9punkt - Die Debattenrundschau

Der Richter half auf seine Weise

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.12.2021. In der taz beklagt der Historiker Andreas Rödder die intellektuelle Orientierungslosigkeit der CDU. Die FAZ stellt klar: Gesellschaftlicher Zusammenhalt lässt sich nicht dekretieren, Gemeinsinn erweist sich im Handeln. Die SZ fragt sich im bitteren Fall der Alice Sebold, wie reflektiert ein Rassismus sein muss, um als okay durchzugehen. Der Economist opponiert gegen die britischen Pläne, therapeutische Gespräche vor einer Geschlechtsumwandlung verbieten zu lassen.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.12.2021 finden Sie hier

Politik

Im taz-Interview mit Sabine am Orde und Stefan Reinecke konstatiert der Historiker Andreas Rödder eine inhaltliche Orientierungslosigkeit in der CDU, mangelnde Intellektualität und fehlenden Gestaltungswillen. Angela Merkel habe das Selbstbild der Partei ebenso erschüttert wie Gerhard Schröder das der SPD: "Sie hat situativ regiert. Man kann für die Aufhebung der Wehrpflicht oder den Ausstieg aus der Atomkraft ja gute Argumente vorbringen. Ich würde auch nicht sagen, dass Merkel die Agentin des Linksliberalismus in der CDU war. Aber wofür sie nie einen Sinn gehabt hat, ist der soziale, kulturelle Unterbau der CDU. Generationen von Christdemokraten haben in Brokdorf, Gorleben und an der Startbahn West auf der anderen Seite als die Friedens- oder die Umweltbewegung gestanden. Das sind für die CDU Identitätsthemen, so wie sie es für die Grünen auf der anderen Seite sind."

In der FAZ kann Claudius Seidl das Gerede von der Spaltung der Gesellschaft nicht mehr hören: "Konflikte müssen ausgetragen und nicht versöhnt werden; und dass diese Erkenntnis sich auch in der Ampelkoalition noch nicht durchgesetzt hat, liest man in Koalitionsvertrag. Mindestens vierzehnmal kommt da das Gegengift zur Spaltung vor, der 'soziale Zusammenhalt', der selbstverständlich gestärkt werden soll. Gemeinsinn, Solidarität, das sind Haltungen, deren Wert sich im Handeln erweist. Zusammenhalt ist bloß ein Gefühl, das man spürt oder auch nicht: völlig folgenlos. Und ganz falsch wird es, wenn Künste und Kultur diesen Zusammenhalt stiften und befördern sollen. Mit einer Sezession hat noch jeder neue Kunststil angefangen, und künstlerisch produktive Zeiten erkennt man daran, dass im Theater die eine Hälfte des Publikums pfeift. Und die andere klatscht. Wenn die Kritiker sich streiten, ist das Kunstwerk bei sich selbst. Versöhnung, Zusammenhalt, das wäre die Agonie nicht nur der Künste."
Archiv: Politik