Die Buchmacher - Archiv

Börsenblatt

328 Presseschau-Absätze - Seite 8 von 33

Die Buchmacher vom 29.10.2006 - Börsenblatt

Im Interview mit Eckart Baier präsentiert sich der Bertelsmann-Club-Chef Fernando Carro zuversichtlich, in diesem Jahr schwarze Zahlen schreiben zu können. Bis Dezember soll der durchschnittliche Umsatz je Mitglied um 10% steigen. Spätestens 2008 soll die Mitgliederzahl stabilisiert werden. Zu diesem Zweck soll die Abnahmeverpflichtung für die Mitglieder gelockert und das Image des Clubs "als kulturelle Institution" gefestigt werden. Zu einer möglichen Kooperation zwischen zwischen Club und Thalia schweigt sich Carro (auffällig einsilbig) aus.

Rüffel für den ADAC und das Bibliographische Institut & F.A. Brockhaus: Auf Betreiben eines Buchhändlers ist der Vertrieb eines Dreier-Sets rund um den Duden (Rechtschreib-, Fremdwörter-Duden plus CD-ROM-Version beider Bände für den Sonderpreis von 39,90 Euro) für ADAC-Mitglieder abgemahnt worden. Hintergrund: Das Set verstößt gegen die Preisbindung (hier der Artikel, hier das Editorial von Börsenblatt-Chefredakteur Torsten Casimir).Im Interview erklärt Wladimir Kaminer, warum er Regierender Bürgermeister von Berlin werden will: "Weil ich mich mitverantwortlich fühle für das, was in dieser Stadt passiert. Hier wird nach Aussehen gewählt." Seine Chancen schätze er "sehr hoch" ein. Zum Schreiben komme er derzeit kaum noch, weil irgendwelche Leute von ihm vorab Ämter haben wollen - so etwa die Getränkeverkäuferin das Ministerium für Getränke.

Im Kommentar zeigt sich Rainer Moritz vom Lärm um die Promi-Biografien ermüdet. Irgendwann merkten "auch die Helden des Bildschirms, dass nur im Buch die Hoffnung auf ein weiterleben nach der Karriere möglich ist. Zumindest bis die Zeit der Remissionen dräut."

Christina Schulte greift die von buchreport in der vergangenen Woche vermeldete Kooperation vom Barsortiment KNV und den 75 Karstadt-kompakt-Filialen auf. "Das waren noch Zeiten, als die Barsortimente buchhandelstreu waren", kommentiert die Autorin. "Und wie sinnvoll ist es, wenn Lieferanten der Meinung sind, die beherrschten das ureigene Geschäft ihrer Kunden eigentlich besser?", fragt Schulte und schließt mit dem schwachen Fazit, dass die Grenzen letztlich vom Markterfolg gezogen würden.

Weitere Artikel: Chefredakteur Torsten Casimir stellt die Ergebnisse einer Mitglieder-Befragung des Börsenvereins vor. Fazit: insgesamt erfreulich, wären da nicht die 20% der weniger oder gar nicht Zufriedenen - woraus der Verband ein "Imageproblem" (Zitate aus der Befragung: "altbacken", "schwerfällig", "glänzt durch Uneinigkeit") ableitet. Betriebsbeaterin Ellen Braun gibt Tipps fürs Weihnachtsgeschäft. Andreas Trojan stellt aktuelle Sachbuch-Taschenbücher vor. In der Serie zur Zukunft des Lesens erklärt ZDF-Moderatorin Marietta Slomka, dass sie kein Buch der Welt auf die Bilder der Gewalt vorbereiten könne, die sie bei der Arbeit sichten muss. Im "Menschen"-Ressort porträtiert Nils Kahlefendt auf vier Seiten den vom Feuilleton gefeierten Autor Sasa Stanisic. Den Fragebogen hat der reisefreudige Reporter Wolfgang Büscher ausfgefüllt (schön: "Lieblingsbeschäftigung": "Anfänge schreiben. Überhaupt etwas anfangen").

Die Buchmacher vom 23.10.2006 - Börsenblatt

Auf der Frankfurter Buchmesse hat das Börsenblatt ein "Forum" zu den neuen Warenbezugsmodellen der Barsortimente einberufen - dabei übernimmt der Zwischenbuchhandel für den Buchhändler immer stärker die Auswahl der Titel, die präsentiert werden sollen. Ziel: Einkauf und Wareneingang im Buchhandel rationalisieren. Für Sortimenter ist beipielsweise die Kooperation mit der Einkaufsgenossenschaft Anabel ein weitreichender Schritt, wie die Buchhändlerin Ilona Rehme erklärt: "Anabel greift so tief in die Struktur einer Buchhandlung ein, dass es nur schwer möglich ist, diesen Schritt wieder rückgängig zu machen - dies käme dann schon fast einer Neukonzeption gleich." So unterschiedlich die Positionen am Round Table sind - dass, je weniger Titel die Buchhändler direkt beim Verlag bestellen, besonders die Vertreter der Verlage und schließlich die Verlage selbst den Kürzeren ziehen, scheint klar. Dementsprechend defensiv wirkt Kunstmann-Vertriebsleiter Uli Deurer, der einräumt, dass die Auflagenkalkulation für die Verlage immer schwieriger gerät, weil die Rückmeldungen aus dem Buchhandel immer spärlicher werden.

