Magazinrundschau - Archiv

The New York Times

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Magazinrundschau vom 04.04.2006 - New York Times

Die Welt ist ein Quanten-Computer, einer, der nicht bloß "ja" und "nein" sagen kann, sondern auch "vielleicht". Corey S. Powell stellt uns in der Book Review ein Buch vor (Leseprobe "Programming The World"), das uns die Komplexität des Universums mit diesem Theorem erklären möchte. "Das Quanten-Computer-Universum gebiert unaufhörlich neue Informationen ... Gib Big Bang ein und heraus kommt schließlich DNA, Sex und Bewusstsein." Eine dermaßen irre Idee von Entropie, meint Powell, fordere sehr viel Illustrationsgeschick. Der Autor Seth Lloyd sei zwar mit Witz bei der Sache, "aber nicht immer überzeugend".

David Orr ist beglückt angesichts eines Bandes mit unveröffentlichten Gedichten, Entwürfen und Fragmenten von Elizabeth Bishop (Autorenfeature). Außerdem bespricht Darrin M. McMahon "Rousseau's Dog" von David Edmonds und John Eidinow - über die turbulente Bekanntschaft von Jean-Jacques Rousseau und David Hume. Und Mark Lilla findet, dass aus einem Buch wie Michael Burleighs "Earthly Powers" (Leseprobe), das den europäischen Säkularisierungsprozess seit der Französischen Revolution nachzeichnet, auch fürs Heute was zu lernen ist.

Fürs Magazin der New York Times berichtet Elizabeth Rubin, wie das Internationale Kriegsverbrechergericht in Den Haag versucht, den Genozid im sudanesischen Darfur strafrechtlich zu verfolgen und wie es dabei von den USA sabotiert wird: "Die Bush-Regierung nennt die Verbrechen in Darfur nicht mehr Genozid. Man will den ausgehandelten Frieden zwischen Nord- und Südsudan nicht gefährden. Und einige von Den Haag verdächtigte sudanesische Anführer dürften für die USA eine wichtige Rolle spielen bei der Jagd nach islamistischen Terroristen."

Paul Scott trifft die Wiggles, eine australische Multi-Million-Dollar-Combo aus ehemaligen Musiklehrern, die Heerscharen von Kleinkindern begeistert. Aber sind die auch echt? Schon, aber ... "Inzwischen gibt es ein weltweites Wiggles-Franchising mit Mandarin- und Spanischsprechenden Wiggles-Klonen. Die Klone werden ausgewählt nach ihrer Vorschul-Qualifikation und ihrer Fähigkeit, die Musik zu verkörpern, nicht nach dem Aussehen der original Wiggles."

Magazinrundschau vom 28.03.2006 - New York Times

Da ist es: Francis Fukuyamas neues Buch "America at the Crossroads" (Leseprobe). Fukuyama zu lesen, lohne sich immer, besonders für amerikanische Neokonservative, erklärt Paul Berman. Er ist jedoch zugleich enttäuscht, weil der neue Fukuyama keine Antworten gibt "zum drängenden Problem mörderischer Ideologien und wie man sie bekämpft". Wenn auch kein Neokonservativer mehr, sei Fukuyama noch immer zu sehr Hegelianer, als dass es ihm gelänge, "das freie Spiel unvorhersehbarer Ideen und Ideologien" als Ursprung ideologisch motivierten Blutvergießens zu erkennen anstelle einer stetig fortschreitenden, durch Soziologie, Psychologie und die Wirtschaftswissenschaften bestimmten Geschichte.

Anlässlich des am 1. April weltweit zelebrierten "Festivals essbarer Bücher" untersucht Blake Eskin Fälle von Bibliophagie in den verschiedenen Kulturkreisen: "Als Mittel gegen Epilepsie verspeist man in Tibet gedruckte Mantras. Ein Ritual unter ultra-orthodoxen Juden beinhaltet das Ablecken des mit Honig beträufelten hebräischen Alphabets und den Genuss eines hart gekochten Eis, auf dem Verse aus dem Buch 'Ezekiel' stehen."

