Die Buchmacher

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Ein Blick in die Branchenblätter der Buch- und Verlagswelt. Jeden Montag ab 12 Uhr.
29.09.2006. Wie die Verlage vom Web 2.0 profitieren möchten. Warum der Bertelsmann Club mit Thalia kooperieren wird - oder eben doch nicht. Wem die "Ich will, dass mehr gelesen wird"-Masche allmählich auf die Nerven geht. Und wieso die deutschen Verlage die falschen indischen Bücher zur Buchmesse präsentieren.

buchreport.express

Sollten die Verlage doch noch die Vorzüge des so genannten Web 2.0 entdecken? Bei Wissensverlagen herrsche Web-Alarm, schlagzeilt der buchreport schaurig - und bezieht sich auf die kostenlose Onlineversion von "Meyers Großem Taschenlexikon" von Brockhaus, bei dem die Leser neue Artikel eintragen können und bestehende Artikel kommentieren können. Auch bei Gräfe und Unzer denke man über eine stärkere Einbindung der Leser nach. (Bei dieser Gelegenheit sei noch einmal an den Erfinder des Begriffs, den Verleger Tim O?Reilly - hier der Ur-Text zum Thema -, und dessen Versuch, den Begriff quasi zu patentieren, erinnert) Ein viel größeres Projekt von Brockhaus geht der buchreport-Redaktion allerdings bei der Recherche durch die Lappen: Das offenbar im Aufbau befindliche Community-Projekt "aLEXander", über das schon im August berichtet wurde.

Nachdem zum Wochenbeginn mehrere Zeitungen über die mögliche Zusammenarbeit des Bertelsmann Clubs mit Thalia berichtet hatten (Informationen vermutlich aus erster Hand, aufgeschnappt bei einer Bertelsmann-Pressekonferenz in Lissabon), lässt buchreport die (O-Ton) Luftballons platzen: Im buchreport.magazin Oktober habe sich Thalia-Chef Michael Busch "gegenteilig festgelegt". Auch den in Großbritannien lancierten Gerüchten, Bertelsmann plane eine Übernahme von Douglas, tritt buchreport besserwisserisch entgegen: Dafür hätte Bertelsmann derzeit gar kein Geld, außerdem sei der Hagener Einzelhandelskonzern auf eigenen Füßen äußerst erfolgreich (was die Manager des demnächst möglicherweise von MAN übernommenen Lkw-Herstellers Scania wohl ebenfalls unterschreiben würden).

Im fast wöchentlichen Update zu den Strategien der Pressehäuser mit ihren Editionen sieht buchreport den Trend bei "Silberlingen": Klassik-CDs (wie die "Zeit Klassik Edition", die von den Hamburgern mit einem 3-Millionen-Euro-Werbeetat versehen wird) und Film-DVDs (wie die "Junge Cinemathek" der Süddeutschen). Im Kommentar dämpft Till Spielmann die Erwartungen: Entgegen eigener Aussagen würden die Pressehäuser beim Vertrieb zunehmend einen Bogen um den Buchhandel machen und stattdessen "aus dem Vollen ihrer reichhaltigen Adressstämme" schöpfen.

Im Interview mit Rainer Uebelhöde verteidigt Wolf Dieter Eggert, Vorsitzender des Landesverbands Bayern, die schlechten Einschaltquoten der TV-Gala zur Corine-Verleihung (3sat) - an einem schönen Spätsomberabend seien 110000 Besucher beachtlich. Um die anhaltenden Einnahmeverluste aufzufangen, will der Börsenverein die Beitragsstaffeln ändern und dabei die potenten Unternehmen stärker zur Kasse bitten (hier der Artikel). Parallel zum Ausbau des stationären Geschäfts baut Weltbild den Versandhandel per Katalog und via Internet aus (hier der Artikel). Und hier die Bestsellerlisten.
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Zum 225-jährigen Bestehen von Hoffmann und Campe hat Holger Heimann Ganske-Verleger Thomas Ganske und HoCa-Verlagsleiter Günter Berg interviewt: teilweise feine Fragen, fast durch die Bank jedoch kreuzbrave Antworten, lautet die Bilanz. Kostproben "Wir machen Tiefwurzler und keine Flachwurzler" (Ganske auf die Frage nach dem Stellenwert des Verlags). "Wir müssen stärker ein Autorenverlag werden" (Berg zur programmatischen Ausrichtung des Verlags). "Jede Größe hat Vorzüge und Nachteile" (Ganske auf die Frage nach den Problemen der "mittleren Größe" der Verlagsgruppe, im Vergleich zu Bertelsmann).

