Magazinrundschau - Archiv

The New Yorker

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Magazinrundschau vom 25.08.2020 - New Yorker

Die neue Ausgabe des Magazins befasst sich u.a. mit einer der möglichen Quellen des Coronavirus. War es das Schuppentier?, fragt David Quammen: "Schuppentiere sind leichte Beute für den Menschen. Werden sie angegriffen, rollen sie sich zusammen … Das funktioniert gut gegen Löwen, aber weniger gut, wenn der Angreifer Hände hat. Schuppentiere sind auch leichte Beute für das Coronavirus, daher kommt ihnen eine unerwartete Rolle im Rätsel um die Verbreitung des Virus und seiner Übertragung auf den Menschen zu. Gewebeproben haben gezeigt, dass die Tiere Viren in sich tragen, die COVID-19 sehr ähneln. Kommt eine Population der Tiere als Zwischenwirt infrage, in dem sich ein Fledermaus-Virus so verändern konnte, dass es dem Menschen gefährlich werden konnte? Der Nachweis ist kompliziert, um so mehr, als alle acht Schuppentier-Arten vom Aussterben bedroht sind. Ihre mögliche Rolle in der Corona-Story verleiht ihnen eine seltsame Ambivalenz - gefährdet und möglicherweise gefährlich … Ein erstes Warnsignal gab es bereits am 24. März 2019: Die Rettungsstation für Wildtiere in Guangzhou nahm 21 lebende Sunda-Schuppentier auf. Sie waren in schlechtem Zustand, hatten Hautausschlag und Atemstörungen. 16 von ihnen starben. Die Untersuchung brachte geschwollene Lungen zum Vorschein. Wissenschaftler konnten genetische Spuren des Sendai-Virus und aus der Familie des Coronavirus nachweisen. Allerdings fand die Publikation der Ergebnisse kein großes Echo."

In einem anderen Artikel stellt Alex Ross die Allgegenwart Richard Wagners in der Filmgeschichte fest: "Die Wagnerisierung des Films reicht tief. Indem das Kino Bild, Wort, Musik verbindet, erfüllt es Wagners Vorstellung vom Gesamtkunstwerk. Sein System der figurengebundenen Leitmotive und Themen wurde zum wichtigen Aspekt der Filmusik. Hollywood bediente sich gern bei Wagners Göttern, Helden und Eroberern. Darin spiegelt sich das brüchige Erbe des Komponisten: als Theatervisionär mit Shakespearscher Breite und Tiefe einerseits, als bösartiger Antisemit, der Hitler begeisterte andererseits. Opernfans und Filmemacher sehen Wagner mal als Wunderhorn, mal als Quell des Hasses. Diese Unentschiedenheit spiegelt wieder die mehrdeutige Rolle des Films selbst - als Inkubator von Heldenfantasien, die allen möglichen politischen Zwecken dienen können. Wenn Hollywood über Wagner spricht, spricht es eigentlich über sich selbst."

Weitere Artikel: Evan Osnos fragt, ob Joe Biden wirklich die Demokraten vereinen kann. Jennifer Gonnerman begleitet einen Busfahrer durch einen Arbeitstag in New York. Judith Thurman liest den neuen Roman von Elena Ferrante. Und Anthony Lane sah Michael Almereydas Film "Tesla".