Außerdem in der Review: Brad Leithauser stellt die gesammelten Gedichte des griechischen Lyrikers C. P. Cavafy in neuer Übersetzung vor. Nellie McKay bespricht ein Buch, das sich der amerikanischen Popmusik der 50er und ihrer Protagonisten wie Pat Boone und Connie Francis annimmt (Leseprobe "Great Pretenders", Audiofile "Songs of Innocence"). Und Anthony Tommasini freut sich über einen "erfrischenden" Band über "Mozarts Frauen".

Im Magazin der New York Times prüft David Rieff, was übrig bleibt von der großen Vision der Globalisierung: Globalisierung light. In Zeiten des Friedens und wirtschaftlicher Expansion wie den 90ern sei Globalisierung ein schlüssiges Konzept, schreibt Rieff, "in konfliktreicher, angstvoller Zeit ist es dagegen weniger überzeugend." Das Engagement für offene Märkte und freien Kapitalfluss habe heute einen ganz anderen Klang: "Addiere Terrorismus und das Schreckgespenst Massenvernichtungswaffen hinzu und was eine blühende wirtschaftliche Zukunft versprach, wird zur Bedrohung."

Mit der Erfindung von "Steakhouse" hat sich das Jagen erübrigt? Von wegen. Was den Jäger fasziniert, beschreibt Michael Pollen im Stil Hemingways - als Jäger Porno: "Das hier ist keine ästhetische, das ist eine hungrige Aufmerksamkeit, die sich wie Finger in die Umgebung vortastet. Wohin mein Auge nicht sieht, schwärmen meine Ohren aus, berichten von knackenden Ästen oder dem Schnüffeln eines - halt, was war das? Bloß ein Vogel."

Weiteres: Alex Witchel porträtiert den Broadway-Dramatiker Richard Greenberg. Und im Interview erklärt die Königin der Boulevardpresse, Bonnie Fuller (Cosmopolitan, Glamour), warum es okay ist, nicht perfekt zu sein.

Magazinrundschau vom 21.03.2006 - New York Times

Treffer - versenkt. Wem gerade nach einem gut geschriebenen Verriss ist, der lese Walter Kirns Abrechnung mit dem Harvard-Professor Harvey C. Mansfield und dessen Studie über "Männlichkeit". Unter den Talaren, der Muff von... Oder, wie Kirn es formuliert: "In welcher fernen Galaxie hat Mansfield sein Teleskop aufgestellt, um das Verhalten von uns Erdlingen zu untersuchen?" Mansfield bemühe Wissenschaft, Literatur und 40 Jahre alte Erfahrungswerte zum Thema 'weibliche Schlagfertigkeit', um zu beweisen, dass es nichts zu beweisen gebe, "dass Mann und Frau sich im Innersten unterscheiden und zwar genauso, wie wir es immer vermutet haben".

Wie sagt man hier: Miezen-Literatur? Rachel Donadio verschafft uns einen internationalen Überblick über die "chick-lit"-Romane für und über "berufstätige Frauen bis 40 mit Drang nach Unabhängigkeit und Glamour" - und was sie so populär macht: "Als Marketing-Trick verschrien, als Ausgeburt westlichen Kulturimperialismus oder Rückschritt in vor-feministische Zeiten, erweist sich dies Genre als extrem anpassungsfähig, etwa an veränderte gesellschaftliche Verhältnisse in Osteuropa und Indien, wo traditionelle Werte mit einer neuen Wirtschaftsordnung kollidieren." Und wo im Fernsehen todsicher "Sex and the City" läuft.

Ferner werden besprochen: Ein Buch, das den Aufstieg der Republikaner in der US-Politik kritisch beleuchtet (Autorenfeature: Kevin Phillips). Eine "journalistisch einwandfreie" Doppelbiografie des Boxers Muhammad Ali und des Sportreporters Howard Cosell (Leseprobe "Sound And Fury"). Sowie eine Biografie der russischen Dichterin Anna Achmatowa.

