Magazinrundschau

Die Magazinrundschau

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
06.03.2007. Die Weltwoche porträtiert Andre Glucksmann. In Al Ahram findet die Kanadierin Hadeel Al-Shalchi, dass die Ägypterinnen das Kopftuch aus den falschen Gründen tragen. Tygodnik Powszechny will keine westeuropäischen Filme über osteuropäische Themen sehen. Der Economist untersucht Licht und Schatten in Südafrika. Al-Sharq al-Awsat beobachtet arabische Intellektuelle im französischen Wahlkampf. Der Merkur fragt, warum die Deutschen einen solchen Hass auf die Klassengesellschaft haben. Das ES-Magazin empfiehlt den Ungarn, die Demokratie etwas nüchterner zu betrachten. Die New York Times denkt über ein Ergebnis unserer Hirnarchitektur nach: den Glauben.

Weltwoche (Schweiz), 01.03.2007

David Signer hat nach einem Besuch Andre Glucksmanns und der Lektüre seiner letzten Bücher ein sehr schönes Porträt verfasst. Es geht unter anderem um Identität, eine Sache, um die Glucksmann, der von deutschen Juden abstammende Franzose, und Linke, der heute Sarkozy wählt, bestens Bescheid weiß. "Ein großer Teil der Weltbevölkerung lebe heute weder in der alten Welt der agrarischen Gewissheiten noch in westlichen Rechtsstaaten, wo das Zusammenleben verschiedener Gruppen mehr oder weniger geregelt verlaufe, sondern müsse sich in einer gewalttätigen Zone der Identitätsunsicherheit und der Identitätskonflikte zurechtfinden. Das sei der ideale Nährboden für Nihilismus. Der Nihilist im glucksmannschen Sinne mag sich nationalistisch, marxistisch oder islamistisch gebärden, aber das sind nur Alibis. Eigentlich ist er bodenlos und leer, sein einziges Motiv Hass, die Zerstörung des andern. (...) Drei Ziele bieten sich für den Nihilisten besonders an: der 'kapitalistische Westen', weil er aus der Mobilisierung von allem und jedem ein Prinzip gemacht hat; der Jude, weil er gerade aus seiner Entwurzelung seine Identität bezieht; und die Frau, weil sie die Totalität des Mannes in Frage stellt. In ihrem Hass auf die drei treffen sich, so Glucksmann, die unterschiedlichsten Bewegungen. 'Es ist der Hass der Pseudoverwurzelten gegen die universal Entwurzelten.'"
Archiv: Weltwoche

Al Ahram Weekly (Ägypten), 28.02.2007

Die Kanadierin Hadeel Al-Shalchi (weblog), die seit zehn Jahren freiwillig das Kopftuch trägt, erlebt einen positiven Kulturschock, als sie nach Kairo kommt. Fast jede trägt hier Kopftuch, das Angebot ist phantastisch: "Da ich aus einem Land komme, in dem es nicht viele Kopftücher gibt, fühlte ich mich in den Kopftuchgeschäften wie in einer Oase. Ich stand mit aufgerissenen Augen in einem Laden und dachte: 'Oh mein Gott - ich will sie alle!'" Mit der Zeit wird sie aber unsicher, wie ernst es den Ägypterinnen eigentlich damit ist. "Viele Frauen scheinen das Kopftuch zu tragen, ohne nachzudenken. Sie bringen Begründungen wie 'Ich will nicht in die Hölle' oder 'Das muss ich tun', 'Meine Eltern haben es mir gesagt', 'Das macht doch jeder so'... Aufkleber in den U-Bahn-Stationen warnen die Frauen, den Hijab zu tragen, wenn sie ihrem Gott am Tag des Jüngsten Gerichts begegnen - fühlst Du Dich schuldig, es nicht zu tragen? Willst Du in diesem unmoralischen Zustand gesehen werden? Und wenn sich ein Mädchen gegen das Kopftuch entscheidet, dann kann sie sich entweder auf Belästigungen oder Bemerkungen von Männern auf der Straße gefasst machen, oder sie ist plötzlich eine koptische Christin."
Stichwörter: Kopftuchstreit, U-Bahn