Einen nett gemeinten Appell an Verlage und Barsortimente richtet der Unternehmensberater Rolf Reisinger: "Bitte gebt des Buchhandlungen eine auskömmliche Marge." Gemessen an den Renditen im gesamten Mitelstand sei die wirtschaftliche Situation vieler Buchhandlungen "erschütternd". Um seiner Forderung Nachdruck zu verleihen, zitiert Reisinger aus dem Preisbindungsgesetz und dem Spartenpapier des Börsenvereins, wo ebenfalls eine Rücksichtsnahme auf die Situation von kleineren Buchhandlungen angemahnt werde.

Nach Matthias Horx, Peter Sloterdijk, Gert Kaiser, Norbert Bolz, Denis Scheck und Martin Walser äußern sich - und jetzt wird's ungewollt komisch - Otto, Nina Hagen und die Comedians Ralf Schmitz und Martin Schneider sowie weitere "7 Zwerge"- Akteure über ihre Leseerfahrungen (mitgeschrieben bei der Frankfurter Buchmesse). Das Ergebnis ist erwartungsgemäß dürftig - vielleicht der überfällige Schlusspunkt einer von Beginn an seltsamen Serie?

Im "Menschen"-Ressort stehen der Schöningh-Chef Raimar Zons, Hanser-Chef Michael Krüger (der sich über Nobelpreisträger Orhan Pamuk äußert) und Wolfgang Ferchl im Mittelpunkt - der Piper-Verlagsleiter füllt den "Fragebogen" aus.

Weitere Artikel: Rätselraten um die Frankfurter Buchhandlung Peter Naacher: Angeblich wurden Rechnungskunden seit August nicht mehr beliefert, ein Inkassobüro wolle für Verlage 19000 Euro Schulden eintreiben, Firmenchef Peter Naacher habe den Sitz der Firma nach Berlin verlegt. Oetinger, Ravensburger und C. Bertelsmann Jugendbuch kooperieren beim Leseförderungsprojekt "Mein Lieblingsbuch", das die Verlage mit Super RTL aufziehen.

Die Buchmacher vom 16.10.2006 - Börsenblatt

Dass sich der neue Börsenblatt-Chefredakteur Torsten Casimir von der Messeausgabe viel verspricht, hat sich ein Tag nach Erscheinen des Hefts gezeigt: Mit einem separaten Brief weist Casimir die Abonnenten auf das neue Heft hin - als ob diese das Heft sonst automatisch ungelesen in den Mülleimer schmeißen würden - und regt die Leser dazu an, ihre Meinung dazu kundzutun. Will der buchreport in der Branche den Fakten-Fakten-Fakten-Ruf des "Focus" verteidigen, versucht Casimir offenbar, das Börsenblatt a la "Bunte"zu gestalten. Zwar enthält der 29-seitige Buchmesse-Teil auch umfangreichere Texte, ins Auge fallen jedoch in erster Linie die Bilder-Strecken, die an den Schluss-(Party-)Teil der "Bunten" erinnern. Das Konzept geht dabei durchaus auf, schließlich interessiert sich der gemeine Branchenblatt-Leser vermutlich in erster Linie dafür, wer in Frankfurt war - und wie derjenige inzwischen aussieht: "Quick and dirty" heißt eine Seite mit Handy-Schnappschüssen, die beispielsweise Udo Lindenberg beim Brockhaus- sowie das "Fettfingerfood" beim Dumont-Empfang zeigen. Auf einer Doppel-Seite hat der Börsenblatt-Knipser verschiedene Partygesellschaften fotografiert - darunter die Crême-de-la-Bertelsmann-Crême (Gunter Thielen, Ewald Walgenbach) beim Club-Empfang. In einer eigenen Friedenspreis-Beilage hat es die Redaktion sogar geschafft, eine stinklangweilige Veranstaltung vergleichsweise dynamisch erscheinen zu lassen.

Die vom Börsenblatt ausgewählten Themen der Messe ähneln denen von buchreport: darunter der Trend zum digitalen Publizieren - der Begriff Web 2.0 darf inzwischen nirgendwo fehlen -, der gelungene Gastlandauftritt Indiens, der Themenschwerpunkt Bildung, sowie der Lizenzhandel (mit der erschreckenden Zahl, dass seit 2000 in den USA gerade einmal 36 Übersetzungen aus dem deutschsprachigen Raum erschienen sind, hier der interessante Artikel). Im Editorial neigt Casimir einmal mehr zum feuilletonistischen Pathos, wenn er schreibt: "Ein Ruck geht, wenn schon nicht durch die Republik, so doch durch den Buchhandel."

