Magazinrundschau - Archiv

The New York Times

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Magazinrundschau vom 08.12.2003 - New York Times

David Kelly kann den in der Art einer Oral History erstellten offiziellen Band zur Geschichte der Monty Pythons ("The Pythons") wärmstens empfehlen. Beinahe hätte es die Serie ja nie gegeben, weiß er jetzt: "Bevor 'Monty Python's Flying Circus' im Oktober 1969 erstmals auf Sendung ging, beschwerte sich der Chef der Abteilung 'light entertainment' bei seinem Direktor: 'Hören Sie, Sie müssen wegen dieser Show etwas unternehmen. Sie ist einfach nicht lustig. Es ist nicht lustig, wenn ein Mann aus dem Meer steigt, Richtung Kamera läuft und sagt: 'Es ...'". (Hier gibt es einige Original-Drehbücher zu Python-Sketchen).

Herauszuheben wäre noch Adrian Nicole LeBlancs "Random Family", ein Reportagenband über das Leben zweier puerto-ricanischer Mädchen in der Bronx, über den Margaret Talbot schwärmt: "Dieses Buch hat zehn Jahre Entstehungszeit gebraucht, und es kann gut und gerne zehn Jahre Lektüre vertragen." "Kohärent, ausgewogen und unterhaltend" findet Robert Gottlieb Nancy Reynolds and Malcolm McCormicks Geschichte des Tanzens der vergangenen hundert Jahre. Und als so spannend und atmosphärisch wie lange nicht mehr lobt Patricia T. O'Conner den neuesten Adam-Dalgliesh-Detektivroman von P. D. James. Vorgestellt werden außerdem die besten Bücher des Jahres.

Im New York Times Magazine porträtiert Samantha M. Shapiro die jungen Leute, die den demokratischen Präsidentschaftskandidaten Howard Dean unterstützen.

Magazinrundschau vom 01.12.2003 - New York Times

Wir suchen die hundert besten Deutschen, Charles Murray die weltweit besten Wissenschaftler, Weisen und Künstler. Zuckersüß zerreißt Judith Shulevitz Murrays Versuch ("Human Accomplishment", erstes Kapitel), "diese großen Männer (und manchmal auch Frauen) danach zu bewerten, wie viele Spalten die Herausgeber der Enzyklopädien ihnen gewidmet haben". Das Ergebnis dieser "objektiven" Methode ist klar. "Der Westen hat die größte Anzahl an wichtigen Beiträgen zur Erkenntnis und Kunst hervorgebracht, und tote weiße Männer waren kreativer als die tote weibliche Minderheit."

Paul Austers Thema ist "das lebendige Wesen von Geschichten - Geschichten die sich auf sich selbst in endloser Mehrdeutigkeit zurückbiegen, wie Möbiusbänder", notiert Stacey D'Erasmo ganz verzaubert angesichts von "Oracle Night" (erstes Kapitel). Ein Schriftsteller, dem nichts mehr einfällt, bekommt ein exotisches Tagebuch in die Hände, das ihn mit neuen literarischen Impulsen versorgt. Allerdings verschwindet er selbst als Autor, je mehr er davon in sich aufnimmt. "Chandler meets Borges", resümiert D'Erasmo entzückt.

John Updikes "Early Stories" (Exzerpt), ein Band mit Erzählungen von 1953 bis 1975, enthüllen für Cynthia Ozick einen Künstler, der nichts verloren gibt, für den das Sehen mit den feinsten Wendungen der Sprache verknüpft ist". In den Himmel lobt David Warsh Clintons Finanzminister Jack Rubin, der in seinem "Juwel von einem Buch" ("In an Uncertain World", erstes Kapitel) seine damals exerzierte Rubinomics erklärt. "Die Anhäufung von purem Talent in den Beamten des Wirtschaftssektors der Clinton-Regierung dieser Jahre ist wirklich erstaunlich." Allen, die noch Fragen über Gründe, Taktiken und mögliche Folgen des Irak-Kriegs beantwortet haben wollen, empfiehlt Michael Lind Todd S. Purdums "A Time of Our Choosing", das auf der Berichterstattung der New York Times basiert. Dazu gibt es ein Interview mit Purdum zum Anhören.

