Magazinrundschau

Die Magazinrundschau

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
04.08.2003. Der Economist lanciert einen Großangriff auf Silvio Berlusconi. "Kein Vergeben, kein Vergessen für Pinochet!" ruft Luis Sepulveda im Nouvel Obs. Im Times Literary Supplement möchte Marina Warner den Papst schütteln. Outlook India verteidigt die BBC gegen Blair. Der Merkur hat ganz friedlich  Jonathan Franzen, David Foster Wallace, Jeffrey Eugenides und Richard Powers im Mittleren Westen besucht.

Economist (UK), 01.08.2003

"Lieber Mr. Berlusconi". So herzlich beginnt der offene Brief des Economist an den italienischen Premierminister, eine Herzlichkeit jedoch, die sich bereits mit der Anrede erschöpft. Denn die hat sich Berlusconi in den Augen des Economist gründlich verspielt, indem er sich durch ein kürzlich verabschiedetes Immunitätsgesetz der italienischen Justiz entzogen hat. "Ein amtierender Premierminister sollte sich, was diese Auseinandersetzung angeht, vor dem Gericht der öffentlichen Meinung verantworten, nicht vor dem Gericht der Justiz. Somit fordert der 'Economist' Silvio Berlusconi diese Woche heraus, sich dieser Verantwortung zu stellen. Wir haben ein umfangreiches, durch Urkundenmaterial gestütztes Dossier erstellt, was seine mutmaßlichen Vergehen angeht. (...) Wir glauben, dass Silvio Berlusconi, da er von den Beweisen abweichende Behauptungen gemacht hat, öffentlich erklären muss, warum diese Beweise falsch sind. Daher senden wir dem italienischen Premierminister unser vollständiges Dossier, über den gesamten SME-Fall und über Berlusconis weitere Prozesse und Rechtsstreitigkeiten, als offenen Brief in den Palazzo Chigi nach Rom, und fordern ihn auf, unsere zahlreichen Fragen zu beantworten. (...) Wir erwarten seine Antwort."

Das ist nicht ganz so demütigend wie der Titel über John Major auf dem Höhepunkt der BSE-Krise, der den Premier kurz vor den Wahlen mit Hörnern zeigte und der Überschrift: "Mad, bad and dangerous for Britain". Ein komplettes Dossier zu Berlusconi liefert einen Überlick über die SME-Affäre, Auszüge aus Berlusconis "spontaner Erklärung" vor Gericht am 5. Mai 2003 (die vollständigen Transkripte kann man auf Englisch und Italienisch lesen, im pdf-Format), Einzelheiten der Bestechungs-Affäre um den derzeitigen Präsidenten der Europäischen Kommission Romano Prodi, eine klare Antwort auf den von Berlusconi angemeldeten Anspruch auf ein Verdienstkreuz ("wofür?"), einen Überblick über die weiteren Anklagen, die gegen Berlusconi erhoben wurden und die zum Teil noch verhandelt werden, und einen Rückblick auf die frühen Karrierejahre des Silvio Berlusconi.

Passend dazu gibt es einen Artikel vom 28. April 2001 zu lesen, in dem der Economist Berlusconi für regierungsunfähig erklärt (was ihm prompt eine Klage eingebracht hat), sowie unsere Post aus Neapel, in der Gabriella Vitiello beschreibt, wie überraschend eng das Wetter und die Regierungspolitik zusammenhängen.

Weitere Artikel: Nach dem Tod des Versicherten werden die Hinterbliebenen ausbezahlt. So lautet das Prinzip der Lebensversicherung. Was die Angehörigen der Holocaust-Opfer angeht, berichtet der Economist, ist man allerdings, und dies trotz internationaler Bemühungen, noch weit von einer umfassenden Zahlungsregelung entfernt. Als einem Mann mit geradezu genialem Timing huldigt der Economist dem kürzlich verstorbenen Komiker Bob Hope. Wer die Probleme - und das Potential - der Katholischen Kirche in Amerika erkennen möchte, braucht sich nach Ansicht des Economist nur im Bistum Los Angeles umsehen. Schließlich hat der Economist drei Bücher zum Thema Umwelt gelesen und ist vor allem von Sir Martin Rees' "Our Final Century" beeindruckt, in dem es weitaus unapokalyptischer zugeht als sein Titel verspricht: Die Herausgeber haben schlichtweg das vom Autor gesetzte Fragezeichen vergessen.