Weitere Artikel: Die AG Verlagsvertretungen will ein neues Modell zur leistungsgerechten Vergütung von Verlagsvertretern entwickeln. Die Bild am Sonntag startet am 16. Oktober eine Fantasy-Buchreihe. Der neue MA-Filialist Cobu hat in Recklinghausen die erste Filiale eröffnet. Eckart Baier zeigt die Perspektive, im Buchhandel mit Zeitungen und Zeitschriften Geld zu verdienen. Die Buchhändlerin Anne von Bestenbostel erinnert sich im Schulaufsatz-Stil an ihre Messeerlebnisse ("...abends dann auch noch einen kleinen Cocktail. Sehr lecker!"). Unternehmensberater Jochen Wörner hilft Buchhändlern beim Kalkulieren von (nicht-preisgebundenen) Nonbook-Artikeln. Brigitte Preissler analysiert den Erfolg von historischen Romanen. Und Ulrich Rüdenauer stellt die sympathische Trägerin des Deutschen Buchpreises, Katharina Hacker vor.

Die Buchmacher vom 06.10.2006 - Börsenblatt



"Googles Scanner-Armee scheint unaufhaltsam vorzurücken", beginnt Michael Roesler-Graichen seinen Text über den Wettbewerb (dem Vokabular nach zu urteilen, wohl eher Krieg) der verschiedenen Digitalisierungsinitiativen. Nachdem der Autor die Modelle von Amazon und Google vorgestellt hat, richtet er den Fokus auf das verbandseigene Projekt "Volltextsuche Online", das an das kleine gallische Dorf erinnere, das sich der Übermacht der Römer widersetze. Zur Buchmesse wurde ein Prototyp von VTO vorgestellt sowie Letters of Intent mit Verlagen wie Suhrkamp unterschrieben, die kooperieren wollen. Viele Neuigkeiten enthält die Analyse nicht, erstaunlicherweise lässt der Autor die massive Kritik am Projekt in den eigenen Reihen des Börsenvereins komplett außen vor. Auch die Risiken - besonders jenes, dass die großen Suchmaschinen VTO ignorieren - blendet der Autor aus.

Im Kommentar warnt der Verleger Wulf D. v. Lucius vor einer Regulierung des wissenschaftlichen Publizierens - Verleger wie von Lucius haben Angst davor, dass Hochschulen Autoren künftig dazu verpflichten könnten, ihre Texte von Universitätsverlagen oder auf eigenen Uni-Servern veröffentlichen zu lassen.

Jochen Jung und Vito von Eichborn haben ein Pro und Contra zu Books on Demand verfasst: Verleger Jung glaubt, dass Bücher, die ernst genommen werden wollen, die Hürde eines fremden Lektorats genommen haben müssen. Sonst heiße es: Lektorat umgehen, Vertrieb umgehen, Kritik umgehen - und letztlich den Leser umgehen. Von Eichborn, als Herausgeber bei Books on Demand (Norderstedt) unter Vertrag, feiert das "völlig neue Forum für Abweichler und Nonkonformisten". Der Trend zum Selbstverlegten passe dazu, dass "die gesellschatliche Mitte zur Schimäre" werde, das Bürgertum zur Peripherie und - Achtung, Baudrillard - die Simulation das Original ablöse. (Was wohl die tausenden BoD-Autorenzu der Einschätzung sagen würden, dass sie den herkömmlichen Bücherbetrieb nur simulieren?)

Im "Menschen"-Ressort druckt das Börsenblatt einen langweiligen Text von Martin Walser über das Lesen ab, als sechster Teil der Serie zum Stellenwert der Lektüre im multimedialen Zeitalter. Fazit: Der Leser sei unsterblich, Leseförderung aber tot. Den inzwischen unregelmäßig erscheinenden Fragebogen hat Edition Nautilus-Verleger Lutz Schulenburg ausgefüllt.

