
Der
arabische Frühling ist zu Ende,
resigniert Adam Shatz bei der melancholischen Umschau, was aus den Versprechungen von Anfang 2011 geworden ist: "Einen kurzen Moment lang gab es unter den Menschen am Tahrirplatz, die verzweifelt Teil der modernen Welt sein wollten, ein
liberales Ägypten. Jedoch, wie
Ernst Bloch einst anmerkte, leben wir zwar alle in der Gegenwart, doch 'nicht alle sind im selben Jetzt da'. Kaum war Mubarak gestürzt, kaum begann sich erstmals seit der Machtübernahme der
freien Offiziere im Jahr 1952 ein wirkliches politisches Leben im Land zu entfalten, machte die revolutionäre Jugend die Entdeckung, dass sie nur
wenig Rückhalt unter denen genoss, die in einem anderen Jetzt leben. Sie machte die Erfahrung, dass das Anzetteln einer Revolution nicht bedeutet, sie auch für sich zu besitzen. Ägypten mit seinen konservativen, frommen, traditionellen Aspekten erkannte sich in den größtenteils bürgerlichen, internet-affinen Tahrir-Grüppchen nicht wieder."
Jenny Diski
schreibt über neue, internetgestützte Modelle im
Verlagswesen, die für sich beanspruchen, das zuletzt immer stärkere Wort der Buchhaltung auszuhebeln. Sehr verdächtig kommt ihr allerdings der
Service Unbound vor, bei dem Autoren geplante Veröffentlichungen vorstellen und damit für Vorab-Unterstützung werben können: "Unbound verkauft sich selbst als radikalen Schritt weg von der kommerziellen Veröffentlichungspraxis, doch statt eine Alternative anzubieten, stellt das Verfahren eine
Essenz des Marketings dar. Keiner nimmt Risiken auf sich oder vollzieht einen Gesinnungswandel. Es handelt sich um ein crowdsourcing-Modell, das genauso die Masse umschmeichelt wie eine
populistische Veröffentlichungsweise, wenn auch im kleineren, abgesicherteren Maßstab. Früher waren Bibliotheken und Buchläden die Orte, an die man ging, um sich begeistern zu lassen. Die Begeisterung, die
Unbound anbietet, ist die eines Pferderennens mit der Möglichkeit, vor dem Startschuss noch an den Fesseln der Pferde
rumzufummeln."
Weiteres: Auch
Obama ist eine blanke Enttäuschung,
findet Jackson Lears und begibt sich bei der Lektüre zweier Bücher über den US-Präsident auf biografische Ursachenforschung. Unterdessen
nimmt sich Stephen Holmes
Russland unter Putin zur Brust und findet dafür in dem Buch "Mafia State" von
Luke Harding, der darin seine Erfahrungen als erster, des Landes verwiesener
Journalist seit dem Kalten Krieg beschreibt, viel Anschauungsmaterial.
Besprochen werden eine
Wilhelm-Sasnal-Ausstellung in der
Whitechapel Gallery,
Raul Ruiz' filmisches
Vermächtnis "Mysteries of Lisboa" und sehr ausführlich die
Leonardo-Ausstellung in der
National Gallery.