Magazinrundschau - Archiv

The New York Times

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Magazinrundschau vom 29.09.2003 - New York Times

Jonathan Rabans Roman "Waxwings" besticht durch seine positive Grundhaltung, lobt Geoff Nicholson, auch wenn der Plot gar nicht danach aussieht: Rabans Held unterrichtet kreatives Schreiben in Seattle und lebt komfortabel vor sich hin. Bis er eine Phantomzeichnung eines mutmaßlichen Kinderschänders sieht, "die, wie er schockiert feststellt, eine groteske Karikatur von ihm selbst darstellt". Hinzu kommt noch ein "illegaler und amoralischer" chinesischer Bauunternehmer, der sein Haus repariert, und fertig ist eine großzügiger, bestärkender Roman. "Am Ende gibt der selbstverliebte Schriftsteller sich dem Leben hin."

Weitere Artikel: Im Close Reader bewundert Margo Jefferson den Fotoband "Harvard Works Because We Do", der - ergänzt durch Interviews - die Geschichte der Universitätsarbeiter erzählt, die von 1998 bis 2001 für menschlichere Arbeitsbedingungen an der schwerreichen Eliteeinrichtung kämpften. Jefferson fühlt sich auf angenehme Weise an die literarischen Dissidenten der Samizdat-Bewegung im ehemaligen Ostblock erinnert. Ex-Diplomat Richard Holbrooke jubelt, dass sich Stephen C. Schlesinger mit "Art of Creation" der so lange stiefmütterlich behandelten Gründungskonferenz der Vereinten Nationen 1945 in San Franciso annimmt, und das gleich auf so "exzellente" Art und Weise. Ansonsten bleibt das Urteil der Rezensenten eher verhalten: Thomas Mallon hält Joan Didion zwar für eine der "Großen", ihren neuen Kalifornien-Roman "Where I was From" (erstes Kapitel) empfiehlt er aber eher Didions "langjährigen Bewunderern". Und Stephen Metcalf orakelt zu Jhumpa Lahiris begabtem, aber trockenen Debütroman "Namesake": "Einfach Gesagtes kann nicht immer tief Gefühltes aufwiegen."

Schließlich spendiert uns die NYT Book Review ein kleines feines Gedicht von John Updike. Hier die letzten Verse:

"... Small dry red planet, when you loom
again, this world will be much changed:
our loves and wars, at rest, as one,
and all our atoms rearranged."

Magazinrundschau vom 22.09.2003 - New York Times

Ladies der Nacht! Daphne Merkin feiert ein Buch, dass ihr nach langer Zeit wieder einmal zu denken gegeben hat über die Beziehung von Mann und Frau: Virginia Roundings "Grandes Horizontales", ein Porträt vier legendärer Kurtisanen, die in der schillernd dekadenten Zeit der Zweiten Republik Dichter, Denker und Lenker mühelos um den Finger wickelten. "Die faszinierendeste war Apollonie Sabatier alias 'La Presidente', die ihr Leben als Aglae-Joesphine Savatier begann. (Rounding betont, dass ihr Nachname mit seiner Nähe zu 'savate', also 'alter Schlappen', 'für eine schöne junge Frau wohl kaum angebracht war')." Madame Sabatier bekam Liebesbriefe von Baudelaire, ihr skandalöses Marmorabbild kann im Musee d'Orsay bewundert werden (oder hier). Dass die Autorin die Fakten manchmal dem "impressionistischen Flair" opfert, stört Merkin nicht. Roundings Bericht bleibe "faszinierend".

"Who killed Daniel Pearl?", fragt Bernard-Henri Levy in seinem neuen Buch, das Robert D. Kaplan als "fesselnde Synthese aus Philosophie und Reportage" würdigt. Und auch Mariane Pearls Erinnerungen "A Mighty Heart" seien bemerkenswert wegen der "unheimlichen Tiefe", mit der sie die letzten Wochen ihres Mannes schildere.