Weitere Artikel: Tamara Weise berichtet von einer Welle von Neueröffnungen kleiner Buchhandlungen, bevorzugt in Nebenlagen. Christoph Kochhan meldet eine miese Stimmung unter Buchhändlern - selbst vom Weihnachtsgeschäft erhoffe sich das Sortiment kaum Impulse. Michael Roesler-Graichen porträtiert den (inzwischen verstorbenen) Dichter Oskar Pastior, der die Verleihung des Büchner-Preises leider nicht mehr erlebt hat. Die TR-Verlagsunion (250 lieferbare Titel zu TV-Sendungen) schließt am Jahresende. Der Beltz Verlag verkauft das vor vier Jahren gestartete Frühpädagogik-Programm an Cornelsen Scriptor. Herder und Area-Gesellschafter Bruno Hof gründen einen MA-Verlag, der im Januar 2007 das erste Programm vorlegen soll. Auch Klett startet einen neuen Verlag mit Ingke Brodersen (früher bei Rowohlt Berlin) - nach Drucklegung steht fest, dass außerdem Rüdiger Dammann und Peter Mathews zum Gründungsteam des Publikumsverlags booklett. brodersen & company gehören.

Die Buchmacher vom 29.09.2006 - Börsenblatt

Zum 225-jährigen Bestehen von Hoffmann und Campe hat Holger Heimann Ganske-Verleger Thomas Ganske und HoCa-Verlagsleiter Günter Berg interviewt: teilweise feine Fragen, fast durch die Bank jedoch kreuzbrave Antworten, lautet die Bilanz. Kostproben "Wir machen Tiefwurzler und keine Flachwurzler" (Ganske auf die Frage nach dem Stellenwert des Verlags). "Wir müssen stärker ein Autorenverlag werden" (Berg zur programmatischen Ausrichtung des Verlags). "Jede Größe hat Vorzüge und Nachteile" (Ganske auf die Frage nach den Problemen der "mittleren Größe" der Verlagsgruppe, im Vergleich zu Bertelsmann).

Ebenfalls Holger Heimann hat in der insgesamt etwas seltsamen Serie zum Stellenwert des Lesens im multimedialen Zeitalter das Interview mit (einem offenbar übel gelaunten) Denis Scheck geführt. Dem "Druckfrisch"-Moderator gehe die "Ich will, dass mehr gelesen wird"-Masche allmählich auf die Nerven - eine Kochsendung werde auch nicht gemacht, damit mehr gegessen wird. Mit einem kurzen "Ja" antwortet Scheck auf die Frage, ob er Elke Heidenreich ("Lesen") um ihren Einfluss auf den Buchkauf beneide - zur Erinnerung: Heidenreich hatte Scheck einmal als "Rolltreppendickerchen" bezeichnet (und dies später in der Süddeutschen zurückgenommen, mit dem Hinweis, "Heute würde ich sagen: Schweinchen Schlau").

Eckart Beier feiert in einem Kommentar eine mögliche Allianz von Thalia und dem Bertelsmann Club (hier der Artikel der FAZ zum Thema): "Ein Partner mit einem flächendeckenden Filialnetz wäre der ersehnte Befreiungsschlag für den Club." Thalia indes könnte Weltbild und Hugendubel wieder Konkurrenz machen - demgegenüber hält buchreport die Allianz für ausgeschlossen (siehe buchreport.express vom 28. September 2006).

Weitere Artikel: Google hat als erstmals auch eine Bibliothek auf dem europäischen Festland für die Google-Büchersuche gewinnen können: Die Bestände der Bibliothek der Universität Complutense Madrid (drei Millionen Bücher) sollen digitalisiert werden. Der Länderrat im Börsenverein hat eine Änderung der Beitragsstaffeln beschlossen, nach der größere Buchhandlungen stärker in die finanzielle Pflicht genommen werden sollen. Valora Retail will auch außerhalb von Bahnhöfen und Flughäfen Buchhandlungen oder zumindest kleine Verkaufsflächen im Kassenbereich von SB-Märkten zu eröffnen. Im Kommentar kritisiert Cornelia Zetzsche, Literaturredakteurin beim Bayerischen Rundfunk, die schlechte Auswahl an indischer Literatur, die deutsche Verlage zur Frankfurter Buchmesse (mit dem Gastland Indien) präsentieren - die deutschen Leser hätten "durchaus mehr Originalität verkraftet", schließt die Autorin. Der Jahresbetriebsvergleich 2005 hat ergeben, dass der Umsatz bei den Buchhandlungen durchschnittlich gestiegen und die Kosten gesunken sind - dennoch sei das Betriebsergebnis in vielen Fällen negativ, auf Grund der rückläufigen Handelsspanne. Andreas Trojan bilanziert die Gala zur Verleihung des Corine-Literaturpreises. Emmanuel van Stein wandert mit dem Bestsellerjugendbuchautor Kai Meyer auf den Pfaden der Via Mala. Michael Naumann gratuliert Dieter von Holtzbrinck ("ein Rupert Murdoch wollte er nie sein, ein Bertelsmann zu allerletzt") und Wolfgang Frühwald dem Verleger Wolfgang Beck zum 65. Geburtstag.