Ebenfalls Holger Heimann hat in der insgesamt etwas seltsamen Serie zum Stellenwert des Lesens im multimedialen Zeitalter das Interview mit (einem offenbar übel gelaunten) Denis Scheck geführt. Dem "Druckfrisch"-Moderator gehe die "Ich will, dass mehr gelesen wird"-Masche allmählich auf die Nerven - eine Kochsendung werde auch nicht gemacht, damit mehr gegessen wird. Mit einem kurzen "Ja" antwortet Scheck auf die Frage, ob er Elke Heidenreich ("Lesen") um ihren Einfluss auf den Buchkauf beneide - zur Erinnerung: Heidenreich hatte Scheck einmal als "Rolltreppendickerchen" bezeichnet (und dies später in der Süddeutschen zurückgenommen, mit dem Hinweis, "Heute würde ich sagen: Schweinchen Schlau").

Eckart Beier feiert in einem Kommentar eine mögliche Allianz von Thalia und dem Bertelsmann Club (hier der Artikel der FAZ zum Thema): "Ein Partner mit einem flächendeckenden Filialnetz wäre der ersehnte Befreiungsschlag für den Club." Thalia indes könnte Weltbild und Hugendubel wieder Konkurrenz machen - demgegenüber hält buchreport die Allianz für ausgeschlossen (siehe buchreport.express vom 28. September 2006).

Weitere Artikel: Google hat als erstmals auch eine Bibliothek auf dem europäischen Festland für die Google-Büchersuche gewinnen können: Die Bestände der Bibliothek der Universität Complutense Madrid (drei Millionen Bücher) sollen digitalisiert werden. Der Länderrat im Börsenverein hat eine Änderung der Beitragsstaffeln beschlossen, nach der größere Buchhandlungen stärker in die finanzielle Pflicht genommen werden sollen. Valora Retail will auch außerhalb von Bahnhöfen und Flughäfen Buchhandlungen oder zumindest kleine Verkaufsflächen im Kassenbereich von SB-Märkten zu eröffnen. Im Kommentar kritisiert Cornelia Zetzsche, Literaturredakteurin beim Bayerischen Rundfunk, die schlechte Auswahl an indischer Literatur, die deutsche Verlage zur Frankfurter Buchmesse (mit dem Gastland Indien) präsentieren - die deutschen Leser hätten "durchaus mehr Originalität verkraftet", schließt die Autorin. Der Jahresbetriebsvergleich 2005 hat ergeben, dass der Umsatz bei den Buchhandlungen durchschnittlich gestiegen und die Kosten gesunken sind - dennoch sei das Betriebsergebnis in vielen Fällen negativ, auf Grund der rückläufigen Handelsspanne. Andreas Trojan bilanziert die Gala zur Verleihung des Corine-Literaturpreises. Emmanuel van Stein wandert mit dem Bestsellerjugendbuchautor Kai Meyer auf den Pfaden der Via Mala. Michael Naumann gratuliert Dieter von Holtzbrinck ("ein Rupert Murdoch wollte er nie sein, ein Bertelsmann zu allerletzt") und Wolfgang Frühwald dem Verleger Wolfgang Beck zum 65. Geburtstag.
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