9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.12.2021 - Kulturpolitik

Vor einem Jahr diskutierte die Kultur- und Medienwelt, sofern sie sich traute, noch über das "Weltoffen"-Papier der Indentanten großer Kulturinstitutionen, von denen die meisten durch den Bund finanziert sind. Die Intendanten kritisierten die BDS-Resolution des Bundestags. Das nachgereichte Künstlerpapier ging noch weiter als die Intendanten und forderte den Bundestag auf, die Resolution - eine mehrheitliche Meinungsäußerung der RepäsentantInnen des deutschen Volkes - zurückzunehmen. Nun können all diese BDS-Ermöglicherinnen sich freuen, schreibt Stefan Laurin bei den Ruhrbaronen, denn die Ampelkoalition hat Schlüsselpositionen der Bundeskulturpolitik nun allesamt mit AnhängerInnen dieser BDS-freundlichen Position besetzt. Sowohl Claudia Roth, als auch die neu bestallte, für Kulturpolitik zuständige Staatsministerin im Außenministerium Katja Keul (Grüne) hatten sich der BDS-Resolution ausdrücklich nicht angeschlossen. Und nach allem, was man hört, wird Andreas Görgen (SPD) Claudia Roths Amtsleiter. Görgen war Leiter der Kulturabteilung des Auswärtigen Amtes und hat die "Initiative GG 5.3 Weltoffenheit" maßgeblich beraten. "Die Besetzung der Schlüsselpositionen im Kulturbereich durch Personen mit einem großen Verständnis für antiisraelische Haltungen sind ein Grund, für die BDS-Unterstützer im subventionierten Kulturbetrieb der Bundesrepublik die Sektkorken knallen zu lassen: Was im Bundestag noch eine Minderheitenposition war, ist nun in der von SPD; Grünen und FDP getragenen Bundesregierung Mainstream."

Transparenz in den Kunstsammlungen ist gut, im Prinzip, aber nicht immer, erklärt im Interview mit der taz Marion Ackermann, Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden: "Besonders bei unseren reichhaltigen ethnologischen Sammlungen, die oft einen kolonialen Hintergrund haben. Wir haben diskutiert, was wir nach einer digitalen Erfassung online stellen. Und ob es da Grenzen gibt. Gilbert Lupfer, der jetzt Leiter des Zentrums für deutsche Kulturgutverluste ist, leitete bis Sommer 2021 unsere Forschungsabteilung. Da gibt es beispielsweise viele Aktdarstellungen. Und die betreffenden Menschen sind damals nicht gefragt worden, ob man sie nackt fotografieren darf. Wir erwähnen in diesen Fällen nur den Titel, zeigen aber das Bild nicht. Die Schwelle der Online-Freischaltung ist eine entscheidende, da verlassen wir Sachsen und sind weltweit präsent."

Die Hong Kong University hat das als "Säule der Schande" bekannte Mahnmal für die Opfer auf dem Tiananmen-Platz des Künstlers Jens Galschiøt bei Nacht und Nebel entfernen lassen. "Schockiert dieser Schritt? Kaum", meint Cornelius Dieckmann im Tagesspiegel. "Jede Diktatur ist kunstfeindlich, die chinesische allemal. Aber er macht wütend. Wie soll man ein Pekinger Regime nennen, das selbst eine Skulptur nicht erträgt? Unreif, vor allem. Ungeduldig, bockig wie ein Kindkaiser. Eben noch war Hongkong Leuchtturm chinesischer Erinnerungskultur. Jährlich kamen am Abend des 4. Juni, des Jahrestages des Tiananmen-Blutbads, Zehntausende im Victoria Park zusammen und gedachten im Kerzenmeer der Toten. 2020 und 2021 wurde die Mahnwache untersagt, praktischerweise ließ sich als Grund Corona angeben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.12.2021 - Kulturpolitik

Jenseits von Großprojekten wie Humboldt Forum oder Elbphilharmonie gibt es genug Kulturbetriebe in Europa, die zunächst erstmal geschützt werden müssten, schreibt Nils Minkmar in der SZ: "Die pragmatische, einfallsreiche Pflege von Institutionen in der Provinz, darin besteht heute die wesentliche kulturpolitische Agenda. Das ist immer öfter auch im Wortsinn nötig: Der Klimawandel macht auch vor Schlössern und Museen nicht halt… Steigende Temperaturen und zunehmende Feuchtigkeit durch heftigere Regenfälle greifen Denkmäler innen und außen an. Doch bislang macht sich kaum ein politisch Verantwortlicher die banale Frage reißender Mauern, schimmelnder Stoffe und brüchiger Ziegeln zu eigen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.12.2021 - Kulturpolitik