Zu guter Letz tein Gedicht, "Filling the Cavity With Crumbs", von Susan Kinsolving. Ein Auszug:

"My almost-ex overcooked cranberries until/
they exploded across his shirt like a machine gun,/
proving him, the victim."

Magazinrundschau vom 24.11.2003 - New York Times

Schön zu lesen ist Max Byrds sanft-grausamer Verriss des ersten Romans eines amerikanischen Ex-Präsidenten, "Hornet's Nest" (erstes Kapitel) von Jimmy Carter. "Schreib über das, was du kennst, so wird dem Schriftsteller in spe immer geraten. Jimmy Carter weiß viel über Politik, Schreinern, und, wie sich herausstellt, eine gewaltige Menge über amerikanische Geschichte." Carters Südstaatendrama wird aber nicht besser, wenn seitenlange "leicht grundlose" Dialoge nach und nach durch "oberlehrerhafte" Lektionen in Geschichte ersetzt werden. "Die meisten Leser wird das Buch interessieren, weil Jimmy Carter es geschrieben hat. Und weil ein Erstlingsroman fast immer ein mehr schlecht als recht getarntes Selbstporträt ist."

''Was zählt, ist wie wir fühlen, wie wir sehen, was wir tun nach dem Lesen; ob die Straßen und Wolken und die Existenz der Anderen uns irgendetwas bedeuten; ob das Lesen uns - körperlich - lebendiger macht." Margo Jefferson hat für ihre Kolumne eine offensichtlich wunderschöne Verteidigung des richtigen Lesens entdeckt: "So Many Books: Reading and Publishing in an Age of Abundance'' des mexikanischen Dichters Gabriel Zaid.

Aus den weiteren Besprechungen: Das wunderhübsche Cover bezieht sich auf die Besprechung von Robert K. Massies "Castles of Steel" über die Marine-Hochrüstung Deutschlands und Großbritanniens vor dem Ersten Weltkrieg (erstes Kapitel). Der große Mario Vargas Llosa (mehr) schwächelt in letzter Zeit etwas, stellt Richard Eder nach der Lektüre von "The Way to Paradise" ungerührt fest. Von den beiden Geschichten über Paul Gauguin und Flora Tristan kann ihn nur letztere halbwegs überzeugen. Gnädiger ist A. O. Scott mit Tobias Wolffs Prosaerstling "Old School" (erstes Kapitel): Besonders interessant findet der Rezensent, wie der selbst so uneitle Schriftsteller die narzisstischen Untiefen des Autorendaseins auslotet. Jenny Uglow äußert sich zudem recht angetan über Robert Hughes' (hier ein Interview zum Hören) große Studie des düsteren Malergenies "Goya" (erstes Kapitel).

Im New York Times Magazine  prangert Harriet McBryde Johnson die "Behinderten-Gulags" in den Vereinigten Staaten an. Gemeint sind staatlich geförderte Institutionen, die sich um Alte und Behinderte kümmern, diese aber gleichzeitig wie Gefangene behandeln. Matt Bai hat Senator John Edwards und sein Team beim Wahlkampf um die demokratische Präsidentschaftskandidatur beobachtet. Jennifer Eagan liefert einen zehnseitigen Artikel über die Liebe im Zeitalter des Internets. Unter der wunderbaren Überschrift "The People's Game" beschreibt Jeff Coplon die Zukunft des Basketballs: chinesische Spieler.

Magazinrundschau vom 17.11.2003 - New York Times

"Anführer terroristischer Gruppen scheinen generell viel jüngere, attraktive und unterwürfige Frauen zu haben, die ihre Ansichten unterstützen". Nur eine der Erkenntnisse, die Isabel Hilton aus Jessica Sterns ''Terror in the Name of God" gezogen hat. Im Ernst: Stern hat für ihren Bericht über vier Jahre lang mit religiösen Terroristen gesprochen, mit jüdischen, christlichen und muslimischen Extremisten, gewaltbereiten Abtreibungsgegnern und Bewunderern von Timothy McVeigh, und hat entdeckt, wie viel sie gemeinsam haben. Stern offeriert keine Lösungen, schreibt Hilton, aber bietet immerhin einen "seriösen und provokativen" Auftakt für eine Diskussion.