Magazinrundschau vom 18.08.2020 - New Yorker

In der neuen Ausgabe des Magazins trifft Luke Mogelson Leute wie Phil Robinson, die meinen, in voller Kampfmontur die Grundrechte gegen Lockdown und Masken verteidigen zu müssen: "Die meisten Mitglieder von Bürgerwehren, die ich gesprochen habe, haben sich einem konstitutionellen Fundamentalismus verschrieben, der untrennbar mit ihrem christlichen Glauben verbunden ist. Die einzige legitime Rolle der Regierung ist für sie die eines Bewahrers der individuellen Rechte, wie sie der Menschheit von Gott gewährt wurden. Viele Republikaner teilen diese Philosophie, und während der Pandemie hatten sie alle Mühe, sie mit den notwendigen Maßnahme im Kampf gegen den Kollaps des Gesundheitssystems zu vereinbaren. In Michigan und anderswo nehmen Republikaner, unterstützt von Bürgerwehren, die Haltung ein, dass kein wie auch immer geartetes Szenario die Verletzung gottgegebener Rechte rechtfertigt … Befürworter des Lockdowns beschuldigen Abweichler, in einer nationalen Krise keine persönlichen Opfer bringen zu wollen und daher alles andere als patriotisch zu sein. Abweichler bestreiten, dass wir in einer Krise sind. Die Zweifler am Ernst der Lage unterlaufen jeden Verdacht auf egoistische Motive: Abstandhalten ist für Konformisten und Herdentiere. Das erklärt, warum eigentlich vernünftige Konservative, die mit ideologischen Argumenten gegen den Lockdown sind, sich mitunter offen zeigen für Verschwörungstheorien und haarsträubende Scharlatanerie … Ein Mann erklärte etwa, die Regierung arbeite mit einer israelischen Gesichtserkennungsfirma zusammen, um Massenerkennung durchzuführen, die aber funktioniere nur, wenn die Leute zueinander Abstand hielten."

Außerdem: Rebecca Mead erkundet die heilende Wirkung des Gärtnerns. Raffi Khatchadourian stellt den amerikanisch-irakischen Künstler Michael Rakowitz und seine verspielte Kunst vor. Judith Thurman liest Gedichte von Alice Oswald. Und Amia Srinivasan liefert einen Abgesang auf den Wal, das einst so stolze Symbol unseres Einsatzes für den Planeten.

Magazinrundschau vom 11.08.2020 - New Yorker

Im neuen Heft erklärt Peter Hessler am Beispiel der Provinz Sichuan, wie China das Coronavirus kontrolliert und räumt zugleich Chinas Sonderstellung ein: "Viele Aspekte der chinesischen Strategie könnten in den USA oder in anderen Demokratien nicht umgesetzt werden. Die strenge Isolationstaktik bei Infizierten gilt auch für Kinder, die gegebenenfalls von ihren Eltern getrennt werden. Im Juni wurde ein einreisendes einjähriges pakistanisches Baby positiv getestet und für über einen Monat unter medizinische Beobachtung gestellt. Aber es gibt auch weniger dramatische Maßnahmen, die auch für die USA praktikabel sind. Ein chinesischer Epidemiologe, der in den USA gearbeitet hatte, erklärt: 'Nachbarschaftsarbeit! Das gibt es in dem Maß nicht in den USA, aber es wäre gut so etwas ähnliches zu entwickeln.' Aus meiner Sicht geht es auch um Bildung und eine gewisses Bemühen. Trotz der politischen Indoktrination an Chinas Schulen wird Respekt vor der Wissenschaft gelehrt. Harte Arbeit ist ein weiterer Kernwert."

Außerdem: Alex Ross schreibt über das gekonnte Spiel des französischen Komponisten Francis Poulenc mit dem Feierlichen und dem Lustvollen. Zadie Smith stellt die um das Thema Herrschaft kreisenden Arbeiten der nigerianisch-amerikanischen Künstlerin Toyin Ojih Odutola vor. Dan Kaufman schildert den Niedergang der Farmer in Wisconsin, was Donald Trump bei den Wahlen empfindlich Stimmen kosten könnte. Sunil Khilnani liest Isabel Wilkersons Buch "Caste: The Origins of Our Discontents", das den Rassismus in den USA mit dem Kastenwesen in Indien vergleicht. Anthony Lane sah im Kino "Boys State" von Amanda McBaine und Jesse Moss.

