Magazinrundschau - Archiv

The New York Times

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Magazinrundschau vom 21.07.2003 - New York Times

Als 1854 Commodore Perry mit seinen schwarzen Schiffen die Öffnung Japans erzwang, war das der Auftakt für einen sechzigjährigen - fruchtbaren - Clash of Civilizations, wie Christopher Benfey in seinem wunderbaren Buch "The Great Wave" (erstes Kapitel) beschreibt. William Deresiewicz preist Benfeys Studie herausragender Protagonisten der japanisch-amerikanischen Annäherung als eine "Symphonie von Charakteren und Ideen" und lobt den Autor, der sein Subjekt mit "der Gründlichkeit eines Gelehrten, der Schärfe eines Kritikers und dem erzählerischen Gefühl eines Schriftstellers" gemeistert habe. Benfey zeige die vielfältigen gegenseitigen Einflüsse der beiden Nationen anhand von Personen auf. "Kakuzo Okakura, der Connoisseur, Kurator und Kulturhistoriker hatte bei Ernest Fenollosa gelernt, dem Tokioter Philosophieprofessor, der für die japanische Kunstpolitik verantwortlich zeichnete, und war selbst wieder der Mentor von John La Farge, dem Maler, der am meisten dafür sorgte, dass japanische Ideen und Methoden der Ästhetik die amerikanische Kunst beeinflussten."

Michel Houellebecq ist ein hässlicher Schriftsteller, vulgär, oft dumm, sexbesessen, urteilt Jenny Turner nach der Lektüre von "Platform". Aber, fragt sie, "ist es fair von einem Roman zu verlangen, dass er artikuliert und verständlich daherkommt? Wenn ja, dann ist 'Platform' eine Katastrophe". Abgesehen davon jedoch erkunde Houellebecq in seiner Abrechnung mit dem Sextourismus "ein nicht wegzudiskutierendes aktuelles Schema im europäischen Denken der Jahrhundertwende".

Besprochen wird auch Leslie Epsteins neuer Roman "San Remo Drive" (erstes Kapitel). "Einer der besten Hollywoodromane, die je geschrieben wurden", jubelt Elizabeth Frank. Die Tochter des berühmten Drehbuchautors Philip G. Epstein habe sich aus einer Flut von Kindheitserinnerungen bedient, ohne je in Nostalgie abzudriften. Ganz begeistert ist auch Simon Winchester von "Parting the Desert" (erstes Kapitel), Zachary Karabells großartiger Geschichte des Suez-Kanals und dessen Schöpfer Ferdinand de Lesseps.

Und hier noch die Schlussverse von August Kleinzahlers Gedicht zu Ehren eines schlafenden Terriers:
Sweetie boy,
you lovely little killer-toy:
Willie, hold on.

Magazinrundschau vom 14.07.2003 - New York Times

David Lipski, Autor des Musikmagazins Rolling Stone, hat ein wunderbares Buch (erstes Kapitel) über die Militärakademie West Point geschrieben, schwärmt David Brooks, der nebenbei ein bekannter Redakteur des neokonservativen Weekly Standard ist. "Lipsky hat offensichtlich gelernt, West Point zu bewundern, aber das Buch ist keine Weißwäsche oder eine Verkaufsbroschüre. Es beschreibt grundlegend den Wettstreit zwischen zwei Wertesystemen. Da ist einmal das pure "huah"-Wertesystem des Militärs, das Disziplin, Selbstaufopferung, Pflicht, Ehre, Mut und kontrollierte, aber doch primitive Gewalt hochhält. Und dann gibt es das Wertesystem der Gesellschaft im Ganzen (und des Rolling Stone im Besonderen), das Freiheit, Selbstverwirklichung, Spaß und Kommerz liebt." Doch was bitte schön ist "huah"? Ein "Allzweck-Ausdruck. Sie wollen einen Kadetten beschreiben, der sehr gung-ho ist, nennen Sie ihn huah. Sie verstehen eine Anweisung, sagen Sie huah. Sie stimmen dem zu, was ein Kadett gerade gesagt hat, murmeln Sie huah", zitiert Brooks den Autor.