Die Buchmacher vom 25.09.2006 - Börsenblatt

Nach Matthias Horx, Peter Sloterdijk und Gert Kaiser versucht sich der Liebling des Kultur- und Medienbetriebs, Norbert Bolz, im Gespräch mit dem Börsenblatt an einer Standortbestimmung des Lesens im Multimedia-Zeitalter. Erstes Positivum: Anstelle der vier Seiten, auf denen sich Sloterdijk bis zur Erschöpfung des Lesers ausgebreitet hat, argumentiert Bolz konzise auf zwei Seiten. Kernthesen: Das Lesen hat heute eine geringere Tiefe (keine Zeit zum Nachdenken), dafür eine viel größere Oberfläche. Der natürliche Respekt vor Texten sei verloren gegangen. Die Horx'sche These, dass man heute interaktiv, traversal lese, wie beim Computerspielen, hält Bolz für Quatsch: "Games schulen eine andere Fähigkeit: geistesgegenwärtiges Entscheiden."

Regine Meyer-Arlt schildert Vor- und Nachteile von Kundenbonuskarten im Buchhandel. Eckart Baier unterhält sich mit den Langenscheidt-Chefs Matti Schüsseler und Rolf Müller über Markenführung und die internationale Strategie des Verlags. Wolfgang Schneider blickt auf die Firmengeschichte der Deutschen Verlags-Anstalt zurück, die vor 175 Jahren gegründet wurde und inzwischen zu Random House gehört. Christina Schulte wirbt für die Börsenblatt-Schwester buchjournal - der Vermerk "Anzeige" ist bei der Schlusskorrektur offenbar verloren gegangen. Börsenblatt-Chefredakteur Torsten Casimir hat den Verleger Gerhard Steidl besucht - der um 4.30 Uhr anfängt und bis 22 Uhr arbeitet, in dessen Büro keine Stühle stehen und zu dessen Unternehmen sogar ein Firmenkoch gehört. Den unregelmäßig erscheinenden "Fragebogen" hat diesmal Janosch (etwas lustlos) ausgefüllt.

Weitere Artikel: Die Volltextsuche des Börsenvereins ist startklar: Auf der Buchmesse soll der Prototyp vorgestellt werden sowie Vorverträge mit S.Fischer, Suhrkamp und Thieme unterzeichnet werden. Das Schweizer Bundesgericht hat der Beschwerde der Buchbranche gegen das Preisbindungs-Veto der Wettbewerbskommission aufschiebende Wirkung erteilt. Die neuen Zweitausendeins-Inhaber, die Gebrüder Kölmel, wollen expandieren - das Filialnetz (zwölf Standorte) soll ausgebaut werden; ganz oben auf der Liste steht Leipzig.

Die Buchmacher vom 15.09.2006 - Börsenblatt

Ein Was-ist-was-Lektoren legt das Börsenblatt in Form einer Interviewrunde vor: Wie hat sich das Berufsbild der Profileser verändert? Viel Neues bringen die Diskutanten Wolfgang Ferchl (Piper), Martin Hielscher (C.H. Beck), Timothy Sonderhüsken (Droemer), Irene Rumler und Tamara Trautner (beide freie Lektorinnen) - vermutlich wegen der etwas laschen Fragen von Andreas Trojan - zwar nicht zu Tage. Gleichwohl erscheinen die Selbstbilder der Lektoren interessant: Für Hielscher ist der Beruf eine "Lebensform", für Sonderhüsken erfordert die Aufgaben "Demut, Härte und Humor"- Ferchl stapelt mit "Dienstleister" etwas tiefer.

Auf dem Fachinformationsmarkt scheinen paradiesische Zustände zu herrschen. So hat der Deutsche Sparkassenverlag (DSV) angekündigt, einen Verlag mit einem Umsatz "in bis zu dreistelliger Millionenhöhe" übernehmen zu wollen. In "Teilen" der Fachinformationssparte erwartet DSV-Chef Bernd Kobarg nun eine Phase der Konsolidierung.

Nach Matthias Horx und Peter Sloterdijk versucht sich der Altgermanist Gert Kaiser an einer Standortbestimmung des Lesens im multimedialen Zeitalter. Zugute halten muss man dem Präsidenten des Wissenschaftszentrums NRW, dass sein Text weder in der Länge noch in der Art der Argumenstion das abschreckende Niveau von Sloterdijk erreicht. Dafür bleibt die Essenz etwas dünn und fragwürdig: Die Bücherlektüre sei privat, die Onlinelektüre hingegen werde von Computern überwacht. "Jede Seite, die der Benutzer aufruft, kann kontrolliert werden", weiß Kaiser - "und für Bombenbauer und Pornografieliebhaber ist das schon ein Problem." Kürzlich habe sich der Autor ein Buch bei Amazon bestellt - weil es im Buchhandel nicht vorhanden war und weil sich der Käufer außerdem an der Kasse "ein wenig geniert hätte". Seitdem werde er von Amazon "mit weiteren Angeboten dieses etwas genierlichen Genres belästigt." (Drei Mal darf geraten werden, was sich der Germanist bestellt hat)