Zev Chafets besuchte für das Magazin die christliche Liberty Universität in Lynchburg, wo Studenten einem regelrechten Debattendrill unterzogen werden, bei dem es vor allem um eins geht - Tempo: "Ein Topdebattierer schafft 400 Worte pro Minute, so wie ein schneller Auktionator ... Argumente, auch irrelevante müssen widerlegt werden. Die unbeantworteten zählen gegen dich. Je schneller du redest, desto mehr Argumente kannst du vorbringen." Im Training hört sich das dann so an: "Er zieht die Genozid-Karte - wir kontern mit Heidegger, dann, peng, Erich Fromm."

Außerdem porträtiert Pat Jordan den britisch-pakistanischen Boxer Amir Khan, der mit 17 Jahren bereits als neuer Muhammad Ali gehandelt wird. Und im Interview erklärt der Gründer des linksliberalen Politik-Blogs "Daily Kos", Kos Celebre, warum Blogger selten große Buchautoren sind: "Der Blogger kann sein Argument mit einem Link untermauern. Das geht in keinem Buch."

Magazinrundschau vom 14.03.2006 - New York Times

In seinem neuen Essay-Band (Leseprobe "Consider The Lobster") entpuppt sich David Foster Wallace (Autorenfeature) eher als Nostalgiker denn als Moralist, findet Pankaj Mishra: "Nur wenige seiner Zeitgenossen haben sich derart eloquent und feinfühlig zu den gesteigerten Anforderungen moralischer Vorstellungskraft geäußert, die die amerikanische Gegenwart ihnen auferlegt. Dennoch scheint er oft zu sehr seiner Zeit - dieser endlosen postmodernen Gegenwart - anzugehören, um uns seine Schwierigkeiten mit ihr überzeugend auseinanderzusetzen."

Zwei "leidenschaftliche, gut recherchierte" Bücher zum hoch wichtigen Thema Klimawandel stellt Carl Zimmer vor: "The Weather Makers" (Leseprobe), das die historische Perspektive wählt, und das phänomenologisch vorgehende "Field Notes From a Catastrophe" (Leseprobe). Obwohl beide Bücher Schwächen haben - ersteres, schießt übers Ziel hinaus, wenn es die Ausbreitung der Malaria mit dem Klimawandel erklärt, letzteres ermangelt der wissenschaftlichen Durchdringung der Materie -, wünscht Zimmer ihnen einen Haufen gewissenhafter Leser und "dass sie uns darin bestärken, mehr Verantwortung zu übernehmen für unser kollektives Handeln."

Weiteres: T Coopers Diaspora-Roman "Lipshitz Six, or Two Angry Blondes" über einen jungen Mann namens T Cooper erinnert Lucinda Rosenfeld angenehm an einen jungen Mann namens Safran Foer. Naomi Wolf stellt fest: In Teenager-Romanen dreht sich alles um Sex und Shoppen. Und Lee Siegel imaginiert, was wäre, wenn Fakten-Fetischisten der Literatur wie Oprah Winfrey recht bekämen: Jahve und Marx müßten nachsitzen.

Im Magazin der New York Times erklärt Patrick Radden Keefe, was die Geheimdienste von der Netzwerktheorie lernen können (Muster und Links in riesigen Datenmengen zu erkennen und zu analysieren) und welche Fährnisse diese birgt: "Das Problem ist, dass ein Mensch über drei Ecken mit Hunderttausenden anderen Menschen verbunden ist. So kommt es zu einer großen Menge von 'falschen Treffern' - lauter unschuldige Zivilisten in einem sich unendlich ausbreitenden Netz von Verbindungen ... Besorgniserregend in puncto Grundrechte und ein praktisches Problem bei der Suche nach Terrornetzwerken: Informationsüberfluss."

