9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.12.2019 - Geschichte

In der NZZ widerspricht der Würzburger Historiker Benjamin Hasselhorn den Behauptungen, Wilhelm II. sei Antisemit gewesen und die  Hohenzollern hätten dem nationalsozialistischen Regime erheblichen Vorschub geleistet, weshalb ihre Enteignung rechtens sei: "Im laufenden Rechtsstreit muss diese Frage eindeutig mit Ja oder Nein beantwortet werden. Dieser Umstand sowie die öffentlich vorherrschende Anti-Preußen-Stimmung machen Differenzierungen schwer. Das Schwarz-Weiß-Denken eines Historikers wie Wolfgang Wippermann, der erklärt hat, man könne nur entweder Demokrat oder Unterstützer der Nazis gewesen sein, scheint opportun. Wie wenig eine solche Sichtweise aber den komplizierten historischen Zusammenhängen gerecht wird, zeigt sich beispielsweise an der unterschiedlichen Bewertung des 'Tags von Potsdam'..."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.12.2019 - Geschichte

Anders als andere Historikerkollegen wie Christopher Clark, der im Hohenzollern-Streit ein Gutachten im Auftrag der Hohenzollern schrieb, erkennt Richard Evans in der FAZ sehr wohl ein Wirken der Hohenzollern pro Hitler, manifestiert vor allem im "Tag von Potsdam", dem Staatsakt in der Garnisonkirche, der am 21. März 1933 das Bündnis der alten Eliten mit den Nazis besiegelte: "Dass die Unterstützung der Nazis durch die Hohenzollern auf einer Illusion basierte, nämlich der Vorstellung, Hitler werde deren Restauration erleichtern, taugt nicht als Argument. Auch die bekannte Unbeliebtheit des Kronprinzen in der Öffentlichkeit ist in diesem Kontext nicht sonderlich bedeutsam. Was zählte, war die Symbolik des Tags von Potsdam und die Beteiligung mehrerer Mitglieder der Hohenzollern-Familie an dieser Feier."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.12.2019 - Geschichte

Gregor Schneider filmt sich beim Essen im Geburtshaus von Joseph Goebbels, das der Künstler - wie Goebbels in Mönchengladbach geboren - samt Einrichtung gekauft hat. Essen, 2014, Filmstill. Courtesy the artist


Mirjam Zadoff, Direktorin des NS-Dokumentationszentrums München, und der Kurator Nicolaus Schafhausen haben für die Ausstellung "Tell me about yesterday tomorrow" eingeladen, sich mit unserer Erinnerungskultur auseinanderzusetzen und dabei auch auf die Gegenwart zu blicken. Im Freitag ist Timo Feldhaus beeindruckt von dem Ergebnis: Die Ausstellung "wagt es, den Horizont der Dauerausstellung ständig zu überschreiten. In die Vor- und Nachgeschichte, an die Ränder. Im Keller des Gebäudes befindet sich nun neben Ausgaben von Büchern, die 1933 verbrannt wurden, auch eine Arbeit von Paula Markert über die Mordserie des NSU. Willem De Rooijs Arbeit 'Vorhaben zum Gedenken an 'Asoziale' und 'Berufsverbrecher'', 2019 bemüht sich darum, diese zwei "vergessenen" Opfergruppen zu repräsentieren. Viele Arbeiten handeln von heutigen Formen von Ausgrenzung, es geht um die Gastarbeiter-Generation der 1970er Jahre, die Stigmatisierung von Homosexuellen. Wenn neben den präzisen Informationstafeln zur Propaganda-Ausstellung Entartete Kunst jetzt ein echter, wunderschöner Emil Nolde hängt, der selbst Nazi war, aber dessen Kunst auch als entartet galt und von dem in diesem Jahr Angela Merkel zwei Gemälde aus ihrem Büro entfernen ließ, weil er eben selbst Nazi war, dann werden Widersprüchlichkeiten plötzlich wirklich greifbar."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.12.2019 - Geschichte

Ganz Deutschland betrieb einst einen Bismarck-Kult. Über 700 Denkmäler stehen in der Gegend, manche von gigantischen Ausmaßen. Diesen Kult reklamiert nun die AfD für sich, bei Björn Höcke hängt sogar ein Bismarck-Bild in seinem Büro, schreibt Michael Kees in der taz: "Besonders in der Außenpolitik beruft sich die AfD immer wieder direkt und indirekt auf den Diplomaten Otto von Bismarck. So begründet die Partei zum Beispiel ihre Nähe zum Kreml gerne damit, dass Bismarck ebenfalls mit Russland zusammengearbeitet hatte. In bismarckscher Tradition fordert sie außerdem, die Zusammenarbeit mit anderen Staaten nicht mehr von gemeinsamen Werten, sondern von gemeinsamen Interessen abhängig zu machen."