Im Pariser Institut der arabischen Welt (IMA) ist derzeit die Ausstellung "Juifs d'Orient, une histoire plurimillenaire", die sich mit jüdischem Leben im Orient auseinandersetzt, zu sehen. Arabische Intellektuelle "laufen Sturm", berichtet Martina Meister in der Welt. Jack Lang, ehemaliger französischer Kulturminister und Leiter des IMA, wird etwa vorgeworfen, die israelische Sängerin Neta Elkayam, die das arabisch-jüdische Erbe besingt, eingeladen und die "Abraham Accords" begrüßt zu haben: "Seit Anfang Dezember kursiert im Internet ein öffentlicher Brief des libanesischen Schriftstellers Elias Khoury, den inzwischen 200 Intellektuelle der arabischen Welt unterzeichnet haben, in dem sie die Pariser Ausstellung als 'explizites Zeichen einer Normalisierung" mit Israel werten. Sie fordern das IMA wortwörtlich auf, 'Positionen zu revidieren', andernfalls drohen sie mit Boykott. Kritisiert wird der angebliche Versuch, Israel als 'normalen Staat im Nahen Osten' darzustellen, ungeachtet der Tatsache, dass es sich um ein 'koloniales Siedlungs- und Apartheidsregime' handele, das alles andere als normal sei. ... Über diesen Streit gerät in Vergessenheit, was die Pariser Ausstellung leistet: Dass Exponate aus drei Jahrtausenden zusammengetragen wurden, die das religiöse und kulturelle Leben der Juden auf drei Kontinenten und die gegenseitige Beeinflussung von Juden und Moslems dokumentieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.12.2021 - Kulturpolitik

Rund hundert rechtsextreme Übergriffe hat es nach Recherchen der SZ in den letzten fünf Jahren auf Kultureinrichtungen gegeben, "darunter mehrere Brand- und Sprengstoffanschläge, zahlreiche, zum Teil sehr konkrete Morddrohungen, versuchte Körperverletzung, Sachbeschädigungen und die Verletzung der Privatsphäre der attackierten Künstler", schreibt Peter Laudenbach in der SZ und empfiehlt für mehr Informationen Wilhelm Heitmeyers Studie "Rechte Bedrohungsallianzen", der darin die "Legitimationsbrücken" beschreibt, die AfD-Politiker kriminellen Akteuren bauen, auch wenn sie mit deren Anschlägen direkt dann nichts zu tun haben. "Seine Analyse der Übergriffe auf die Kunstfreiheit ist klar: 'Um rechte Bedrohungsallianzen zu verstehen, muss man die Bedeutung der Legitimationsbrücken ernst nehmen. Deshalb sehe ich zumindest indirekt eine Mitverantwortung der AfD an diesen Übergriffen.' In der Regel handelt es sich dabei um symbolische Akte, die Gegner einschüchtern und Feindbilder markieren sollen. Aber die Grenzen zum offenen Rechtsextremismus sind fließend."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.12.2021 - Kulturpolitik

Langsam, sehr langsam lösen sich auch einige der am stärksten mit der Sackler-Familie verbundenen Museen vom Namen der Familie, die ihre Milliarden von Dollar mit der legalen Droge Oxocontin gemacht hat - bis heute sind die Folgen dieser Drogenepidemie in den USA spürbar. Das Metropolitan Museum, berichtet Robin Pogrebin in der New York Times, wird sieben nach den Sacklers benannte Flügel umbenennen. Nicht alle Museen folgen dem Beispiel: "Unmittelbar nach der Ankündigung des Met erklärten mehrere andere Museen mit nach Sackler benannten Räumen, dass sie derzeit keine ähnlichen Pläne hätten, darunter die National Gallery in London - wo der Sackler-Saal einige der wertvollsten Werke des Museums enthält - und das Victoria & Albert Museum, dessen Eingang den Namen 'Sackler Courtyard' trägt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.12.2021 - Kulturpolitik

Die neue Bundeskulturministerin Claudia Roth möchte mehr Diversity in die Kultur einbringen, sagt sie im Gespräch mit Ijoma Mangold und Tobias Timm von der Zeit. Auf den Einwand, dass es doch im Moment gar nichts anderes mehr gebe als "Diversity", antwortet sie: "Sie können nicht ernsthaft sagen, dass in den kulturellen und gesellschaftlichen Institutionen Frauen, LGBTIQ*, Menschen mit Einwanderungsgeschichte, schwarze Menschen und People of Color, behinderte Menschen und Nichtakademiker*innen hinreichend vertreten sind, dass alle Menschen teilhaben können. Wenn mir meine schwulen Freunde erzählen, wie schwer es für sie ist, anständig gecastet zu werden, wenn ich mit einer Muslima spreche, die Feministin ist und wegen ihres Kopftuchs angegriffen wird, so wie es der Autorin Kübra Gümüşay passiert ist, und sie dann fragt: 'Wo ist denn eure Solidarität?'"

Nicht übermäßig konkret wird Roth in einem Gespräch mit Stefan Koldehoff vom Deutschlandfunk. Sie wolle "gerne die Kulturstaatsministerin der Demokratie sein und für die Demokratie, ausgestattet mit einem wunderbaren Werkzeugkoffer, dem Reichtum unserer großartigen bunten und vielfältigen Kultur und von Rostock bis Augsburg und Köln bis Frankfurt/Oder, Hamburg bis zur Ostalb".

