Magazinrundschau - Archiv

London Review of Books

570 Presseschau-Absätze - Seite 36 von 57

Magazinrundschau vom 22.05.2012 - London Review of Books

Layla Al-Zubaidi ist nach Syrien gereist, um sich dort mit Aktivisten aus dem Protest gegen das Assad-Regime zu treffen. Dabei hat sie zahlreiche Belege dafür gesammelt, dass der Kampf nicht mehr nur allein physisch konfrontativ vonstatten geht, sondern in Form satirischer Netzvideos längst auch auf der symbolischen Ebene ausgefochten wird: "Satire ist wichtig für die 'mentale Entgiftung', denn es wird nicht immer ganz deutlich, was real ist und was nicht. Ein kürzlich auf YouTube hochgeladenes Video ist das beste Beispiel dafür. Im Gewand eines besonders kruden Stücks Staatspropaganda trägt es das Logo von Dunya TV, dem Verlautbarungsapparat des Regimes. Der Ansager erklärt, dass die Übertragung eines Fußballmatchs zwischen Barcelona und Real Madrid auf Al-Jazeera 'in echt' eine verschlüsselte Beschreibung eines Waffendeals darstelle. Über die Spielübertragung legt sich eine Karte von Syrien, auf der nun jeder gespielte Ball quer durchs ganze Land geschmuggelte Waffen zeigen soll. Das Video wurde tausendfach kommentiert. Regimegegner nannten es ein typisches Stück Dunya TV-Propaganda, Regimeunterstützer einen Knüller."

Außerdem Iain Sinclair besucht den früheren Beat-Autor und heutigen Radikalökologen Gary Snyder auf dessen entlegener Farm, wo Elektrizität, wiewohl Teufelszeug, gerade so geduldet wird. Christian Lorentzen blättert in einem neuen Buch über die Kennedy-Ermordung und sieht am Ende in alten Polaroids George W. Bushs Augen aufblitzen. Besprochen werden ein neues Buch über Klimawandel von Stephen Gardiner und eine Ausstellung in der National Gallery in London über Tizians Bild "Flucht nach Ägypten":


Magazinrundschau vom 15.05.2012 - London Review of Books

Der chinesische Historiker Wang Hui schreibt über die in China kontrovers diskutierte Absetzung von Bo Xilai, dem Vorsitzenden der chinesischen kommunistischen Partei in der Region Chongqing, der dort in Abweichung zur Staatsdoktrin ein neo-maoistisches Projekt verfolgt hat und seit geraumer Zeit im Zentrum einiger, von außen nur schwer durchschaubarer Skandale steht (siehe dazu zum Beispiel hier die Süddeutsche): Nach der Absetzung scheint sich "die Regierung nicht immer ganz sicher zu sein, welchen Standpunkt sie in der Affäre einnimmt. So wurde Bos Rauswurf und die Verhaftung seiner Ehefrau Gu durch eine Pressekonferenz des Premierministers Wen als Angelegenheit von äußerster politischer Dringlichkeit herausgestellt, nachdem sie zuvor als 'isolierte Angelegenheiten' heruntergespielt worden war. Wens Einschätzung der Chongqing-Reformen als Vorboten einer Wiederholung der Kulturrevolution scheint darauf hinzuweisen, dass offene Politik - soziale Experimente und ein Wettbewerb zwischen unterschiedlichen politischen Positionen - in China nicht länger erlaubt sind. (Die bezeichnendste Ähnlichkeit mit der Kulturrevolution zeigt sich aber in der Geschwindigkeit, mit der Bo aus dem Amt befördert wurde, wie zahlreiche Onlinekommentatoren anmerkten)."

Außerdem: Benjamin Kunkel befasst sich sehr ausführlich mit neuen Buchveröffentlichungen zum Schuldenkapitalismus und hofft abschließend, dass die Linke sich endlich dazu aufrafft, gerechte Geld- und Schuldensysteme zu entwickeln. Michael Wood bespricht den "imposanten, schönen" Film "Once Upon a Time in Anatolia", dessen Regisseur Nuri Bilge Ceylan "exzessiv dem Bild vertraut". Hal Foster befasst sich anlässlich der großen Ausstellung im MoMA nochmal genauer mit den Fotografien von Cindy Sherman. Ian Jack liest die Memoiren des früheren Londoner Bürgermeisters Ken Livingstone und Rosemary Hill Susannah Clapps Erinnerungen an die feministische Schriftstellerin Angela Carter.