Weitere Beiträge: Im Aufmacher porträtiert Matt Bai den Demokraten Mark Warner - möglicher Ersatzkandidat für die Präsidentschaftskandidatur, falls Hillary Clinton doch noch bei ihrer Partei durchfallen sollte. James Traub beschreibt die Hoffnungen, die die Demokraten in die Wahlen 2006 setzen. Im Interview erklärt der Harvard-Professor und Buchautor Harvey C. Mansfield ("Manliness") Männlichkeit zu einer seelischen Qualität. Und Jeff Koons fotografiert die Schauspielerin Gretchen Mol als B-Movie-Star Bettie Page (Slideshow).

Magazinrundschau vom 07.03.2006 - New York Times

Einen mutigen Mann nennt Jim Windolf den Musikkritiker Simon Reynolds, der sich mit "Rip It Up and Start Again" an eine Geschichte des Postpunk wagt (Devo u. a. als Audiofile). Mitunter ein bisschen zu geschwätzig, wie Windolf findet: "Das passiert vielen, die über Popmusik schreiben: Weil ihr Thema nicht den Status der Hochkultur genießt, geraten sie in Panik und schwadronieren drauf los. Bei Reynolds stehen zwischen den obligatorischen Barthes- und Derrida-Referenzen immerhin ein paar Kraftausdrücke."

Dave Itzkoff eröffnet die neue Science-Fiction-Kolumne der Book Review mit einer Besprechung von David Maruseks neologismenfreudigen Roman "Counting Heads" - "einem mitunter brillianten Porträt unserer Gesellschaft im 22. Jahrhundert ... das uns in seinen besten Momenten nostalgisch stimmt und dankbar, eine Zukunft nicht erleben zu müssen, in der unsere Körper zu schnöden Datenträgern reduziert werden."

Weiteres: Elisabeth Royte hält Mark Kurlanskys kleine Kulturgeschichte der Auster (Leseprobe "The Big Oyster") für ein wunderbares Buch über die Stadt New York, die Austern werden dafür nicht so recht greifbar. In einem Essay erinnert Mike Meyer an die Schriftstellerin, Nobelpreisträgerin und unermüdliche Vermittlerin zwischen Orient und Okzident Pearl S. Buck.

Das New York Times Magazine widmet sich ganz der Immobilie.

Magazinrundschau vom 28.02.2006 - New York Times

Der Rezensent als Bestatter, das passt! "Death's Door" von Sandra M. Gilbert hält der Dichter und Bestattungsunternehmer Thomas Lynch für "die wohl umfassendste multidisziplinäre Betrachtung der Sterblichkeit, die unsere Generation zu lesen bekommt". Das Buch, das Wege der Trauer ebenso behandelt wie die Sterblichkeit in der Literatur, so Lynch, profitiere vor allem von der Belesenheit seiner Autorin: "Der Leser erhält nicht nur eine Einführung in die Poesie von Emily Dickinson, sondern auch einen Platz in der kleinen Trauergesellschaft, die den weißen Sarg mit dem Körper der Dichterin durch Felder voller Blumen zum Grab in Amherst begleitete. Whitmans 'Song of Myself' wird in Beziehung gesetzt zu des Autors spektakulärer Beisetzung 1892." Für Lynch ist es "ein Buch, das inspiriert, instruiert, erhebt und ermutigt, den Trauernden wie den Bestatter."

Weiteres: In einem Essay huldigt Rachel Donadio noch einmal der unlängst verstorbenen Publizistin und Frauenrechtlerin Betty Friedan ("Der Weiblichkeitswahn"). Terence Rafferty schwärmt vom neuen Mantel-und-Degen-Roman "Purity of Blood" des Spaniers Arturo Perez-Reverte. Und Dwight Garner teilt mit, dass sich Bernard-Henri Levys "American Vertigo" in den USA zum Bestseller entwickelt - sei's trotz oder dank der bösen Besprechung in der New York Times.