Aus den weiteren Besprechungen: Jonathan Lethems (eine Lesung zum Nachhören) "melancholisch-wundervoller" Roman "The Fortress of Solitude" (erstes Kapitel) entringt A.O. Scott genussvolle Seufzer. Man glaubt fast, er wäre selbst gerne als weißer Junge in Brooklyn aufgewachsen. Robert Sullivan tituliert Gail Sheehy als "Therapeutin der Nation", was sein ohnehin verhaltenes Lob über ihren 9/11-Witwen-erinnern-sich-an-ihre-gestorbenen-Männer-Report (erstes Kapitel) noch ein wenig gezwungener klingen lässt. Und zum Schluss ein wenig Poesie: Louis Simpson ist auf dem Höhepunkt seines Schaffens, jubelt David Orr nach der Lektüre von Simpsons neuem Gedichtband "The Owner of The House". Wie sich das liest? "Reumütig, einfach, lustig und ernst".

Das New York Times Magazine widmet sich mit einem Special hingebungsvoll der Männermode.

Magazinrundschau vom 15.09.2003 - New York Times

Begeisterung auf allen Rängen: Kein Verriss, kein Mittelmaß, nur Lobpreisungen sind diese Woche aus der Redaktion der Book Review zu vernehmen: "Reisen ist für Leute, die nicht wissen, wie man glücklich wird", lässt Nell Freudenberger (eine Lesung mit ihr zum Anhören) einen indischen Hausbesitzer in einer ihrer Geschichten sagen. Jennifer Schuessler hat die Erzählsammlung "Lucky Girls" rund um Amerikaner im Ausland auf jeden Fall glücklich gemacht. "Junge Autoren, die so ehrgeizig - und dabei so gut - sind wie Nell Freudenberger, geben uns Grund zur Hoffnung." Die Lorbeeren habe sich Freudenberger nicht nur durch ihren "hinreißenden" Stil verdient, meint die Rezensentin, sondern vor allem durch ihren sezierenden Blick auf die weltreisenden Landsleute. "Ob sie in AIDS-Waisenhäusern in Bangkok arbeiten, den Hippie-Trails durch den Hindukusch folgen oder einfach hinter den blumengeschmückten Mauern der luxuriösen Ghettos irgendwelcher Aussteiger herumhängen, diese Menschen sind einsame Ein-Mann-Territorien. Freudenbergers Geschichten sind voller Mütter (üblicherweise abwesend), Väter (üblicherweise geistig abwesend) und Liebender, aber ihre Charaktere geben nicht viel auf soziales Miteinander."

Großes Lob heimst auch Richard A. Posners Traktat "Law, Pragmatism and Democracy" ein. Alan Ryan schätzt nicht nur Posners außergewöhnliches Flair und sein fundiertes Wissen, sondern glaubt auch, dass Posner ein paar bedenkenswerte Vorschläge macht, wie die amerikanische Demokratie leistungsfähiger werden kann.

Die Titelbesprechung widmet sich Caroline Alexanders "The Bounty", in der sie den Kapitän William Bligh als gar nicht so grausam rehabilitiert und die meuternden Matrosen einer ungewöhnlichen Dünnhäutigkeit bezichtigt. Abraham Verghese findet Tracy Kidders Porträt (erstes Kapitel) des Arztes und Albert-Schweitzer-Nachfolgers Paul Farmer "inspirierend, verstörend, mutig und völlig fesselnd". Ebenfalls angetan ist Eric Weinberger von Charles Baxters Roman "Saul and Patsy". Baxter erinnert ihn manchmal an Jonathan Franzen, "aber der Vergleich ist ein wenig unfair für Baxter, der ja schon ein wenig länger im Spiel ist".

Das New York Times Magazine widmet seine Titelgeschichte Diane Arbus, deren Fotografien (Buch) ab 25. Oktober in einer großen Retrospektive im San Francisco Museum of Modern Art gezeigt werden.