Magazinrundschau vom 24.04.2012 - London Review of Books

Dokumentiert ist ein (auch nachhörbarer) Vortrag der Kulturwissenschaftlerin Jacqueline Rose, für den sie das weite Archiv von Tagebuchnotizen, Interviews, Zeitzeugenberichten und nicht zuletzt Kinofilmen gesichtet hat, um mit psychoanalytischer Methode dem Mythos von Marilyn Monroes als geschubstes Opfer gerade zu rücken: "Monroes Leid wird zu der Geschichte, die Amerika von sich selbst nicht erzählen will: 'Amerika verleugnete seinen Schmerz, sich zu erinnern war nicht angesagt.' (Indem er Tony Judt vorweg nimmt, begreift Arthur Miller die Gedächtnisverweigerung einer Nation als profund mit deren reaktionären Politik verknüpft). Nur in "Versuchung auf 809" (1952) und "Niagara" (1953) war es Monroe gestattet, eine Rolle zu spielen, die die dunkleren Seiten Amerikas, den Schmerz, den das Land vergessen wollte, beleuchten ... Es ist gerade so, als ob Amerika in diesen frühen Filmen all die Gewalt, mit der es in sich selbst nicht rechnete, auf die Sexualität einer verrückten und/oder mörderischen Frau abschieben konnte."

Eric Hobsbawm erinnert sich recht versöhnlich an seinen "brillianten Feind", den 2010 verstorbenen Historiker Tony Judt, dessen letztes Buch, der Gesprächsband "Thinking the 20th Century", kürzlich posthum erschienen ist. Perry Anderson würdigt den Kulturhistoriker Carlo Ginzburg anlässlich einer neuveröffentlichen Essaysammlung. Charles Nicholl schreibt über Leonardo da Vincis bislang verloren geglaubtes Wandgemälde "Der Kampf von Anghiari", das Maurizio Seracini nun nach 35 Jahren Suche im Palazzo Vecchio wiederentdeckt zu haben glaubt. Im YouTube-Kanal von TEDx finden wir einen passenden, englisch untertitelten Vortrag Seracinis über seine Arbeitsmethoden und -techniken:



Anlässlich von "Avatar"-Regisseur James Camerons Tiefsee-Expedition zum Grund des Marianengrabens Ende März 2012, erinnert John Lanchester an Joseph Kittinger, der 1960 einen Fallschirmsprung aus knapp 31 Kilometer Höhe unternahm, und fragt sich, warum Menschen solche Herausforderungen suchen. Andrew O'Hagan besucht die große Ausstellung mit Bildern von Lucian Freud in der National Portrait Gallery in London. Mary Beard bespricht eine neue Biografie über Caligula.

Magazinrundschau vom 03.04.2012 - London Review of Books

Zwei neue Biografien über David Bowie lassen Thomas Jones ausführlich in Leben und Werk des Künstlers stöbern: "Ziggy Stardust und die Spiders from Mars stammten ganz offensichtlich nicht vom Mars: Sie wirkten weniger wie Außerirdische, vielmehr wie ein Haufen übergroßer Kids, die Verkleiden spielten - was auf seine Weise noch anziehender war. Wir sind vielleicht anders, schienen sie zu sagen, aber wir sind genau wie du. In den besten Ziggy-Songs verschmilzt Bowie den außerirdischen Superstar mit dem Jungen aus Bromley mit den schiefen Zähnen auf dieselbe Weise wie seine bekannten mehrdeutigen Inszenierungen von Geschlecht und Sexualität: Er ist gleichermaßen Star und Fan, Ground Control und Major Tom. Dabei geht es nicht nur um bloße Wörter: Während des gesamten Albums hört man es in seiner Stimme, in der Art und Weise, wie sein Akzent sich zwischen Südlondon, den Grafschaften rund um London und irgendwo völlig anders bewegt, oder wie die Melodie an der Mitsummbarkeit entlang tanzt, nur um mit einem Mal ins Unermessliche zu schießen. Dabei handelt es sich einerseits um die tiefironische Performanz von interplanetarischem Glamour und andererseits ganz genauso um die Ergüsse einer Vorortsehnsucht, die die Bedingungen beschreibt, vor denen zu fliehen sie das Versprechen in Aussicht stellt." Hier ein Video von 1972 mit den Jungs, die Verkleiden spielen:



Weiteres: John Lanchester wägt ab, was von Karl Marx heute zu halten ist. Ross McKibbin sieht die Liberal Party in einer schweren Krise. Michael Wood bespricht Vincente Minnellis "The Bad and the Beautiful", den die BFI Southbank demnächst in einer Retrospektive zeigt.