In seinem Kommentar bemängelt Rainer Moritz die Einordnung der Grass-Autobiografie "Beim Häuten der Zwiebel" auf die Belletristik-Bestsellerlisten. "Weshalb? Weil ein Nobelpreis immer Literaturvermutung nahelegt? Und was war mit Lars Brandts ,Andenken' oder Uwe Timms autobiografischem Bericht ,Am Beispiel meines Bruders', die Seit? an Seit? neben den Memoiren von Heiner Lauterbach, Dieter Bohlen oder Stefan Effenberg standen? Oder Axel Hackes ,Deutschlandalbum', das als Belletristik gehandelt wurde?" Am Ende sei der "autobiografische Pakt" entscheidend, also dass die Verfasser behaupten, "nur Wahres über das eigene Leben berichten zu wollen" - nicht die literarische Formgebung.

"Jeden Monat neue Hardcover?", fragt das Börsenblatt anlässlich der Umstellung von Lübbe auf eine monatliche Auslieferung - worauf das Gros der Befragten den neuen Turnus begrüßt. Der Oldenburger Kinder- und Jugendliteraturpreis wird in diesem Jahr nicht vergeben - die Jury fand alle 198 Titel zu schwach.

Weitere Artikel: Die Frankfurter Buchmesse meldet für 2006 ein Flächenzuwachs von 3,5 Prozent auf 172000 Quadratmeter; ebenfalls zugelegt hat die Zahl der deutschen Aussteller, während die Zahl der Ausländer rückläufig ist. Über die Mühen der deutschen Verlage auf dem chinesischen Buchmarkt berichtet Ex-Börsenblatt-Vizechefin Sybille Fuhrmann, die sich in Peking umgeschaut hat. Der Buchhandel hat im August ein Umsatzplus von 9,1 Prozent hingelegt - "vor guter Laune wird gewarnt", zeigt sich Börsenblatt-Chefredakteur Torsten Casimir im Editorial deshalb von der ironischen Seite. Wolfgang Schneider analysiert die sechs Kandidaten der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Im "Menschen"-Ressort stellt Andreas Trojan den Falter-Verleger Amin Thurnher vor. Der "Fragebogen" fällt diesmal wieder aus.

Die Buchmacher vom 07.09.2006 - Börsenblatt

Nüchterner als der leicht erhitzte buchreport berichtet das Börsenblatt über die Ankündigung der Mayerschen, 2008 eine "Weltstadtbuchhandlung" (4500 Quadratmeter, 150000 Bücher), auf der Düsseldorfer Kö zu eröffnen. Zwei jahre lang hätten jetzt die Buchhändler vor Ort Zeit, "ihre Schwächen auszumerzen und sich auf ihre Stärken zu besinnen." Anders als die Dortmunder erinnern die Frankfurter auch an die Schließung der Kö-Traditionsbuchhandlung Schrobsdorff'sche im Mai 2004 - das Publikum auf der Einkaufsmeile komme vor allem, um edel zu shoppen, erklärte ein Ganske-Sprecher damals dem Börsenblatt. Im Interview mit Mayersche-Chef Hartmut Falter fragt Chefredakteur Torsten Casimir ketzerisch, ob mit dem Düsseldorfer Engagement die Unabhängigkeit oder die Position in den Beitrittsverhandlungen mit Thalia oder der DBH (u.a. Hugendubel, Weltbild) gestärkt werden solle - worauf Falter ausweichend antwortet.

Sieht so das neue Börsenblatt unter dem Chefredakteur Torsten Casimir aus? In einem vierseitigen Interview raisoniert Peter Sloterdijk über den Wandel der Lektüre im Internetzeitalter - vielleicht ein Vorzeigestück für das Zeit- oder Rheinische Post-Feuilleton (das Casimir vor seinem Wechsel zum Börsenblatt leitete) oder die Zeitschrift für Philosophie, vermutlich aber ein Stolperstein für den Stammleser des Börsenblatts. Der städtische Mensch habe erst den Bauern verdrängt, jetzt verdränge der Finder und Plünderer im monitoralen Raum den städtischen Leser, lautet wohl die Kernbotschaft des Denkers. Durch den Computer breche der "Untrainierte" in die Kultur ein, zeigt sich Sloterdijk elitär und technikfeindlich. Statt sein Leben mit dem "Flutlicht der Wahrheit"auszuleuchten, "verlassen wir uns lieber auf die vielen Kontroll-Lämpchen der alltäglichen Klugheit." Die "entsetzlich billig gewordene Speicherkapazität" führe zu einer "ungeheuren Inflation" und zur "Aufbewahrung des nicht Aufbewahrungswerten."