Nur im Print zu lesen: Es gibt kein Monster im Loch Ness, aber es gibt einen EU-Jargon.
Archiv: Economist

Nouvel Observateur (Frankreich), 31.07.2003

In einem Debattenbeitrag fordert der chilenische Schriftsteller Luis Sepulveda (mehr hier, Leseprobe hier) "weder Vergeben noch Vergessen für Pinochet!". In seinem Text, einem Vorabdruck aus dem Buch "La Folie Pinochet", das bei Editions Metailie erscheinen wird, kritisiert er, dass es in seinem Land noch immer wimmele von "Militärs, hysterischen Bourgeois, Katholiken und Antikommunisten, Unternehmenschefs, die sich allesamt dank der vom Staatschef garantierten Straffreiheit bereichern konnten (?) und Juristen, die nie weder an das Gesetz noch an die Justiz geglaubt haben".

In einem weiteren Artikel analysiert Eugenio Scalfari, der Gründer von L'Espresso und la Repubblica, das beschädigte Image von Tony Blair. "Blair repräsentiert den postmodernen Helden, bepackt mit all seinen ambitionösen Anwandlungen und Widersprüchen, denen es an Größe fehlt." Besprochen wird ein Band mit Zeichnungen, Gouachen und Aquarellen von Schriftstellern aus der Sammlung von Pierre Belfond, darunter von Baudelaire, Cocteau, William Burroughs und Henri Miller.

In der Reihe über Familiendynastien werden die Menuhins vorgestellt und die Serie über kleine, aber feine Museen in der Provinz führt in dieser Woche nach Vannes ins Musee de la Cohue und nach Laval ins Musee du Vieux-Chateau. Hingewiesen wird außerdem auf den Skulpturenpark "Le Vent des forets" in den Wäldern bei Mairie de Fresnes-au-Mont (laut besonderem Hinweis vernünftigerweise nur außerhalb der Jagdsaison zugänglich), zu lesen ist außerdem ein Interview mit dem Maler Jacques Monory, der Anfang der 60er Jahre sein gesamtes Werk zerstört hatte, und derzeit mit neuen Arbeiten in zwei Ausstellungen (mehr hier) vertreten ist.
Stichwörter: 60er, Tony Blair

Merkur (Deutschland), 01.08.2003

Wieland Freund und Guido Graf haben die vier gegenwärtigen Stars der amerikanischen Literatur besucht - Jonathan Franzen (mehr hier), David Foster Wallace (mehr hier), Jeffrey Eugenides (mehr hier) und Richard Powers (mehr hier)- und stellen viele Gemeinsamkeiten fest, unter anderem, dass ihre großen Erzählungen um die gleichen Probleme der Postmoderne kreisen, um "bröckelnde Identitäten" und den ganzen "seelischen Kindergarten". "Sie sind alle um 1960 geboren, im Mittleren Westen, im unübersehbaren Nirgendwo Amerikas, im Herzen des Herzens des Landes. Alle vier zählen heute zu den bedeutendsten Erzählern Amerikas. Sie kommen nicht aus den Metropolen, sie kommen aus dieser verlässlichen Leere - vier weiße Männer um die vierzig. David Foster Wallace, in der Universitätsstadt Urbana in Illinois geboren, eben dort wo Richard Powers heute lebt, erzählt, dass seine Eltern an Universitäten an der Ostküste studiert haben, dass dort alles schneller, aber auch zynischer abläuft. Dort fragt man, wenn man irgendwas hört oder liest: Ist das interessant? Im Mittleren Westen dagegen: Ist das wahr?"

Jochen Stöckmann erinnert an die Anfänge des vor fünfzig Jahren eingeschlagenen deutschen Sonderwegs, aus jeder (mehr oder weniger zerbombten) Innenstadt eine Fußgängerzonen zu machen. "Das neue, demokratische Deutschland schützt seine Bürger, Kaufhauskönige wie Konsumenten, vor allzu rasendem Verkehr, vor dem rationalen Delirium der Metropolen. Lust an der Geschwindigkeit, Beat des großstädtischen Lebens, urbanes Vergnügen an unvorhergesehenen Situationen - diese westlichen Werte passen einstweilen nicht in den Kanon eines Wirtschaftswunderlandes."