Magazinrundschau vom 20.03.2012 - London Review of Books

Jonathan Steele hat Syrien bereist und holt zahlreiche Stimmungsbilder aus den umkämpften Regionen ein. Unter anderem begegnet er auch einem Arzt, der seinen Glauben an die Proteste verloren hat: "Dem Regime gegenüber lange Zeit selber kritisch eingestellt, bezeichnet er sich heute als neutral. Er sagt, er habe seinen Glauben an die Behauptungen der Oppostion verloren, als ihm Freunde, die an Demonstrationen in Deraa und Horns teilgenommen hatten, davon berichteten, dass die Protestierenden auch schon lange bevor sich die Freie Syrische Armee einschaltete Gewehre benutzt haben. Er sagt, dass sie manchmal aus Versehen Zivilisten erschossen und es später vertuschten. 'Das heißt nicht, dass die Gewalt, die vom Regime ausgeht, nicht enorm sei', sagt er, 'Wir haben gesehen, wie sie Leute auf offener Straße schlugen und folterten. Aber ich glaubte an die Friedlichkeit und Aufrichtigkeit der Bewegung und für mich war das ein Schock.' Die kürzlichen Ermordungen von Oppositionskritikern erfüllen ihn mit Sorge. Auf Facebook findet sich eine schwarze Liste so genannter awayni ('Kollaborateure'). An der Spitze befand sich Ahmad Sadiq, Imam einer Moschee in Damaskus. Am 16. Februar wurde er erschossen, während er sein Auto auslud." Auch ansonsten trifft Steele auf viel Pessimismus und Melancholie: An einen raschen Umsturz glaubt in Syrien offenbar kaum einer mehr.

Weiteres: John Markakis rollt die zentralen Ereignisse der griechischen Katastrophe auf und sieht fernerhin Griechenland endgültig in einer post-souveränen Phase angekommen. Michael Wood liest die Korrespondenz zwischen Proust und seiner Mutter im Hinblick auf Prousts literarische Werke. Und T.J. Clark besucht die beiden Londoner Ausstellungen "Picasso and Modern British Art" in der Tate Britain sowie "Mondrian Nicholson: In Parallel" in der Courtauld Gallery.

Magazinrundschau vom 21.02.2012 - London Review of Books

Singe den Zorn, o Göttin, des Historikers Edward Luttwak, der sich bestens in der Geschichte von Homer-Übersetzungen auskennt und Stephen Mitchells neue Übertragung der "Ilias" ins Englische in Bausch und Bogen verdammt: Nicht nur, dass dem Übersetzer der Sinn für Homers Ironie in den hier unberücksichtigten Füll-Adjektiven völlig abgehe, mit seiner (unter anderem philologisch begründeten) Streichung des 10. Gesangs "verstümmelt" er den Text geradezu, wie Luttwak detailliert darlegt: "Es gibt daher eine Vielzahl triftiger Gründe, von der 'Ilias', wie wir sie seit 23 Jahrhunderten kennen, nicht abzuweichen. Doch selbst wenn keiner davon valide wäre, bleibt der 10. Gesang noch immer von ungemeinem Wert, da er die Beschreibung des Helms mit den Wildschweinhauern beinhaltet - ein einzelnes Objekt, das die gesamte homerische Frage beleuchtet. ... Der Dichter und sein Publikum hätten gewusst, dass es sich hierbei um einen haarsträubend antiken Helm handelt und dass es einer Erklärung bedarf, wie dieser auf Odysseus' Haupt gelangt ist."

Weiteres: Stephen Sedley legt im Widerspruch zu Jonathan Sumptions Vortrag vom vergangenen November (hier dazu mehr), der darin eine zunehmende Einmischung der Judikative in die britische Legislative ausmacht, dar, warum davon keine Rede sein könne. Christian Lorentzen überlegt als überzeugter Nichtwähler in der kommenden US-Präsidentschaftswahl schon auch aus nostalgischen Gründen gegen Mitt Romney zu stimmen. Charles Nicholl begibt sich zur Klärung der Frage, ob der frühe Renaissancemaler Andrea del Castagno tatsächlich ein Mörder gewesen ist, in staubige Archive. Rosemary Hill schreibt kurz und bündig über David Shrigleys Ausstellung "Brain Activity" in der Hayward Gallery in London.

