9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.03.2018 - Geschichte

Nachzuhören und nachzulesen ist auf den Seiten von Deutschlandfunk Kultur die lange Nacht über den großen und so verehrungswürdigen Martin Luther King, der im April vor fünfzig Jahren ermordet wurde.

Im taz-Interview mit Sabine am Orde steht der britische Historiker Ian Kershaw nicht für Pessimismus zur Verfügung. Die gegenwärtige angespannte Weltlage sei mit Weimar oder der Wirtschaftskrise von 1929 überhaupt nicht vergleichbar: "Natürlich bleiben die langfristigen Probleme, wie die Folgen von Globalisierung und die Massenmigration. Und wir haben Probleme mit Populismus, wenn man nach Polen und Ungarn schaut oder gar in die Türkei oder nach Russland. Aber die demokratischen Kräfte in Europa sind stark, mit der Wirtschaft geht es bergauf. Das ist ganz anders als in den 1920er und 1930er Jahren. Vielleicht ist das Schlimmste schon vorbei. Sollte sich der französische Präsident Emmanuel Macron durchsetzen und Deutschland mitmachen, dann könnte es frischen Wind für die Europäische Union geben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.03.2018 - Geschichte

Der Filmemacher Michal Jaskulski spricht im Interview mit Paul Toetzke vom Freitag über seinen Film "Bogdans Reise", der ein Massaker von Polen an Juden mit siebzig Toten im Jahr 1946 thematisiert (in diesen Tagen ist er im Babylon Berlin zu sehen). Zu dem neuen polnischen Geschichtsgesetz, in dem Aussagen über den Holocaust reguliert werden sollen, sagt Jaskulski: "Ich befürchte, die aktuelle Situation versetzt uns 15 bis 20 Jahre zurück. Aber sie berührt natürlich auch die Debatte innerhalb Polens. So wie das Gesetz formuliert ist, entscheidet nun ein Richter, was wahr und was nicht wahr ist. Bisher haben das Wissenschaftler getan. Also, was ist jetzt die ultimative Wahrheit: Die Wahrheit, die die meisten Polen nicht kennen oder die Wahrheit, die von der Politik diktiert wird?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.02.2018 - Geschichte

Nicht nur AfD-Politiker verharmlosen Naziverbrechen in aktuellen Kontexten, um sich als als Opfer oder moralische Autoritäten zu inszenieren, beobachtet Gideon Böss bei den Salonkolumnisten: "Mit einer irritierenden Unbekümmertheit findet etwa der SPD-Veteran Karl Lauterbach auf Twitter folgende Worte, um einen kritischen Artikel zur Flüchtlingspolitik zu kommentieren: 'Jeden Tag eine gute Portion Hass und Hetze gegen Flüchtlinge, es erinnert an Nazi Juden Propaganda', womit er die Nazi-Propaganda gegen Juden meinte. Im besagten Artikel wird über zwei syrische Familienväter berichtet, die jeweils mehrere Frauen haben und von Sozialhilfe leben. Dass Lauterbach sich durch diesen Text sogleich an die antisemitische Propaganda der Nazis erinnert fühlte, zeigt, dass längst nicht nur bei vielen Gegnern der Flüchtlingspolitik alle Maßstäbe verrutscht sind."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.02.2018 - Geschichte

Was ist das Vermächtnis der Geschwister Scholl, die heute vor 75 Jahren ermordet wurden, fragt Heribert Prantl in der SZ. Vielleicht der "kleine Widerstand", von dem der 2001 verstorbene Münchner Rechtsphilosoph Arthur Kaufmann sprach, meint Prantl: "Der kleine Widerstand sei die bewegende Kraft, deren das Recht und der Rechtsstaat zu ihrer fortwährenden Erneuerung und damit zur Verhinderung ihrer Entartung bedürfen. Gemeint sind Widerspruch und Zivilcourage, gemeint ist Whistleblowerei, gemeint ist das, was oft als Gutmenschentum denunziert wird. Der kleine Widerstand hat die Namen all derer, die Missstände nennen und gegen Unrecht nicht nur im Eigeninteresse anrennen - sei es in Pflege- oder in Flüchtlingsheimen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.02.2018 - Geschichte

Marko Martin besucht für die Salonkolumnisten das Genozid-Museum in Vilnius, Litauen - das in erster Linie der Ermordung von 60.000 sogenannt 'bürgerlich-reaktionärer' Litauer durch die Stalinisten beleuchtet. Der Holocaust und die litauische Beteiligung dagegen sind unterbelichtet: "Würde dem gegenwärtigen Litauen, das seit der 'zweiten Unabhängigkeit' von 1990 eine stabile und wirtschaftlich prosperierende Demokratie ist, wirklich ein Zacken aus der Identitäts-Krone fallen, wenn man statt unkritischer Hagiografie ein wenig mehr Mut aufbrächte, historischer Komplexität gerecht zu werden? Bislang erinnert jedoch im 'Genozid-Museum' mit seinen original erhaltenen Verhör- und Kellerzellen lediglich ein (!) Raum an den Holocaust. Mit historischen Fotos und Quellentexten wird hier an die nahezu vollständige Vernichtung der litauischen Juden zur Zeit der deutschen Besatzung erinnert, die einheimische Mitschuld nicht geleugnet, jedoch recht kursorisch abgehakt."