"Je älter Harry wird, desto besser wird Rowling." John Leonard liebt den neuen Harry Potter! "'The Order of Phoenix' beginnt langsam, wird schneller und rast dann - Purzelbäume schlagend - auf sein furioses Ende zu". Das Buch ist in fast jeder Hinsicht "reichhaltig und sättigend. Es löst auch einen authentischen apokalytischen Schauder aus, so alt wie Daniel im Alten Testament oder die Offenbarung im Neuen, oder die Schriftrollen vom Toten Meer und die Gedichte von Blake." (Hier finden Sie noch ein NYT-Dossier zu Harry Potter.)

Besprochen werden weiter Stephen S. Halls Studie über die "Händler der Unsterblichkeit" (erstes Kapitel). Es geht dabei um den neuen Wissenschafts- und Industriezweig der Lebensverlängerungs-Technologie. Katherine Goviers Roman "Creation" über John James Audubons (mehr hier) Expedition entlang der nördlichen Küste des Golfs von St. Lawrence 1833. Und "Trading Up", der neue Roman der "Sex and the City"-Autorin Candace Bushnell. Virginia Heffernan war leicht beschwipst nach der Lektüre: "Bushnell beweist, dass sie immer noch die Philosophen-Königin einer sozialen Szene ist, die nicht von Eitelkeit oder Bewusstsein angetrieben wird, sondern von reiner Perversität. Wenn Bushnells Prosa wie ihr Marken-Drink ist, der fruchtige pinkfarbene Cosmopolitan, schüttet sie immer noch eine Menge Wodka und Orangenlikör hinein."

Magazinrundschau vom 07.07.2003 - New York Times

Zynisch, traurig oder bitter notwendig? Der langjährige Times-Krisenreporter Chris Hedges hat ein Handbuch über den Krieg geschrieben, "What Every Person Should Know about War" (erstes Kapitel). Zusammengefasst in Kapiteln wie ''Das Leben im Krieg", "Kampf" oder "Gefangenschaft und Folter" finden dort alle Betroffenen und Interessierten praktische Antworten auf Fragen wie "Werde ich religiöser?" oder "Werde ich an Sex denken?". Robert Pinskys Urteil fällt gespalten aus. Einerseits findet er Hedges' Idee, die Hölle auf Erden im Stil eines Eheratgebers zu erklären, "fesselnd, eigentümlich und bedeutsam", andererseits hält er die Methode für etwas zu "exzentrisch und selbstironisch", um dem Thema gerecht zu werden. Aber vielleicht ist es ja für die Zukunft nicht schlecht zu wissen, "dass es zu Beginn des Jahres 2003 30 aktive Kriege auf der Welt gab, in einer Welt, die nur zu acht Prozent ihrer überlieferten Geschichte 'völlig friedlich' war. Dass in Friedenszeiten amerikanische Soldaten statistisch gesehen weniger Frauen vergewaltigen als die Männer gleichen Alters im Krieg. Oder dass aufgrund des verbesserten Trainings im Vietnam-Krieg schon neunzig Prozent der Soldaten ihre Waffe abfeuerten, während das im Ersten Weltkrieg nicht einmal die Hälfte taten."

Im Close Reader empfiehlt Margo Jefferson, doch mal wieder Eugene O'Neill (mehr hier) zu lesen. "Er ist einer dieser Schriftsteller, die mal 'in' sind und dann wieder nicht, weil ihre Fehler so sichtbar sind. Er verwirrt uns mit Metaphern und Metaphysik, mit Bergen von Slang und Dialekt." Aber "alles, was er geschrieben hat, ist lesenswert".

Aus den weiteren Besprechungen: Zwei große Biografien widmen sich zwei großen Amerikanern: Garry Wills glaubt George M. Marsden nach der gewinnbringenden Lektüre von "Jonathan Edwards" (erstes Kapitel) durchaus, dass der calvinistische Erneuerer die wichtigste religiöse Figur der Neuen Welt war. Joseph J. Ellis preist Walter Isaacsons "Benjamin Franklin" als ein gründlich recherchiertes, packend geschriebenes und überzeugend argumentiertes Porträt des vielbegabten Politikers, Philosophen und Erfinders. Und Daniel Mendelsohn merkt man die Freude an, dass "The Book Against God" (erstes Kapitel), der Debütroman des gnadenlosen Literaturkritikers James Wood (mehr hier), recht misslungen ist. Die Tatsache, dass "Woods erste fiktionale Unternehmung nicht an den künstlerischen und moralischen Standard heranreicht, nach dem sie so offensichtlich strebt, wirft interessante Fragen zu Woods Arbeit auf - nicht als Autor, sondern als Kritiker."

