uns scheißegal.' Doch diese 'Ring'-Regie ist auch ein Symptom unserer Zeit und lohnt daher die Auseinandersetzung. Sie beschreibt nicht nur unser Abgleiten in eine kulturelle Demenz durch Überalterung, kreative Erschöpfung und jugendliches Desinteresse an der Überlieferung. Sie vollzieht auch den Abschied von der Lesbarkeit der Welt und resigniert vor der Einsicht, dass Wohnlichkeit im sinnfreien Kosmos nur eine Farce sei. Aus ihr spricht der Pessimismus einer neuen Generation (Schwarz ist 33 Jahre alt), die keine Wetten mehr auf die Zukunft abschließt."

Welt-Kritiker Peter Huth gehörte zu den wenigen, die sich zu klatschen trauten. "'Egal - in vier Jahren klatschen sie alle', rufen wir uns zu. ... Wer kam, um den 'ultimativen Ring' zu sehen, wurde enttäuscht. Und war hier auch falsch. Der 'Ring' und seine Inszenierungen sind ein Teil des großen Wagner-Multiversums, das aus einer unendlichen Anzahl von Varianten der Deutung besteht. Manche gelungen, andere weniger. Ganz objektiv und ganz subjektiv. Jede hat ihre Berechtigung, da können die Krakeeler so laut buhen, wie sie möchten. Das ist das Wesen der Festspiele, das ist Wagner, das ist Bayreuth und das ist Werkstatt", lobt Huth. "Schade, dass nun ausgerechnet dem Schluss sozusagen auf dem Trockenen eines abgelassenen Pools die Luft ausgegangen ist. Über weite Strecken hat es gleichwohl funktioniert", findet auch Joachim Lange in der nmz.

Besprochen werden außerdem Thorsten Lensings "Verrückt nach Trost" in Salzburg (nachtkritik, SZ), eine Choreografie der australischen Tanzkompanie Marrugeku beim Berliner Tanz im August (Tsp) und Georg Quanders Inszenierung von Carl Heinrich Grauns "Silla" bei den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik (nmz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.08.2022 - Bühne

Götterdämmerung in Bayreuth. Foto: Enrico Nawrath. Bayreuther Festspiele

Ein ganzes "Buh-Gewitter von erschreckend unflätigem Furor" mussten nicht nur Regisseur Valentin Schwarz und sein ganzes Team, sondern auch einzelne Sänger über sich ergehen lassen, berichtet im Tagesspiegel Christiane Peitz nach der "Götterdämmerung" in Bayreuth, hält sich allerdings zurück: "Sogar das Kind überlebt die 'Ring'-Serie nicht. Keine Hoffnung, keine Zukunft, keine brennende Götterburg, kein Rhein, der über die Ufer tritt, nur ein leeres Schwimmbad-Bassin mit einer traurigen Pfütze darin." Einen ersten enttäuschten Eindruck vermittelt auch die FAZ mit dpa: "Der Abend ist auch deswegen desaströs, weil Schwarz vor seinem eigenen, überaus ambitionierten Regiekonzept zu kapitulieren scheint - und es damit in Teilen selbst zerschlägt. Er zeigt eine erstaunlich konventionelle und streckenweise langatmige Interpretation vom Mord an Siegfried und der Rückkehr des Goldes zu den Rheinschwestern und verlässt dabei die schnörkellose, moderne Ästhetik, die die ersten drei Teile seiner Operninterpretation noch ausgezeichnet hat." 

"Mutlos und fantasielos" war Valentin Schwarz jedenfalls nicht, nimmt Ljubica Tosic den Regisseur im Standard in Schutz. Ganz glücklich wird er mit diesem Ring allerdings auch nicht: "Tatsächlich bleiben Fragen offen, Schwarz' 'Ring"-Serie hat insgesamt reizvolle Fragen gestellt und tolle szenische Antworten gegeben. Am Ende hat die Serie aber etwas enttäuscht. In Bayreuth hat es allerdings Tradition, dass das Ausgebuhte später in den Rang einer Kultinszenierung gehoben wird, bei der man dabei gewesen sein muss." Für die Welt hatte Manuel Brug bereits die Schlussprobe der "Götterdämmerung" in Bayreuth besucht - und zumindest der "Erlösungsschluss in Des-Dur dient als Zuckerl für die wundgeriebenen Gemüter der Wagnerianer angesichts eines Vielerleis an Zumutungen", schreibt er.