Warum kürt die Schriftsteller-Jury des National Book Award jedes Jahr so unsägliche Bücher, fragt sich Laura Miller in ihrer Kolumne. Es liegt wohl an den Autoren, die als Juroren eine "institutionelle Perversität" zu entwickeln scheinen.

"Russlands erste Popikone und literarischer Superstar war ein nervöses Wrack und eine brennende Lunte", stellt John Leonard nach der Lektüre der "großartigen" Puschkin-Biografie (erstes Kapitel) von T. J. Binyon sichtlich beeindruckt fest. Recht begeistert ist auch Brent Staples über "Living to Tell the Tale" (erstes Kapitel), den ersten Band der Memoiren von Gabriel Garcia Marquez, eine "reichhaltig erzählte, wundervoll detaillierte Geschichte". Abwarten, meint Michael Upchurch zu "The Shadow King", dem zweiten Teil von Jane Stevensons historischer Trilogie. Bis zum abschließenden Urteil gebe es als Pausenfüller immerhin "gelegentliche Freuden".

Magazinrundschau vom 10.11.2003 - New York Times

Holden Caulfield auf Ritalin (mehr): Sam Sifton kann seine Begeisterung über "Vernon God Little" nicht verbergen. Einen "gefährlichen, gewieften, lächerlichen und sehr lustigen" Erstling habe der geheimnisvolle Autor unter dem Pseudonym DBC Pierre (Gewinner des Man Booker Prize 2003) da abgeliefert. Vernon Gregory Little, dessen bester Freund 16 Mitschüler und dann sich selbst erschossen hat, wird zur Zielscheibe der Lust nach Vergeltung in seiner Stadt. "Die Schreibe ist einfach unglaublich. Es gibt da eine zerissene Punk-Rock-Empfindsamkeit in Pierres Stil, die wirklich einzigartig ist. Natürlich ist 'Vernon God Little' kein perfekter Roman. Das will er auch gar nicht sein. Es ist ein Aufschrei satirischen Protests", findet Sifton. "Holden Caulfield hätte Vernon Little gemocht, besonders wenn er Zugang zu einer Packung Ritalin gehabt hätte."

Einen gewaltigen Verriss fährt sich Martin Amis (mehr auf Deutsch oder im Original) mit seinem neuen Roman "Yellow Dog" ein. Die Parodie um einen Mann, der nach einen Schlag auf den Kopf zum Lüstling wird, angereichert mit einem schmierigen Boulevardjournalisten und dem neuen König von England, veranlasst Walter Kirn zu einer recht ungnädigen Diagnose. "Wenn die heimliche Freude am Negativen dem aufrichtigen Drang zum Pedantischen weicht, dann erreicht der Satiriker die Grenzen seines Genres."

Weiterer Artikel: Ethan Bronner stellt zwei Werke zur Gründungsgeschichte Israels vor, die die von jungen israelischen Historikern attackierte Größe der Gründergeneration wiederherstellen wollen, dabei aber nicht als wissenschaftliche Studien missverstanden werden dürften. "Es sind Polemiken, aber von der intelligenten Sorte." Adrian Frazier findet offensichtlich auch den zweiten Teil von R. F. Fosters Yeats-Biografie großartig (hier eine schöne Seite zu Leben und Werk des Dichters). Dickes Lob auch von Terrence Rafferty an Peter Carey für "My Life as a Fake", einen virtuosen Stilmix mit einem wundervollen, perversen Dreh: ein literarischer Scherz erwacht zu echtem Leben und übertrifft seinen Schöpfer.