Magazinrundschau vom 28.07.2020 - New Yorker

Für die aktuelle Ausgabe des Magazins schaut Jill Lepore zurück in die Regierungszeit John F. Kennedys und stößt auf eine Gruppe von Wissenschaftlern um die Simulmatics Corporation, die, ihrer Zeit weit voraus. ein Computermodell zur Beeinflussung von Wählern entwickelte: "Die moderne US-Politik begann mit einer Geheimwaffe. (Edward) Greenfield (dessen Beraterfirma Simulmatics 1956 für den Gouverneur von Illinois arbeitete, d. Red.) nannte es Projekt Macroscope. Er engagierte die Besten aus Harvard, Yale, Columbia, John Hopkins und dem MIT, viele ausgebildet in psychologischer Kriegsführung. Simulmatics Wahlprojekt von 1960 war eines der größten Forschungsprojekte in der Politologie überhaupt. Geleitet vom MIT-Politologen Ithiel de Sola Pool, sammelten Greenfields Leute Unmengen Daten aus Wahlergebnissen und Meinungsumfragen, die bis 1952 zurückgingen. Sie sortierten die Wähler in 480 Kategorien und bündelten sie in 52 Gruppen. Dann bauten sie eine 'Wahlverhalten-Maschine', eine Computersimulation der Wahl vom 1960, mit der sie Szenarien anhand einer endlos zusammensetzbaren virtuellen Bevölkerung durchspielen konnten. Man konnte die Maschine mit dem x-beliebigen Verhalten eines Kandidaten füttern und sie sagte die entsprechende Wählerreaktion voraus."

Weitere Texte: Louis Menand empfiehlt Joe Biden für den Wahlkampf die Lektüre von Larry Tyes Biografie "Demagogue: The Life and Long Shadow of Senator Joe McCarthy". Paige Williams über die erstaunliche Aktivität der Bauingenieure des USA-Armeecorps in der Coronapandemie. Brooke Jarvis überlegt anlässlich zweier Buch-Neuerscheinungen, ob all die Mittelchen, mit denen wir unsere Haut traktieren, wirklich nützen. Und Ed Caesar berichtet, wie ein von den Deutschen erbauter Bunker aus dem Kalten Krieg zum Hub für Cyberkriminelle wurde.

Magazinrundschau vom 04.08.2020 - New Yorker

Isaac Chotiner unterhält sich mit dem Philosophen Thomas Chatterton Williams, Sohn eines schwarzen Vaters und einer weißen Mutter, über Hautfarbe und Identität. Anders als etwa Ta-Nehisi Coates verweigert sich Williams der Vorstellung, sein Schwarzsein müsse Dreh- und Angelpunkt seiner Identität sein. Er hat außerdem wesentlich zu dem Offenen Brief beigetragen, der vor der grassierenden Cancel Culture warnt, die die Meinungsfreiheit bedrohe: "Viele Leute behaupten, dass es so etwas wie Cancel Culture gar nicht gibt, und dann nennt man ein Beispiel und sie sagen: 'Aber diese Person hat es verdient.' Es müssen ja auch gar nicht viele sein, die davon betroffen sind, ein paar hochkarätige Fälle als warnende Beispiele genügen. Der Rest von uns sieht das und ändert sein Verhalten entsprechend. Wir ändern aber nicht nur ein Verhalten, über das man diskutieren kann, ob es falsch sei. Wir halten uns schon weit von dieser Grenze fern, und das hat eine verengende und ich glaube, wirklich erdrückende Wirkung nicht nur auf die Rede, sondern auch auf das Denken ... Es gab einen Gegenbrief, der meint, Schwarze seien schon immer gecancelt und ausgeschlossen worden. Ich bin der Sohn eines Schwarzen, der im segregierten Süden geboren wurde. Ich bin sehr vertraut mit der Art der Cancel-Culture, die mein Vater ertragen musste. Was mich aber stört und beunruhigt, ist, dass die Welt, die wir schaffen, eine Welt ist, in der wir nicht wirklich versuchen, alle so sicher zu machen wie der heterosexuelle Weiße es einmal war. Wir versuchen tatsächlich, jeden so unsicher zu machen, wie es mein Vater früher war."