Magazinrundschau vom 08.09.2003 - New York Times

Zwei gingen fort, einer kam zurück. Jason Kersten bleibt in seinem gelungenen Erstling "Journal of the Dead" (erstes Kapitel) bei den Fakten, wenn er die wahre Geschichte zweier Freunde erzählt, deren Wandertour im Süden der USA für den einen mit dem Messer des anderen im Rücken endet. Die nachdenkliche Unaufgeregtheit imponiert Bruce Barcott, der das Journal der Toten ohne Bedenken empfehlen kann. "Kersten erzählt diese traurige Geschichte in einem spärlichen, zurückgenommenen Stil, der perfekt zu den Sekundärcharakteren des Buches passt. Eine der unerwarteten Freuden des Buches ist die Beschreibung des Lebens in den staubigen Wüstenstädten New Mexicos. Die Polizeibeamten und Rechtsanwälte werden als ungewöhnlich anständige Menschen beschrieben, die eine bizarre Situation zu lösen versuchen."

In ihrer Last-Word-Kolumne wehrt sich Laura Miller gegen den verbreiteten Irrglauben, Lesen sei gut für den Menschen. "Einige der eifrigsten Leser, die ich kenne, sind auch die engstirnigsten Denker. Jemand kann bemerkenswert unsensibel anderen gegenüber sein, obwohl er Berge von Klassikern studiert hat. Und Lesen kann einem, wie im Fall von Emma Bovary, sogar den Appetit auf das richtige Leben verderben."

Aus den weiteren Besprechungen: Ein zweites Debüt, "Brick Lane" (eine Lesung mit der Autorin zum Anhören hier), hat es sogar bis auf den Titel geschafft. Nicht ohne Grund, wenn man Michael Gorra glauben darf, der Monica Alis Selbstfindungsgeschichte in Londons Bangladeshi-Immigrantenszene, "wirklich lohnenswert" fand. Benedict Nightingale hält Helen Sheehys Biografie der Stummfilmschauspielerin Eleonora Duse (erstes Kapitel) für fesselnd, lustig, bewegend - mit einem Wort: vorbildlich. Ebenfalls in höchsten Tönen lobt Will Blythe Sena Jeter Naslunds "Four Spirits" (erstes Kapitel), Roman rund um den Bombenanschlag in der Baptistenkirche im amerikanischen Birmingham, bei dem 1963 vier schwarze Mädchen getötet wurden. "Als wenn Virginia Woolf nach Birmingham gekommen wäre, um für die Bloomsbury Times über die Bürgerrechtsbewegung zu berichten."

Magazinrundschau vom 01.09.2003 - New York Times

Seit der erfolgreichen Verfilmung von "The Talented Mr. Ripley" (mehr hier) erfreut sich das zwischen "ernsthafter Literatur, Pulp Fiction, Comic und psychatrischer Fallstudie" pendelnde Werk von Patricia Highsmith (mehr hier) später Aufmerksamkeit. Zwei neue Bücher beleuchten das Leben der exzentrischen Autorin, mit unterschiedlichem Fokus, wie Elise Harris in ihrer Doppelbesprechung feststellt. Andrew Wilson zeichne sich in seiner Biografie "Beautiful Shadow" vor allem durch die Distanz zu seinem Subjekt aus, die es ihm ermögliche, "Highsmith's bizarre persönliche Vorlieben zu dokumentieren ohne dabei aber ihre intellektuellen und emotionalen Einsichten unter den Tisch fallen zu lassen." Von Marijane Meakers "Highsmith", dem Report ihrer dreijährigen Beziehung mit der Schriftstellerin in den Jahren 1959 bis 1961 dagegen hat die Rezensentin zudem gelernt, dass Highsmith "Frauen in sexueller Hinsicht bevorzugte, für alles andere nahm sie lieber Männer."