Magazinrundschau vom 30.06.2003 - New York Times

Ist es schon so weit, dass wir Robert Lowell (mehr hier und hier) wiederentdecken können, fragt William H. Pritchard mit den neuerschienen "Collected Poems" auf dem Schreibtisch. Angebracht wäre es, denn "Lowell holte mehr raus aus dem amerikanischen Leben in der Mitte des Jahrhunderts - literarisch, kulturell, politisch - als irgendjemand anderes". Seit seinem Tod 1977 hätte es für Amerikas einst meistgefeierten Poeten "nur eine Richtung gegeben: nach unten." Lohnen würde es sich alleine schon um zu entdecken, wie viel Leben er in seine Gedichte reinzupacken suchte, um es dann wieder auszusenden. Zum Nachprüfen gibt es ein paar Gedichte als Kostproben. "Here the jack-hammer jabs into the ocean; My heart, you race and stagger and demand More blood-gangs for your nigger-brass percussions ..."

Das Entscheidende an Hillary Clintons "Living History" (Auszug im Original, mehr auf Deutsch hier) ist nicht die Zeitgeschichte, die aufgeschrieben wurde, sondern diejenige, die ausgelassen wurde. "Diese Augenwischerei sagt uns etwas über die Geschichte aus, wie Hillary sie haben will", stellt Maureen Dowd in ihrer kühl-distanzierten Kritik fest. Dies ist nicht Geschichte im Verständnis von Churchill, sondern von Carville - Wahlkampfliteratur für die 2008 HILLARY! Präsidentschaftskampagne." Und auf die Erklärung Hillarys, bei Bill geblieben zu sein, weil er nicht nur ihr Ehemann, sondern ja auch ihr Präsident gewesen sei, bemerkt die Rezensentin süffisant: "Da fragt man sich schon, ob Hillary ihrem Bill vergeben hätte, wäre er nur ihr Bundes-Wirtschaftsvertreter gewesen."

Weitere Rezensionen: Amanda Foreman hält David Gilmours Biografie (erstes Kapitel) von Lord Curzon (kurzer Lebenslauf) für eine gelungene Verteidigung des als Totengräber des Kolonialismus geschmähten Vizekönigs von Indien. Zur ausgiebigen Schilderung der Ungerechtigkeiten gegen den schillernden Politiker hätte sie sich allerdings auch ein paar Gegenargumente gewünscht. James McManus empfiehlt den Roman "The Company You Keep" von Neil Gordon: In 42 langen E-Mails treffen Woodstock und islamischer Fundamentalismus aufeinander, spannend und "völlig glaubwürdig". Als erstklassige Unternehmensgeschichte würdigt Richard Lingeman "Wheels for the World" (erstes Kapitel) von Douglas Brinkley: Henry Ford, seine bahnbrechende Idee und sein Erfolg stehen am Beginn und im Zentrum dieser Chronik der ersten 100 Jahre der Ford Motor Company. (Den Kunstsinn der Autobauer zeigen die Fresken Diego Riveras).

Magazinrundschau vom 23.06.2003 - New York Times

Porträts und Sachbücher beherrschen diese Ausgabe. Zwei exzellente neue Biografien widmen sich legendären Seestrategen: Edgar Vincent hat mit "Nelson" (erstes Kapitel) ein Buch geschrieben, dass Hilary Spurling "in jeder Hinsicht bemerkenswert" findet, "technisch, historisch und psychologisch". Was sie aus dem meisterhaften Poträt gelernt hat: Horatio Nelsons "Entschiedenheit, zusammen mit seiner unglaublichen strategischen Kühnheit und Einfachheit, ließ ihn auf See praktisch unbesiegbar erscheinen. Hinter den Kulissen war er ebenso unwiderstehlich: sanft, höflich, überlegt, herzlich und phänomenal effizient." Wie eine Abenteuergeschichte liest sich Evan Thomas' "John Paul Jones" (erstes Kapitel) über Nelsons gleichnamigen amerikanischen Widerpart, schreibt Nathaniel Philbrick. Trotz seiner dunklen Vergangenheit schaffte es Jones, erster Lieutenant in der jungen amerikanischen Kontinentalmarine zu werden. Er verstand, "dass das Meer einen Weg bot, um den Krieg zum Ufer des Feinedes zu bringen", und "unternahm eine Serie von gewagten Kommandounternehmen". Er tat auch, was "herzlich wenige amerikansiche Marineoffiziere bisher versucht hatten - ein Schiff der Royal Navy angreifen".