Im Print preist der Amerikanist Gert Raeithel Schönheit und Reichtum des amerikanischen Englisch, das mit seinen Stab-, Binnen- und Endreimen, mit seinen Lautmalereien, seinen Abkürzungen und Wortschöpfungen so schnell, direkt und ungestüm vorwärts drängt. Stephan Wackwitz bricht eine Lanze für die erotische Lyrik des "kommunistischen Dandys" Peter Hack (mehr hier), die "die Selbststilisierung, das Versteckspiel, die Verkleidung, die Ironie, die Grausamkeit, die Verlogenheit, die Treulosigkeit, die Eleganz und das Raffinement" der Erotik "glanzvoll und lustig wieder in ihre seit der Antike angestammten Rechte" gesetz habe und dafür von einer "souveränen Republik" auch gewürdigt werden sollte. Und Gustav Seibt befasst sich noch einmal mit Jörg Friedrichs Buch "Der Brand". Er wirft ihm im Grunde vor, gerade dadurch, dass er nicht aufrechnet, sein Thema - den Luftkrieg - unheilvoll zu verkürzen. "Geschichtsschreibung kann nicht im Stupor vor dem Schrecken verharren." Als Gegenlektüre empfiehlt Seibt Kurt Flaschs Aufzeichnung seiner Mainzer Kindheit "Über die Brücke" zu lesen, in denen der Philosoph sehr bewegend schildert, wie seine Mutter noch in ihrer Todesangst hoffte, dass Deutschland den Krieg verlieren würde.

In weiteres Artikel geht es um die Werte, die neuere Literatur und die verfängliche Praxis des Zitierens, um die Wiederkehr der großen Familiensagen (der Rothschilds und der Esterhazys), um Antonin Dvorak in der Neuen Welt von Iowa, um Schriftsteller als Realitätenvermittler und vieles mehr.
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Archiv: Merkur

New Yorker (USA), 11.08.2003

Kann man Hypochondrie heilen? Dieser Frage geht der Mediziner Jerome Groopman in einer Untersuchung des Phänomens nach. Das Problem für den Arzt beschreibt er so: "Das Verständnis der Hypochondrie ist so vage, dass die meisten Ärzte keine klare Vorstellung haben, wie sie mit Patienten umgehen sollen, die daran leiden. Für den erstbehandelnden Allgemeinmediziner ist sie eine knifflige Sache; er sieht oft Patienten mit nebulösen Beschwerden und muss beurteilen, wie tief er diese mehrdeutigen Symptome erforschen will. Der Arzt weiß, dass in seinem Wartezimmer eine beträchtliche Anzahl von Leuten sitzt, die ihm beweisen wollen, dass ihnen nichts fehlt - dennoch muss er für die Möglichkeit offen sein, dass jeder Patient ernsthaft krank ist. Hypochonder dagegen machen einen Arzt mit ihren unaufhörlichen Hintergrundsgeräuschen im Grunde taub."

Zu lesen ist die Erzählung "Runaway" von Alice Munro (mehr hier) und Hendrik Hertzberg beklagt den Mangel an liberalen Radiosendern.

Rebecca Mead stellt eine Polemik gegen die Liebe der Medienwissenschaftlerin Laura Kipnis vor (Pantheon). Kostprobe ihrer "gnadenlosen" Befunde aus dem modernen Paarleben: "Man kann den Abwasch nicht auf später verschieben, ihn nicht schlecht machen, keine Seife benutzen, direkt aus der Tüte trinken, Krümel machen, ohne sie gleich wieder wegzufegen oder die Geschirrspülmaschine so beladen, wie es einem selbst am sinnvollsten erscheint. (?) Man darf nicht im Bett essen. Man darf direkt nach dem Sex nicht sofort aufstehen. Man darf nicht schlaflos sein, ohne ausgequetscht zu werde, was einen wirklich quält." Außerdem gibt es Kurzbesprechungen, darunter einer Studie über bedrohte Sprachen.

Hilton Als stellt die Theaterproduktionen "Avenue Q" und "Edge" vor, und Anthony Lane sah im Kino "Buffalo Soldiers" von Gregor Jordan, der auf einer amerikanischen Militärbasis in der Nähe von Stuttgart spielt, und Peter Mullans Film "The Magdalene Sisters".