Als sympathisch und erfolgreich gilt die Wuppertaler Verlegerin Monika Bilstein, die vom Börsenblatt porträtiert wird. Erfolgskriterien des Peter Hammer Verlags, der sich auf lateinamerikanische sowie afrikanische Literatur und Kinderbücher spezialisiert hat: Ein kleines, flexibles Team, eine große Programm-Bandbreite, der direkte Kontakt der Verlegerin zu Buchhändlern sowie die hohe Qualität der Ausstattung von Hammer-Büchern.

Für das "Menschen"-Ressort hat Kathrin Grün ein hübsches Porträt des Kunstbuchhändlers Walther König geschrieben, der 24 Buchhandlungen (darunter 19 Museumsbuchläden) in 11 Städten unterhält. Noch immer ist König morgens der Erste im Laden, noch immer kontrolliert der Kölner täglich den Wareneingang - und scheut selbst an Sonntagen nicht vor einem Besuch der eigenen Buchhandlung zurück. Den "Fragebogen" hat diesmal Friedrich Ani ausgefüllt, der die "Vermarktung des Käses mit Löchern" als größte unternehmerische leistung bewundert.

Weitere Artikel: Lübbe stellt die Hardcover-Auslieferung im kommenden Frühjahr auf eine monatliche Erscheinungsweise um. Knapp 100 unabhängige britische Buchhandlungen haben sich zu einer Einkaufsgemeinschaft zusammengeschlossen. Die Wikipedia-Taschenbuchreihe von Zenodot ist gescheitert.

Die Buchmacher vom 04.09.2006 - Börsenblatt

"Kein Grund zur Panik": Gelassener als die Dortmunder Wettbewerber beobachtet das Börsenblatt die Wogen um die Weltbild-Hugendubel-Allianz DBH. Die Aufregung sei nüchternen Analysen gewichen. Es nütze niemandem, "wieder einmal den Untergang des unabhängigen Buchhandels zu prophezeien", zitieren die Frankfurter denm Arbeitskreis Kleinerer Sortimenter. Im Interview geben sich die Hugendubel-Geschwister Nina und Maximilian kreuzbrav und harmlos. Die DBH werde nichts gegen Thalia oder andere Wettbewerber unternehmen. Die Allianz mit Weltbild sei eine Mittelstandslösung, weil die Holding keine operativen Aufgaben wahrnehme.

Nicht gerade begeistert ist der neue Chefredakteur Torsten Casimir von der "Hauen und Stechen?"-Veranstaltung des Landesverbands NRW im Börsenverein zurückgekehrt, auf der über die Probleme der einzelnen Sparten diskutiert wurde. "Pittoreske Nöte des Alltags" hätten viel Redezeit gekostet. Die "Kultur des Klagens" steigere die Brisanz der ohnehin ernsten Lage. Gleichwohl habe das Treffen ein neues Bewusstsein für die "Dringlichkeit von Veränderung und für die Zuständigkeit eines jedes Einzelnen in dieser Sache" geschaffen.

Ist Lesen altmodisch, lautet die Leitfrage der neuen Börsenblatt-Serie, zu deren Auftakt der Zukunftsforscher Matthias Horx über das Thema meditiert. Und dabei zunächst über das Computerspielen nachdenkt: Die Gamer seien die "idealen Bewohner der globalen Welt des 21. Jahrhunderts". Demgegenüber bleibe das Lesen zwar "eine zentrale Kulturtechnik". "Aber aus der Primär- wird eine Querschnitt-Kulturtechnik. Das Lesen wandert aus dem Buch aus, auf die Bildschirme, und gleichzeitig ,morpht' lineare Schrift in andere Formen oder Aggregatzustände, siehe Audiobücher, siehe Online-Bibliotheken." Enttäuschend fällt das Fazit des Trendforschers aus, der an der entscheidenden Stelle nämlich "offene Fragen" statt Antworten formuliert: Haben sich Verleger und Buchhändler mit der Evolution des Lesens auseinandergesetzt? Ist die Buchbranche evolutionsfähig? (Für die kommende Ausgabe hat das Börsenblatt Peter Sloterdijk zur Zukunft des Buches interviewt)

Im Kielwasser von "Herr der Ringe", "Tintenherz" und "Harry Potter" segeln immer mehr deutsche Autoren ins fantasyverliebte Ausland. Autoren wie Wolfgang Hohlbein oder Kai Meyer haben längst international punkten können, analysiert das Börsenblatt. Bei Piper seien inzwischen mehr deutsche als ausländische Fantasy-Autoren im Programm. Beim Börsenblatt-"Rundruf" bestätigen die meisten Befragten den Trend zur Fantasy. Im Bonner Comicladen hat das Segment schon einen Anteil von 20 Prozent.