Im New York Times Magazine erzählt Chip Brown die unglaubliche Geschichte von Rahmatullah Hashemi, der in Afghanistan als Sprecher für die Taliban dolmetschte und dann als freshman nach Yale ging: "Er war im Glauben erzogen worden, in der Gewissheit einer höheren Ordnung, eines sinnvollen Universums, und jetzt, in diesem Schrein des kritischen Denkens, lernte er zu zweifeln, nicht zu glauben."

Weitere Artikel: Steven Lee Myers besucht Weißrussland vor den Wahlen im kommenden Monat und porträtiert Aleksandr Lukaschenko, "Europas letzten Diktator aus Sowjetzeiten": "Natürlich wird Lukaschenko mit 75 Prozent der Stimmen die Wahl gewinnen. Wie seine demokratischen Widersacher schon sagen: 'Er mag keine Zahlen unter 75 Prozent'." Alissa Quart porträtiert die kanadische Indie-Band "Broken Social Scene", deren kollektivistischen Ideale gerade vom kommerziellen Erfolg angekratzt werden.

Magazinrundschau vom 21.02.2006 - New York Times

Religion - ein Naturphänomen? Was Daniel C. Dennett in seinem Buch "Breaking The Spell" nachzuweisen versucht, hält Leon Wieseltier für biologischen Reduktionismus at its best, einen atheistischen Wunschtraum, der die Beziehung zwischen Religion und Vernunft, historisch und philosophisch, unter den Teppich kehrt: "Dennett ist der Meinung, die Erforschung des Glaubens an den Glauben, seiner Ursprünge und Folgen, mache die Untersuchung des Glaubens selbst überflüssig. Ein Fehler. Einzig durch die Widerlegung seiner Inhalte lässt sich der Glaube widerlegen."

Reinstes Rezensentenglück dagegen bei Laura Miller. Sie freut sich über Stephen Wrights vierten Roman, die Bürgerkriegs-Saga "The Amalgamation Polka" (Audiofile und Textprobe). Ein Buch wie "Alice im Wunderland", findet sie: "Ein schwindelerregender Vorstoß ins Unbekannte. So fühlt sich Geschichte an für die, die sie erleben, die nicht wissen, was sie erwartet, wenn das Bekannte sich auflöst und neu zusammensetzt. Das ist Gegenwart." In einem Brief schließlich beschwert sich Bernard-Henri Levy über den bissigen Verriss seiner Reise-Essays "American Vertigo" vor drei Wochen in der Review. Der sei zwar witzig geschrieben, werde dem Ziel des Buches, europäische Vorurteile über die USA zu hinterfragen, aber nicht gerecht: "Was zählt, sind die Fragen, nicht so sehr meine Antworten." Jetzt möchte Levy gern eine Kontroverse lostreten und fordert den Rezensenten zum Rededuell!

Das Magazin der New York Times bringt einen Vorabdruck aus Francis Fukuyamas neuem Buch "America at the Crossroads". Darin beschwört der altkonservative Vordenker das Endes des Neokonservatismus, der in seinem Glauben komplett gescheitert sei, ein leichter Stoß der USA würde die arabischen Staaten quasi in den Urzustand der Demokratie befördern: "Das Problem der neokonservativen Agenda lag nicht in ihren Zielen, die sind so amerikanisch wie Applepie, sondern in den übermilitarisierten Mitteln, mit denen sie sie erreichen wollte." Und Fukuyama plädiert für einen Kurswechsel in der amerikanischen Außenpolitik: "Zuallererst müssen wir den so genannten globalen Krieg gegen den Terror entmilitarisieren und zu anderen Mitteln der Politik übergehen. Wir kämpfen in Afghanistan und Irak gegen schwere Aufstände und gegen eine internationalen Dschihad-Bewegung - Kriege, in denen wir siegen müssen. Aber 'Krieg' ist der falsche Ausdruck für den breiter angelegten Kampf, da Kriege mit voller Intensität und in einem klar begrenzten Zeitraum ausgefochten werden. Die Herausforderung der Dschihadisten anzunehmen, bedeutet, einen langen, nicht eindeutig umrissenen Kampf zu führen, dessen Kern nicht die militärische Kampagne ist, sondern ein politischer Wettstreit um die Herzen und Köpfe der Muslime. Wie die jüngsten Ereignisse in Frankreich und Dänemark nahelegen, wird Europa hierbei ein zentraler Kampfplatz sein."