Ulrich Lappenküper, der die Otto-von-Bismarck-Stiftung leitet, fordert im Gespräch mit Klees heute zwar ein differenziertes Bismarck-Bild ein, hält aber auch mit Blick auf die AfD fest: "Aus der Sicht eines Demokraten taugt er nicht als Vorbild, weil Bismarck mit Sicherheit kein Demokrat war. Leider hält sein Politikverständnis heute an vielen Stellen der Welt wieder Einzug. Bismarck sah die Politik als Kampf, in dem es galt, Freund und Feind zu unterscheiden und die Feinde zu bekämpfen, möglichst sogar zu vernichten - zumindest politisch."

In der FR erinnert Arno Widmann an eine frühe Emanzipierte: die Schriftstellerin Louise Aston (1814-71) "In Berlin pflegte Louise Aston Zigarren rauchend und in Männerkleidung - sie folgte damit ihrem Vorbild George Sand - begleitet von junghegelianischen Revoluzzern spazieren zu gehen. Immer unter den Blicken einer aufmerksamen Polizei. Sie hielt mit ihren Ansichten über die Ehe oder die organisierte Religion nicht hinter dem Berge. Die Behörden hatten sie im Verdacht, einen Klub emanzipierter Frauen gegründet zu haben. Das führte sehr schnell dazu, dass die preußische Polizei verfügte, sie habe 'Berlin binnen acht Tagen zu verlassen, weil ich Ideen geäußert, und ins Leben rufen wolle, welche für die bürgerliche Ruhe und Ordnung gefährlich seien'. Ihr kleines Buch war schon darum, weil sie diesen Vorgang öffentlich machte, eine weitere Provokation. Die Lektüre lohnt sich bis heute."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.12.2019 - Geschichte

In der Debatte um die Hohenzollern (Unsere Resümees) kommt es überhaupt nicht auf die historischen Gutachten an, denn rechtlich ist die Frage, ob  Kronprinz Wilhelm den Nazsi erheblichen Vorschub leistete, längst geklärt, schreibt der Staatsrechtler Christoph Schönberger in der FAZ: "Es kommt für die Verwaltungsgerichte darauf an, ob mit einer gewissen Stetigkeit Handlungen vorgenommen wurden, die geeignet waren, die Bedingungen für die Errichtung und Entwicklung des NS-Systems zu verbessern, und dies auch zum Ergebnis hatten. Erforderlich ist also nicht eine historische Kausalität zwischen dem Handeln des Betreffenden und der Errichtung und Festigung der nationalsozialistischen Herrschaft, sondern lediglich eine Verbesserung der Bedingungen dafür. Ein erhebliches Vorschubleisten liegt dabei dann vor, wenn der Nutzen dieser Unterstützung für das Regime nicht nur ganz unbedeutend war."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.12.2019 - Geschichte

Es wird immer wahrscheinlicher, dass es zum Prozess um die Rückgabeforderungen der einstigen deutschen Herrscherfamilie Hohenzollern kommt, schreibt Andreas Kilb in der FAZ, der die Chancen für eine gütliche Einigung schwinden sieht. In einem Prozess geht es dann darum, wie nazi die Prinzen waren, denn dies hat Einfluss auf Rückgaben. Kilb zitiert einen Prozess gegen die Erben des rechtsextremenen Medienzars Alfred Hugenberg, die sein Rittergut nicht zurückbekamen, weil sich Hugenberg allzu sehr für die Nazis eingesetzt hatte. Die Richter hatten erklärt, "es komme nicht darauf an, ob der Betreffende zugleich 'eigene andere Ziele verfolgt' habe. Entscheidend sei, dass 'mit einer gewissen Stetigkeit' Handlungen erfolgt seien, die geeignet waren, 'die Bedingungen für die Errichtung, die Entwicklung oder die Ausbreitung' des Nationalsozialismus zu verbessern. Gerade Letzteres scheint auf Wilhelm von Preußen zuzutreffen, dessen Aktivitäten in der Schlussphase der Weimarer Republik im Mittelpunkt der vier Historikergutachten stehen, die derzeit in der deutschen Öffentlichkeit diskutiert werden."

Der ganze Schlamassel ist nur entstanden, weil die Weimarer Republik vor mehr als hundert Jahren nicht konsequent mit dem monarchistischen Erbe gebrochen hat, kritisiert die Juristin Sophie Schönberger in der SZ. "Zunächst wurden nämlich sämtliche Vermögensgegenstände des ehemaligen Herrscherhauses, die nicht eindeutig dem Privatvermögen zugeordnet werden konnten, durch den preußischen Staat beschlagnahmt. So radikal fortfahren wollte man dann jedoch nicht. Stattdessen suchte man nach einer einvernehmlichen Lösung. Die junge deutsche Republik verzichtete auf ihre politischen Gestaltungsspielräume mit den Mitteln des Rechts und begab sich in Vertragsverhandlungen - und damit auf eine Position der Augenhöhe gegenüber dem ehemaligen Herrscherhaus." Die Bundesrepublik wiederholt diesen Fehler nun mit den laufenden Vergleichsverhandlungen, so Schönberger.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.11.2019 - Geschichte