Magazinrundschau vom 30.06.2020 - New Yorker

In den USA gibt es inzwischen mehr als sechzigtausend Dollar Generals und fast achttausend Family Dollars - und es entstehen immer weitere der Billig-Discounter, schreibt Alec MacGillis in der aktuellen Ausgabe des Magazins. Die Löhne sind niedrig und die Kriminalität  - von Diebstahl über Raubüberfall bis zu Mord  - ist überdurchschnittlich hoch in den Ladenketten, fährt MacGillis fort: Oft in ärmeren Nachbarschaften liegend, gibt es maximal drei Angestellte pro Geschäft, Kameras funktionieren kaum und an sämtlichen Sicherheitsstandards wird ebenfalls gespart:  In einem Dollar General, in dem kurz vorher ein Raubüberfall geschehen war, "nahm der 32-jährige Edwin Goldsmith eine Stelle an. Das einzige Sicherheitstraining, das er erhielt, war ein zwölfminütiges Video. Die Kassierer wurden angewiesen, das Geld in der Schublade herauszugeben, wenn sie bedroht wurden, ein Farbpäckchen beizufügen, um die Rückverfolgung des Geldes zu erleichtern, und ein rotes Telefon hinter der Kasse zu verwenden, um eine Sicherheitsfirma anzurufen, die von Dollar General beauftragt wurde. Die Vorgesetzten von Goldsmith ignorierten seine Bitte um Sicherheitspersonal. Am St. Patrick's Day, als Ohio inmitten der Coronavirus-Pandemie alles dichtzumachen begann, betrat ein Mann den Laden, zog eine Maske an und holte eine Waffe heraus. Es waren nur achtzig Dollar in der Kasse; die Kassierer hatten gerade Bargeld zum Briefkasten gebracht. Es gab keine Farbpäckchen in der Kasse, es war nach dem Raubüberfall im November immer noch nicht ersetzt worden. Goldsmith hatte erst kürzlich einen Teil der Theke entfernt, den der Schütze mit einer Kugel beschädigt hatte. Goldsmith, der älteste der drei Angestellten in der Schicht, befürchtete, dass der Räuber zurückkommen würde. Also holte er seine eigene Waffe aus seinem Auto und schob sie unter den Hosenbund. Die Polizei traf ein, ebenso wie der Bezirksleiter von Dollar General. Als sie das Kameramaterial abspielten, um den Raub zu sehen, sahen sie auch, wie Goldsmith seine Waffe holte. Am folgenden Tag teilte der Geschäftsleiter Goldsmith mit, die Firma habe ihm gesagt, er solle ihn entlassen, weil er gegen die Regeln der Firma verstoßen habe, wonach es verboten ist, eine Waffe zur Arbeit zu bringen."

In der gleichen Ausgabe stellt Anna Wiener sogenannte "Ghost kitchens" vor, also virtuelle Restaurants, die nur noch für Lieferdienste produzieren und keinen Gastraum bieten: "Einige Restaurantbesitzer betreiben zehn virtuelle Marken von einer einzigen Küche aus. Im Februar, als der Stadtrat von New York eine Aufsichtsanhörung über die Auswirkungen von Geisterküchen auf lokale Unternehmen abhielt, sagte Matt Newberg, ein Unternehmer und unabhängiger Journalist, aus, er habe einen CloudKitchens-Beauftragten in Los Angeles besucht, wo siebenundzwanzig Küchen auf 11.000 Quadratmetern einhundertfünfzehn Restaurants auf Lieferplattformen betreiben. Newberg stellte ein Video online, auf dem Köche gezeigt wurden, die in ein fensterloses Lagerhaus gepfercht sind und über die Geräusche von Tabletts und Telefone hinweg Bestellungen brüllen. Für die Menschen, die in Geisterküchen arbeiten, hat diese Umgebung nichts Gespenstisches an sich, höchstens für die Kunden; die Geister sind die Arbeiter selbst. Die Logik der Plattformen zur Lieferung von Lebensmitteln ist die Logik des digitalen Marktplatzes. Genauso wie es vier verschiedene Amazon-Listen unter vier verschiedenen Markennamen für dasselbe USB-Kabel gibt, kann ein in einer Geisterküche hergestelltes Sandwich auf mehreren Speisekarten mit verschiedenen Namen erscheinen. Virtuelle Restaurantmarken haben oft auffällige und mit Worten spielende Namen, und einige scheinen wie aus einer Kurzgeschichte von Lorrie Moore gerissen zu sein: Á La Couch, Endless Pastabilities, Mac to the Future, Bad Mutha Clucka."

