Die Buchmacher

Die Buchmacher

Ein Blick in die Branchenblätter der Buch- und Verlagswelt. Jeden Montag ab 12 Uhr.
04.09.2006. Warum der Existenzkampf in der Buchbranche nur noch im Alleingang ausgefochten werden kann. Weshalb die Zeitungseditionen jetzt doch gute Karten haben. Inwiefern die Kultur des Klagens nicht mehr weiterführt. Und wieso die Gamer und nicht die Leser die idealen Bewohner der Welt im 21. Jahrhundert sind.

buchreport.express

buchreport zeigt sich auch zwei Wochen nach der Bekanntgabe der neuen Weltbild-Hugendubel-Allianz erschüttert - genauer gesagt: Die DBH, so buchreport, erschüttere das "komplexe Branchengefüge". Um sich gegen die Riesen zu wehren, sei eine Suche nach einem "gemeinsamen Nenner" mit anderen Wettbewerbern unzureichend. Jeder müsse jetzt den "Existenzkampf für sich selbst entscheiden", darwinisieren die Dortmunder. Die eigene Flanke abgesichert hat buchreport bei einer Veranstaltung des Börsenverein-Landesverbandes NRW. In drei Jahren gebe es die Hälfte der kleineren Buchhandlungen nicht mehr, der unabhängige Buchhandel solle in den bankabhängigen Buchhandel umgetauft werden, zeigten sich die Diskutanten fatalistisch. "Der Traum von einer großen Branchenlösung", bilanziert buchreport, "ist ausgeträumt".

Eine Woche nach dem Börsenblatt lässt buchreport die Berater von Boston Consulting indirekt zu Wort kommen, die sich trotz der Schwächen des Bertelsmann Clubs nicht für einen Verkauf der Sparte ausgesprochen haben; vielmehr solle der Sanierungskurs fortgesetzt werden. Aus diesem Anlass mutmaßen die Dortmunder, warum ein Verkauf (kein Käufer in Sicht) oder eine Schließung (Imageverlust) derzeit nicht in Frage kommen. Club-Chef Fernando Carro versuche, die Attraktivität des Clubs durch eigene Erstveröffentlichungen zu steigern.

Werbung in eigener Sache betreiben die buchreporter mit Rekurs auf die Sondereditionen. Als buchreport im Januar 2004 exklusiv den Start der "SZ-Bibliothek" gemeldeldet habe, "staunte die Branche nicht schlecht", klopfen sich die Dortmunder auf die Schulter. Fast zwei Jahre später kommt buchreport zu dem wenig überraschenden Ergebnis, dass sich die Sondereditionen zu einem eigenen Genre entwickelt haben. Derzeit seien 17 Editionen aus 13 Pressehäusern auf dem Markt oder angekündigt, 29 serei seien schon abgeschlossen. Aktuell werde die Themenpalette erweitert und neue Medien eingebunden (CDs und DVDs). (Akribischen buchreport-Lesern ist vielleicht noch in Erinnerung, dass die Redaktion noch vor wenigen Monaten zu dem Ergebnis kam, dass die Luft bei den Editionen endgültig raus sei)

Die EU-Kommission will den Aufbau einer elektronischen Bibliothek beschleunigen und dafür massiv Geld investieren. Im kommenden Jahr werde die Anzahl der verfügbaren Titel durch Fördermittel auf zwei Millionen ausgebaut, so buchreport. Demgegenüber versuche der Börsenverein, die verbandseigene Lösung "Volltextsuche Online" ohne Fördermittel zu stemmen.

Weitere Artikel: Pustet expandiert in Passau auf 1500 Quadratmetern Verkaufsfläche. Thalia eröffnet im schweizerischen Aarau unter dem Namen Wirz Thalia. Der Buchhandelsverband SBVV hat sich an das Schweizer Bundesgericht gewendet, um die Preisbindung zu retten. Und hier die Bestsellerlisten.

Börsenblatt

"Kein Grund zur Panik": Gelassener als die Dortmunder Wettbewerber beobachtet das Börsenblatt die Wogen um die Weltbild-Hugendubel-Allianz DBH. Die Aufregung sei nüchternen Analysen gewichen. Es nütze niemandem, "wieder einmal den Untergang des unabhängigen Buchhandels zu prophezeien", zitieren die Frankfurter denm Arbeitskreis Kleinerer Sortimenter. Im Interview geben sich die Hugendubel-Geschwister Nina und Maximilian kreuzbrav und harmlos. Die DBH werde nichts gegen Thalia oder andere Wettbewerber unternehmen. Die Allianz mit Weltbild sei eine Mittelstandslösung, weil die Holding keine operativen Aufgaben wahrnehme.

Nicht gerade begeistert ist der neue Chefredakteur Torsten Casimir von der "Hauen und Stechen?"-Veranstaltung des Landesverbands NRW im Börsenverein zurückgekehrt, auf der über die Probleme der einzelnen Sparten diskutiert wurde. "Pittoreske Nöte des Alltags" hätten viel Redezeit gekostet. Die "Kultur des Klagens" steigere die Brisanz der ohnehin ernsten Lage. Gleichwohl habe das Treffen ein neues Bewusstsein für die "Dringlichkeit von Veränderung und für die Zuständigkeit eines jedes Einzelnen in dieser Sache" geschaffen.

Ist Lesen altmodisch, lautet die Leitfrage der neuen Börsenblatt-Serie, zu deren Auftakt der Zukunftsforscher Matthias Horx über das Thema meditiert. Und dabei zunächst über das Computerspielen nachdenkt: Die Gamer seien die "idealen Bewohner der globalen Welt des 21. Jahrhunderts". Demgegenüber bleibe das Lesen zwar "eine zentrale Kulturtechnik". "Aber aus der Primär- wird eine Querschnitt-Kulturtechnik. Das Lesen wandert aus dem Buch aus, auf die Bildschirme, und gleichzeitig ,morpht' lineare Schrift in andere Formen oder Aggregatzustände, siehe Audiobücher, siehe Online-Bibliotheken." Enttäuschend fällt das Fazit des Trendforschers aus, der an der entscheidenden Stelle nämlich "offene Fragen" statt Antworten formuliert: Haben sich Verleger und Buchhändler mit der Evolution des Lesens auseinandergesetzt? Ist die Buchbranche evolutionsfähig? (Für die kommende Ausgabe hat das Börsenblatt Peter Sloterdijk zur Zukunft des Buches interviewt)

Im Kielwasser von "Herr der Ringe", "Tintenherz" und "Harry Potter" segeln immer mehr deutsche Autoren ins fantasyverliebte Ausland. Autoren wie Wolfgang Hohlbein oder Kai Meyer haben längst international punkten können, analysiert das Börsenblatt. Bei Piper seien inzwischen mehr deutsche als ausländische Fantasy-Autoren im Programm. Beim Börsenblatt-"Rundruf" bestätigen die meisten Befragten den Trend zur Fantasy. Im Bonner Comicladen hat das Segment schon einen Anteil von 20 Prozent.

Im "Menschen"-Ressort erzählt Holger Heimann die immer noch schönen Legenden um den Verleger Egon Ammann. Der Verleger Axel Dielmann füllt den "Fragebogen" aus

Weitere Artikel: Klett baut in Leipzig einen eigenen Kinderbuchverlag auf. Zwölf ostdeutsche Regionalzeitungen und der Verlag Faber & Faber bringen im Herbst eine Kinderbuchklassiker-Edition heraus. Der SBVV hat beim Bundesgericht Beschwerde gegen die Entscheidung der Wettbewerbshüter (contra Preisbindung) eingelegt.
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