"
Googles Scanner-Armee scheint unaufhaltsam vorzurücken",
beginnt Michael Roesler-Graichen seinen Text über den
Wettbewerb (dem Vokabular nach zu urteilen, wohl eher Krieg) der verschiedenen
Digitalisierungsinitiativen. Nachdem der Autor die Modelle von
Amazon und
Google vorgestellt hat, richtet er den Fokus auf das verbandseigene Projekt "
Volltextsuche Online", das an das
kleine gallische Dorf erinnere, das sich der Übermacht der Römer widersetze. Zur
Buchmesse wurde ein Prototyp von VTO vorgestellt sowie
Letters of Intent mit Verlagen wie
Suhrkamp unterschrieben, die kooperieren wollen. Viele Neuigkeiten enthält die Analyse nicht, erstaunlicherweise lässt der Autor die
massive Kritik am Projekt in den eigenen Reihen des Börsenvereins komplett außen vor. Auch die
Risiken - besonders jenes, dass die großen Suchmaschinen VTO ignorieren - blendet der Autor aus.
Im
Kommentar warnt der Verleger
Wulf D. v. Lucius vor einer Regulierung des
wissenschaftlichen Publizierens - Verleger wie von Lucius haben Angst davor, dass Hochschulen Autoren künftig dazu verpflichten könnten, ihre Texte von Universitätsverlagen oder auf eigenen Uni-Servern veröffentlichen zu lassen.
Jochen Jung und
Vito von Eichborn haben ein Pro und Contra zu
Books on Demand verfasst: Verleger Jung glaubt, dass Bücher, die ernst genommen werden wollen, die
Hürde eines fremden Lektorats genommen haben müssen. Sonst heiße es: Lektorat umgehen, Vertrieb umgehen, Kritik umgehen - und letztlich den
Leser umgehen. Von Eichborn, als Herausgeber bei
Books on Demand (Norderstedt) unter Vertrag, feiert das "völlig
neue Forum für Abweichler und Nonkonformisten". Der Trend zum Selbstverlegten passe dazu, dass "die gesellschatliche Mitte zur Schimäre" werde, das
Bürgertum zur Peripherie und - Achtung,
Baudrillard - die Simulation das Original ablöse. (Was wohl die tausenden BoD-Autorenzu der Einschätzung sagen würden, dass sie den herkömmlichen Bücherbetrieb nur simulieren?)
Im "Menschen"-Ressort druckt das Börsenblatt einen langweiligen Text von
Martin Walser über das
Lesen ab,
als sechster Teil der Serie zum Stellenwert der Lektüre im multimedialen Zeitalter. Fazit: Der Leser sei unsterblich, Leseförderung aber tot. Den inzwischen unregelmäßig erscheinenden Fragebogen hat
Edition Nautilus-Verleger
Lutz Schulenburg ausgefüllt.
Weitere Artikel: Tamara Weise berichtet von einer
Welle von Neueröffnungen kleiner Buchhandlungen, bevorzugt in Nebenlagen. Christoph Kochhan meldet eine
miese Stimmung unter Buchhändlern - selbst vom
Weihnachtsgeschäft erhoffe sich das Sortiment
kaum Impulse. Michael Roesler-Graichen porträtiert den (inzwischen verstorbenen) Dichter
Oskar Pastior, der die Verleihung des
Büchner-Preises leider nicht mehr erlebt hat. Die
TR-Verlagsunion (250 lieferbare Titel zu TV-Sendungen) schließt am Jahresende. Der
Beltz Verlag verkauft das vor vier Jahren gestartete Frühpädagogik-Programm an
Cornelsen Scriptor.
Herder und
Area-Gesellschafter
Bruno Hof gründen einen MA-Verlag, der im Januar 2007 das erste Programm vorlegen soll. Auch
Klett startet einen neuen Verlag mit
Ingke Brodersen (früher bei
Rowohlt Berlin) - nach Drucklegung steht fest, dass außerdem
Rüdiger Dammann und
Peter Mathews zum Gründungsteam des Publikumsverlags
booklett. brodersen & company gehören.