Im New York Times Magazine geht's diesmal fast ausschließlich um Film. Rob Walker schildert ein Imageproblem der Oscars: Sie werden zu elitär. Das schlimmste Jahr war 1997. Die ausgezeichneten Filme - "The English Patient", "Sling Blade", "Shine", "Fargo", "Breaking the Waves", "Secrets and Lies" - hatte kaum jemand gesehen. Quentin Tarantino und Brian Helgeland (L.A. Confidential) plaudern übers Drehbuchschreiben. A. O. Scott erklärt, warum Steven Spielberg - Godards Spott zum Trotz - der größte lebende amerikanische Filmregisseur ist. Lynn Hirschberg stellt Tim Burtons neuen Film vor: "Big Fish" - mit viel Dialog und Albert Finney in der Hauptrolle. Daphne Merkin erklärt uns, was die Kamera in Cate Blanchett sieht. Und Maria Ruffo beschreibt Jude Laws Verwandlung in "a thoughtful woman's idea of a leading man".

Magazinrundschau vom 03.11.2003 - New York Times

Edith Grossmanns großartige Übersetzung des Don Quijote nötigt Carlos Fuentes (mehr) uneingeschränkte Bewunderung ab. Denn "nichts ist schwieriger als einen Klassiker in eine zeitgemäße Form zu bringen und ihn dabei doch in seiner Zeit und seinem Raum zu belassen. Edith Grossmann präsentiert ihren 'Quijote' in einfachem, aber reichhaltigem Englisch. Dabei glaubt man keine Sekunde lang, nicht einen Roman aus dem 17. Jahrhundert zu lesen. Das ist wahrlich meisterhaft."

Nobelpreisträgerin Toni Morrison (hier ihr "Paradies" in deutscher Übersetzung) "schreibt am besten über verrückte Leute", urteilt Laura Miller, "und in ihrem neuen Roman 'Love' (erstes Kapitel) wimmelt es nur so davon." Die Witwe und die Enkeltochter eines Hotelbesitzers werden von diesem noch posthum entzweit und bekämpfen sich bis aufs Blut. Unvoreingenommen sollte man diese Geschichte angehen, empfiehlt Miller, denn "Morrisons Image ist so erhaben, dass man leicht vergisst wie reißerisch ihr Erzählen sein kann." Wie reißerisch Toni Morrison vorliest, hört man hier.

Aus den weiteren Besprechungen: Als "gnadenlosen Blick auf das, was passiert, wenn Leute ihre Ideale über alles stellen", beschreibt Thomas Powers Susan Braudys "Family Circle", die romanhafte Schilderung der Ereignisse um Kathy Boudin, die 1981 einer Bande half, einen Geldtransporter zu überfallen und ein Blutbad anzurichten. George Pelecanos sieht sich zwei Bände zu den Sniper-Morden in der Region um Washington vor einem Jahr an: Die Erinnerungen des Polizeichefs Charles Moose fallen durch, die solide Studie zweier Reporter erklärt Pelecanos dagegen zum vorläufigen Standardwerk in dieser Sache.

Im NYT Magazine erklärt uns David Rieff (mehr) auf zehn Seiten, wie die Strategen des Irakkriegs aus der Regierung Bush ihre Sache im Nachkriegsirak vermasselt haben.

Magazinrundschau vom 27.10.2003 - New York Times

J. M. Coetzees (mehr) neues Buch "Elizabeth Costello" ist der Aufmacher der NYT Book Review in dieser Woche. Judith Shulevitz kann hat das schmale Bändchen, das mehr eine Sammlung von Geschichten als ein Roman ist, mit Genuss gelesen. Sie kann sich aber kaum entscheiden, für wen sie nun mehr schwärmt. Für die verführerisch widersprüchliche, aber fiktive Universitätsprofessorin oder den Autor. Denn "Coetzee ist berüchtigt für seine Geheimniskrämerei und berühmt für sein rigoroses Denken, und in der blitzgescheiten und nach innen gewandten Heldin 'Elizabeth Costello' scheint er sein Alter Ego gefunden zu haben." Hier ein Auszug aus dem Roman. Dazu gibt es ein Feature über den verschwiegenen Nobelpreisträger. Und hier unseren Link des Tages.