Nur in der Printausgabe: eine Reportage über den blutigen Sommer im Irak, eine Betrachtung des Autos von morgen, ein Bericht über den Tumult um einen Golfplatz in einer wohlhabenden Stadt und Lyrik von Gerald Stern, Carl Phillips und Rachel Wetzsteon.
Archiv: New Yorker

Outlook India (Indien), 11.08.2003

In einem unerhört scharfen und zornigen Text zur britischen Affaire um den Biowaffenexperten Kelly, den BBC-Mann Gilligan und den Kriegsherrn Blair wünscht Daniel Lak, selbst ein ehemaliger BBC-Korrespondent, dem britischen Premierminister und seinen Co-Lügnern die ganze Schärfe der Demokratie an den Hals, nicht nur so eine juristische Untersuchung im Sommerloch, die ihn wahrscheinlich nicht mal bespritzen wird. Und er verteidigt die Journalisten, die im Dreck wühlen, um vielleicht ein paar Körnchen Wahrheit zu finden. Wenn jetzt der Reporter selbst zum Thema der Storys wird, fragt Lak, gerät da nicht die Hauptsache aus dem Blick? "Blair und sein Team", schreibt er, "haben mit treuer Unterstützung von Bush und Konsorten in Washington massive und fürchterliche Lügen verbreitet, um die Invasion eines Landes zu rechtfertigen, das ihres nicht direkt bedrohte. Zu meiner Zeit nannte man so etwas Imperialismus, oder einfach nur Arroganz."

Seema Sirohi hat in George Criles Buch "Charlie Wilson's War" (Besprechung in der New York Times hier) gelesen, wie der texanische Kongressabgeordnete und Playboy Charles Wilson ganz allein wirkungsvoll gegen die Rote Armee kämpfte, von einer attraktiven Amerikanerin mit guten Beziehungen zu Millionären und einem Händchen für Diktatoren, und davon, wie das "Great Game" so ablief in der letzten Phase des Kalten Krieges, "bevor die Mudschaheddin sich in Taliban verwandelten und Trainingscamps für Terroristen eröffneten": nämlich wie im Film. Und der, weiß Sirohi, ist bereits geplant; Tom Hanks übernimmt die Hauptrolle.

Weitere Artikel: Murali Krishnan informiert über eine neue Entwicklung im Falle des bislang ungesühnten Massakers an den Angestellten einer Bäckerei im Bundesstaat Gujarat im März 2002, verübt von fanatischen Hindus. Nachdem sämtliche Angeklagten kürzlich freigesprochen wurden, hat jetzt die Nationale Menschenrechtskomission Indiens den obersten Gerichtshof aufgefordert, sich des Falles anzunehmen. Poornima Joshi berichtet, dass in der Region von Mewat südlich von Delhi, junge Mädchen aus Assam in großer Anzahl als Sex-Sklavinnen verkauft werden - und dass viele Bewohner der Gegend es ganz normal finden. Und Namrate Roshi hat beim "Cinemaya Festival of Asian Cinema" (Cinefan) einen Hauptprotagonisten ausgemacht: den Islam.

Literaturnaja Gazeta (Russland), 30.07.2003

In dem Artikel "Verbrechen ohne Strafe" berichtet ein ehemaliger Mitarbeiter der Moskauer Miliz (der anonym bleiben möchte) aus den Niederungen des russischen Rechtsstaates: "Die Bestechlichkeit der Politiker und Beamten" spiegele sich "in jeder staatlichen und sogar in jeder gesellschaftlichen Struktur" wider, sei es in den unterschiedlichsten Ministerien, "in der Staatsduma oder in der Staatsanwaltschaft, in der Akademie der Wissenschaften oder in zahlreichen Schriftstellerverbänden." Zur Beseitigung dieser Missstände schlägt er einen Vier-Punkte-Plan vor: "Die Oligarchen, die jetzigen Herrscher über unsere Bodenschätze, müssten eine ihren Einnahmen entsprechende (?) progressive Steuer zahlen (?), die ausschließlich dem Sozialwesen zugute kommt." Außerdem müssten die widerrechtlich "aus Russland ausgeführten Gelder zurückgeholt (?) und in die Umstrukturierung der russischen Wirtschaft gesteckt werden." Wichtig wäre zudem "die Verschlankung des Beamtenapparates und die Kürzung der Beamtenvergünstigungen." Immerhin werde "jeder höhere Beamte innerhalb weniger Jahre wenn schon nicht Oligarch, so doch zumindest Millionär." Und schließlich "müsste der Krieg in Tschetschenien beendet werden." Um das Vertrauen des Volkes wieder zu gewinnen, wäre die Regierung allerdings gut beraten, den ersten vor dem zweiten Schritt zu tun und endlich einen konkreten Einblick in "ihre Pläne für den russischen Staat der Zukunft" zu gewähren, schreibt der ehemalige Milizionär.