Die Nazis schlossen in den Kriegsjahren zahlreiche Bündnisse mit muslimischen Alliierten, erzählt der Historiker David Motadel im Gespräch mit Andreas Main vom Deutschandfunk. Und sie kümmerten rührend um das geistliche Wohl der Soldaten: "Islamische Rituale und Praktiken, wie zum Beispiel das Gebet oder das Schächten, wurden in diesen Einheiten gestattet. Und das Schächten, das ist ein besonders klares Beispiel, dadurch, dass das Schächten eigentlich immer ein großes Thema der Antisemiten in Deutschland gewesen war. Seit dem 19. Jahrhundert gab es diese Schächt-Debatte, die natürlich gegen Juden gerichtet war. Und so kam es auch, dass in einem der ersten Gesetze des NS-Regimes 1933, das Reichstierschutzgesetz, das Schächten verboten wurde. 1941 wurde dieses Verbot dann aufgehoben, um Muslimen, die in der Wehrmacht und SS kämpften, das Schächten zu gestatten."

In der Welt erinnert Alan Posener an den sehr starken jüdischen Beitrag zur 68er-Bewegung, besonders in den USA und Frankreich, aber auch in den osteuropäischen Ländern. Aber dann drehte sich die Atmosphäre: "Wie konnte eine Bewegung, die in ihren Anfängen internationalistisch und blockübergreifend war, proisraelisch und von der jüdischen Idee des 'Tikkun Olam', der Heilung der Welt, inspiriert, zu einer antiamerikanischen, antiisraelischen und oft genug antisemitischen Bewegung werden? Darauf gibt es keine eindeutige Antwort. Aber neben den Panzern in Prag, den Knüppeln in Warschau und der Stasi in Ost-Berlin muss man auch die Rolle der SPD und der moskauhörigen Kommunisten im Westen nennen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.02.2018 - Geschichte

Arno Widmann erinnert sich in der Berliner Zeitung an den Vietnam-Kongress an der TU Berlin 1968, an das zerstörte West-Berlin und an die Demo, die dem Kongress folgte: "Man ging langsam, hakte sich unter, rannte ein paar Schritte und ging wieder langsam. Das gab diesem mir endlos erscheinenden Zug - von wohl nicht mehr als 12.000 Menschen - eine Dynamik, eine Energie, die ich aus der Frankfurter Praxis nicht kannte. So lächerlich es mir vorkam, dass man den aus den Fenstern blickenden Berlinern zurief: 'Bürger kommt herunter vom Balkon, unterstützt den Vietcong!', so hatte das doch in schmalen Straßen einen Hall, der auf die, die ihn erzeugt hatten, mächtig zurückwirkte."
Stichwörter: 68er, West-Berlin, Vietnam

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.02.2018 - Geschichte

In einem sehr persönlichen Text denkt die Autorin Deborah Feldman, die durch ihr Buch über ihren Ausbruch aus einer jüdisch-orthodoxen Community bekannt wurde, in der Zeit über ihr Verhältnis zu Deutschland und über die Erinnerung an den Holocaust nach: "Ich will, dass mein Sohn über den Holocaust Bescheid weiß, aber ich will mitnichten, dass er sich an ihn 'erinnert'. Ich würde dies für kein Kind wollen. Solange sich aber die öffentliche Diskussion den Effekten der paradoxen Intervention verschließt, wird die Zukunft dieser Kinder überschattet werden von unserer Vergangenheit, und die Spaltung wird tiefer in sie eindringen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.02.2018 - Geschichte

Im Interview mit der SZ will sich Aleida Assmann von der AfD-Forderung nach einer "erinnerungspolitischen Wende um 180 Grad" nicht bange machen lassen. So etwas lässt sich nicht so leicht erzwingen, meint sie. Die jüngere Generation in Deutschland macht ihr größere Sorgen: "Ich sehe zwei Gefahren: Neben dem Unbehagen von rechts, das sie am liebsten abschaffen möchte, droht auch ein Versiegen einer Ressource, die diese Erinnerungskultur in Gang hält in Form eines ehrenamtlichen Engagements, das weitgehend in den Händen der 68er-Generation lag. Für diese war Holocaust-Gedenken so etwas wie eine historische Mission. Ich frage mich, was bleiben wird, wenn sie einmal nicht mehr ist. Diese Gefahr ist vielleicht größer als der lautstarke Ansturm der AfD."