Der Irak-Korrespondent Dexter Filkins berichtet, wie die Amerikaner im Irak zu später Besinnung gelangen. Vorsichtige Planung, konzentriertes Denken, intensive Auseinandersetzung mit den Problemen des Landes und seiner Bevölkerung sind die neue Strategie: "Der emporgestiegene Held der griechischen Tragödie fällt am Ende der eigenen Hybris zum Opfer. Der Sturz der USA im Irak aber könnte von anderer Tragik sein: Der mächtige Invasor macht unzählige Fehler und opfert Tausende Leben. Nach einer Weile besinnt er sich und macht alles richtig. Und es ist zu spät."

Magazinrundschau vom 14.02.2006 - New York Times

In der New York Times Book Review stellt Noah Feldman "Messages to the World" vor, einen Band, der die Reden, Interviews und Internetartikel Osama bin Ladens versammelt, stellt uns in der Book Review vor. Eine irgendwie obszöne Lektüre, findet er, erkennt jedoch auch ihren Wert an: "Gleichwohl moralisch verwerflich und unverantwortlich im religiösen Sinn, könnte bin Laden Zuspruch finden bei durchaus logisch Denkenden mit den gleichen Prämissen ... Seine Worte zu drucken bedeutet, ihn zu zeigen als das, was er ist - ein verirrter Moslem, der den Glauben missbraucht, um Mord zu rechtfertigen."

David Brooks bespricht ein Buch ("World as Laboratory: Experiments With Mice, Mazes, and Men"), das die mitunter haarsträubenden Versuche der Wissenschaft dokumentiert, menschliches Verhalten zu steuern: "Diese Forschung wurde großzügig finanziert und gefördert von den renommiertesten Instituten ... Und sie wurde betrieben in der noch immer verbreiteten Ansicht, dass es dies Reiz-Reaktions-Schema im Gehirn gibt und dass man menschliches Verhalten kontrollieren kann, indem man die Reize kontrolliert."

Außerdem: Pankaj Mishra stellt uns "The Inheritance of Loss" von Kiran Desai vor (Kapitelprobe als Audiofile) - für Mishra der "perfekte post-9/11-Roman", erzählt mit "moralischer Intelligenz" und echtem Talent. Und der Autor Curtis Sittenfeld gibt seine Erfahrungen mit Buchclubs zum Besten: "Es gibt nur wenige Orte, wo Cellulitis und Tolstoi im selben Gespräch auftauchen."

Im Magazin der New York Times stellt Joseph Lelyveld Senator Chuck Hagel vor, der möglicherweise der nächste Präsidentschaftskandidat der Republikaner wird: "Hagel war nie eine Taube, aber im republikanischen Aviarium ist er allemal ein seltener Vogel: Ein Internationalist mit einem starken Sinn für Allianzen, für multilaterale Bemühungen, weltumspannende Institutionen und Außenpolitik, der sich um den Rest der Welt schert - und nicht nur wegen des Agrarexports."

Im Gespräch mit Deborah Solomon erklärt die BBC-Legende David Frost, was er täte, wenn seine neuen Arbeitgeber von Al Jazeera International ihn für ein Interview auf Osama bin Laden ansetzen würden: "Ich würde wohl nein sagen. Als pflichtbewusster Bürger müsste man ihn dingfest machen. Das wäre wohl unmöglich. Du würdest vielleicht reinkommen, aber vielleicht auch nie wieder heraus."