Anlässlich des bevorstehenden hundertsten Geburtstags von Evelyn Waugh (eine gutgemachte Führung durch Leben und Werk hier) sieht sich Jim Holt veranlasst, ein paar Klischees richtig zu stellen. Vor allem, seit aus seinem beliebtesten, aber auch meistgehassten Roman "Brideshead Revisited" eine Fernsehserie (mehr hier) wurde, gilt Waugh vielen als snobistischer, nostalgischer, romantisch-katholischer Liebhaber englischen Landlebens. Dabei sah Waugh das moderne Leben als "wild, amoralisch und chaotisch an. Seine perfekt modulierte Sprache erlaubt es ihm aber, diese zornige Vision in eine raffinierte Farce umzuwandeln."

Aus den weiteren Besprechungen: Ganz aus dem Häuschen ist Norman Rush über David Quammens "Monsters of God", der kunstvolle wie konzentrierte Bericht über die bedrohliche Lage der Großraubtiere der Erde sowie die Versuche zu ihrer Rettung. Michael Janeway hat zwei neue politische Bücher besprochen und kann keinem etwas abgewinnen. Die Abrechnung des früheren Clinton-Beraters Dick Morris mit seinem Dienstherrn erscheint ihm zu rachetrunken, um ernst genommen zu werden, während Joe Conasons Angriff auf die Republikaner zu faktenlastig und zu gesetzt daherkommt, um im "Schrei oder Stirb"-Geschäft der politischen Auseinandersetzungen Gehör zu finden. Obwohl Margot Livesey einige Schwierigkeiten mit Margaret Leroys Roman "Postcards from Berlin" (erstes Kapitel) hat, war sie doch gespannt darauf, wie er ausgeht. Kein Wunder, bei dem Titel!

Magazinrundschau vom 25.08.2003 - New York Times

Der Schriftsteller John O'Hara (ein Artikel im Atlantic Monthly) "war legendär rüpelhaft, eitel, kleinlich, versnobt, streitsüchtig und einfach schwer zu ertragen", gibt Charles McGrath zu. Umso verdienstvoller sei da die feine Biografie (erstes Kapitel) von Geoffrey Wolff, der versuche "John O'Hara sowohl als Schriftsteller als auch als menschliches Wesen zu rehabilitieren. Das Ergebnis ist eine Biografie, die sowohl befriedigend als auch angenehm unkonventionell ist", lobt er. Selbst wenn Wolff die Kurzgeschichten O'Haras unterschätze, besonders die im New Yorker, die den legendären Erzählstil des Magazins mitbegründeten.

Wer einem klugen jungen Studenten erklären will, wie sich der Kommunismus für einen intelligenten Gläubigen anfühlte, dem empfiehlt Christopher Hitchens (mehr) "Gefährliche Zeiten" von Eric "dem Roten" Hobsbawm, den Hitchens als "ehemals gläubigen Kommunisten, skeptischen Euro-Kommunisten und nun leicht griesgrämigen Post-Kommunisten" charakterisiert. Hitchens schätzt die pragmatisch-loyalistische Art, wie Hobsbawm seinen intellektuell-politischen Werdegang schildert. "... er verlor die historische Wette genau wie die Partei. Geschichte, sagt er, weint nicht über vergossene Milch. So gern ich seine Argumentation zurückweisen wollte (Blut ist wohl doch noch etwas anderes als Milch), merkte ich, wie mich dieser Minimalismus beeindruckte."

Laura Miller klagt in ihrer Last-Word-Kolumne, wie ermüdend die alljährlichen Enthüllungsromane aus dem Literaturbetrieb werden. Dieses Jahr trägt er den Titel "The Storyteller", veröffentlicht unter dem "lahmen Pseudonym" Arthur Reid. Schnell wurde das Pärchen gefunden, dass dahintersteckt. Es hatte seinen Namen in den Druckfahnen "vergessen".