Tygodnik Powszechny (Polen), 27.02.2007

Wie sollte man neueste polnische Geschichte zeigen, ohne die Teilungen der post-1989-Zeit im Publikum zu reproduzieren, fragt Filmkritiker Tadeusz Lubelski? Man kann es wie Volker Schlöndorff ("Strajk - Die Heldin von Danzig") tun, dessen Film mit dem Sieg der "Solidarnosc" endet. Lubelski stören dabei aber die Ungenauigkeiten, die popkulturellen Konventionen und die Glubschaugen-Extatik von Katharina Thalbach. "Ausgerechnet in dem Moment, da sich neueste Geschichte einer großen Konjunktur erfreut, nehmen sich westeuropäische Regisseure polnischer Themen an. Davon haben wir nichts, denn sie versuchen nicht, einen Außenblick zu wagen." Die Antwort auf die eingangs gestellte Frage will Lubelski in "The Queen" und im rumänischen "12:08 Östlich von Bukarest" gefunden haben: verschiedene Perspektiven einnehmen und Sympathien für die Helden wecken.
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Economist (UK), 02.03.2007

Von Licht und Schatten in Südafrika berichtet der Economist. Einerseits geht es fraglos aufwärt: "Das Township Soweto, das größte in Johannesburg, war früher ein Synonym für Gewalt und die Armut der Schwarzen. Heute sieht es anders aus. Im Diepkloof-Viertel parken glänzende Neuwagen vor eleganten Häusern mit Alarmanlagen. Einkaufszentren werden geplant, Banken haben Einzug gehalten und die Touristen kommen. Neue Bars und Restaurants haben die ganze Nacht geöffnet und werden von reichen Schwarzen besucht, die jetzt unter der Woche in ruhigen Vororten von Johannesburg leben, die früher nur von Weißen bewohnt waren." Es gibt jedoch auch eine andere Seite: "Obwohl jedes Jahr eine halbe Millionen Jobs geschaffen werden, liegt die Arbeitslosigkeit unvermindert bei 25 Prozent - oder, folgt man einer weniger strengen Definition, bei beinahe 40 Prozent. Fast die Hälfte der Bevölkerung ist arm; etwa ein Viertel bekommt staatliche Hilfe."

Weitere Artikel: Der Economist hat das Buch "Testimony" des französischen Präsidentschaftskandidaten Nicolas Sarkozy gelesen - und staunt nicht schlecht: Der Mann scheint amerikanischer als die Amerikaner, erst recht in der speziell für Amerika umgeschriebenen Übersetzung. Zunächst sah es so aus, als könne Barack Obama die schwarze Wählerschaft der Demokraten nicht überzeugen - neuesten Zahlen zufolge, erfahren wir, muss sich Hillary Clinton jetzt aber große Sorgen machen. Außerdem informiert der Economist über einen Boom der Stiftungen und philanthropischen Unternehmungen, und berichtet von Plänen amerikanischer Städte zur Rundumversorgung mit drahtlosen Internetverbindungen. Referiert wird auch eine psychologische Studie, die zum Ergebnis kommt, dass Sex in der Werbung nicht funktioniert.
Archiv: Economist

New York Review of Books (USA), 15.03.2007

Michael Tomasky untersucht besorgt die Lage der Demokraten in den USA und stellt fest, dass die Partei nur recht disparate Vorstellungen davon hat, wo sie politisch eigentlich hin will. Über die Ausrichtung werden die Präsidentschaftskandidaten - John Edwards (links), Hillary Clinton (Mitte) oder Barack Obama (irgendwo dazwischen) - entscheiden: "George Bush ist geschwächt, die Nation will ihn nur noch loswerden. In den Augen vieler Wähler hat Bush nicht nur sich selbst diskreditiert, sondern auch den Konservatismus... Nach den Wahlen im letzten Herbst gibt es Grund zu glauben, dass die Demokraten von diesem Wandel profitieren werden. Doch zur gleichen Zeit besteht die Gefahr, dass die Demokraten zu viel in diese Wahlen hinein interpretieren. Wie Chuck Schumer bemerkte, gründen die Erfolge der Partei 2006 eher in einer negativen Botschaft an Bush und die Republikaner als in einer Unterstützung für die Politik der demokratischen Partei."