Times Literary Supplement (UK), 01.08.2003

In Auszügen druckt das TLS Marina Warners Oxforder "Amnesty Lecture in Human Rights" (der ganze Vortrag hier), in der die Schriftstellerin sich mit der neuen Mode unter Politikern und Päpsten beschäftigt, sich für die Verbrechen und Grausamkeiten der Vergangenheit zu entschuldigen, solange es nichts kostet. "Sollte Politik in diesem Ausmaß personalisiert werden? Sollte ein solch existenzielles Modell wie Subjektivität in die Struktur der Menschenrechte Einzug halten? Ich konnte nur müde lachen, als in San Francisco der katholische Erzbischof all diejenigen um Entschuldigung bat, die als Kinder von Nonnen und Priestern missbraucht wurden. Auch Blairs Einfall, sich der unbequemen Kolonialvergangenheit in Irland dadurch zu entledigen, indem er sagt, es tue ihm Leid, ließ mich nur verächtlich schnauben. Und ich möchte den Papst schütteln, so gebrechlich er auch ist, wenn er 2000 Jahre kirchliche Sünden gegen Frauen vergibt und Gott um Vergebung bittet." (Nun haben wir doch noch ).

Weiteres: Richard Thomson schwärmt von Margaret Werths prächtigem Band "The Joy of Life" über die idyllischen Visionen von Puvis, Signac und Matisse. Jahrzehntelang wurde H. H. Munros erster Roman "Mrs. Elmsley" von 1911 in sämtlichen Bibliografien beflissentlich übergangen, Michael Connor findet nach erstmaliger Lektüre der matten Liebesgeschichte, dass man es dabei auch belassen sollte. Einen typischen Fall von "Better to be read than dead" macht Stephen Abell in Peter Ackroyds mittelalterlicher Metafiktion "The Clerkenwell Tales" aus, die er nach allen Regeln der Kunst verreißt.
Stichwörter: Irland, San Francisco

Espresso (Italien), 07.08.2003

August-Syndrom in Italien: Wenigstens Umberto Eco hält die Stellung. Seine Bustina beginnt mit einer Meldung über französische Verkehrstote, um dann unter Erwähnung des schrecklichen Schicksals der Schreibmaschinenreparateure auf eine Reform des italienischen Bildungssystems zu drängen. Das Fazit: "Deshalb muss die professionelle Erziehung, um den immer schneller werdenden Zyklen zu begegnen, zum großen Teil eine intellektuelle Ordnung sein, mehr auf die Software bezogen (oder was die Franzosen 'logiciel' nennen) als auf die Hardware." Der Weg dorthin ist das wahre Ziel bei diesem Artikel.

Weiteres: Silvia Bizio kündigt die Renaissance des ewigen Bob Dylan an, mit einer Reihe von Filmen über und mit dem Star, darunter Masked & Anonymous, in der die singende Legende höchstselbst die Hauptrolle spielt, umgeben von einem Dutzend hochkarätiger Schauspieler. Monica Maggi, anerkannte Sexpertin des Espresso, sieht das verschämte Tabu, das ihr Spezialthema bisher umgab, immer löchriger werden. Verantwortlich dafür sind diesmal unbeschwerte Spielzeuge wie diese frivole Badeente, die den Sex aus der Grauzone mitten in die Spaß-Gesellschaft holen. Ach ja, Marco Damilano und Denise Pardo berichten im Aufmacher, dass Italiens Linke endlich das Fernsehen als Plattform entdeckt hat, um sich gleich wieder zu zerstreiten.
Archiv: Espresso

Spiegel (Deutschland), 04.08.2003

Nun fragt auch der Spiegel, ob Leo Strauss als Pate der US-amerikanischen Neokonservativen gelten kann - sowie im Allgemeinen nach dem Einfluss von Universitätslehrern auf einflussreiche US-Politiker und konservative Ideologien. Gerhard Spörl meint, man solle lieber von Mischungen vieler Ideen ausgehen, die zudem auch immer ebenso viele Väter haben. Außerdem seien Paul Wolfowitz und Richard Perle "Schüler eines anderen Professors mit deutschem Namen, der ebenfalls in Chicago lehrte, aber dort erst kurz vor Strauss' Emeritierung ankam: Albert Wohlstetter (mehr hier, hier und ein Artikel über Strauss und Wohlstetter hier), geboren in New York, lehrte die Theorie der Sicherheitspolitik und hatte auf Wolfowitz (der bei Strauss lediglich zwei Kurse besucht hatte) und Perle eine bleibende Wirkung. Aggressivität statt Passivität in der Außenpolitik, der Wille zur Veränderung statt des alten Status-quo-Denkens lassen sich auf Wohlstetter zurückführen - die Voraussetzungen der neuen Pax Americana."