"Brillant und bewegend" findet Geoffrey Moorhouse "The Storyteller's Daughter" (erstes Kapitel), die Erinnerungen der couragierten Exil-Afghanin Saira Shah, die in den USA eine erfolgreiche Fernsehserie über ihre familiären Wurzeln produziert. Das Buch widmet sich ebenfalls diesem Thema. "Obwohl Shah islamisch erzogen wurde und obwohl sie lernte, ihre Herkunft in einem idealistisch-verklärten Licht zu sehe, begriff sie allmählich, dass sie sich nicht mit einem Land oder einem Volk verbunden fühlte, sondern einem Wertekatalog, den viele Muslime einfach nicht anerkennen."

In ihrer Kolumne beschwert sich Margo Jefferson über ihre Mitbürger, die nichtamerikanische Bücher verschmähen. In den übrigen Besprechungen nimmt sich Christopher Dickey die Memoiren dreier Kriegsreporter vor und sieht in allen den Versuch, mit den erlebten Traumata fertig zu werden, Schuldgefühle zu verarbeiten und manchmal auch auf Rache zu sinnen. Max Frankel hält "Winning Modern Wars" (erstes Kapitel), das polemische Buch von Wesley K. Clark, für den offensichtlichen Versuch eines Imagewandels: vom einst verbitterten Krieger und Talkshow-Experten in einen engagierten Präsidentschaftskandidaten. Einen Weg aus dem derzeitigen Dilemma, für das er Bush verantwortlich mache, zeige Clark nicht. D.T. Max hat sich bei Susanna Moores Kostümdrama "One Last Look" (erstes Kapitel) recht gelangweilt. Sein Urteil: "zu viel Kostüm und zu wenig Drama".

"Warum regieren Frauen nicht die Welt? Vielleicht, weil sie es nicht wollen." Im New York Times Magazine versucht Lisa Belkin sich einen Reim darauf zu machen, dass so viele hervorragend qualifizierte Frauen aus ihrem Beruf aussteigen, kurz bevor sie es in die Chefetage schaffen könnten.

Magazinrundschau vom 20.10.2003 - New York Times

Die Rolling Stones haben ihre offizielle Chronik herausgebracht, einen opulenten, "sehr unterhaltsamen" Bildband, wie Joe Queenan recht angetan bestätigt. In "According to the Rolling Stones" (Audio-Dia-Show) geht es fast nur um die Musik, meist kommentieren die Gründungsmitglieder Mick Jagger, Charlie Watts und Keith Richards die Abbildungen. "Die erste Hälfte des Buches ist bei weitem die beste. Hypnotisiert von Muddy Waters, Howlin' Wolf und Chuck Berry entscheiden sich zwei schüchterne Teenager (Jagger and Richards), ihre eigene Pop-Combo zu gründen. Im Handumdrehen werden sie die zweitgrößte Band der Welt; dann, nachdem die Beatles sich trennen, die allergrößte." Wie in jeder offiziellen Geschichtsschreibung wurde aber auch hier einiges ausgelassen. "Das Buch hat einige nennenswerte Lücken. Der frühere Gitarrist der Gruppe Mick Taylor, der beste Musiker, der je in diesem nun geriatrischen Ensemble gespielt hat, wurde nicht interviewt. Und fast nichts wird gesagt über die feige Verantwortungslosigkeit der Band auf dem Altamont Konzert 1969 (mehr hier und hier)."

Einen interessanten Einblick in die religiöse Diskussion innerhalb der USA bekommt man in der Besprechung von Leon R. Kass' "The Beginning of Wisdom", in der der Theologieprofessor Phyllis Trible die Behauptungen des Konvertierten Kass verärgert zurückweist. In Colson Whiteheads Essaysammlung "The Colossus of New York" erkennt Luc Sante die Umrisse eines großen, noch zu schreibenden Romans über New York und die Menschheit an sich, in der Art von Balzacs ''Comedie humaine". Auch wenn "Burning Tigris", Peter Balakians Untersuchung und Schilderung des Genozids an den Armeniern während des Ersten Weltkriegs meist im Deskriptiven verharre, werde damit den Leugnern des Völkermordes endgültig der Mund gestopft, glaubt Belinda Cooper. Mit ihrem tragischen, aber nicht langweiligen Roman "She is Me" (erstes Kapitel) hat Cathleen Schine uns "so ein reichhaltiges Porträt normalen Lebens" gegeben, seufzt schließlich Claire Dederer.