Peter W. Galbraith rauft sich die Haare über George Bushs neue Irak-Strategie. Schon wieder folge Bush seinen neokonservativen, nicht seinen militärischen oder politischen Beratern: "Sie empfehlen eine Reduzierung der Kampftruppen, Bush kündigt eine Aufstockung an. Sie dringen auf eine diplomatische Öffnung gegenüber Iran und Syrien, Bush stößt Drohungen aus... Bis jetzt haben die amerikanischen Truppen fast ausschließlich den sunnitischen Aufstand bekämpft. Bushs neuer Plan nimmt das Militär in die Pflicht, auch gegen die Mahdi-Armee und ihre verbündeten Milizen vorzugehen, eine Maßnahme, die bedeuten kann, dass die Truppen in einen allumfassenden Häuserkampf in Bagdad verwickelt werden, einer Stadt mit mehr als fünf Millionen Einwohnern... Da Bush die Rhetorik gegen den Iran anheizt, dürfte die iranische Regierung in einem breiten schiitischen Aufstand gegen die Koalition ihre beste Versicherung gegen einen amerikanischen Angriff sehen."

Weiteres: Alison Lurie preist Alain de Botton, dessen Bücher sowohl unterhaltsam wie intelligent sind (angeblich im Gegensatz zum Großteil der angelsächsischen Sachliteratur, aber Lurie hat wohl noch nie eine deutsche Dissertation gelesen). Joyce Carol Oates bespricht Joan Acocellas Essay "Twenty-eight Artists and Two Saints". Sanford Schwartz stellt zwei neue Bücher über Orson Welles vor. Bill McKibben liest mit Schrecken den Klimabericht des IPCC: "Climate Change 2007: The Physical Science Basis: Summary for Policymakers". Und Richard Horton betrachtet besorgt die medizinische Situation in Gaza.

Polityka (Polen), 27.02.2007

Adam Krzeminski hat im Deutschen Historischen Museum die Ausstellung "Kunst und Propaganda. Im Streit der Nationen 1930-1945" gesehen, findet den Vergleich zwischen dem Auftreten von Diktaturen und den USA von Roosevelt riskant, zeigt sich aber insgesamt beeindruckt: "Jede Propaganda verbindet Kunst und Kitsch. Der Unterschied zwischen einer Demokratie und einer Diktatur ist aber, dass in der ersten Propaganda nur ein Teil der Wirklichkeit ist, während sie das Herz der Diktatur darstellt. Die Berliner Ausstellung zeigt hervorragend noch eines: im 20. Jahrhundert war nicht Europa Bastion der Demokratie und des Humanismus. Aus den Tiefen seiner Vergangenheit schöpft der Kontinent nicht nur Menschenrechte, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, sondern auch Despotie und Totalitarismus. Die heutige Plage des Populismus in Europa ist ein Anzeichen der Schwäche unserer Demokratien und der starken antidemokratischen Tradition."
Archiv: Polityka

al-Sharq al-Awsat (Saudi Arabien / Vereinigtes Königreich), 28.02.2007

Aus Paris berichtet Muhammad al-Mazdiwi vom Präsidentschaftswahlkampf. Die Unterstützung, die Nicolas Sarkozy, der Kandidat der gemäßigten Rechten, auch aus dem Lager linker Intellektueller sammelt, ist für ihn Anlass zur Sorge. Dabei fragt er auch nach der Haltung der Intellektuellen arabischer Herkunft: "Es gibt bis heute keine Intellektuellen, die man als Franzosen arabischer Herkunft beschreiben könnte, also eine zweite oder dritte Generation. Auf dem Marktplatz der Ideen tummeln sich viele Intellektuelle, die im fortgeschrittenen Alter nach Frankreich kamen. Sie haben keinen großen Einfluss und schwanken mehrheitlich zwischen der Rechten und der Linken. Manche der liberalen Ideen Sarkozys - und insbesondere der aus den USA importierte Gedanke der affirmative action - schmeichelten dem Denken dieser Intellektuellen (?). Die Fehltritte Sarkozys, vor allem sein sehr wahlkämpferischer Unterstützungsbrief für die Zeitung Charlie Hebdo, die die den Propheten Muhammad verunglimpfenden Zeichnungen abgedruckt hatte, haben diese Intellektuelle aber wohl etwas verschreckt und ihre Begeisterung für die Rechte geschwächt. In der gleichen Situation befinden sich die islamischen Verbände, die es Sarkozy verdanken, dass sie wie die anderen Glaubensgemeinschaften einen - wenngleich nur formalen Platz - am Tisch der französischen Republik erhalten haben."