In der SZ bricht Reinhard J. Brembeck ganz generell eine Lanze für den Buh-Ruf: "Aufregung verursacht auch, wenn bisher Undenkbares geschieht. So können die dann in Opernhäusern unvermeidlichen Buhs sowohl einer Verhunzung als auch einer genialen Neudeutung oder gar einer neuen Ästhetik gelten. Das vieldeutige Buh ist besser als sein Ruf. Für den Buhrufer ist die signifikante Abweichung von der Norm die entscheidende Provokation, auf die er ohne zu überlegen eingeht und die er durch seinen Einspruch entschieden zurückweist."

Szene aus Lohengrin. Foto: Enrico Nawrath. Bayreuther Festspiele


"Am gängigen 'Bild vom ,Osten' als einer minderwertigen, unzivilisierten und unkultivierten Region' hat das 'Lohengrin'-Libretto von Richard Wagner … durchaus mitgemalt", konstatiert nach Dirk Oschmann in der FAZ nun auch Jan Brachmann ebenda. Aber musikalisch ist und bleibt der Lohengrin ein "Traum", meint er: "Schlagartig spürt man einen enormen Qualitätsunterschied zum aktuellen 'Ring'. Christian Thielemann - bei dem einzigen Werk, das er dieses Jahr in Bayreuth dirigiert - ist so tief vertraut mit dem Stück wie mit dem Haus, dass er die Musik ganz unaufgeregt organisch aufblühen lassen kann. Der große Chor - Eberhard Friedrich hat bei der Einstudierung wieder beste Arbeit geleistet - entwickelt sich beim Zug zum Münster im zweiten Aufzug bis zum ersten bösen Einwurf der Ortrud in einem durch Thielemann weit vorausschauend geplanten, einzigartig durchgehenden Crescendo. Das Filigran der Holzbläsersätze fügt sich zu einem kostbaren Geschmeide. Mit Zäsuren, Verzögerungen, Lautstärkerücknahmen reagiert Thielemann auf die Sänger so dicht und schnell wie ein Klavierbegleiter im Liederabend."

Weiteres: Für die Berliner Zeitung porträtiert Franka Klaproth Virve Sutinen, die das Internationale Tanzfestival "Tanz im August" zum letzten Mal leitet. Im Standard berichten Helene Dallinger und Anna Wielander von #MeToo-Vorwürfen, die Studierende gegen die Universität für Musik und darstellende Kunst Wien erheben. Besprochen wird der von Rimini Protokoll gemeinsam mit dem Nationaltheater Mannheim und dem Szenographen Dominic Huber realisierte Rundgang "Urban Nature" in der Kunsthalle Mannheim (FAZ) und das Stück "Jurrungu Ngan-ga / Straight Talk" von Marrugeku beim Tanz im August (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.08.2022 - Bühne

Der Walhalla-Clan. Waldvogel, Siegfried, Mime und Hagen. Foto: Enrico Nawrath / Bayreuther Festspiele 2022


"Götter sind auch nur Menschen, heißt die 'Ring'-Botschaft des Valentin Schwarz, "schreibt Wolfgang Schreiber in der SZ wenig aufgeregt ob dieser Erkenntnis über den "Siegfried" in Bayreuth, "der oberste Gott ist ein brutaler Clanchef moderner Mach(o)art. Korruption, Ausbeutung, Besitz, Macht, Sexismus sind sein Credo. Hier begegneten wir, so der Regisseur, 'hautnah Menschen in ihrer Tragik und in ihrer Komik, mit all ihren Ängsten und Träumen, die an der Wirklichkeit zerschellen'. Der Mythos, menschengerecht gemacht." Aber diese Banalisierung wird für Schreiber immer wieder durch Wagners Musik konterkariert. "Es ist die Musik, die den Mythos, die Verzauberung, notwendigerweise hervorbringt. Das Ohr ist die Instanz, so weit sich Valentin Schwarz mit seinem Theaterrealismus auch hervorwagt und dafür mit lautstarken Buhs bedacht wird."