Das New York Times Magazine macht auf mit einem 11-seitigen Porträt des nordkoreanischen Diktators Kim Jong Il. Eine Seite lang zeichnet Peter Maass den "Geliebten Führer" als lächerliche Figur, um dann umso wirkungsvoller die Richtung zu ändern: "In der Tat, der Geliebte Führer, der dieses Jahr 62 wurde, weiß einiges über die Welt um ihn herum. Und nach Jahrzehnten der Ahnungsosigkeit, lernt die Welt auch ein bisschen was über den Geliebten Führer. Die Bush-Regierung versucht herauszufinden, wie sie Kims Regime beenden oder wenigstens neutralisieren könnte. Dies erweist sich als außerordentlich schwierige Aufgabe, denn das Regime ist sehr viel stabiler als irgendjemand erwartet hätte und sehr viel gefährlicher."

In einem weiteren Artikel beschreibt Mim Udovitch das "nüchterne" Leben des drogenabhängigen Schauspielers Robert Downey Jr.

Magazinrundschau vom 13.10.2003 - New York Times

"Die englische Sprache ist eine Kaskade aus Wörtern und Bedeutungen und Gebrauchsformen, und die formidable Idee bestand darin, sie alle zu erfassen." Simon Winchesters Entstehungsgeschichte des Oxford English Dictionary muss sich hinter der Brillanz ihres Gegenstands selbst nicht verstecken, jubelt William F. Buckley. 1875 gab der Leiter des Projekts nach fünfzehn Jahren entnervt auf und reichte den Stab an James Murray weiter, der keinerlei akademischen Abschluss vorweisen konnte. Murray schätzte die vor ihm liegende Arbeit auf zehn Jahre, es wurden fünfzig. "The Meaning of Everything" ist voll von "Wissen und frischen Einsichten", schreibt Buckley, der Winchesters Hingabe an die Geschichte ebenso wie dessen "außerordentlich lesbaren" Stil bewundert.

Ward Just fühlt sich durch Arthur Gelbs Erinnerungen an sein Leben als Bürojunge bis hin zum stellvertretenden Herausgeber der New York Times in die Tage von Zigarettenrauch und manuellen Schreibmaschinen zurückversetzt. Sehr amüsant findet Caryn James Diane Johnsons (mehr) neuen Roman "Affairs", der seinen Vorgängern an hinterlistigem Witz und elegantem Stil in nichts nachstehe und diese in Bezug auf die anspruchsvolle Erzählform und den breiten kulturellen Blickwinkel sogar noch übertreffe. Elaine Sciolino schätzt Madeleine Albrights "Madam Secretary", die mit Bill Woodward geschriebenen, sehr offenen und persönlichen Memoiren der ehemaligen Außenministerin unter Bill Clinton. Und Annabel Davis-Goff zeigt mit ihrem neuen Roman "The Fox's Walk" (erstes Kapitel) erneut, dass es möglich ist, über Irlands Geschichte zu schreiben, ohne in Bitterkeit oder Sentimentalität zu verfallen, wie Alice Truax lobend feststellt.

Im New York Times Magazine: Die neuen Ideen der Republikaner wurden in konservativen Think tanks geboren. Matt Bai berichtet, wie John Podesta, der ehemalige Stabschef von Bill Clinton, den neo-cons jetzt Paroli bieten will: Mit einem neuen Think tank für Demokraten, dem Center for American Progress. Hier soll der neue Liberalismus ausgetüftelt werden.

