9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.03.2018 - Geschichte

Anlässlich einer kleinen Ausstellung über die Klarsfelds in Paris erzählt Rudolf Walther in der taz nochmal in aller Ausführlichkeit die Geschichte der Ohrfeige, die Beate Klarsfeld dem damaligen Bundeskanzler Georg Kiesinger versetzte. Unter anderem berichtet er, dass Klarsfeld diese Ohrfeige zuvor in einer Podiumsdiskussion mit Günter Grass, Johannes Agnoli, Ekkehart Krippendorff und Jacob Taubes angekündigt hatte. Grass war dagegen: Aber "Beate Klarsfeld ließ von ihrem Vorhaben nicht ab und schritt am 7. November 1968, ihrem fünften Hochzeitstag, auf dem Berliner Parteitag der CDU zur Tat. In dem noch am gleichen Tag eingeleiteten Schnellverfahren wurde sie zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Ihr Verteidiger war Horst Mahler. Der SDS sprach von einem 'Terrorurteil sondergleichen'. Im Berufungsverfahren vom August 1969 wurde die drakonische Strafe auf vier Monate auf Bewährung herabgesetzt. Die handfeste Aktion wurde weltweit zum Skandal stilisiert."

Außerdem: Unter der reichlich plakativen Überschrift "Seit wann gehört der Islam zu uns? Seit dem Dritten Reich" geht Michael Wolffsohn in der Welt auf die Geschichte der erstaunlich freundlichen Beziehungen der Nazis zu muslimischen Funktionären in Nahost, im Balkan und im Kaukasus ein.  Auch nach dem Krieg habe deutsche Außenpolitik auf diese Beziehungen zurückgegriffen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.03.2018 - Geschichte

Ralf Leonhard erinnert in der taz an den Einmarsch der Nazis in Österreich, der allenthalben von Jubel und hässlichen Szenen begleitet war: "Als Hitler am 15. März auf dem Heldenplatz seine berühmte Rede hielt, in der er den 'Anschluss meiner Heimat an das Deutsche Reich' verkündete, war der Rathausplatz bereits in Adolf-Hitler-Platz umgetauft. In den Straßen erschallten Sprechchöre mit 'Sieg Heil!', 'Schuschnigg an den Galgen!' und 'Juda verrecke!'. In den folgenden Tagen war der Mob vollends entfesselt: Hausmeister oder Nachbarn denunzierten Menschen, die jüdisch aussahen, die man dann zwang, die Parolen des Schuschnigg-Regimes und die Kruckenkreuze des Ständestaats wegzuwaschen. 'Reibpartien' nannte man das zynisch. Menschen begannen, ihre jüdischen Nachbarn aus der Wohnung zu werfen oder deren Wertgegenstände zu plündern."

In der Ausstellung "Sparen" im Deutschen Historischen Museum in Berlin lernt SZ-Autor Gustav Seibt viel über die Entstehung der deutschen Sparkassen, die vor zweihundert Jahren begannen, die winzigen Geldvorräte der Armen "mager, aber verlässlich zu verzinsen". Von der Völkerpsychologie der Ausstellung kann er dagegen nur warnen: "Denn die Deutschen haben zwar in den letzten zweihundert Jahren verlässlich und konstant gespart, aber im europäischen Vergleich keineswegs übertrieben viel. Es hätte sich gelohnt, diese trügerische Selbsteinschätzung zu hinterfragen, die auch eine Wirkung ideologischer, politisierter Sparerziehung ist. Viel höhere Sparquoten als die hier traditionell im Mittelfeld liegenden Deutschen haben nämlich seit jeher - Überraschung! - die Italiener."

Auch Arno Widmann wird nicht glücklich in dieser - von den Sparkassen gesponsorten - Ausstellung: "Nirgends auch nur der Hauch einer Balzacschen Freude an der Charakterologie der Sparertypen. So spielt der Geiz, ohne den doch sonst Sparen gar nicht gedacht werden könnte, hier gar keine Rolle. Das Sparen in der Literatur ist kein Thema. Das in der Kunst nur ganz am Rande. Das Sparen und die Psychoanalyse ist ebenfalls kein Thema für die Ausstellung. Dabei wäre es, angesichts der Begeisterung des Deutschen für Analschimpfwörter, für den, der über eine deutsche Tugend nachdenkt, doch das Nächstliegende."

Der Historiker Clemens Klünemann erkennt in der NZZ, dass sich Nationen mit den unrühmlichen Kapiteln ihrer Geschichte schwertun.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.03.2018 - Geschichte

Italien gedenkt seiner Bleiernen Zeit und der Ermordung Aldo Moros durch die Roten Brigaden, die auch der harten Haltung des Moro-Rivalen Giulio Andreotti geschuldet ist, schreibt Matthias Rüb in der FAZ: "Vierzig Jahre nach der Entführung Moros ist die Debatte über den Terror der Roten Brigaden noch lange nicht abgeschlossen. In den Buchhandlungen liegen stapelweise neue Bücher zur 'Affäre Moro', daneben die wiederaufgelegten Standardwerke zu dem Fall. Theaterstücke werden aufgeführt, Fernsehdokumentationen gezeigt, Ausstellungen und Diskussionsveranstaltungen organisiert." Und warum bekommt man hier so wenig davon mit?