Tagesspiegel-Kritikerin Christiane Peitz ist nur halb zufrieden mit den Sängern. Und auf der Bühne vermisst sie irgendeine Art von Personenführung: "Psychologie? Erübrigt sich, wenn die über Generationen konstante Verderbtheit längst feststeht. Die Zukunft gehört nur dem nächsten Gangsterpaar." Weitere Kritiken in nmz und FAZ.

Besprochen wird außerdem Gordon Kampes "Wut" bei den Salzburger Festspielen (nmz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.08.2022 - Bühne

"Kein Drache! Nirgends. Skandal! War aber doch eh schon klar. Auch der Wagnerianer liebstes Wappentier erscheint nicht im neuen 'Siegfried' auf Bayreuths längst hitzeglühend gelbem Hügel." In der Welt zuckt Manuel Brug die Achseln. Muss ja auch mal möglich sein, zumal die Musik im dritten Teil der Wagner-Saga auf dem absoluten Höhepunkt ist, "in ihrer vollen Größe, in Würde, Fülle, Kraft und Glanz. Denn der frisch zum Tetralogie-Master erkorene Cornelius Meister brauchte zwar nicht zwölf Jahre Bedenkzeit, wie Richard Wagner zwischen der ersten und der zweiten Szene des zweiten Aktes, aber doch zwei Opernteile, um sich im mythischen Abgrund auf Betriebstemperatur zu bringen. Jetzt regiert er souverän als Klanglenker und Szenebeherrscher durch die Töne. Man muss sich an die Partitur nicht immer wieder erinnern, sie ist dauerpräsent, lastend, malt Stimmungen aus, die Valentin Schwarz auf der Szene durchaus präzise und musikalisch aufnimmt."

Besprochen werden außerdem Ivo van Hoves Inszenierung von Marieluise Fleißers "Ingolstadt" bei den Salzburger Festspielen (FR), Blanca Lis Tanzstück "Le Bal de Paris" (SZ) und ein "Lohengrin" für Kinder ist in Bayreuth (bei dem sich FAZ-Kritiker Jan Brachmann prächtig amüsiert hat).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.08.2022 - Bühne

Die Regisseurin Yana Ross hatte zusammen mit Lukas Bärfuss einen offenen Brief über problematische Sponsorings - etwa durch das Schweizer, aber einem Oligarchen gehörende  Bergbauunternehmen Solway - bei den Salzburger Festspielen veröffentlicht. Das Festival hatte daraufhin das Sponsoring mit Solway aufgelöst. Im Interview mit dem Standard kennt sie keine Gnade mit dem Dirigenten Teodor Currentzis, den sie als Geisel des russischen Systems beschreibt, in das er sich selbst begeben habe: "Stillschweigen ist eine Waffe, die tötet." Noch härter geht sie mit der Schweiz ins Gericht, wo russische Oligarchen bevorzugt ihr Geld in Stiftungen parken, darunter auch Solway: "In Russland herrscht null Transparenz. Viele Stiftungen sind zu nichts anderem da, als Geld zu waschen, jene des Dirigenten Valery Gergiev ist das beste Beispiel dafür. Aber es gibt noch einige weitere. Die meisten dieser Stiftungen oder Unternehmen sitzen in der Schweiz, vor allem in Zug. Als das Land nach dem Fall der Sowjetunion regelrecht geplündert wurde, wurde viel Geld ins Ausland geschafft. Das passiert bis heute. ... Unternehmen, die ihren Sitz in Zug haben, sollte man allgemein mit großer Skepsis betrachten. Schätzungsweise 80 Prozent der russischen Rohstoffe werden über Firmen in Zug gehandelt. Die Schweiz ist für mich leider einer der dunkelsten Orte Europas."