Weitere Artikel: Helen Epstein beschreibt in einer langen Reportage die Gesundheitsprobleme in den ärmeren Vierteln US-amerikanischer Städte: Immer mehr jüngere Menschen leiden an Krankheiten, die man sonst nur mit älteren verbindet: Krebs, Herzinfarkt, Asthma, Diabetes, rheumatische Arthritis ... Und Cathy Horyn zeichnet ein liebevolles Porträt des französischen Designers Jean Paul Gaultier, der im nächsten Frühjahr seine erste Kollektion für Hermes vorstellen wird.

Magazinrundschau vom 06.10.2003 - New York Times

Die New York Times Book Review zeigt Zähne, auch gegenüber dem Mutterblatt. Seelenruhig lässt man den Herausgeber der New Republic, Peter Beinart, das neue Buch des langjährigen New-York-Times-Kolumnisten Paul Krugman verreißen. Es heißt "The Great Unraveling", und Krugman nennt darin die Bush-Regierung eine "umstürzlerische Macht, die die Post-New-Deal-Ordnung durch eine reine Plutokratie ersetzen will". Zu radikal und noch dazu keine Beweise, kommentiert Beinart lakonisch und gibt Krugman für die Zukunft einen guten Rat: "Er sollte bei dem bleiben, was er so gut kann: einfach beweisen, Stück für Stück, dass die Bush-Administration falsch liegt."

Ein weiteres Buch eines Reporters kommt schon besser weg. In "They Marched Into Sunlight" (erstes Kapitel) stellt David Maraniss eine kleine, aber grausame Schlacht in Vietnam einer zur gleichen Zeit stattfindenden Anti-Kriegs-Demonstration in Wisconsin gegenüber. Manchmal übertreibt Maraniss ein wenig mit seiner allumfassenden Perspektive, schreibt Philip Caputo, grundsätzlich erfülle diese Technik aber ihren Zweck: "Die Fragen, die vor vierzig Jahren so heftig und gewaltsam diskutiert wurden, hallen heute wieder, lauter denn je: Fragen zu Amerikas Rolle in der Welt, imperialer Überdehnung und den furchtbaren Altlasten des Krieges."

Weitere Artikel: Ganz angetan ist Sven Birkerts davon, wie Susan Choi in ihrem Roman "American Woman" (erstes Kapitel) das folgenreiche Zusammentreffen einer radikalen Aktivistin mit der flüchtigen Patty Hearst (Kurzbio) beschreibt: Choi konzentriere sich fruchtbarerweise darauf, wie verschiedene Charaktere sich unter hohem Druck verhalten. Polly Shulman ist dagegen ein wenig genervt von "Quicksilver" (erstes Kapitel), dem ersten Teil einer geplanten Trilogie des Cyperpunk-Vorreiters Neal Stephenson (Bücher). Shulmans Fazit: "Entweder ist es das erste Drittel eines sorgsam konstruierten Meta-Romans, oder einfach ein chaotischer Brocken eines noch größeren Chaos." (Fragen sollte man dem Mann, der sich als "Umberto Eco without the charm" beschreibt, allerdings besser nicht stellen; warum, erklärt er hier.)

Das New York Times Magazine ist diesmal ganz New York gewidmet. Der Schriftsteller Gary Shteyngart (mehr hier) erinnert sich, wie er 1980 erstmals in die Stadt kam, und beschreibt ihre Veränderungen während der neunziger Jahre, als Giuliani und die "dot-commers" den "800 Pfund schweren Gorilla unter den Städten" in einen "knuddligen Schimpansen" zu verwandeln drohten. Heute geht es New York wieder schlechter. Aber das, meint Shteyngart, hat seine Vorteile: "Urbanismus ist nicht immer hübsch. Aber die zerbrochenen Portikos und rissigen Straßenpflaster, die Müllberge und gutgenährten Ratten, die ständige Erinnerung ... an die Stadt, die uns erschreckt und gemacht hat - das ist der Stoff, aus dem die wahren New-York-Geschichten sind. Sind warten dort draußen, in Überfülle. Nehmen Sie einen Zug, spazieren Sie zum Lebensmittelhändler, sehen Sie sich um. Sie finden eine fertige Geschichte - eine wirkliche, mit einem Anfang, einer Mitte und einem Ende. Die Stadt gehört wieder Ihnen."