Magazinrundschau vom 07.02.2012 - London Review of Books

Jeremy Harding schreibt in einem umfangreichen Essay über den weitreichenden Wandel der europäischen Immigrationspolitik in den vergangenen 20 Jahren. Unter anderem erkennt er eine geradezu obsessive Überwachung von Einwanderern durch zahlreiche interessierte Seiten: "Staatenübergreifende Organe, Innenministerie, Lobbyruppen, Grenzbehörden, private Sicherheitsfirmen, Think Tanks, NGOs und beauftragte Demografen. Die Wachsamkeit, mit der Innere Sicherheit, die Werbeabteilungen der Konzerne und die Internetprovider die einheimische Bevölkerung beobachten, mag gleichermaßen intensiv sein, aber sie ist gewiss weniger hinterhältig. Die Europäer unterhalten nun ein eindringliches Interesse an den Neuankömmlingen, was deren Reisepläne, deren Fähigkeiten und Unfähigkeiten, deren Glauben, deren kriminelle Neigungen, deren wahrscheinliche Verlogenheit und natürlich deren leichtfüßige Verwandte (Eheleute, Verlobte, Cousins, Nachwuchs), die schon ungeduldig hinter der Grenze warten, betrifft."

Außerdem: Thomas Jones deutet die politische Lage Italiens mithilfe des Unglücks der Costa Concordia. Perry Anderson liest neue Buchveröffentlichungen über China, die, wie er findet, nicht so sehr um ein Verständnis der chinesischen Kultur bemüht sind, sondern um die Beantwortung der Frage, was für den Westen von China zu halten ist. Jenny Diski bespricht eine kulturhistorische Studie über wissenschaftliche Konzeptionen des Erinnerungsvermögens im Laufe der Zeit. Brian Dillon schaut sich in der MK Gallery experimentelle 16mm-Filme von Daria Martin an. Die David-Hockney-Ausstellung in der Royal Academy sei "bewusst überwältigend" angelegt, konstatiert Daniel Soar.


Magazinrundschau vom 24.01.2012 - London Review of Books

Jawoll, mit dem Kapitalismus geht es wirklich zu Ende, schreibt Slavoj Zizek, vor allem seit die untere Mittelklasse um ihren "Mehrwertlohn" (Lohn plus Bonusauszahlungen) fürchten muss. Da sieht man doch gleich, worum es der Occupy-Bewegung geht: "In Zeiten der Krise sind die naheliegenden Kandidaten für das 'Gürtel-Engerschnallen' die niederen Ränge der bezahlten Bourgeoisie: Der politische Protest ist deren einzige Zuflucht, wenn sie es vermeiden wollen, beim Proletariat zu landen."

Außerdem: Colin Smith, der in den 70ern eine Biografie über Carlos geschrieben hat, berichtet vom letzten Prozess gegen den Terroristen, der zu einer neuerlichen Verlängerung der Haftstrafe geführt hat. Rachel Aviv bespricht eine religionswissenschaftliche Studie über die Frühzeit von Scientology. Adam Mars-Jones, in den 80ern mit Jeanette Winterson befreundet, bespricht ein Buch mit Erinnerungen der Autorin an die Entstehungszeit ihres Romans "Oranges are not the only Fruit". In seinem Tagebuch erinnert sich Tariq Ali an eine Reise nach Pjöngjang in den 70er Jahren. Hal Foster bespricht eine aktuelle Ausstellung im Moma mit Bildern des mexikanischen Malers Diego Rivera, dem zweiten Künstler, der in den 30ern überhaupt im Moma ausgestellt wurde (was Foster ziemlich wundert).

Magazinrundschau vom 03.01.2012 - London Review of Books

Der arabische Frühling ist zu Ende, resigniert Adam Shatz bei der melancholischen Umschau, was aus den Versprechungen von Anfang 2011 geworden ist: "Einen kurzen Moment lang gab es unter den Menschen am Tahrirplatz, die verzweifelt Teil der modernen Welt sein wollten, ein liberales Ägypten. Jedoch, wie Ernst Bloch einst anmerkte, leben wir zwar alle in der Gegenwart, doch 'nicht alle sind im selben Jetzt da'. Kaum war Mubarak gestürzt, kaum begann sich erstmals seit der Machtübernahme der freien Offiziere im Jahr 1952 ein wirkliches politisches Leben im Land zu entfalten, machte die revolutionäre Jugend die Entdeckung, dass sie nur wenig Rückhalt unter denen genoss, die in einem anderen Jetzt leben. Sie machte die Erfahrung, dass das Anzetteln einer Revolution nicht bedeutet, sie auch für sich zu besitzen. Ägypten mit seinen konservativen, frommen, traditionellen Aspekten erkannte sich in den größtenteils bürgerlichen, internet-affinen Tahrir-Grüppchen nicht wieder."