Todesparty mit Walküren. Foto: Enrico Nawrath


In Bayreuth hatte der zweite Teil des Rings in der Inszenierung von Valentin Schwarz Premiere. Zu gucken gabs viel, der Wotan fiel vom Stuhl und musste mitten in der Aufführung ersetzt werden, blieb aber ein "übergriffiger Typ, der sich an Tochter Sieglinde zu vergreifen droht", erzählt im Standard ein mäßig amüsierter Ljubiša Tošić. "Wotans Griff unter den Rock der Schlafenden erklärte auch, warum Sieglinde hier bereits vor der Begegnung mit Zwillingsbruder Siegmund, mit dem sie ja Siegfried zeugen soll, hochschwanger wirkt. Es hat sie wohl Vatermonster Wotan geschwängert, der bei Schwarz gleich auch Siegmund erschießt und dann kurz zusammenbricht. Dazu hätte Wotan schon zu Beginn der Walküre Gelegenheit gehabt. Schwarz zeigt eine Begräbnisszene. Offenbar hat Familienmitglied Freia Suizid begangen. Doch viel Trauer herrscht nicht. Um den Sarg herum gruppieren sich die Walküren, Brünnhilde und ihr Freund machen Selfies mit Wotan. Es ist mehr so eine Todesparty, und die Walküren sind auch sonst schmerzbefreit. Die Scheintraurigen halten sich Lustboys. Und schminken bedeutet für sie nur, Farbe auf jene Gesichtsteile aufzutragen, die zuvor von Skalpellen modelliert wurden."

Im Tagesspiegel findet Christiane Peitz die Inszenierung immer unstimmiger: "Es stimmt ja, wie Dramaturg Konrad Kuhn im Programm ausführt, dass es für den 'Ring' heutzutage keinen Speer, kein Schwert, keine Riesen oder Drachen braucht. Und dass auf der Bühne nicht ständig verdoppelt werden muss, was die Musik oft überdeutlich erzählt. Also enthält Valentin Schwarz dem Publikum nicht nur den Walkürenritt vor, sondern sogar den finalen Feuerzauber. ... Verweigerung kann heilsam sein, der Entzug der Droge Wagner. Aber das Gegengift müsste kräftig, der Kontrast zwischen musikalischer Erregung und theatraler Ernüchterung erhellend sein. Dafür fehlt es allerdings an Personenregie, ausgerechnet, wo Schwarz doch das trauma-durchwirkte Beziehungsgeflecht des Nibelungen-Clans ergründen will."

Immerhin musikalisch konnte diese "Walküre" überzeugen, lobt Regine Müller in der taz. "Musikalisch ist die 'Walküre' eine fulminante Steigerung zum 'Rheingold', Klaus Florian Vogt (Siegmund) und Lise Davidsen (Sieglinde) mit fulminanter Sopran-Kraft sind Idealbesetzungen, ebenso Georg Zeppenfeld als Hunding, Iréne Theorins flirrende Brünnhilde fällt dagegen ab. Die Walküren sind famos ausgewogen besetzt und präzis eingetaktet, Tomasz Koniecznys Wotan mit seinen Vokalfärbungen ist Geschmackssache, sein Einspringer Michael Kupfer-Radecky ungleich heller timbriert und textverständlicher. Cornelius Meister im Graben sorgt teils für ungewöhnlich gedehnte Tempi, nimmt aber im Laufe des Abends merklich Fahrt auf. Großer Jubel fürs Musikalische." Weitere Besprechungen in der nmz, NZZ, FAZ und SZ.

Weiteres: Das Theater Erfurt will seine ganze Saison 2022/23 dem antiken Griechenland widmen, staunt im Tagesspiegel Frederik Hanssen und dankt dem Himmel für das deutsche Stadttheatersystem, das solches möglich macht: Geplant sind u.a. Raritäten wie Felix Weingartners "Orestes", Glucks "Telemaco oder die Insel der Circe", Richard Rodgers' Musical "The Boys From Syracuse" und Rossinis "Belagerung von Korinth".