In der SZ macht Jörg Häntzschel auf weitere braune Flecken auf der Spendenliste für das Berliner Schloss aufmerksam: Auch der 'Preußenabend München' hat für das Schloss gespendet, eine Organisation, bei der, so der Bayerische Rundfunk, 'rechtskonservative Akademiker, Vertriebenenfunktionäre, AfD-Politiker und Neonazis' auftreten. Einer von ihnen war der Bundeswehr-Oberleutnant Franco A., der inzwischen wegen Terrorverdacht vor Gericht steht. Ein weiterer Spender ist Claus Wolfschlag, ein Autor der Jungen Freiheit. Auch die Junge Freiheit selbst hat gespendet, für das Schmuckelement 'Sima mit Löwenköpfen'. Das war der Stiftung offenbar so unangenehm, dass sie kürzlich den Förderverein bat, die Spende zurückzuzahlen, was Fördervereinschef Wilhelm von Boddien aus rechtlichen Gründen aber ablehnte. Der Eintrag Junge Freiheit ist in der Spendenliste dennoch gelöscht worden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.12.2021 - Kulturpolitik

Im Interview mit der NZZ freut sich Bénédicte Savoy über die Restitution von 26 großen, publikumswirksamen Objekten von Frankreich an Benin. Dass viele Machtsymbole, die jetzt zurückgegeben werden, mit grausamen Praktiken der Vorkolonialzeit verknüpft sind, wird in Afrika, so hofft sie, zu einem Gespräch führen: "Es ist zentral, dass sich um die Gegenstände herum ein Gespräch flicht - aber dazu müssen die Objekte erst einmal physisch da sein. Dann können sie zu Kristallisationspunkten werden für Gespräche über die eigene Geschichte und Zukunft. Als ich vor vier Wochen in Benin war, konnte ich unmittelbar beobachten, wie die Werke anfangen zu wirken. Wie ihre bloße Präsenz etwas in Gang setzte. Sie lagen zwar noch in Kisten verpackt, aber der Raum war sofort gefüllt von einem Verantwortungsgefühl für sie. Allen war klar: Diese Gegenstände sind jetzt da, wir stehen zu ihnen, wir werden über sie und mit ihnen reden, wir werden sie erforschen und schützen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.12.2021 - Kulturpolitik

Der Murx am Berliner Stadtschloss wird immer schlimmer: In der FR berichtet Harry Nutt, dass nun das umstrittene Spruchband, das zur Unterwerfung unter das Christentum aufruft, durch weltoffene Leuchtbotschaften ergänzt werden soll: "Die historische Rekonstruktion, so also die jüngste Volte, soll einer ästhetischen Dauerbearbeitung ausgesetzt werden. Kunst - oder soll man sagen: Auftragskunst - als permanente Reparaturmaßnahme zur Behebung der vor einiger Zeit mit erheblichem Aufwand politisch durchgesetzten Bekenntnisgeste, zu was auch immer? Bei allem Vertrauen in die Möglichkeiten des künstlerischen Ausdrucks und dessen Widerspruchskraft stellt sich doch die Frage, ob es sich bei solch einem Vorhaben nicht um einen unangenehmen Eingriff in die Freiheit der Kunst handelt, wenn diese - und sei es auch dialektisch gebrochen - zu gewissermaßen anti-dekorativen Zwecken eingesetzt würde."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.12.2021 - Kulturpolitik

Ob berechtigt oder nicht, neue Lockdownmaßnahmen haben heftige Nebenwirkungen, fürchtet Hubert Spiegel in der FAZ: "Sechstausend Abonnenten hat die Oper Frankfurt beim letzten Lockdown verloren. Das benachbarte Schauspiel beklagt einen Rückgang der Abonnements um etwas mehr als ein Fünftel. Da droht etwas wegzubrechen, was über Jahre und Jahrzehnte gewachsen ist. Opernintendant Bernd Loebe wirft in einem Brandbrief an den hessischen Ministerpräsidenten Bouffier die Frage auf, ob die Oper sich davon jemals wieder erholen wird."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.12.2021 - Kulturpolitik

Kulturinstitutionen und -verbände machen sich große Sorgen um möglicher Weise wieder anstehende Schließungen, die für die Branchen zur Katastrophe werden können, schreibt Leon Scherfig  in der FAZ: "Weitere Einschnitte ob der vierten Corona-Welle sieht auch Eckart Köhne auf den Kulturbetrieb zukommen. Er ist Präsident des Deutschen Museumsbundes und sieht vor allem die Gefahr, dass die Menschen trotz guter Hygienekonzepte in den Gebäuden nicht mehr vor die eigene Haustür gehen. Eine seiner Befürchtungen hört man auch bei den Verantwortlichen für Konzerthäuser, Theater, Opern und Kinos: 'Wenn eine Art kulturelle Entwöhnung stattfindet, müssen wir künftig noch einmal ganz anders um Publikum werben.'"
Stichwörter: Coronakrise, Corona, Kulturbetrieb