Besprochen werden zwei Ausstellungen zu Oberösterreichs Geschichte zwischen 1918 und 1938 im Schlossmuseum Linz und in der Linzer Landesgalerie (Presse) sowie eine Schau über Byzanz und den Westen auf der niederösterreichischen Schallaburg (Standard).

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.03.2018 - Geschichte

Der Historiker Martin Schulze Wessel erinnert auf der Seite "Ereignisse und Gestalten" in der FAZ an den Prager Fühling. Eines der größten Verdienste der damaligen Reformer sei es gewesen, den Antisemitismus der Slansky-Prozesse aufzuarbeiten und die Opfer des tschechisch-kommunistischen Antisemitismus zu rehabilitieren: "Das ist vor allem im internationalen Vergleich beachtlich: Zur selben Zeit trat in Polen der Chef der Vereinigten Arbeiterpartei Wladysław Gomułka zusammen mit Innenminister Mieczyslaw Moczar eine 'antizionistische' Kampagne los, in deren Folge Tausende Juden aus Polen emigrierten. Tschechoslowakische Reformkommunisten wie Josef Smrkovsky hingegen setzten sich in Massenversammlungen leidenschaftlich dafür ein, den Antisemitismus zu überwinden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.03.2018 - Geschichte

Auf Grundlage des in Taipeh verabschiedeten "Gesetzes zur Förderung des Übergangs zur Gerechtigkeit", welches zum Ziel hat, die Geschichte einer dunklen Epoche aufzuarbeiten, die Identität von ungerechtfertigt inhaftierten oder hingerichteten Opfern zu klären, ehemalige Täter zu benennen und die Symbole aus der Zeit der autoritären Herrschaft der KMT zu entfernen, werden in Taiwan derzeit sämtliche Erinnerungen an Tschiang Kai-schek getilgt, berichtet Matthias Messmer in der NZZ - und warnt vor dem Verdrängen von Geschichte: "Gerechtigkeit kann es in der Geschichte im Nachhinein ohnehin nur begrenzt geben, eine Heilung der Wunden bleibt - leider - immer eine ganz persönliche Angelegenheit der Opfer. Mit Tschiangs erzwungenem Rückzug vom Festland vor fast sieben Jahrzehnten entwickelte sich paradoxerweise erst eine eigenständige Identität auf der Insel, geprägt von Meinungsvielfalt, Offenheit und Toleranz. Taiwan entwickelte sich auf dem Weg von einer rechten Diktatur kontinuierlich hin zu einer prosperierenden Demokratie."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.03.2018 - Geschichte

Wäre Deutschland ohne 1968 heute ein anderes Land? Nein, meint Heinz Bude im Interview mit dem Tagesspiegel: "Die evolutive Bedeutung von 1968 wird überschätzt. Ich glaube nicht, dass wir ohne Dutschke weniger freie Sitten hätten. Die Sex-Frage war schon vor 1968 gestellt worden, denken Sie an Oswalt Kolle, an Hildegard Knef, den ganzen lakonischen Sex der Flakhelfergeneration. 1968 war auch nicht das Jahr, das die Demokratie befestigt hat. Die Demokratie als Verfahrensdemokratie nach westlich-angelsächsischem Vorbild ist nicht das Werk dieser Generation, da ist Horst Ehmke wichtiger als Rudi Dutschke. Und über 'Unser Auschwitz' hat Martin Walser 1965 im Kursbuch geschrieben. Die Republik würde heute nicht anders aussehen".

Der polnische Antisemitismus ist nicht eine Erfindung böser Kommunisten, erinnert der Historiker Götz Aly die polnischen Politiker, die das neue Geschichtsgesetz (mehr hier) erlassen haben: "Der Gründungsvater der Nationaldemokratischen Partei, der höchst aktive Antisemit Roman Dmowski, auf den sich die heutige Regierung Polens beruft, zollte 1934 Hitlers Politik 'zur Ausmerzung des jüdischen Einflusses' Respekt. Die Zeitung des Bistums Kielce (Gazeta Tygodniowa) hatte 1933 einen ähnlichen Ton angeschlagen: 'Hitler ist der Feind Polens, aber im Kampf gegen die moralische Zersetzung durch die Juden müssen wir ihm recht geben.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.03.2018 - Geschichte