Besprochen werden Ivo van Hoves Inszenierung von Marieluise Fleißers "Ingolstadt" bei den Salzburger Festspielen (nachtkritik, Standard, SZ), Yana Ross' Inszenierung von Schnitzlers "Reigen" in Salzburg (nachtkritik) und Ernest Chaussons Opernrarität "Le roi Arthus" und die Symphonien von Brahms bei den Tiroler Festspielen in Erl (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.08.2022 - Bühne

Die armen weiblichen Sprösslinge, unterdrückt und gequält. Foto: Enrico Nawrath


In Bayreuth wurde Wagners "Rheingold" in der Regie von Valentin Schwarz kräftig ausgebuht. nmz-Kritiker Joachim Lange kann das nicht verstehen. Die Sänger waren großartig und die Inszenierung, naja: "Es fehlte zwar viel, was eigentlich ins Rheingold gehört - vor allem fehlte der Ring selbst. Dafür gab es aber jede Menge von Personal und Anspielungen, die es bislang dort noch nicht zu sehen gab. Schwarz hatte im Vorfeld angekündigt, dass der Ring für ihn eine Art Gesellschaftsroman oder eine Netflix-Serie ist, mit der eine Familiengeschichte erzählt wird. Dazu gehört, dass man am Ende gespannt auf die Fortsetzung ist und getrost spekulieren kann (und soll) wie es wohl weitergeht."

Auch Welt-Kritiker Manuel Brug lobt: "Radikal heutig, noch sehr direkt erzählt, mit äußerst geringer Fallhöhe. Das gefällt nicht allen Zuschauern. Es wurde gebuht, aber die Begeisterten waren deutlich trampelnd in der Überzahl. Unbedingt unterhaltsam ist das bis jetzt."

So gnädig ist Jan Brachmann in der FAZ nicht, er hat einfach nichts verstanden. Erst nachdem er das Programmheft gelesen hatte, dämmerte es ihm: "Schwarz nimmt Umdeutungen vor, was legitim und üblich ist, aber er beherrscht die Technik szenisch evidenter Zuordnung nicht. Wenn von anderen Dingen gesungen wird als jenen, die gezeigt werden, muss man klarmachen, wie die Neuzuordnung funktioniert. Wir sehen zum 'Rheingold'-Vorspiel beispielsweise einen Film über das Innere einer Gebärmutter. An zwei Nabelschnüren hängen zwei Föten. Die Idee ist schön, weil Wagners Musik auch das vorgeburtliche Glücksgefühl vom Schwimmen im Fruchtwasser in uns wachruft, weshalb ihm Theodor W. Adorno attestierte, kein revolutionärer, sondern ein im Grunde regressiver Komponist zu sein. Nun greift ein Fötus dem andern ins Auge. Es blutet aus. Valentin Schwarz will damit erzählen, dass Wotan und Alberich Zwillingsbrüder sind, die schon vor ihrer Geburt in Fehde miteinander lagen. Bei Wagner steht das nicht. Bei Wagner sind Alberich und Mime Brüder. Um die Neuzuordnung zu verstehen, muss man das Programmheft lesen."

Es geht dem Regisseur "um ein feministisches Narrativ, das von der ewigen Unterdrückung der Frau durch den Mann erzählt, die schon im Mutterleib beginnt. Der Ursprung allen Lebens ist der Ursprung allen Übels", meint in der SZ Helmut Mauró, der ebenfalls das Video mit den Föten aufgreift. Für Schwarz geht die Geschichte "so weiter, dass der kleine männliche Spross, von Alberich geraubt und nun in dessen Fußstapfen unterwegs, die armen weiblichen Sprösslinge unterdrückt und quält. Wo Wagner ein Bergwerk mit geknechteten Nibelungen einrichtet, finden wir nun einen gläsernen Kindergartenkubus, in dem kleine Mädchen Bilder malen müssen, schikaniert von einem gleichaltrigen Jungen." Das "kann man machen, läuft aber Gefahr, dass man das aufs Ganze gehende Kunstwerk der Ringerzählung mehr und mehr reduziert auf einen kleinbürgerlichen Geistesraum".

Weitere Kritiken zum "Rheingold" im Tagesspiegel, im Standard, der FR und auf BR Klassik. Die fixe Christiane Peitz schickt im Tagesspiegel schon Eindrücke vom zweiten Teil des Bayreuther Rings, der "Walküre".