Aus den weiteren Besprechungen: Gary Krist hält Adam Johnsons "Parasites Like Us" für wirklich ehrgeizig und originell. Nur leider scheitert die Geschichte von dem Anthropologen, der seinen zukünftigen Kollegen den Untergang der Menschheit schildert, an den vielen Fehlern in der Beschreibung der Gegenwart. Nett findet Craig Seligman das Format der verbundenen Kurzgeschichten in Sara Pritchards erstem Roman "Crackpots" (erstes Kapitel), als störend empfindet er aber das triefende Pathos und die unpassende frührreife Erzählstimme der Autorin.

Magazinrundschau vom 18.08.2003 - New York Times

Zeit und Raum, Einstein und Poincare. In "Einstein's Clocks, Poincare's Maps" (mehr hier) erzählt Peter Galison die Geschichte der beiden Genies und wissenschaftlichen Brüder im Geiste, und das auf faszinierende Weise, wie William R. Everdell versichert. Nicht nur verstehe man endlich die Relativitätstheorie, man bekomme auch einen Einblick, wie die scheinbar abstrakten Gedankenspiele von damals heute die Amerikaner im Irak gewinnen lassen, freut sich der Rezensent. "Galison demonstriert überzeugend und in überwältigender Detailfreude, wie die alles entscheidende Frage von 1900, Standardzeit und präzise Längengrade, der Referenzrahmen sowohl für Poincare als auch für Einstein war. Sein Buch ist mehr als eine Geschichte der Wissenschaft, es ist eine Tour de Force des Genres der Wissenschaftsliteratur. Lustvoll die Grenzen der einzelnen Disziplinen überschreitend, erklärt Galison die jahrhundertealte, aber immer noch verwirrende spezielle Theorie der Relativität als Kulturgeschichte der Technologie."

Scott Berg hat über seine zwanzigjährige Freundschaft mit Katharine Hepburn nun ein Buch geschrieben, "Kate Remembered" (mehr hier), dass bei Robert Gottlieb einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen hat. "Ein Gefühl der Ausbeutung; wer aber hier wen ausgebeutet hat, kann man schwer sagen. Alle Biografen nutzen ihre Subjekte in gewissem Maße aus, indem sie sie neu erfinden, und Hepburn beutete jeden aus."

Aus den weiteren Besprechungen: Carl Hiaasen hat sich prächtig amüsiert mit Garrison Keillors neuem Roman "Love Me", in dem dieser seinen Helden einen Job beim New Yorker ergattern lässt und es zudem noch schafft, J.D. Salinger auftauchen zu lassen. Mike Wallace weiß durch Allen Hershkowitz' autobiografischem Report "Bronx Ecology" nun, wie schwierig es ist, in New York ein Recyclingwerk aufzumachen, es sei denn, man hat siebzigtausend Dollar Schmiergeld parat.

Hingewiesen sei schließlich noch auf eine Reportage im New York Times Magazine von Peter Landesman über den größten Waffenhändler der Welt, Victor Bout. Auch wenn sich der Reporter gelegentlich wie in einem schlechten Hollywood-Thriller vorkam, untersucht er detailliert auf elf Seiten Bouts ausgezeichnete Verbindungen zu den Regierungen dieser Welt.

Magazinrundschau vom 11.08.2003 - New York Times

Behende und umsichtig wie Lucille Ball selbst (eine der 100 wichtigsten Time-Personen des Jahrhunderts, hier ein Audio-Interview) ist auch Stefan Kanfers Biografie "Ball of Fire" (erstes Kapitel), lobt Terrence Rafferty. Mit der Slapstick-Serie "I love Lucy" (mehr) reüssierte die rothaarige Ball vor fünzig Jahren in dem von Woody Woodpecker und seinen realen männlichen Kollegen dominierten Genre. Unerhört und heldenhaft, damals den Film für das Fernsehen aufzugeben, findet der Rezensent. Noch dazu als Frau. Gelohnt hat es sich. "Der wichtigste Rotschopf des 20. Jahrhunderts war eine sehr wohlgestaltete Frau namens Lucille Ball, nach einer beschäftigten aber nicht glanzvollen Filmkarriere sich dem Fernsehen zuwandte und es den Jungs namens Red, dem Trickfilmvogel und den Millionen Fernsehzuschauern zeigte, wie richtiger Slapstick gemacht werden sollte." Die Frage aber, warum Ball im Fernsehen so viel erfolgreicher war als im Film, kann auch Kanfer nicht beantworten, bedauert der Rezensent.