Von dem aktuellen Streit um das Buch "Pasqua di sangue" des israelischen Historikers Ariel Toaff berichtet Osama Alaysa. Mit dem Buch, so argumentieren Toaffs Kritiker, würden antisemitische Ritualmordvorwürfe wiederbelebt. Die jüngsten Erklärungen Toaffs, in denen er diese Deutung seiner Thesen zurückweist, gibt für Alaysa Anlass zur Nachfrage: "Gibt es in dieser offenen Welt weiterhin Tabus, denen sich zu nähern Wissenschaftlern verboten ist? Oder gibt es hier einen Zusammenhang zu den Aktivitäten jüdischer Organisationen in der Welt, die sich in Zensur üben und Kampagnen gegen all das organisieren, was sie für antisemitisches Denken halten - selbst wenn es sich dabei um eine wissenschaftliche Studie eines jüdisch-israelischen Historikers und Akademikers handelt?"

Nepszabadsag (Ungarn), 02.03.2007

Mit Blick auf den vor einigen Wochen veröffentlichten Bericht der parlamentarischen Kommission, die die Verantwortlichen für die Ausschreitungen von vergangenen Herbst in Budapest zu ermitteln versucht, analysiert der Politologe Laszlo Lengyel die Ereignisse, die sich am Staatsfeiertag, dem 15. März wiederholen könnten: "Fest steht die Verantwortungslosigkeit der politischen Klasse, die die Spannung der Demonstranten wie auch der Polizei in Gewalt umschlagen ließen. Sowohl die Gewalt des Mobs als auch die brutalen Reaktionen der Polizei deuten auf die Schwäche der Politik hin und schüren unter den friedlichen Wählern berechtigte Ängste. Sie wissen nämlich nicht, vor wem sie sich eher fürchten sollen: vor den Randalierern oder vor den Ordnungshütern? Ein Zustand der negativen Erwartung ist erreicht: wir warten nicht darauf, dass etwas geschieht, sondern hoffen, dass nichts passiert. Dabei merken wir auch, dass der Zerfall des ungarischen Staates begonnen hat. Von den Kräften der Staatsmacht kann man nicht wissen, ob sie mit sicherer Hand geleitet werden und in wessen Hand sie überhaupt sind. Von den Randalierern kann man nicht wissen, ob sie aus dem Hintergrund von einem Teil der politischen Klasse geführt werden, und wenn ja, ob diese in der Lage ist, ihre Aggression zu bremsen."
Archiv: Nepszabadsag

Nouvel Observateur (Frankreich), 01.03.2007

Zum zehnten Todestag Francois Furets werden in Frankreich einige seiner Bücher (zum Beispiel hier und hier) neu aufgelegt. Philippe Raynaud kommt noch einmal auf Furets Kritik an den westlichen Intellektuellen und ihres Verhältnisses zum Kommunismus zurück: "Er sprach von der 'Vergangenheit' und nicht vom Ende einer Illusion und erwies sich darin als guter Leser Tocquevilles (und Marx'): Er wusste, dass sich diese Illusion aus einem permanenten Dilemma der Demokratie speist, die ein Gleichheitsversprechen enthält, ohne es jemals einlösen zu können. Darum war Furet am Ende seines Buch 'Passe d'une illusion' (deutsch 'Das Ende der Illusion') weit davon entfernt, die radikale Infragestellung der liberalen, demokratischen und kapitalistischen Welt als erledigt anzusehen. Einige Jahre nach dem Zerfall des sowjetischen Kommunismus kündigte er sogar ihre Wiedergeburt an."

Merkur (Deutschland), 01.03.2007

Der Soziologe Hans-Peter Müller fragt, woher eigentlich in Deutschland "diese tiefe Abneigung, ja der Hass auf die Klassengesellschaft" rührt. "Warum gerade in Deutschland, wo doch Marx nur festgestellt hatte, dass Kapitalismus zwangsläufig mit einer Klassenstruktur einhergeht und erst der Sozialismus die Aussicht auf eine klassenlose Gesellschaft eröffnet? Wieso haben Engländer und Franzosen keine Probleme damit, ihre Gesellschaften als Klassengesellschaft zu beschreiben, von Südeuropäern ganz zu schweigen? Warum sind Klasse und Schicht in Deutschland regelrecht tabu? ... Deutschland sollte stets nach seinem Idealbild einer Volksgemeinschaft aufgefasst werden, aber keinesfalls als Klassengesellschaft. Wer also der Vorstellung unseres primitiven Egalitarismus widerspricht, riskiert politisch Kopf und Kragen."