Shashi Tharoor, Autor des Buchs "Inglorious Empire - What the British Did to India", sieht das mit der historischen Größe Winston Churchills offenbar etwas anders als die Briten aus ihrem Downton Abbey heraus. Der Oscar der letzten Woche für Gary Oldman, so schreibt Tharoor in der Washington Post, "ehrt nur eine weitere Hagiografie dieses üblen Manns. Irakern, die Churchill vergasen wollte, griechischen Demonstranten in den Straßen Athens, die auf Churchills Befehl im Jahr 1944 niedergemäht wurden, all den Paschtunen und Iren und auch Indern wie mir selbst wird es immer ein Geheimnis bleiben, wie einige bombastische Reden ausreichen konnten, das Blut von Churchills rassistischen Händen zu waschen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.03.2018 - Geschichte

Im Interview mit der Welt erklärt der Historiker Gerd Krumeich seine These zum Ersten Weltkrieg, die Dolchstoßlegende habe eben doch einen "wahren Kern": "Jeder wusste damals, dass die Deutschen nicht mehr lange durchhalten konnten, auch die Oberste Heeresleitung. Aber niemand kann sagen, dass sie nicht noch ein bis drei Monate hätten 'im Feindesland' stehen bleiben können, um so bessere Friedensbedingungen für Deutschland durchzusetzen. Da liegt das historische Problem, nicht in der Nazi-Behauptung, ein 'Siegfrieden' sei damals noch möglich gewesen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.03.2018 - Geschichte

Noch vor dem "Madagaskar-Plan" der Nazis, hatte die polnische Regierung 1937 die Idee, Hunderttausende polnische Juden auf die Insel auszusiedeln, schreibt der US-Historiker Peter Hayes in seinem Buch "Warum? Eine Geschichte des Holocaust". Ist es nach dem neuen polnischen Holocaust-Gesetz nun strafbar, darüber zu schreiben, fragt Sven Felix Kellerhoff in der Welt und nennt weitere von Hayes auf Grundlage verschiedener Quellen zusammengetragene Beispiele für polnischen Antisemitismus: "Aufgrund judenfeindlicher Übergriffe an Polens Universitäten ging die Zahl jüdischer Studenten von 1928 bis 1938 um fast zwei Drittel zurück, von 20,4 auf 7,5 Prozent. Ab 1937 gab es für Juden unter den Studenten speziell gekennzeichnete Sitzbänke in den Hörsälen. Juden verloren alle Funktionen in Geschäften der staatlichen Monopolverwaltung wie dem Tabak-, Alkohol- und Bauholzhandel. Fast alle jüdischen Mitarbeiter der nationalen und kommunalen Verwaltung wurden entlassen oder zum 'freiwilligen' Ausscheiden gedrängt, ebenso bei Eisenbahn und Post."
 
Polen gedenkt derweil der antisemitischen Kampagne, die 1968 Tausende Juden in die Emigration trieb, schreibt Florian Hassel in der SZ: "Der Kattowitzer Parteichef Edward Gierek hetzte am 14. März 1968 vor 100.000 Menschen gegen 'Revisionisten und Zionisten, die dem Imperialismus dienen'; KP-Chef Gomułka sagte in einer vom Fernsehen übertragenen Rede am 19. März, dass solche, deren Loyalität Israel gelte, in Polen nichts verloren hätten - der geifernde Saal schrie: 'Gleich!' und 'Noch heute!' Tausende polnische Juden verloren ihre Arbeit. 'Ende mit dem Judentum! (…) Wer Jude ist, hat heute nichts in Polen verloren!', erklärte ein Beamter des Kulturministeriums, nachdem dessen jüdischer Generaldirektor Stanisław Neumark aus der Partei ausgeschlossen worden war. Viele polnische Juden, vor allem ältere, fürchteten wieder um ihr Leben." Hassel weiter: "Polens Ministerpräsident Mateusz Morawiecki bekräftigte indes, er wisse nicht, warum Polen sich entschuldigen solle, (…) Polens Juden seien keine Fremden gewesen, alle antisemitischen Kundgebungen seien 'von der kommunistischen Macht vorbereitet' worden."

Ergänzt: Etwas umständlich bat der polnische Präsident Andrzej Duda am Donnerstag die Opfer um Verzeihung, meldet die FAZ: "Duda sagte zunächst, das 'heutige freie, unabhängige Polen, meine Generation, trägt dafür keine Verantwortung und muss nicht um Vergebung bitten'. Er fügte jedoch hinzu: 'Denen, die starben, die vertrieben wurden, möchte ich sagen: Bitte vergeben Sie der Republik, vergeben Sie den Polen, vergeben Sie dem damaligen Polen.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.03.2018 - Geschichte

Krzysztof Ruchniewicz vom Willy-Brandt-Zentrum für Deutschland- und Europastudien der Universität Breslau greift in die Debatte um einen Berliner Gedenkort für die von Nazis ermordeten nicht-jüdischen Polen ein und schlägt vor, mit Plaketten und ähnlichen Mitteln an Menschen zu erinnern, die sich nach dem Krieg für die Versöhnung zwischen den beiden Völkern einsetzten: "Es waren diese Menschen, die die Grundlagen für die gutnachbarlichen deutsch-polnischen Beziehungen nach 1989 geschaffen haben."