Es gibt Bücher, die ihre Autoren am liebsten unter den Tisch fallen lassen würden. Gerade die, behauptet Laura Miller in ihrem Essay, sind oft die besseren, aufschlussreicheren. Don de Lillo etwa lehnte es rundheraus ab, ein Frühwerk zu signieren. "Manche Schriftsteller sind toleranter im Umgang mit ihren unglücklichen Werken der Vergangenheit als andere. Jahrzehntelang führte Salman Rushdie einen seiner frühen Romane "Grimus" auf seiner Werksliste, obwohl das Buch vergriffen war; darüber befragt, wies er freundlicherweise darauf hin, dass das Buch wohl nicht die Zeit wert wäre, es zu lesen."

Aus den weiteren Besprechungen: Peter Davidson bewundert Edward Hirsch für dessen sechsten Gedichtband "Lay Back the Darkness", das "unverblümte Epos eines ehrlichen Mannes mit der Mission, sein Leben aufzusaugen und zu verstehen". Terry Teachout glaubt, dass man ohne spezielle Kenntnis der amerikanischen 30er und 40er Jahre wenig Freude an der 800-seitigen Edition der Briefe James A. Thurbers haben wird und sich wahrscheinlich sogar langweilen mag. Zu viel, zu lang, zu verdrießlich: Sasha Frere-Jones empfiehlt Arthur Kemptons "Boogaloo" (erstes Kapitel), ein Überblick über 100 Jahre schwarze Musik, entweder mit einer kohärenten Hintergrundtheorie auszustatten oder es einfach gleich zu halbieren.

Magazinrundschau vom 04.08.2003 - New York Times

Exzellent, exakt, empfehlenswert! John Sutherland berauscht sich an Blake Baileys Biografie ("A tragic Honesty") des ungemein talentierten, glücklosen und vergessenen Schriftstellers Richard Yates (ein langes und aufgeräumtes Interview). "Auf dem Höhepunkt seiner Karriere war Yates ein ausgereifter Alkoholiker und regelmäßig im Krankenhaus. Stur trank er weiter, welche Medikamente ihm auch verschrieben wurden, mit verheerenden körperlichen Folgen (und einem schönen 'Trinkerroman', "Disturbing the Peace"). Seine Manien wurden immer stärker. Eine Selbst-Kreuzigung auf der Brotlaib-Konferenz 1962 wurde "Teil des örtlichen Sagenschatzes", wie Bailey trocken vermerkt. Als Mann mit begrenzten kulturellen Interessen liebte Yates aber einige Bücher leidenschaftlich. Am meisten "The Great Gatsby", der für ihn "heilige Schrift" war. Man fragt sich, ob der Zusammenbruch, wie für Fitzgerald, eine kreative Voraussetzung darstellte.

Nicht weniger als den Horizont der Amerikaner erweitern will Jon Krakauer mit "Under the Banner of Heaven" (erstes Kapitel), staunt Robert Wright. "Seit dem 11. September 2001 haben die Amerikaner viel über die dunkle Seite der Religion geredet, aber meistens ist es nicht Religion in Amerika, an die sie denken. Das könnte sich mit Krakauers lesenswerter Charakterstudie ändern, der Geschichte des Mormonen Dan Lafferty, der 1984 zusammen mit seinem Bruder dessen Frau und ihre gemeinsame Tochter ermordet hat. Sie waren der göttlichen Mission im Weg und mussten "beseitigt" werden.