Weiteres: Sehr detailliert erläutert Jeffrey Toobin, wie der Mueller-Report an der Sabotage durch Justizminister William Barr scheiterte.

Magazinrundschau vom 23.06.2020 - New Yorker

In der aktuellen Ausgabe des Magazins fragt John Seabrook, ob Telemedizin das neue Ding ist oder doch eher ein Schrecken: "Im engeren Sinn bedeutet Telemedizin ein Setup, das es den Ärzten eines großen Krankenhauses erlaubt, an Notfall-Operationen in entfernteren Orten teilzunehmen. Dieser Ansatz stammt noch aus NASA-Frühzeiten in den sechziger und siebziger Jahren, als man Methoden untersuchte, um die Gesundheit der Astronauten sicherzustellen … Telemedizin bedeutet auch virtuelle Interaktion zwischen Arzt und Patient anstelle einer persönlichen Visite … Mittels App und Smartphone kann der Arzt etwa in den Hals des Patienten schauen und Antiobiotika gegen geschwollene Mandeln verschreiben. Auf die Art spart man sich den Weg in die Klinik und verhindert die Ansteckung anderer. Solche Visiten können unterstützt werden durch Geräte, die Patientendaten zu Hause sammeln und sie an den Arzt versenden, wie Fitnesstrackers, Blutdruckmesser, Thermometer … Bei chronischen Krankheiten wie Diabetes oder Colitis ermöglicht Telemedizin dem Patienten Routine-Kontrollen online durchzuführen. Befürworter der Telemedizin glauben, dass 50 bis 70 Prozent aller realen Arztbesuche so ersetzt werden könnten. Bis zur Pandemie, war nur kaum jemand daran interessiert … Es ist eine Sache, Telemedizin einem Patienten anzubieten, den der Arzt kennt, eine ganz andere ist es, bei einer ersten virtuellen Visite eine Darmerkrankung von einer Magenverstimmung zu unterscheiden. Ein Telearzt, der Magenschmerzen falsch diagnostiziert, hinter denen tatsächlich Magenkrebs steckt, trägt die gleiche Verantwortung wie ein normaler Arzt."

In einem anderen Artikel erinnert sich Hilton Als an eine Kindheit in Brownsville, Brooklyn Ende der sechziger Jahre, die mit den Unruhen nach der Ermordung George Floyds für ihn auf beklemmende Weise wieder lebendig werde: "Die Wahrheit ist, nichts ist unpersönlich, wenn es um Rassismus geht. Jeder rassistischer Akt ist ein tief persönlicher mit einem Endergebnis: der Herabsetzung der betroffenen Person. Wenn du diese Art von Auslöschung erfahren hast, bist du nicht mehr sicher, wer du bist und wo du lebst. Mein Bruder war der Meinung, dass wir als Kinder so oft umgezogen sind, weil unsere Mutter Sicherheit suchte. Ich weiß nicht mehr, wie oft, aber ich selbst, versuchte Freunde zu machen, um meine Familie zu schützen … Heute lebe ich in einer vorwiegend weißen Gegend Manhattans. Ich war zu Hause, als die Demonstrationen begannen. Panik setzte ein, als ich die Hubschrauber und Polizeisirenen hörte. Ich war sicher, die Polizei würde übers Dach kommen. Sobald sie meinen schwarzen Arsch hier sähen, würden sie mich erschießen. Aus Angst bat ich einen weißen Freund, zu mir zu kommen. Was ich da fühlte, war eine Erinnerung an Unruhen und Heimatlosigkeit, der Gedanke, die Polizei könnte kommen und mich in meinem eigenen Zuhause zu einem Fremden machen."