Magazinrundschau vom 07.02.2006 - New York Times

"Ein Buch wie Sprengstoff", urteilt der ehemalige CNN-Chef Walter Isaacson über "State of War" von James Risen. Das auf anonymen Quellen basierende Buch (hier eine Kostprobe) erkundet die verborgene Geschichte der CIA und der Bush-Administration. Abhören, Foltern - wie weit ging das, wie lange und in wessen Namen? Risens Antworten, so vermutet Isaacson, seien "zu achtzig Prozent wahr". Mehr sei nicht drin auf diesem Feld der Geschichtsschreibung: "Wie ein impressionistisches Gemälde stützt sie sich auf Punkte von variierender Schattierung und Intensität. Einige stammen aus 'undichten Stellen', andere aus den Erinnerungen und Gedanken der Beteiligten. Stück für Stück entsteht so ein Bild. Es ist an uns, die Punkte zu verbinden und einen Sinn zu entdecken in dieser Landschaft."

Kennen Sie Malcolm Gladwell? Der Mann ist ein Tausendsassa: Gefragter Journalist und Wirtschaftsberater mit 40.000 Dollar-Lesehonoraren, Mitarbeiter des New Yorker, Autor der Bestseller "The Tipping Point" (Leseprobe) und "Blink" (Leseprobe) und mit seinem Stilmix aus sozialwissenschaftlicher Fallstudie und grell-komischer anekdotischer Charakterschau Erfinder eines neuen literarischen Genres. Rachel Donadio stellt uns den Mann mit der wildesten Mähne im westlichen Publikationszirkus vor (hier). "In Zeiten fortschreitender Spezialisierung ist Gladwell der Vermittler schlechthin, zwischen der New Yorker literarischen Welt und dem übrigen Amerika, zwischen liberal und konservativ, Mann und Frau, oben und unten." (Mehr im Audiointerview)

Außerdem in der Review: Der abschließende Teil von Taylor Branchs monumentaler Trilogie über Martin Luther King und seine Zeit (Leseprobe "At Canaan's Edge"). Und Dave Itzkoff zeigt sich "zu Tode erschrocken" von Stephen Kings neuem Roman "Cell" (Leseprobe). - Ein mysteriöser Ton im Handy verwandelt eifrige Mobiltelefonisten in Zombies.

Was passiert, wenn wir lügen? Und wie lässt es sich erkennen? Im Magazin der New York Times geht Robin Marantz Henig diesen spannenden Fragen nach: "Unglücklicherweise erfassen die gängigen Detektoren nicht die Lüge selbst, sondern die Angst vor ihr ... So kommen die gefährlichsten Lügner davon: Die, die es nicht kümmert zu lügen, die, die nicht wissen, dass sie es tun, die, denen man es beigebracht hat, und diejenigen, die nichts zu verlieren haben, wenn sie erwischt werden - die für die Sache sterben würden, weil sie daran glauben."

Weitere Artikel: Außerdem stellt uns Sara Corbett den Puerto-Ricanischen Raggaeton-Star Daddy Yankee anhand der nach ihm benannten Sneakers vor: "Ein hübsches Stück, mehr Lifestyle- als Sportschuh und dazu geschaffen, Yankee so gut zu repräsentieren, wie es ein genähtes Stück Leder nur vermag." Der Turnschuh kann auch singen (hier und hier). Und Rob Walker wirft einen Blick auf die rasch wachsende Gemeinde der in internationalen Ligen organisierten, in gut dotierten E-Sports-Meisterschaften konkurrierenden Computerspiel-Athleten und ihrer Fans.