Doch nationale Erinnerungen allein genügen nicht, meint Natalie Nougayrède im Guardian. Sie plädiert für eine europäische Erinnerungspolitik: "Es gibt keinen Mangel an offiziellen Reden über Europa, die voller historischer Referenzen sind. Schwerer zu finden sind Veranstaltungen, Denkmäler, Statements, Erziehungsprogramme oder Museen, in denen Europas komplexes Mosaik aus klar nationalen Geschichten in einer Art zusammengebracht wird die verstehen hilft, welches Leben, welche Geschichte, welche Erfahrung andere auf diesem Kontinent haben. Europäer sehen die Geschichte andere Europäer oft immer noch durch die Linse ihrer eigenen nationalen Vergangenheit. Das trägt sicherlich bei zu der wachsenden Kluft zwischen Ost und West, aber auch Nord und Süd."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.02.2018 - Geschichte

In Britannien gibt es eine Diskussion über die Geschichte der Sklaverei, nachdem das Finanzministerium in einem Tweet behauptet hatte, dass Britannien im Jahr 1833 20 Millionen Pfund ausgegeben habe, um die Sklaverei abzuschaffen. Aber in Wirklichkeit diente das Geld dazu, die Sklavenhalter zu entschädigen, schreibt Kenan Malik im Guardian: "Das Ministerium löschte den Tweet am Samstag morgen. Es ist dennoch Teil einer langen Tradition. Britische Behörden spielen ihre zentrale Rolle im transatlantischen Sklavenhandel herunter, während sie sich für die Abschaffung der Sklaverei Verdienste zuschreiben. Aber es war nicht Britannien, es waren die Sklaven selbst und einige Radikale in Europa, die den Kampf gegen die Sklaverei begannen. Dennoch dient das 'moralische Kapital' des Abolitionismus dazu, 'die düstere koloniale Vergangenheit Britanniens aufzuhellen', sagt die Historikerin Katie Donington."

Für die  Abolitionisten war die Entschädigung an die Sklavenhalter eine moralische Qual, ergänzt David Olusoga ebenfalls im Guardian: "Eine Kompensation zu akzeptieren stand im Widerspruch zu ihrer moralischen Grundposition: dass es für einen Menschen unmöglich sei, einen anderen zu besitzen... Die einzigen Leute, die die Entschädigung positiv sahen, waren diejenigen, die dafür drei Jahrzehnte lang gekämpft hatten und die davon profitierten - die Sklavenhalter."

Und auch in Frankreich gibt es Debatten um das koloniale Erbe. Alain Mabanckou und Achille Mbembe begrüßen zwar in einem gemeinsamen Text für den NouvelObs, dass Emmanuel Macron die "Frankophonie" wieder in Mode bringen und Französisch zur zweitmeist gesprochenen Fremdsprache der Welt machen will - aber sie warnen ihn, das vergiftete Erbe der Idee der Frankophonie zu vergessen: "Denn tatsächlich galt die Frankophonie als das linguistische Äquivalent der Macht des Schwerts. Sie ist, um eine alte Formel aufzugreifen, ganz und gar ein 'ideologischer Apparat' des französischen Imperialismus. So gesehen war ihr ursprünglicher Zweck, die Kolonialsprache aufzuerlegen, um ein Gesetz ohne Legitimität bei militärisch besiegten Völkern durchzusetzen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.02.2018 - Geschichte

2018 jährt sich das Ende des Ersten Weltkriegs zum hundertsten Mal. Im Interview mit der FR skizziert der Historiker John Röhl Kaiser Wilhelm II. als ziemlich armes Würstchen. Aber die Schuld am Krieg trägt er für ihn dennoch: "Die Hauptschuld Wilhelms II. sehe ich nicht in der Auslösung des Krieges ... In seinem langfristigen Versuch, Deutschland zur Weltmacht zu erheben, sehe ich die grundsätzliche Ursache des Konflikts, der im Sommer 1914 zum Weltkrieg führte, egal wie der Krieg nun tatsächlich ausgelöst wurde. Die Grundursache der Urkatastrophe war das Streben des wilhelminischen Kaiserreiches, das von Anfang an (wie der Kölner Historiker Theodor Schieder festgestellt hat) eine latente Hegemonie in Europa innehatte, nach Weltrang. Und das bedeutete, Frankreich und Russland als Großmächte auszuschalten. Darin sehe ich die Hauptverantwortung Wilhelms II."

1968 wurde nicht nur von Männern bestimmt, erinnert die Historikerin Christina von Hodenberg im Interview mit der Welt: "Wir alle kennen die viel reproduzierten Bilder. Junge Männer mit wehendem Haar im Demo-Laufschritt, Rudi Dutschke am Megafon. Aber das Material ist höchst selektiv. Kein Kamerateam war bei den ersten Frauengruppen dabei. 68erinnen waren für die Medien nur die 'Bräute' der Revoluzzer. Ohnehin wurde nur das gefilmt und dokumentiert, was sich in der politischen Öffentlichkeit abspielte. Was in den Familien passierte, blieb im Dunkeln. Es ist aber zentral, diese Privatsphäre auszuleuchten, um die gesellschaftliche Langzeitwirkung von 68 zu verstehen."