9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.02.2018 - Geschichte

Nun ist die Mauer so lange weg, wie sie gestanden hat - aber die Teilung in den Köpfen ist immer noch nicht überwunden, meint Max Thomas Mehr bei Dlf Kultur: "Dass das Glücksstreben des Einzelnen das Wohl aller garantieren soll - das haben die meisten Ossis nicht erfahren. 56 Jahre ununterbrochene Diktaturerfahrung, davon 44 Jahre Formatierung durch den Kommunismus und dann die Treuhand und die ganze nur verwaltungstechnisch vollzogene Einheit - da wuchs kein Vertrauen in das Instrumentarium der Demokratie..."

Dominik Rigoll bespricht in der taz eine Münchner Ausstellung über den Rechtsextremismus in Deutschland nach dem Krieg. "Man fragt sich unweigerlich, wie hoch die Dunkelziffer der von Rechten zwischen 1945 und 1990 ermordeten Menschen liegt, wenn die Amadeu Antonio Stiftung, deren Zahlen in die Ausstellung übernommen wurden, allein seit der Wiedervereinigung 192 Tote gezählt hat. Das Bundeskriminalamt kam von 1990 bis 2015 auf immerhin 75 Todesfälle."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.02.2018 - Geschichte

Am Montag ist die Berliner Mauer so viele Tage verschwunden, wie sie einst stand: 10.316 Tage. Die Berliner Zeitung bringt aus diesem Anlass eine Sonderausgabe, die "die Stärken von Print ausspielt", meldet turi2. Der Tagesspiegel präsentiert aus diesem Anlass einige Vorher-Nachher-Bilder.

Sabine Rennefanz erinnert sich in der Berliner Zeitung sehr persönlich: "In der Kommandantenstraße überquere ich die Mauer. Es klingt vielleicht albern, aber fast jedes Mal denke ich darüber nach, weil es für mich nicht selbstverständlich ist. Weil ich im Osten geboren wurde, in einer Zeit, in der die Mauer für viele normal war. Es ist jetzt nicht so, dass ich jedes Mal 'Wahnsinn' rufe, wie die Menschen 89, es ist eher ein stilles Staunen, ein Innehalten."

Ohne 68 keine Hartz 4-Reformen, meint Soziologe Heinz Bude im Gespräch mit Welt-Redakteur Marc Reichwein: "Gerhard Schröder bleibt die überragende Figur eines nachhaltigen Umbaus des deutschen Wohlfahrtsstaates, der im Nachhinein fast einer Revolution gleichkommt. Die Wucht seiner Reformen war radikal: Sie ging nur mit der 68ertypischen Haltung, das Ganze in Frage zu stellen."

Alexander Kluge präsentiert bei Zeit online ein Multimedia-Dossier zu Stalingrad mit vielen Dokumenten und Aussagen von Zeitzeugen - störend ist, dass jedes der eingebetteten Youtube-Videos mit einem Werbespot beginnt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.02.2018 - Geschichte

Im FR-Interview mit Harry Nutt spricht der Soziologe Heinz Bude über Herkunft, Mentalitätshintergrund und die heutige Verklärung der 68er:  "Da hat nichts begonnen, was es vorher nicht schon gab. Weder die sexuelle Revolution noch die Demokratisierung der Gesellschaft und vor allem nicht die Konfrontation mit Auschwitz. (…) Diese Suche nach dem gesellschaftlichen und geschichtlichen Trend verdeckt die Mischung aus Melancholie und Sehnsucht, aus radikaler Reflexion und rebellischem Elan, aus politischem Dadaismus und existenziellen Ausbruchsversuchen, die für die Bresche von 1968 kennzeichnend waren. Glaubten die 68er an ihre Mythen? Wenn sie auf der Straße riefen: 'Wer zweimal mit der Gleichen pennt, gehört schon zum Establishment!', ja. Wenn sie abends auf leeren Bürgersteigen als dürre Gestalten in ihren Schlaghosen und Fransenjacken nach Hause gingen, nein."