Bill Keller verweist auf zwei politische Essays , die das andere Amerika jenseits der internationalen Arroganz der Bush-Regierung aufscheinen lassen. "Rogue Nation" von Clyde Prestowitz und "At War With Ourselves" von Michael Hirsh. "Beide Bücher sind multilateralistische Widerlegungen der herrschenden 'Wir über alles'-Doktrin. Beide Bände sind kurz und für eine breite Leserschaft gedacht. Beide kommen zu dem Schluss, dass der Unilateralismus der Bush-Regierung falsch ist, nicht weil er irgend einen abstrakten moralischen Code verletzen würde, sondern weil er den amerikanischen Interessen schadet."

Außerdem: Faszinierend findet Bernard Weinraub "When Hollywood Had a King" (erstes Kapitel), Connie Brucks Biografie des letzten großen Hollywoodmoguls Leo Wassermann. Auch wenn der Rezensent Brucks Stil als oft schwerfällig kritisiert, hat ihre Recherchearbeit ihn beeindruckt. Bruno Maddox empfiehlt Jasper Ffordes bizarren Roman "Lost in a Good Book" (erstes Kapitel) - der zweite Band mit der literarischen Detektivin Thursday Next - als "immens vergnügliches Lesererlebnis". Next muss sich in Klassiker hineintelepotieren, um ihren Ehemann zu retten. Taylor Antrim lobt Heidi Julavits für ihr Talent zum kreativen Detail, das sie in ihrem zweiten Buch "The Effect of Living Backwards" voll auslebt. Ihre Heldin etwa lässt sie ob der Frage, ob sie und die Passagiere die Flugzeugentführer a la 9/11 überwältigen wollen, die wunderschöne Bemerkung machen: "Wir können die Möglichkeit einer guten altmodischen Entführung nicht ausschließen. Wir dürfen die Retro-Strömungen innerhalb des Terrorismus wirklich nicht unterschätzen."
Stichwörter: Heidi, Retro, 9/11

Magazinrundschau vom 16.06.2003 - New York Times

Die New York Times gibt dem Nachwuchs eine Chance und bespricht vier Debüts im großen Stil. Jay McInerney ist begeistert von Mark Haddons "kräftigem, lustigem und originellem" Erstling "The Curious Incident of the Dog in the Night-Time" (erstes Kapitel). Der autistische Gelehrte Christopher entdeckt den Nachbarpudel tot auf eine Mistgabel gespießt und macht sich daran, das Geheimnis zu lüften. "Haddon schafft es", lobt der Rezensent, "uns tief in Christophers Kopf hineinzubringen und es uns in dessen begrenzter, streng logischer Denkweise bequem zu machen. So weit, dass wir anfangen, den gesunden Menschenverstand und die erratischen Gefühle der Leute um ihn herum in Frage zu stellen." Christopher ist zwar ein "ungelöstes Geheimnis", schreibt McInerney, "aber er ist sicher einer der merkwürdigsten und überzeugendsten Charaktere in der jüngeren Literatur."

Ebenso angetan ist Benjamin Anastas von Ellen Ullmans "spannendem und intellektuell furchtlosem" ersten Roman "The Bug" (erstes Kapitel), den sie als Wiederbelebung des Frankenstein-Motivs versteht, bloß dass diesmal Computerviren den Part der intelligenten künstlichen Kreatur übernehmen. Der Lobreigen für die Newcomer geht weiter mit Sara Mosles verzückter Rezension von Maile Meloys (eine Lesung zum Anhören) "spektakulärer" Erzählung "Liars and Saints" (erstes Kapitel), der Odyssee einer französisch-kanadisch-amerikanischen Familie über den ganzen Erdball und vier Generationen hinweg. Unmöglich ist es für Francine Prose, Joan London nicht für deren "offenkundiges Talent" und ihren Erstling "Gilgamesh" zu bewundern. In dem "paradoxerweise schlank gehaltenen und dicht gepackten" Roman reist die Heldin von Australien nach Armenien, um den Vater ihres Kindes zu suchen.