Magazinrundschau vom 31.01.2006 - New York Times

"Eine Art Buch" des französischen Vorzeigeintellektuellen Bernard-Henri Levy annonciert uns Garrison Keillor (Leseprobe "American Vertigo"). Wutschäumend, muss man sagen. Denn was Levy, ursprünglich im Auftrag von Atlantic Monthly, da auf gut 300 Seiten "zusammengestoppelt" hat, untertitelt als "Unterwegs in Amerika auf den Spuren Tocquevilles", bietet für den Rezensenten gerade genug Originalität, um noch die allerdümmsten unter Europäern kursierenden Klischees über die Staaten zu bestätigen. Für einen Amerikaner aber scheint der Wiederkennungswert der journalistischen Miniaturen derart gering, dass Keillor vermutet, es handelt sich hier gar nicht um die USA und seine Menschen: "Kann sein, dies ist ein Buch über Franzosen."

Außerdem in der Review: Zwei neu erschienene Aufsatzsammlungen zur Folter, die Lance Morrow ein bisschen zu tendenziös findet: "Die Position der Rechten hat nur Schein-Befürworter. Insgesamt tendieren die Beiträge beider Bücher zur Frömmelei: Folter = böse, ich = gut." Das uns wärmstens empfohlene Romandebüt der gebürtigen Moskowiterin Olga Grushin, in dem ein russischer Künstler seine Ideale an das System verrät und damit im Tauwetter von Glasnost baden geht. Und Biografien: Über Ronald Reagan (Leseprobe "Triumph der Vorstellungskraft"), über den elisabethanischen Dichter und Dramatiker Christopher Marlowe sowie über den 1989 verstorbenen Independent-Regisseur John Cassavetes (Filmografie lesen).

Das Magazin hat die Grippe im Gepäck. Furchterregend, was Jamie Shreeve da untersucht. Sein Artikel führt uns in die Hochsicherheitslabore der Epidemiologen und lässt uns zweierlei hoffen: Erstens, dass Wissenschaftler bald in der Lage sein werden, die Zusammenhänge von Pandemien besser zu verstehen, um Seuchen wie die Vogelgrippe im Zaum zu halten. Und zweitens, dass diese Leute auf der guten Seite sind, ein ruhiges Händchen haben und sich, wie der Autor das tut, immer wieder fragen, "ob, was wir lernen können, auch das Risiko rechtfertigt, das diese Experimente bergen", wenn sie mit Killern wie dem Grippevirus von 1918 hantieren. Sicher nämlich ist nur soviel: "Die nächste Pandemie kommt bestimmt - wenn nicht durch den H5N1-Virus, dann womöglich von einem anderen, noch nicht bekannten."

Daniel Bergner fragt, ob es amerikanische Christen, die in Kenia versuchen, Angehörige vom Stamm der Samburu zu missionieren, nicht vielleicht zu gut meinen. "Vorgesehen sind Gottesdienste unter Akazien ... und Bibelkurse als eine Form des Geschichtenerzählens, das der mündlichen Tradition der Samburu entspricht." Einen Begriff von Sünde und von der Abgetrenntheit von Gott wollen die Missionare den Samburu vermitteln. Die aber haben ihren eigenen Gott, Ngai, dem sie der Überlieferung nach einst durch eine lederne Leiter verbunden waren. "Ein zorniger Samburu zerschnitt diese Leiter, und seitdem ist der Stamm getrennt von seinem Gott."

Weitere Artikel: Alex Witchel besucht den Broadway-Kostümdesigner und vierfachen Tony Awards Gewinner William Ivey Long, der selbst seit dreißig Jahren immer das gleiche anhat: "Marineblauen Blazer, weißes Hemd, gestreifte Krawatte, Khakis, schwarze Schnürschuh." Eine Uniform. Aus gutem Gund: "Wenn ich etwas trüge, worüber die Leuten reden könnten, das würde bloß ablenken. Mein Blick gilt den Leuten." In einem Interview schließlich gibt der Schwarm aller Schwiegermütter, James Blunt, wertvolle Tipps für Musikmuffel: "Wenn dich mein Album langweilt, kannst du prima Frisbee damit spielen."