In der NZZ kann Claudia Mäder nur den Kopf schütteln über die Entscheidung des französischen Kulturministeriums, den rechtsextremen Autor Charles Maurras, der dieses Jahr 150 Jahre alt würde, nach öffentlichen Protesten wieder aus dem amtlichen Gedenkjahrbuch zu streichen. Das ist "weiße Geschichtsblendung", meint sie: "Maurras ist wahrlich keine Gestalt, die einem das Herz aufgehen lässt. All jenen aber, die sich von dem Buch Aufschlüsse über die französische Geschichte versprechen, erweist sie einen Bärendienst. Denn Maurras ist ein Denker, den kennen muss, wer immer etwas von den politischen Ideen der Zwischenkriegszeit, von der Ideologie des Vichy-Regimes oder den Konzepten der heutigen französischen Nationalisten verstehen will."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.01.2018 - Geschichte

Das Jubiläumsfieber kühlt nicht ab. Nach Luther und Oktoberrevolution stehen uns jetzt die Feierlichkeiten zum Dreißigjährigen Krieg, zu 1918 und 1968 bevor. Wir sind auf dem besten Weg, die Geschichte zu sakralisieren, warnt in der NZZ der Historiker Norbert Furrer: "Diese Geschichtsheiligung ist nicht vom Himmel gefallen. Sie wird von Akteuren betrieben, die etwas damit bezwecken und bewirken wollen, die Wünsche erfüllen und Bedürfnisse bedienen. ... So gern die Menschen ihn zelebrieren, der Geschichtsglauben hat eine dreifache Crux. Erstens: Die Geschichte sakralisieren bedeutet im besten Fall das Schöne, Wahre und Gute im Menschen pflegen, sich um Ordnung, Sicherheit, Zusammenhalt und Wohlstand bemühen. Im schlimmsten Fall aber bedeutet es: beschönigen, manipulieren, moralisieren; Macht, Einfluss und Profit vermehren. Zweitens: Ihre Geschichtsgläubigkeit macht moderne Gesellschaften für verschiedenste 'Krankheiten' anfällig: Denkmalfieber, Erinnerungstrieb, Gedenkzwang, Jubiläumssucht, Museomanie, Nostalgie, Paläolatrie, Passeismus, Rekorditis, Retrophilie."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.01.2018 - Geschichte

Emmanuel Debono wundert sich in einem Blog bei Le Monde, dass Charles Maurras, dessen 150. Geburtstag in diesem Jahr liegt, in den offiziellen französischen Gedenkkalender für dieses Jahr aufgenommen wurde. Jeder, der sich nach der Herkunft des klassischen französischen Antisemitismus fragt, sollte diese rechtskatholische Figur von der Action française studieren: "Er sah im Aufstieg des Maréchal Pétain und dem Ende der Republik eine 'göttliche Überraschung' und unterstützte logischer Weise die antijüdische Politik von Vichy. Der französische Staat war in seinen Augen der einzige mögliche und legitime Widerstand angesichts der deutschen Besatzung. Häufig rief er zur Niederschlagung der eigentlichen Résistance und zur Exekution von Geiseln auf und ermunterte die Regierung zu antisemitischen Maßnahmen."

Anlässlich des Auschwitz-Gedenktages warnt in der FR der Schriftsteller Artur Becker mit Gustaw Herling, Nicola Chiaromonte und Ignazio Silone "vor Geschichtsmanipulanten, die die Geschichte für ihre politischen und ideologischen Ziele instrumentalisieren".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.01.2018 - Geschichte

Im Tagesspiegel fordert der deutsch-niederländische Historiker und ehemalige Mitarbeiter des Anne-Frank-Hauses in Amsterdam, Lutz van Dijk, beim Auschwitz-Gedenktag in Polen endlich auch homosexuelle NS-Opfer zu ehren: "Im Juli 2016 reiste ich erneut nach Auschwitz, um zu sehen, ob sich in mehr als einem Vierteljahrhundert etwas geändert hat. Während der Führung wurde deutlich, dass es noch immer nur die eine historische Tafel zur Erklärung der Winkelfarben gibt, und sonst so gut wie nichts bekannt ist. Das sei nur eine kleine Gruppe gewesen, erklärte der Leiter der Forschungsabteilung der Gedenkstätte: 77 Personen, ausschließlich Deutsche, und zudem sei es im heutigen Polen noch immer nicht leicht, mit Jugendlichen über Sexualität zu sprechen."