Weiteres: In seiner Architekturkolumne erinnert Christoph Mäckler daran, dass die allseits bewunderte Schönheit toskanischer Städte ein Ergebnis kommunaler Ensemble-Planung ist. Der Architekt heutiger Zeit scheint das Normale dagegen für unattraktiv zu halten: "Sein Drang, das Neue, Spektakuläre, Überraschende und dem städtischen Kontext damit widersprechende Haus zu schaffen, prägt noch immer das Bild unserer Städte." Außerdem schreiben in der Printausgabe Herfried Münkler über das Stiftungswesen, Richard Klein über Herbert von Karajan und Russell Jacoby über Hannah Arendt. Walter Grasskamp wirft einen sehr genauen Blick auf den Marktauftritt der "Jungen Wilden" in den Achtzigern.
Archiv: Merkur

Guardian (UK), 04.03.2007

Milan Kundera denkt über die Macht und die Herrlichkeit der Literatur nach, und den Schrecken des realen Lebens: "Das fortwährende Vergessen gibt unserem Leben eine gespenstische, unreale, vernebelte Qualität. Was haben wir vorgestern zu Mittag gehabt? Was hat mir gestern mein Freund erzählt? Und sogar: Woran habe ich eben noch, vor drei Sekunden gedacht? All dies fällt dem Vergessen anheim und (schlimmer noch!) verdient es nicht besser. Entgegen unserer realen Welt, in deren Natur es liegt, flüchtig und vergessenswert zu sein, stehen Kunstwerke für eine andere Welt, eine ideale, beständige Welt, in der jedes Detail seine Wichtigkeit, seine Bedeutung hat, in der alles - jedes Wort, jeder Satz - es verdient, unvergesslich zu bleiben. Doch auch die Kunst entrinnt nicht gänzlich der Macht des Vergessens. Trotzdem hat jede Kunst eine unterschiedliche Beziehung zum Vergessen. In dieser Hinsicht ist Poesie privilegiert. Wer ein Sonett von Baudelaire liest, kann kein einziges Wort überspringen. Wenn er es mag, wird er es wieder und wieder lesen, vielleicht auch laut. Wenn er es bewundert, wird er es auswendig lernen. Lyrik ist eine Festung der Erinnerung."
Archiv: Guardian
Stichwörter: Milan Kundera

Foglio (Italien), 05.03.2007

Ottavio Cappellani, dessen erster Roman "Wer ist Lou Sciortino?" auch hierzulande recht freundlich aufgenommen wurde, hat laut Mararosa Mancuso mit seinem Mafiaepos "Sicilian Tragedi" das vollbracht, woran sich Generationen von Kollegen erfolglos abgearbeitet haben. "An Shakespeare haben sich alle versucht, und in all den Jahrhunderten schien es aussichtslos, etwas Eigenes daraus zu machen. Ottavio Cappellani gelingt dieses Unterfangen, er verwebt 'Romeo und Julia' mit den Kriegen der Mafia, das elisabethanische Theater mit der griechischen Tragödie, die barocke Selbstdarstellung mit der Kostümkomödie, die Komik Nino Martoglios mit den Volksfesten, die von jenen 'Kulturbeiräten' organisiert werden, die schon wissen, wie man die Wählerschaft bei Laune hält."
Archiv: Foglio

Elet es Irodalom (Ungarn), 02.03.2007

Seit den Ausschreitungen in Budapest im vergangenen Herbst wurde der Vorwurf immer wieder laut, ein Systemwechsel habe gar nicht stattgefunden, die "alte Garde" sei immer noch am Ruder und die Verbrechen des kommunistischen Regimes nicht gesühnt. Der Wirtschaftswissenschaftler Janos Kornai hält das für Unsinn und empfiehlt seinen Landsleuten, die Demokratie mit Respekt, aber ohne Illusionen zu betrachten. "Auch wenn die Moral eine Bestrafung der Schuldigen erfordern würde - weder die kapitalistische Wirtschaftsordnung noch die parlamentarische Demokratie sind ein Triumph der reinen Moral. Mit dem Systemwechsel und dem gleichzeitigen Wechsel der Regierungsform sind bei uns die Mindestvoraussetzungen für ein kapitalistisches System und eine demokratischen Regierungsform entstanden. Dies allein ist schon eine historische Errungenschaft. Doch ist sie ist auch nicht mehr - ein Minimum, ein Ausgangspunkt. Wohin von hier aus die Politiker und Bürger des Landes gelangen, liegt nunmehr ganz bei ihnen."