Im "Menschen"-Ressort erzählt Holger Heimann die immer noch schönen Legenden um den Verleger Egon Ammann. Der Verleger Axel Dielmann füllt den "Fragebogen" aus

Weitere Artikel: Klett baut in Leipzig einen eigenen Kinderbuchverlag auf. Zwölf ostdeutsche Regionalzeitungen und der Verlag Faber & Faber bringen im Herbst eine Kinderbuchklassiker-Edition heraus. Der SBVV hat beim Bundesgericht Beschwerde gegen die Entscheidung der Wettbewerbshüter (contra Preisbindung) eingelegt.

Die Buchmacher vom 25.08.2006 - Börsenblatt

Sind zwei Giganten doppelt so gefährlich wie einer, lautet die Leitfrage der Börsenblatt-Berichterstattung zum neuen Thalia-Konkurrenten DBH (Hugendubel, Weltbild plus, Wohlthat'sche, Habel, Weiland). Nach Einschätzung von Weltbild-Chef Carel Halff liegt der Marktanteil der Koalitionäre bei sieben Prozent - während Thalia nach eigenen Angaben auf fünf Prozent kommt. "Jetzt gibt es faktisch nichts mehr, was es bei Weltbild nicht gibt. Die Augsburger Verlagsgruppe produziert Bücher, vertreibt sie mit ihrer Multi-Channel-Strategie über alle Vertriebskanäle und ist über Fiegweil & Taubert zudem im Modernen Antiquariat aktiv", analysiert das Börsenblatt. Wohin die Reise gehen könnte, hat die GfK hochgerechnet. Demnach könnte der Anteil der Filialisten am Buchmarkt von heute 22 Prozent auf 29 Prozent im Jahr 2010 steigen, fast ebenso rasant werde der Online-Marktanteil zunehmen (von 11 Prozent auf 16 Prozent). Weitere Aspekte der Börsenblatt-Berichterstattung zum DBH-Zusammenschluss: Kardinal Lehmann zieht in Erwägung, dass die Gewinne des Weltbild-Verlags für karitative Zwecke ausgegeben werden. Osiander-Chef Hermann-Arndt Riethmüller lässt sich auf der Zunge zergehen, dass die katholische Kirche den deutschen Buchhandel "beherrscht". Unternehmensberater Günter Wielpütz rät dem "alteingesessenen Buchhandel", beim Anrücken eines Filialisten "nur zu jammern" oder "gleich zu verzagen". Hier schließlich die Stellungnahme des Arbeitskreises kleinerer Sortimenter.

Im Kommentar seziert Rainer Moritz die Longlist des Deutschen Buchpreises - und zeigt sich überrascht, dass zum einen Autoren wie Paulus Hochgatterer und Daniel Glattauer draufstehen, demgegenüber Feuilleton-Dickschiffe wie Helmut Krausser, Christoph Peters und Walter Kempowski fehlen. Dass "das im Erdrutsch befindliche Haus Suhrkamp keinen einzigen Herbsttitel durchbringen konnte", sei indes "kein Zufall". Bis zur Preisverleihung anlässlich der Frankfurter Buchmesse habe der geneigte Leser einiges nachzuholen.

"Den ganzen Tag Grass-Alarm" melden Buchhändler den Börsenblatt-Reportern in Berlin, Leipzig und Bayern anlässlich der SS-Debatte um den Großdichter. Bei Dussmann stünden Kamerateams aus der ganzen Welt Schlange vor den "Zwiebel"-Stapeln. Eine Ausnahme bildet die Berliner Kollwitz-Buchhandlung (Prenzlauer Berg) - in einer Woche wurde kein einziges Exemplar verkauft. "Wir sind hier eben nicht in Westdeutschland", erklärt Inhaber Ingo Specht.

Im "Menschen"-Ressort stehen der parkinsonkranke Wissenschaftler Helmut Dubiel, der ein Buch über seine Krankheit geschrieben hat, und... Fehlanzeige. Der "Fragebogen", oft ein Ärgernis, in der jüngsten Zeit mit einigen Lichtblicken, fehlt im Heft - ein weiterer Einschnitt von Chefredakteur Torsten Casimir? Dafür beglückt uns der Börsenverein mit einem großen, leider etwas unscharfen Wolf-Lepenies-Fanposter zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels.

Weitere Artikel: Im vergangenen Jahr haben 5,4 Millionen Verbraucher mindestens ein Buch im Supermarkt gekauft, jeder Zehnte kauft nach einer GfK-Studie nur über diesen Vertriebskanal Bücher ein. Eichborn hat für die ersten sechs Monate des Jahres einen Verlust verbuchen müssen (915000 Euro). Trotz der Schwächen des Bertelsmann Clubs haben sich die Berater von Boston Consulting nicht für einen Verkauf der Sparte ausgesprochen; vielmehr solle der Sanierungskurs fortgesetzt werden.