Jenny Diski schreibt über neue, internetgestützte Modelle im Verlagswesen, die für sich beanspruchen, das zuletzt immer stärkere Wort der Buchhaltung auszuhebeln. Sehr verdächtig kommt ihr allerdings der Service Unbound vor, bei dem Autoren geplante Veröffentlichungen vorstellen und damit für Vorab-Unterstützung werben können: "Unbound verkauft sich selbst als radikalen Schritt weg von der kommerziellen Veröffentlichungspraxis, doch statt eine Alternative anzubieten, stellt das Verfahren eine Essenz des Marketings dar. Keiner nimmt Risiken auf sich oder vollzieht einen Gesinnungswandel. Es handelt sich um ein crowdsourcing-Modell, das genauso die Masse umschmeichelt wie eine populistische Veröffentlichungsweise, wenn auch im kleineren, abgesicherteren Maßstab. Früher waren Bibliotheken und Buchläden die Orte, an die man ging, um sich begeistern zu lassen. Die Begeisterung, die Unbound anbietet, ist die eines Pferderennens mit der Möglichkeit, vor dem Startschuss noch an den Fesseln der Pferde rumzufummeln."

Weiteres: Auch Obama ist eine blanke Enttäuschung, findet Jackson Lears und begibt sich bei der Lektüre zweier Bücher über den US-Präsident auf biografische Ursachenforschung. Unterdessen nimmt sich Stephen Holmes Russland unter Putin zur Brust und findet dafür in dem Buch "Mafia State" von Luke Harding, der darin seine Erfahrungen als erster, des Landes verwiesener Journalist seit dem Kalten Krieg beschreibt, viel Anschauungsmaterial.

Besprochen werden eine Wilhelm-Sasnal-Ausstellung in der Whitechapel Gallery, Raul Ruiz' filmisches Vermächtnis "Mysteries of Lisboa" und sehr ausführlich die Leonardo-Ausstellung in der National Gallery.

Magazinrundschau vom 13.12.2011 - London Review of Books

Alles nicht so einfach heute mit dem Feminismus, findet Jenny Turner, die sich für einen Text epischen Ausmaßes Gedanken über das Verhältnis des Feminismus zu anderen sozialen Bewegungen macht. Der Blick aufs große Ganze fehlt ihr, zum Beispiel, was die Lohnschere zwischen Mann und Frau betrifft: "Alison Wolf wies nach, dass die 16 Prozent Lohnabstand eine viel heftigere Trennung maskieren, nämlich die zwischen jüngeren Frauen in avancierten Berufen, die etwa 13 Prozent der Arbeitskräfte ausmachen, Karrieren verfolgen und genausoviel wie Männer verdienen, und den anderen 87 Prozent, die einfach nur 'Jobs' nachgehen, die rund um die Bedürfnisse ihrer Familien angelegt sind, und einfach schrecklich viel weniger verdienen. Feminismus war und ist auf überwältigende Weise eine Bewegung dieser 13 Prozent gewesen - meistens Weiße, meistens Mittelschicht, die von, über und zu sich selbst sprechen in einem sich selbst bespiegelndem Milieu."

Weiteres: Dokumentiert sind Mohammed el Goranis Erfahrungen in Guantanamo, der als jüngster Inhaftierter in die Geschichte des Gefangenenlagers einging. Keith Thomas macht sich große Sorgen um die Zukunft der Universitäten, die immer mehr unter dem Diktat der Ökonomie stehen. In eine ähnliche Richtung zielt Michael Wood, der die wissenschaftliche Forschung als Betätigung preist, die ihren eigenen Wert hat. Schön gallig betrachtet John Lancester das Finanzdesaster der letzten Jahre als schöne Kunst. Christopher Taylor liest Haruki Murakamis Triptychon-Roman "IQ84". Jeremy Harding bespricht eine Ausstellung im Victoria & Albert Museum mit Covern und Illustrationen des britischen Satiremagazins Private Eye.