Margo Jefferson verfasst eine Elegie auf Willa Carther, die große Schriftstellerin und Theaterkritikerin. Zur Charakterisierung zitiert sie aus einer Cartherschen Kritik zu Eleonora Duse. "Die Kunst anderer Frauen gründet in der Verhüllung. Ihre Kunst basiert auf Enthüllung."

Aus den weiteren Besprechungen: Jorge G. Castaneda, ehemaliger mexikanischer Außenminister, schätzt Rebecca Wests "Survivors in Mexico" (erstes Kapitel) als "ein Buch, das alle Leute, die schreiben wollen, wohl gerne geschrieben hätten". West schildert darin Eindrücke einer Reise, die mehr als 30 Jahre zurückliegt. Obwohl Melvin Konner mit Willard Gaylin nicht in allen Punkten übereinstimmt, preist er dessen Studie "Hatred" doch als "weises und sehr beunruhigendes Buch", als "feine, präzise" Untersuchung des Hasses.

Magazinrundschau vom 28.07.2003 - New York Times

Für kurze Zeit war Wired das coolste Magazin der Welt, schreibt Gary Wolf in seinem Abgesang auf den einst hippen Propheten des digitalen Zeitalters. David Carr hat Wolfs "Wired. A Romance" (erstes Kapitel) weniger als eine Liebeserklärung gelesen, denn als "theologische Autopsie einer Religion", die "in weniger als einem Jahrzehnt aufblühte und wieder erlosch". Grundsätzlich sei das Buch des ehemaligen Wired-Redakteurs Wolf eine Biografie von Louis Rossetto (mehr hier), einer "überlebensgroßen Persönlichkeit", der das Magazin zusammen mit Jane Metcalfe 1993 gründete. "Rossetto, einst Anarchist mit einem Business-Master-Diplom aus Columbia, wusste einiges über Revolutionen." Seine Ambitionen waren aber immer größer als seine Finanzen. "Das Magazin wurde schließlich an Conde Nast verkauft, und seine beiden Gründer gingen mit 30 Millionen und einem ziemlich schlechten Nachgeschmack aus der Sache heraus."

Eine der "überzeugendsten wahren Liebesgeschichten der Gegenwart", jubelt Richard Eder über Marianne Wiggins' Roman "The Evidence of Things Unseen" (erstes Kapitel, Audio Lesung). Eder zeigt sich begeistert vom umfassenden Anspruch des Werks und Wiggins' "Leidenschaft, sich in ein gewaltiges Unbekanntes hineinzustürzen, zu suchen, zu fehlen, sich zu erholen und wieder weiterzumachen, und dabei jeden Grashalm auf dem Weg zu bemerken: das scheint mir Kennzeichen für wahre epische Anstrengung zu sein."

Laura Miller empfiehlt das Studium der Werke des britischen Architekten Christopher Alexander (hier sein Musterbaukasten zum Selbstentwerfen von Räumen oder Städten, zu empfehlen sind auch die Informationen über Alexanders Einfluss auf das Studium orientalischer Teppiche). Er verfasse "jene Sorte von Büchern, mit denen jeder ernsthafte Leser sich bisweilen auseinandersetzen sollte: umfangreiche, herausfordernde, grandiose Traktate, die den Leser ermutigen, das eigene Denken auseinanderzunehmen und wieder neu zusammenzusetzen."

Weitere Besprechungen: Besonders gefallen hat Fareed Zakaria an Simon Schamas inhaltlich wie stilistisch gelungener "A History of Britain" der Schluss: ein "brillanter essayistischer Blick" auf das moderne England, durch die Augen von Winston Churchill und George Orwell. Jonathan Wilson lobt Alan Lightman hingegen, dass dieser bei "Reunion" (erstes Kapitel) ganz auf Sepzialeffekte verzichtet hat. Herausgekommen sei ein schlichter, eleganter Roman über die Art, wie wir uns die Vergangenheit zurechtkonstruieren.