Laura Miller singt eine Hymne auf die Fallstudie, "diesem unbekannten Genre im Grenzland zwischen Kunst und Wissenschaft". Als Meister nennt sie den Neurologen Oliver Sacks (mehr hier) oder Sigmund Freud, der die Abgründe hinter den respektablen bürgerlichen Kulissen seines Wiens so scharf und plastisch beschreibt und sie damit als das präsentiert, was sie sind: der Stoff für "großen Klatsch und große Literatur".

Zwei weitere, beachtenswerte Besprechungen: Owen Gingerich empfiehlt James Gleicks Biografie von "Isaac Newton" als die nun "erste Wahl für den interessierten Laien". Gleick schaffe es als Erster, mit der außerordentlichen Breite und Komplexität von Newtons Leben und Interessen fertig zu werden. Stacy Schiff gratuliert Hilary Spurling zu ihrem Porträt von Sonia Brownell, die vor allem deshalb bekannt ist, weil sie 14 Wochen mit dem schon todkranken George Orwell verheiratet war. Schiff gefällt Spurlings "große Sensibilität" sowie die "vorbildhafte Recherche".

Magazinrundschau vom 10.06.2003 - New York Times

"Ein Buch voller Gedanken, Profil, Schärfe und Laserlicht", schwärmt John Leonard von Norman Rushs Roman "Mortals" (eine Lesung mit dem Autor als Audio-File). Rush war sechs Jahre im Friedenskorps in Botswana, und auch sein mittlerweile drittes Buch spielt im südlichen Afrika: Ray und Iris richten ihre Ehe und sich selbst zugrunde. Er ist ein verdeckter CIA-Spion, sie betrügt ihn mit einem politisch-religiösen Aktivisten. "'Mortals' ist desillusionierend", schreibt der Rezensent, "eine schwarze Komödie über aufgeflogene Tarnungen, verpfuschte Intimität, schlechte Manieren und noch schlechtere Politik in einem Schwarzafrika, in dem wie auf einer sandigen Leinwand sich der westliche Irrsinn spiegelt."

John F. Kennedy war seine gesamte Amtszeit über schwer krank, enthüllt der Präsidentenhistoriker Robert Dallek (wie schon in einem Interview im Atlantic Monthly) nun in seiner ambitionierten Biografie "An Unfinished Life" (erstes Kapitel). Ted Widmer kann nicht umhin, nach der Lektüre die Härte, Intelligenz und schiere Ausdauer des Präsidenten zu bewundern. "Dallek widmet der Präsidentschaft mehr als die Hälfte des Buches", bemerkt Widmer. Die frühen Katastrophen werden kritisch betrachtet, aber die Kuba-Krise bezeichnet er als "Kennedys größte Stunde". Dallek ist Historiker, und sein Fokus auf die Politik geht auf die Kosten einer eingehenden Studie der Psyche von Kennedy. Alles in allem aber eine neue Studie von überragender Bedeutung, gründlich, kompromisslos und ausgeglichen - alles Qualitäten, die Kennedy geschätzt hätte."

Aus den weiteren Besprechungen: Auch wenn Paul Hendrickson sein eigentliches Ziel verfehle, ist "Sons of Mississippi" (erstes Kapitel) doch empfehlenswert, meint Brent Staples. Hendrickson versucht die Beweggründe der weißen Rassisten im Umfeld der gewalttätigen Proteste gegen den Einzug des schwarzen James Meredith (mehr) an der Universität von Mississippi zu erklären, bestätigt aber letzten Endes eindrucksvoll, "dass einige Klischees real existieren; unter der Oberfläche gibt es eben manchmal doch nichts mehr". Francine Prose bewundert Courtney Angela Brkic für ihren Mut, in ihrem Erzählband über den Balkankrieg "Stillness" aus der Perspektive ihrer gewöhnlichen und vor allem schon toten Helden zu schreiben. Brkic war mit einem forensischen Team auf dem Balkan und hat dort Massengräber ausgehoben. Ihre Eindrücke hat sie zu einem eindrucksvollen Einblick in das Leben und Sterben im Krieg verdichtet, "Panorama und Nahaufnahme zugleich".