London Review of Books (UK), 05.03.2007

Gleich zwei Bücher des marxistischen Stadtgeografen Mike Davis bespricht Jeremy Harding. Das eine, "Planet der Slums", ist ein apokalyptischer Bericht zu Gegenwart und Zukunft der Megacities und vor allem ihrer Slums: "Die formlose, unter den Standards liegende und ihre Grenzen ständig verändernde Ausbreitung ihrer Fläche unter dem Druck der deregulierten Marktwirtschaft ist für Davis das unabwendbare Schicksal der Städte in den armen Ländern. Wenn es im Süden Länder gibt, in denen mehr Menschen in Slums als in den eigentlichen Städten leben, und wenn im Jahr 2020 die Hälfte der Weltbevölkerung in Armut leben wird, dann verdient der Slum mehr Aufmerksamkeit als er bisher von Stadtplanern, Soziologen, Umwelforschern, Epidemiologen und Demografen bekommt." Das zweite Buch, "Buda's Wagon", ist, was der Untertitel verspricht: "Eine kurze Geschichte der Autobombe." Harding findet es "faszinierend".

Weitere Artikel: Mahmood Mamdani erklärt in einem Essay mit dem Titel "Die Politik der Namensgebung: Genozid, Bürgerkrieg, Aufstand", von welch großer Bedeutung Labels und Namen für die Außenwahrnehmung von Konflikten haben. Zur Illustration liefert er eine ausführliche Vorgeschichte der Konflikte in Darfur. Der Literaturwissenschaftler Frank Kermode bespricht zwei neue Übersetzungen des mittelalterlichen Epos "Sir Gawan and the Red Knight". Peter Campbell schreibt über die Ausstellung der "Rigi"-Gemälde von William Turner in der Tate Britain.

Folio (Schweiz), 05.03.2007

Um die digitale Renaissance des Radios geht es in NZZ Folio in diesem Monat. Übers Internet kann man Exoten wie La Colifata hören, wie eine kleine Auswahl von internationalen Radioperlen zeigt. "Mal ist es ein Stadtrundgang durch Buenos Aires, untermalt mit Jimi Hendrix. Mal ein Liveständchen zum Tag des Kindes. Mal ein Korrespondentenbericht aus dem Himmel. Soll ja keiner sagen, dass das Programm von La Colifata irgendwie vorhersehbar wäre. Aber ein Sender, der sich 'die Durchgeknallte' nennt, muss ja auch seinem Namen alle Ehre machen. 1991 kam ein Psychologiestudent auf die Idee, seinen Patienten in der Psychiatrieklinik La Borda in Buenos Aires ein Diktiergerät in die Hand zu drücken. So poetisch, so fantasievoll, so klarsichtig war das, was die 'Irren' ihm da erzählten, dass ihm ein Radiosender die Bänder aus der Hand riss und ausstrahlte. Daraus wurde ein eigenes Programm, La Colifata, das heute über 50 Sender weiterverbreiten."

Weiteres: Peter Glaser räsoniert über Wohl und Wehe der neuen Technik. Hanspeter Künzer hört sich durch die englische Radiolandschaft. Stefan Betschon registriert die digitalen Auswirkungen auf die Schweizer Radioszene. Burkhard Strassmann schaut Tontechnikern über die Schulter. Und Karl Lüond erzählt eine schöne Geschichte aus dem Jahr 1977, als Piratensender noch mit Polizeipatrouillen verfolgt wurden. Außerdem gibt es eine Radiogeschichte in pdf-Dokumenten, die hier auf der rechten Seite abzurufen sind.