Außerdem: In der FAZ (politischer Teil) würdigt der Historiker Andreas Rödder den Außenpolitiker Gustav Stresemann, dessen Name womöglich für eine Parteistiftung der AfD missbraucht werden wird.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.01.2018 - Geschichte



Max Thomas Mehr mit Christian Ströbele und Hannes Winter bei Tunix. Mit freundlicher Genehmigung von Günter Zint.

Max Thomas Mehr erinnert sich in Dlf Kultur an den Tunix-Kongress in der TU Berlin vor vierzig Jahren, an dem er als 24-jähriger teilgenommen hat. Die Spontis verabschiedeten sich von der Revolution und wollten lieber eine "Gegenöffentlichkeit" gründen, deren Medium dann die taz wurde: "Warum es die taz heute immer noch gibt? Ich weiß es nicht. Da die 'Gegenöffentlichkeit' von einst Mainstream geworden ist, bedarf es vielleicht einer neuen Gegenöffentlichkeit? Dafür bräuchte es aber keinen Tunix-Kongress mehr. Da reicht das World Wide Web."

Außerdem: Paul Ostwald macht in der taz darauf aufmerksam, dass es in Großbritannien immer noch Verteidiger des Kolonialismus wie etwa den Theologieprofessor Nigel Biggar gibt. 44 Prozent der Briten gaben in einer Umfrage an, stolz auf den Kolonialismus zu sein.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.01.2018 - Geschichte

Anlässlich des bevorstehenden Jahrestags der Befreiung von Auschwitz erinnert der Historiker Götz Aly in der Berliner Zeitung an den polnischen Arzt Zygmunt Klukowski (1885-1959), der das Krankenhaus von Szczebrzeszyn leitete und die Unmenschlichkeit der Deutschen, aber auch einiger Polen, in seinem Tagebuch beschrieb: "Ich empfinde es als Glück, dass jetzt - endlich! - Klukowskis bislang nur Fachleuten bekanntes Tagebuch über die Kriegszeit auf Deutsch erschienen ist. Die Qualität entspricht den berühmten Aufzeichnungen Victor Klemperers. Wer wissen will, wie die deutschen Machthaber in Polen hausten, sollte dieses Zeugnis der Verzweiflung über das Unmenschliche lesen. Klukowski gehörte dem bürgerlichen polnischen Widerstand an, weshalb er im kommunistischen Volkspolen mehrfach ins Gefängnis gesperrt wurde."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.01.2018 - Geschichte

Der ukrainische Historiker Mychailo Kowaltschuk erzählt in der FAZ, wie die Ukraine schon im Jahr 1918 zum ersten Mal versuchte, sich unabhängig zu machen. In den Wirren des Jahrs nach der Oktoberrevolution gründete sich die "Zentralnaja Rada" als führendes Organ der ukrainischen Nationalbewegung: "Am 20.November rief die Rada die Ukrainische Volksrepublik (UNR) aus. Und obwohl die UNR Teil von Russland blieb, betrachteten die meisten russischen Politiker das Vorgehen der Rada als Vorstufe zur staatlichen Unabhängigkeit der Ukraine. Die Bolschewiken gaben sich zwar hinsichtlich der nationalen Frage als tolerant. Doch Lenins Regierung, die der Rada das Recht absprach, die Interessen der 'Arbeiter' zu vertreten, entsandte bewaffnete Truppen aus Petrograd und Moskau, um die Ukraine zu befrieden."
Stichwörter: Ukraine, Oktoberrevolution

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.01.2018 - Geschichte

Die allerletzten Prozesse gegen Nazi-Mörder werden zur Zeit geführt, die letzten Zeitzeugen sind meist über 90 Jahre alt. Im Gespräch mit Jan Pfaff von der taz ist der Historiker Norbert Frei dennoch zuversichtlich, die Erinnerung wachhalten zu können: "Der Historiker Saul Friedländer hat von dem Moment der Fassungslosigkeit gesprochen, der trotz aller gründlichen Analyse erhalten bleiben muss. Und ich bin überzeugt, dass es bei der Beschäftigung mit einer gut geeigneten Quelle - sei sie gedruckt oder ein Filmausschnitt - sehr wohl möglich ist, diese Fassungslosigkeit zu empfinden."