Magazinrundschau vom 02.06.2003 - New York Times

Mit ihrem frechen und provokativen "The Memory of All That" (erstes Kapitel) hat Betsy Blair, die Frau von Gene Kelly (nicht nur ein Tänzer) und "rothaariges Showgirl, Schauspielerin, Linke, Ehefrau und Mutter, Abenteurerin und Europhile - im inspirierenden Alter von 79 Jahren ihr literarisches Debüt vorgelegt", schreibt James Toback und legt noch ein dickes Lob nach: "Ich kenne kein anderes Buch, das aus der Innenperspektive dieser mythisch-historischen Hollywood-Welt heraus geschrieben wurde, schon gar nicht eines von außen her, dass auch nur annähernd jene Stimmung wieder so lebendig machen würde." Denn als Kelly "die Nummer 1 als Schauspieler, Sänger, Tänzer, Choreographer und Regisseur war, umfasste die soziale und professionelle Welt der beiden praktisch jeden berühmten Namen der Zeit", erklärt Toback. Er hofft, dass sich Lady Blair entscheidet, "noch mehr zu schreiben, weiterzumachen, immer wieder zu überraschen".

Für die Sommerlektüre hat die New York Times Book Review eine ganze Liste an Empfehlungen zusammengestellt, basierend auf den Besprechungen seit Weihnachten und aufgeteilt in Belletristik und Sachbuch. Außerdem gibt es Lesetipps zu den Bereichen Reise, Garten und Kochen.

Weitere Rezensionen: Überraschend lustig findet Lisa Zeidner Mayra Monteros Don-Juan-inspirierte Fabel "Deep Purple" (Leseprobe). Mit träumerischer Intensität lasse die kubanische Autorin ihren Helden von seiner lebenslangen Kampagne berichten, mit jeder namhaften Interpretin klassischer Musik zu schlafen. Richard Eder hält die ungewöhnlich lange fünfjährige Wartezeit für Thomas Bergers neuen Roman "Best Friends" (erstes Kapitel) für angemessen. Denn die "dicht geflochtene Tragikkomödie", die den Alltag aus mythischer Sicht beschreibe, gehöre zu den besten von Bergers bisher 22 Erzählungen. James R. Kincaid dagegen empfiehlt "Star of the Sea" (erstes Kapitel), Joseph O'Connors "mutigen und kunstvollen" Roman, in dem sich ein Ire im Jahre 1847 aufmacht, einen Adligen zu töten, bevor ihr gemeinsames Schiff den Hafen von New York erreicht.

Magazinrundschau vom 26.05.2003 - New York Times

Strike! Die New York Times Book Review begibt sich auf amerikanische Spurensuche und hat ein ganzes Heft zusammengestellt, in dem es nur um eins geht: Baseball. In "The Teammates" (erstes Kapitel) schildert David Halberstam die Fahrt der Red-Sox-Legenden Dominic DiMaggioJohnny Pesky und dem in Geiste anwesenden Bobby Doerr, alle Anfang achtzig Jahre alt, nach Florida zu ihrem sterbenden Teamkollegen Ted Williams. Wie gern Charles McGrath dort als Leser mitgefahren ist, merkt man jeder Zeile seiner Besprechung dieses "eleganten kleinen Buchs" an. "Sie bewältigten die 1300 Meilen in drei Tagen, hielten in Philadelphia, wo DiMaggio von der 'Philadelphia Athletics Historical Association' geehrt wurde, und sprachen die ganze Zeit über Baseball. Das Radio blieb die ganze Fahrt über aus. Diese Gespräche bilden die Landkarte für die andere Reise dieses Buches, zurück zu den Westküstenligen der 30er Jahre, wo alle Spieler ihre Karriere begannen, und nach Boston in den 40ern, als diese Teamkameraden - Williams links, DiMaggio Mitte, Pesky vorne und Doerr auf dem zweiten - der Kern eines Red Sox Clubs waren, dem es an Größe nicht mangelte."