Besprochen werden eine Biografie des Army-Astronomen und Schwulen-Aktivisten Frank Kameny und Agnieszka Hollands Holodomor-Drama "Mr. Jones"

Magazinrundschau vom 16.06.2020 - New Yorker

Für die aktuelle Nummer des Magazins stellt Adam Gopnik zwei Bücher vor über das Böse und wie es entsteht (David G. Marwells "Mengele" und Götz Alys "Europa gegen die Juden: 1880-1945") und versucht der Analyse des Nazismus in dieser Hinsicht Erkenntnis abzugewinnen: "Die Nazi-Intelligenzija glaubte wirklich an ihr Tun. Eine obsessive Lehre und eine spezielle Sprache der rassischen Differenz brachte ein intellektuelles Arsenal hervor, das vor jeglicher Verifizierung geschützt war. Man erschuf ein alternatives Universum mit eigener Wissenschaft und Akademia, um sicherzugehen, dass jeder, der daran teilnahm, sein Tun als normal begreifen konnte und sich selbst als Wissenschaftler, der Wissenschaft betreibt. Diese sich selbst abschottende intellektuelle Ganzheit unterschied die Nazis von den kommerzorientierten Konservativen, mit denen sie paktierten. Mengeles Karriere gemahnt daran, dass der Nazismus keine Form des rohen Kapitalismus war, wie die Linke lange behauptete, sondern purer Irrsinn im weißen Kittel - vom Glauben und leidenschaftlichen Ideen befeuert wie viele historische Bewegungen, nicht von nachvollziehbaren Interessen … Zu erkennen ist, wie eng die Auslöschung der Juden mit dem Hass auf den Kosmopolitismus zusammenhängt. Obgleich viele der ermordeten Juden arme religiöse Bauern und Händler aus Osteuropa waren, waren der Hauptfeind, so wie Mengele es sah, stets die gebildeten Juden Westeuropas. Als ein SS-Arzt sich fragte, warum all die armen osteuropäischen Juden getötet wurden, erinnerte er sich an Mengele, der erklärte, 'dass genau aus dieser Quelle die Juden neue Kraft und frisches Blut schöpften. Ohne diese armen, harmlosen Juden wäre der westeuropäische Jude nicht überlebensfähig. Daher ist es nötig, sie alle zu vernichten.' Die Masse der armen religiösen Juden in Polen wurde fast zufällig Teil des Schlachtens, das tatsächliche Ziel war die Elite, die den Bazillus des Kosmopolitismus mit sich brachte."

Außerdem: Luke Mogelson berichtet, wie sich Minneapolis unter dem Eindruck der jüngsten Demonstrationen gegen Rassismus verändert. Jill Lepore kritisiert all die Ausschüsse und ihre Berichte, die über die Jahrzehnte den Rassismus dokumentiert und doch nichts verändert haben. Rachel Aviv schickt eine Reportage aus amerikanischen Gefängnissen, wo Corona fast ungehindert wüten kann. Sarah Resnick stellt die Autorin Brit Bennett vor. Paul Elie fragt, wie rassistisch die Autorin Flannery O'Connor war. Jennifer Homans begutachtet den Tanz in Zeiten von Corona. Und Anthony Lane sah Spike Lees Netflix-Drama "Da 5 Bloods".