Luca Turin singt in seiner Duftkolumne ein Lob auf - man höre und staune - ein Parfüm aus dem Hause Calvin Klein. "CK One ist im Grunde kein Parfum, sondern eine chemische Zeitmaschine. Die meisten Düfte arbeiten mit einer logarithmischen Zeitskala, auf der die nachfolgende Phase etwa zehnmal so lange dauert wie die vorangegangene: sechs Minuten Kopfnote, eine Stunde fürs Herz, der Rest des Tages gehört dem Fond. Während des Bühnenwechsels können viele aufregende Dinge passieren, wie etwa in der ersten halben Stunde von Patous EnJoy oder in den ersten drei Stunden von Guerlains Insolence. Andere Düfte, wie zum Beispiel J?Adore oder DK Gold, verschmelzen gleichsam mit der Zeit, indem sie über Stunden hinweg unmerklich von einem Akkord zum nächsten, ähnlichen hinüberschweben. CK One geht einen eigenen Weg: Es bringt die Zeit zum Stillstand."
Archiv: Folio

New York Times (USA), 04.03.2007

Ian Buruma bespricht Ayaan Hirsi Alis Autobiografie Lebensgeschichte "Mein Leben, meine Freiheit". Ihre Islamkritik findet er ja wichtig, ihre Perspektive auf den Westen jedoch zu idealistisch: "Eine Karikatur an Freude und Sonnenschein, der Hirsi Ali nicht einzelne Orte, wie Somalia oder Saudi Arabien, gegenüberstellt, sondern die ganze muslimische Welt. Daher auch ihre Wut, wenn die Bewohner dieses Paradieses ihr Glück nicht zu schützen wissen. Europäer, die mehr Respekt für den Islam fordern, sind mindestens 'dumm'. Hirsi Alis heilige Mission ist es, 'solche Leute zur Besinnung' zu bringen und uns zu überzeugen, dass den Anschlägen vom 11. September 'der Kern des Islam' zugrunde liegt." Buruma findet, diese Einstellung biete "nicht die beste Perspektive" für ein Zusammenleben mit den Muslimen in Europa.

Ben Schott verteidigt sein persönliches Recht auf Büchermisshandlung. Solange es sich nicht um blinde Zerstörungswut handelt, meint er, steckt dahinter meist ein um so größerer Bibliophiler: "Eselsohr oben markiert den aktuellen Seitenstand, Eselsohr unten eine Seite, auf die sich zurückzukommen lohnt; die Spitze der Faltung zeigt auf den entsprechenden Abschnitt ... Menschen, die stets ein Lesezeichen zur Hand haben, waren mir schon immer verdächtig."

Ferner: Russel Banks hält Milan Kunderas Abhandlungen über den Roman (Auszug "The Curtain") für einen eleganten Mix aus Analyse und Anekdotischem. Und Edmund White gibt jungen Homosexuellen den seltsamen Rat, die "Notizbücher" von Tennessee Williams zu lesen, um die Bedeutung der Liberalisierung zu verstehen.

Das New York Times Magazine fragt: Warum glauben wir? Es antwortet Robin Marantz Henig, die erst einmal die aktuellen Diskussionen um polemische Atheisten wie den Evolutionstheoretiker Richard Dawkins vorstellt. Die eigentlich interessante Frage, findet sie, ist aber eine andere: "Im Lärm um die Neo-Atheisten droht eine ruhiger geführte und potenziell erhellendere Debatte unterzugehen. Sie findet nicht zwischen Wissenschaft und Religion, sondern innerhalb der Wissenschaft selbst statt, genauer gesagt, zwischen Wissenschaftlern, die sich aus Perspektive der Evolutionsgeschichte mit der Religion befassen. Diese Forscher sind sich tendenziell in einem Punkt einig: dass der Glaube ein Ergebnis der Hirnarchitektur ist, die sich in der Frühzeit der Menschheitsgeschihte entwickelte. Worüber sie streiten ist die Frage, warum sich diese Tendenz zum Glauben entwickelte - ob es daran lag, dass der Glaube selbst von adaptivem Nutzen war oder einfach ein Nebenprodukt der Evolution, eine bloße Folge einer anderen Anpassung in der Evolution des menschlichen Hirns."

Weitere Artikel: Alexandra Jacobs schreibt über ein neues Genre auf dem Zeitschriftenmarkt: Die Universitäts-Sex-Zeitschrift. Darcy Frey versucht zu erklären, warum "Arcade Fire" eine so großartige Indie-Band sind.