Jan Böhmermann hat dankenswerter Weise auf Hohenzollern.lol die Gutachten öffentlich gemacht, mit denen die Hohenzollern nachweisen wollen, dass Kronprinz Wilhelm dem Aufstieg der Nazis nicht erheblichen Vorschub leistete, obwohl er als imaginierter Reichspräsident Hitler zu seinem Reichskanzler machen wollte und obwohl er zur Wahl der NSDAP aufrief. Der Historiker Ulrich Herbert zerpflückt in der FAZ nun das Gutachten des Hindenburg-Biografen Wolfgang Pyta, der für die Hohenzollern recht gewagte Thesen aufstellt, und endet: "Aber war der 'Kronprinz' eine wichtige Figur in dem Ränkespiel, das Hitler schließlich an die Macht brachte? Hat er dem Nationalsozialismus 'Vorschub geleistet'? Ja - gewiss nicht weniger, aber wohl auch nicht mehr als all die anderen hochrangigen Vertreter der vaterländischen Verbände, der deutschnationalen Parteien, der Clubs und 'Ringe' der rechtsradikalen Intellektuellen, der Großagrarier und der Großindustrie, die die Republik zerstören und das neue Reich der Rechten aufbauen wollten, ohne Parlament, ohne Gewerkschaften und ohne Juden - allerdings unter der Voraussetzung, dass sie selbst dabei irgendeine wichtige Rolle spielen durften. Aber wenn selbst die es nicht waren, die 'Vorschub leisteten', dann war es eben keiner. Wie gehabt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.11.2019 - Geschichte

Vor fünfzig Jahren erschoss das FBI in Chicago den Black Panther Fred Hampton unter etwas ungeklärten Umständen, zur Beerdigung kamen 5.000 Menschen und prangerten die Gewaltexzesse der Polizei an. Es mag sein, dass Hampton nicht im Schusswechsel getötet wurde, sondern regelrecht hingerichtet wurde, meint der Historiker Manfred Berg in der Zeit, warnt aber dennoch vor einer Heroisierung der Black Panthers: "Panther wurden Opfer illegaler Polizeiaktionen, so wie Fred Hampton, aber sie suchten auch die Konfrontation mit den pigs und attackierten Polizisten aus dem Hinterhalt. Mutmaßliche Spitzel und Verräter wurden kaltblütig liquidiert, persönliche und ideologische Fehden mit der Waffe ausgetragen. Auch wohlwollende Historiker haben den abgehobenen ideologischen Dogmatismus und diktatorischen Führungsstil der Panther kritisiert. Säuberungen und Spaltungen trugen ebenso sehr zum Niedergang der Partei bei wie das FBI. Völlig gescheitert sind die Black Panthers dennoch nicht. Einige Veteranen fanden den Weg in die etablierte Politik. Bobby Rush, ein Mitstreiter Fred Hamptons, vertritt seit 1993 einen Chicagoer Wahlbezirk im US-Repräsentantenhaus und brachte dem jungen Barack Obama 2000 eine krachende Niederlage bei, als dieser ihm sein Mandat streitig machen wollte."

In der Zeit der Völkerwanderung wanderten überhaupt keine Völker, lernt FR-Kritiker Arno Widmann im neu gestalteten Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle: Meist zogen einzelne Kriegerverbände durch das Römische Reich, auf der Suche nach Leuten, die sie finanzierten. Überhaupt findet er einen Besuch dort sehr lohnenswert: "Die für die heutige Debatte interessanteste Information der Ausstellung ist, dass nicht die Völkerwanderungen die Ursache für den Zusammenbruch des Römischen Reiches waren, sondern dass der ihnen voranging. Der Staat als Beute war spätestens seit den Bürgerkriegstagen der späten Republik ein innerrömisches Konzept. Das Kaisertum, das davor schützen sollte, vergrößerte eher noch den Hunger auf den Besitz des Imperium Romanum. In diesen Kämpfen wurde das Römische Reich so weit zerrissen, dass die 'Barbaren', die zunächst sich hatten integrieren wollen in die römische Welt, dazu übergingen, auch nach Teilen von ihr zu schnappen. Der Untergang des Römischen Reiches war von den römischen Bürgern selbst betrieben worden, lange bevor es von außen 'erobert' werden konnte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.11.2019 - Geschichte

Besprochen wird die Humboldt-Ausstellung im DHM in Berlin (SZ).

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.11.2019 - Geschichte

Bild aus der Ausstellung: Dominique-Vivant Denon, Frosch mit Menschenkopf. © Chalon-Sur-Saône, Musée Denon 

Besprochen wird eine Ausstellung zu Wilhelm und Alexander von Humboldt im Deutschen Historischen Museum (Tagesspiegel, FAZ).