Magazinrundschau vom 02.06.2020 - New Yorker

Endlich, eine große Biografie über Andy Warhol. Joan Acocella liest sie mit Vergnügen, denn Autor Blake Gopnik kann schreiben. Größter Schwachpunkt, meint sie, ist seine Verteidigung der späten Warhol-Werke, für die Acocella das Wort Kunst nicht mehr benutzen würde. Aber hagiografisch ist das Buch auch nicht, wie diese Episode zeigt: "In den fünfziger Jahren gab es in den Vereinigten Staaten bereits Konzeptkunst, aber die Star-Maler waren die Abstrakten Expressionisten, allen voran Jackson Pollock und Willem de Kooning, mit ihren aufwendigen Drips und Impastos. Den Ab Exes waren die jungen Robert Rauschenberg und Jasper Johns auf den Fersen, die teils konzeptuell, teils malerisch arbeiteten und sich 'Pop' annäherten ... Auch Warhol interessierte sich für dieses populäre Thema und seine Umsetzung. Er ärgerte sich darüber, dass andere Leute ihm, so sah er es, die Show stahlen. Laut einer berühmten Geschichte beschwerte er sich eines Abends bei Freunden darüber und fragte, ob jemandem Bilder der Popkultur einfielen, die noch niemand benutzt hatte. Eine Dekorateurin namens Muriel Latow sagte, sie hätte einen Vorschlag, wollte aber fünfzig Dollar im voraus, bevor sie ihn enthüllen würde. Der schamfreie Warhol setzte sich hin und schrieb einen Scheck aus. Dann sagte Latow: 'Sie müssen etwas finden, das für fast jeden erkennbar ist ... so etwas wie eine Dose Campbell's Suppe.' Gopnik nennt dies Warhols 'Heureka-Moment', und es ist typisch für die Raffinesse des Buches, dass die entscheidende, keimende Idee von Warhols Pop Art ohne Entschuldigung jemand anderem statt Warhol zugeschrieben wird."

Weitere Artikel: Elizabeth Kolbert erzählt, wie Island Covid 19 besiegt. Hua Hsu porträtiert die 79-jährige Autorin Maxine Hong Kingston. Peter Schjeldahl denkt über Hopper nach, während er den Katalog zur Ausstellung in der Fondation Beyeler durchblättert. Ein enttäuschter Anthony Lane sah Josephine Deckers Film "Shirley" nach einem Roman über die Autorin Shirley Jackson. Außerdem gibt es in dieser Ausgabe drei Erzählungen - eine unveröffentlichte von Hemingway, eine von Haruki Murakami und eine von Emma Cline - und Geschichten über Close Encounters u.a. von Miranda July und Ottessa Moshfegh.

Magazinrundschau vom 26.05.2020 - New Yorker

Für die aktuelle Nummer des Magazins folgt James Wood Dostojewski in die Verbannung. Was macht Dostojewski in Sibirien? Er liest Hegel. Behauptet zumindest der ungarische Kritiker László F. Földényi in einem (jetzt ins Englische übersetzten) Essayband, in dem der Autor laut Wood in die Fußstapfen Ciorans tritt: "Földenyis Version (der Aufklärungskritik, d. Red.) geht so: Die Rationalität der Aufklärung hat nicht nur Gott durch einen Gott der Vernunft ersetzt, sondern auch die Freiheit neu definiert als rein instrumentell, nicht länger metaphysisch, als etwas, das der Mensch formen und kontrollieren kann. Echte Freiheit aber, glaubt Földenyi, 'wird nur erreicht, durch das, was mich transzendiert', was jenseits unserer Macht und unseres Verstehens steht. Wenn wir dieser Idee von Freiheit abschwören, fangen wir an, auf Erden Utopien zu bauen, die sich in Dystopien verwandeln. Hier folgt Földenyi Dostojewski, der den Kristallpalast auf der Londoner Weltausstellung mit Horror als Tempel des kapitalistischen Triumphs erkannt hatte. Földenyis Version des Glaspalastes ist der kugelförmige Turm zu Babel, erbaut mit hybridem Rationalismus, als Zeichen für den globalisierten Markt des westlichen Kapitalismus … Aber was ist diese Transzendenz, die der Welt abhanden gekommen ist? Als Christ bleibt der Autor hier seltsam zurückhaltend, spricht von 'transzendentalen' Zielen und davon, 'offen zu bleiben für die metaphysische Tradition', für 'das Göttliche'. Doch wenn er wirklich Gott mit dem Göttlichen meint, warum sagt er es nicht? Dostojewski wäre klarer gewesen."

Außerdem: Ariel Levy porträtiert die keinem Streit aus dem Weg gehende Schriftstellerin Lionel Shriver. Adam Gopnik testet die Online-Psychotherapie. Nathan Heller schaut nach San Francisco, wo Obdachlosenkrise und Coronakrise konvergieren. Und Carrie Battan hört The 1975. Und Anthony Lane sah im Kino "The Painter and the Thief" von Benjamin Ree.