Außerdem empfiehlt Joel Conarroe "Game Time" (erstes Kapitel), 29 Essays des eloquenten Baseball-Analysten-Altmeisters Roger Angell. Lawrence S. Ritter bespricht Bücher von Andrew Zimbalist und Michael Lewis. Beide haben sich eingehend mit den wirtschaftlichen und sportlichen Ungerechtigkeiten beschäftigt, mit denen ärmere Teams der Liga konfrontiert sind. Roberto Gonzales Echevarria empfiehlt die Werke von Michael E. Lomax und Brad Snyder, die die bisher wenig beachteten "Neger-Ligen" beschreiben: ihre Teams, Besitzer, Manager und vor allem ihre Spieler. Dazu haben die NY Times-Redakteure eine lange Liste der bisherigen Rezensionen von Baseball-Büchern samt Links zu lohnenden Seiten zusammengestellt.

Weiteres: David Johnston stellt George Criles "Charlie Wilson's War" vor. Der Texaner Charles Wilson, 24 Jahre Kongressabgeordneter im Repräsentantenhaus, "war bekannt für seine Vorliebe für heiße Bäder, Frauen und Scotch", erzählt der Rezensent. Außerdem war er der "heimliche Patron der größten Under Cover Operation der CIA-Geschichte" - der amerikanischen Unterstützung der afghanischen Mujahedeen-Rebellen gegen die sowjetische Besatzung. Margot Livesey lobt Jane Alisons verwickelten zweiten Roman "The Marriage of the Sea", eine Studie über Liebe und Illusion. Paul Baumann bereut es nicht, Le Thi Diem Thuys Erstling "The Gangster We Are All Looking For" gelesen zu haben. Eine Flüchtlingsgeschichte, "kräftig wie ein Märchen und voller Anspielungen wie ein Gedicht."

Magazinrundschau vom 19.05.2003 - New York Times

Apokalypse now! Unsere Chancen, die nächsten 100 Jahre zu erleben, stehen 50:50, wenn man Martin Rees glauben darf. In "Our Final Hour" beschreibt der britische Astronom und Cambridgeprofessor, was da alles noch kommen mag. Die Besprechung von Dennis Overbye liest sich dann auch wie die Beschreibung der gesammelten Prophezeiungen einer Endzeitsekte, erschreckenderweise aber auf hohem seriösen wissenschaftlichen Niveau. "Es gibt viele Dinge, über die wir uns Sorgen machen müssen, manche sind altbekannt: globale Erwärmung, Asteroideneinschläge und der alte Schrecken eines Nuklearkriegs", referiert Overbye. Aber "andere sind neu": Hochentwickelte Nanopartikel "könnten uns und alles Lebe nauf der Erde verschlingen", und "gewisse physikalische Experimente könnten die Raumzeit selbst stören." Rees' "Antwort liegt im Weltall. Wenn wir erst einmal Kolonien auf verschiedenen Planeten errichtet haben, ist die Chance geringer, dass eine Katastrophe uns alle erwischt."

Nur weil es so gut dazu passt: Margaret Atwood (weitere Werke) lässt ihren neuen Roman "Oryx and Crake" (erstes Kapitel) in einer post-apokalyptischen Urszenerie" spielen, in den Resten der heutigen Welt "nach einer wenn auch etwas schwachen Apokalypse". Sven Birkert verreißt das Buch trotzdem. Science Fiction überhaupt und Atwoods Geschichte Besonderen "wird nie Literatur mit einem großen 'L' werden, weil sie immer eher von den Umständen als von den Charakteren ausgeht."

Aus den weiteren Besprechungen: Robert Dallek begrüßt "The Clinton Wars", die umfassenden Memoiren des Clinton-Beraters Sydney Blumenthal, als "willkommene Bereicherung der Literatur über die tumultreiche zweite Amtszeit des Präsidenten". Das Buch biete "eine starke und generell überzeugende Verteidigung von Bill, Hillary und Blumenthal" in der Zeit von Lewinksy-Affäre und Impeachment-Verfahren. Nicht ganz zufrieden hört sich dagegen Jennifer Schüssler nach der Lektüre von Cristina Garcias chinesisch-kubanischer Familienchronik "Monkey Hunting" (erstes Kapitel) an. "Ein ehrenwerter Versuch, alte Erinnerungen zu retten. Aber all die Blüten und Beschwörungen und Tränen schaffen es nicht, diese Vorfahren wieder lebendig zu machen". Wer Kinder kennt, die Englisch können, oder selbst eines ist, kann außerdem einen Blick in die 29 Kinderbuchbesprechungen werfen.