Außerdem: In der taz berichtet Katja Kollmann vom Festival "InBetweenFires" im Berliner Hotel Continental mit Produktionen ukrainischer, belarussischer und Berliner Schauspieler. Wiebke Hüster resümiert in der FAZ das Wiener Festival Impulstanz. Besprochen werden Mozarts "Zauberflöte" in Salzburg (Tsp), Giacomo Puccinis "Trittico" in Salzburg (NZZ) sowie Uraufführungen der Choreografien "Modern Chimeras" von Liquid Loft und "Encounters #3" von Archipelago bei Impulstanz (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.08.2022 - Bühne

Der cri de cœur der Asmik Grigorian. Foto: Monika Rittershaus


In Salzburg hat Christof Loy Puccinis drei Einakter "Il Trittico" inszeniert. Star der Aufführung, erklärt zustimmend Eleonore Büning im Tagesspiegel, ist zweifellos die litauische Sängerin Asmik Grigorian, "eine famos leichtfüßige Georgette. Überhaupt kann diese Sängerdarstellerin mit der großen, beweglichen Stimme in jede Haut schlüpfen, als sei es die eigne. Sie covert in dieser 'Trittico'-Produktion gleich alle drei weiblichen Hauptrollen. Auch die Männer um sie herum agieren mit Leidenschaft. Wann hat man je einen so kinoklar brutalen Mord gesehen auf der Opernbühne wie den des eifersüchtigen Baritons Michele (Roman Burdenko) am Tenor-Liebhaber (Joshua Guerrero) seiner Frau? Luigi wehrt sich um sein Leben, das Orchester bäumt sich auf, es schreit. Die bis dato mit Menschen, Möbeln, Kisten, Lasten vollgerümpelte Szene hat sich längst geleert. Nachtnebel kam auf, eine hoffnungslose Dunkelheit, die sich von langer Hand angekündigt hatte in der Musik. Gleich anfangs, noch im Licht, wussten die falschen Septimen der Drehorgel, dass die Sache nicht gut ausgeht."

Auch FAZ-Kritiker Jürgen Kesting ist begeistert, mahnt aber zur Vorsicht: Grigorian ist "eine wunderbare, intensive Darstellerin: eine anmutig-graziös Donna fragile als Lauretta, eine fiebrig nach Liebe sich sehnende und dabei von Schuldgefühlen gequälte Giorgetta und eine sich in Verzweiflung verirrende, voller Trotz aufbegehrende Angelica. Sie ist auch eine wunderbare Sängerin. Aber dem schlank sehnigen Klang ihres Soprans fehlen die timbralen Rundungen von Verismo-Sängerinnen wie Claudia Muzio oder Renata Scotto. In Angelicas Sehnsuchtslamento 'Senza mamma' und noch mehr in den Verzweiflungsausbrüchen ihres finalen 'Ah, son dannata!' ging der 'cri de cœur' über in das stimmliche Opfer eines Schreiakzents. Ein Triumph, ja! Aber ein gefährlicher, weil gefährdender Triumph."

In der SZ Reinhard J. Brembeck nicht zufrieden mit Orchester und Inszenierung, die ihm beide zu harmlos sind. Immerhin: Christof Loy, der "so gar nichts übrig hat für großen Bühnenklimbim", behelligt seine Sänger auch nicht, sondern vertraut auf ihre Spielfreude: "Im 'Trittico' lässt er in drei unpersönlichen, klassizistisch hellen Räumen mit nur wenigen Requisiten spielen. Gelegentlich hat Loy wundervolle Einfälle. Wenn Schwester Angelica den Koffer mit den Besitztümern ihres früh gestorbenen Kindes öffnet, findet sie auch ein schlichtes schwarzes Kleid. Da geht eine Veränderung durch die bis dahin still duldende und sanft singende Nonne. Asmik Grigorian zieht die Schwesternkluft aus, das kleine Schwarze an und beginnt zu rauchen. Plötzlich ist sie wieder die Frau von Welt, die sie einst war, Grigorians Stimme macht ihn nachvollziehbar, den Wandel von der Demütigen zur Femme fatale." Weitere Besprechungen im Standard und in der FR.

Besprochen wird außerdem Wagners "Rheingold" in der Regie von Valentin Schwarz in Bayreuth (Christiane Peitz im Tsp. und Manuel Brug in der Welt fühlen sich beide an eine Netflixserie erinnert).