Weitere Artikel: Gerald Traufetter berichtet von einem amerikanischen Geografie-Doktoranden, dessen Arbeit von US-Geheimdiensten als erhebliches Sicherheitsrisiko eingestuft wird: Er hat sich aus allgemein zugänglichen Quellen ein Bild vom "materialisierten" Teil aller virtuellen Netze verschafft, vom weltweiten Verlauf der entsprechenden Glasfaserkabel nämlich, und "zudem eine Software geschrieben, mit der sich für jeden in seiner Karte ausgewiesenen Ort berechnen lässt, welche Folgen ein Anschlag dort hätte." Dominik Cziesche hat sich mit dem neuen Buch des ehemaligen Bundesministers Andreas von Bülow "Die CIA und der 11. September" beschäftigt, der mit seinen dort nun ausführlich dargelegten Verschwörungstheorien ja schon länger durch die Republik tourt. "Alles Unsinn" befindet Cziesche. Und Matthias Matussek erzählt, wie Fidel Castro Kuba nun in die völlige Isolation zu steuern scheint.

Leider nur im Print zu lesen ist ein Interview mit Daniel Barenboim über "israelische Besatzungswillkür und palästinensische Gewaltkultur". Ebenso wie ein Interview mit Benjamin Lebert über "schöne Mädchen und seinen neuen Roman 'Der Vogel ist ein Rabe'". (Vielleicht später mal hier nachsehen, ob der Spiegel doch noch einen der Artikel freigeschaltet hat.) Der Titel untersucht die "Operation Dosenpfand".
Archiv: Spiegel

New York Times (USA), 02.08.2003

Exzellent, exakt, empfehlenswert! John Sutherland berauscht sich an Blake Baileys Biografie ("A tragic Honesty") des ungemein talentierten, glücklosen und vergessenen Schriftstellers Richard Yates (ein langes und aufgeräumtes Interview). "Auf dem Höhepunkt seiner Karriere war Yates ein ausgereifter Alkoholiker und regelmäßig im Krankenhaus. Stur trank er weiter, welche Medikamente ihm auch verschrieben wurden, mit verheerenden körperlichen Folgen (und einem schönen 'Trinkerroman', "Disturbing the Peace"). Seine Manien wurden immer stärker. Eine Selbst-Kreuzigung auf der Brotlaib-Konferenz 1962 wurde "Teil des örtlichen Sagenschatzes", wie Bailey trocken vermerkt. Als Mann mit begrenzten kulturellen Interessen liebte Yates aber einige Bücher leidenschaftlich. Am meisten "The Great Gatsby", der für ihn "heilige Schrift" war. Man fragt sich, ob der Zusammenbruch, wie für Fitzgerald, eine kreative Voraussetzung darstellte.

Nicht weniger als den Horizont der Amerikaner erweitern will Jon Krakauer mit "Under the Banner of Heaven" (erstes Kapitel), staunt Robert Wright. "Seit dem 11. September 2001 haben die Amerikaner viel über die dunkle Seite der Religion geredet, aber meistens ist es nicht Religion in Amerika, an die sie denken. Das könnte sich mit Krakauers lesenswerter Charakterstudie ändern, der Geschichte des Mormonen Dan Lafferty, der 1984 zusammen mit seinem Bruder dessen Frau und ihre gemeinsame Tochter ermordet hat. Sie waren der göttlichen Mission im Weg und mussten "beseitigt" werden.

Margo Jefferson verfasst eine Elegie auf Willa Carther, die große Schriftstellerin und Theaterkritikerin. Zur Charakterisierung zitiert sie aus einer Cartherschen Kritik zu Eleonora Duse. "Die Kunst anderer Frauen gründet in der Verhüllung. Ihre Kunst basiert auf Enthüllung."

Aus den weiteren Besprechungen: Jorge G. Castaneda, ehemaliger mexikanischer Außenminister, schätzt Rebecca Wests "Survivors in Mexico" (erstes Kapitel) als "ein Buch, das alle Leute, die schreiben wollen, wohl gerne geschrieben hätten". West schildert darin Eindrücke einer Reise, die mehr als 30 Jahre zurückliegt. Obwohl Melvin Konner mit Willard Gaylin nicht in allen Punkten übereinstimmt, preist er dessen Studie "Hatred" doch als "weises und sehr beunruhigendes Buch", als "feine, präzise" Untersuchung des Hasses.