Magazinrundschau - Archiv

London Review of Books

582 Presseschau-Absätze - Seite 35 von 59

Magazinrundschau vom 07.05.2013 - London Review of Books

Iain Sinclair sucht die Beerdigungszeremonie von Margaret Thatcher nach "Symbolen und Omen" ab und zeichnet dabei ein aasiges Bild: "Selten sah man ein solches Alice-im-Wunderland-artiges Getöse lokaler Stereotype an einer Stelle versammelt. Einige davon (wie Dave und Samantha Cameron) amüsierten sich offenkundig prächtig, mit Lächeln, Witzeleien und niedlichem Händchenhalten für die Fotografen. Wie Spechte verteilten die ersten Reihen Stürme von Judasküssen: Bis aufs Blut verfeindete Parteien, die dazu gezwungen waren, spitze Lippen auf kalte Wangen zu pressen. Zahnlose Füchse, die an toten Hühnern schnuppern."

In Zypern trifft es keineswegs bloß die Reichen, wenn der Staat sich an den Ersparnissen seiner Bürger bedient, erklärt James Meek am Beispiel von Panikos Demetriou, dem von 178.000 Euro nurmehr 100.000 geblieben sind: "Was die 178.000 Euro betrifft: Das ist viel Geld, wenn man es ausgeben kann. Aber es ist nicht gar so viel, wenn man 58 Jahre alt ist und versucht, davon den Rest seines Lebens auszukommen. Anders als in Großbritannien oder den Vereinigten Staaten (...) ist es in Zypern gängig, sich mit einem großen, steuerfreien Pauschalbetrag zur Ruhe zu setzen, über den man nach Belieben verfügen kann. Für die Arbeiter in Zypern ist das üblich geworden."

Außerdem: Viel Verständnis bringt Richard Lloyd Parry für das Säbelrasseln Nordkoreas auf, das doch eigentlich nur an seiner Isolation leidet: "Mittels der einfachen mentalen Übung, sich in die nordkoreanischen Schuhe zu versetzen, erscheint Kims Verhalten verständlich, oftmals logisch und gelegentlich sogar vernünftig." Michael Wood stellt Joseph Loseys Film "The Servant" aus dem Jahr 1963 vor, der kürzlich frisch restauriert beim London Lesbian & Gay Filmfestival lief und "im Laufe der Jahre nichts von seinem Geheimnis eingebüßt hat" (mehr zu dem Film etwa auch in diesem Essay). Christian Lorentzen schreibt über die poröse Identität von Amerikanern in London. Seth Colter Walls liest "Middle C", das neue Buch von William Gass. Außerdem besucht Charles Hope die Barocci-Ausstellung in der National Gallery in London.


Magazinrundschau vom 23.04.2013 - London Review of Books

Peter Pomerantsev schreibt einen Doppel-Nachruf auf zwei russische Persönlichkeiten, die die frühe Post-Sowjet-Ära entschieden geprägt haben: Der eine ist Boris Beresowski, der ursprüngliche "Pate des Kremls", Königs-, beziehungsweise Präsidentenmacher nach dem Ende der Sowjetunion. Der andere ist Vladislav Mamyshev, ein unter dem Namen Vladik Monroe bekannter Performancekünstler, der sich schon zu Sowjetzeiten mit zuvor kaum denkbaren Provokationen einen Namen machte: "Nicht-Russen könnten Schwierigkeiten haben zu verstehen, warum seine Arbeit als so wichtig angesehen wurde. Doch in der Welt nach der Sowjetunion, in der alle alten Rollenbilder und Archetypen verschwunden waren, in der keiner mehr wusste, wie man sich verhalten sollte, und es den Anschein hatte, als würde jeder neue Posen einüben und sich in rasendem Tempo von Kommunismus über Perestroika, Liberalismus und Nationalismus hin zum Mafiastaat und der postmodernen Dikatur neue Ideologien überstreifen, in dieser Welt wurden der Begriff 'Performance' zu einem Modewort und Performancekünstler zu Stars. Keine Party war ohne Mamyshev oder einen seiner befreundeten Künstler komplett: Oleg Kulik, der einen tollwütigen Hund darstellte, um die Gebrochenheit des Post-Sowjet-Mannes darzustellen, Andrei Barteniev, der als Außerirdischer auftrat, um die Unheimlichkeit der neuen Welt darzulegen, oder German Vinogradov, der nackt durch die Straßen lief und sich mit Eiswasser übergoss."

Hier sehen wir Vladik Monroe gleich in mehreren Rollen:



Weiteres: Tariq Ali berichtet von Übergriffen buddhistischer Mönche auf die muslimische Minderheit in Sri Lanka. Ross McKibbin schaudert es vor den Absichten der Tories, den Sozialstaat weiter zu demontieren, und hält auch sehr wenig von den momentanen Lobliedern in der Presse auf Thatcher, die das Land mit ihren Einschnitten gerettet habe: "Ein deprimierender Anblick, nichts davon entspricht der Wahrheit." Wie eingebunkert fühlt sich Inigo Thomas im Lesesaal der British Library, deren Insassen immerhin über anonyme Notizzettel miteinander flirten. Nick Richardson liest das Buch seines London-Review-Kollegen James Lasdun über dessen Erfahrung mit einer Stalkerin. Adam Shatz bespricht James Buchans "gelehrtes" Buch über die Revolution in Iran und deren Folgen.

Magazinrundschau vom 02.04.2013 - London Review of Books

John Lanchester ist es ein Rätsel, warum Fantasyliteratur einen so schlechten Leumund genießt, dass das Genre insbesondere auch vom literarischen Publikum kategorisch abgelehnt wird. Schon deshalb begrüßt er es, dass mit dem Erfolg der HBO-Serie "Game of Thrones" nun auch George R.R. Martins literarische Vorlage und damit einer der ambitioniertesten Fantasyzyklen in den Fokus der allgemeinen Aufmerksamkeit rückt. Maßgeblich verantwortlich für den Erfolg ist seiner Ansicht nach der Aspekt der "Instabilität", die nicht nur für das Figurenensemble (von denen einige unerwartet sterben), sondern auch für die Beschaffenheit der fantastischen Welt Westeros gilt, deren Jahreszeiten oft Jahre bis Jahrzehnte dauern können und unverhofft hereinbrechen: "Westeros ist wie unsere Welt, in der harte Zeiten anbrechen, gegen deren Konsequenzen sich keiner immun fühlt. Und keiner weiß, wie lange der Frost andauern wird. Unser Frost ist zwar wirtschaftlicher Natur, doch dennoch. Selbst die Fantasyskeptiker können sicherlich den zeitgenössischen Appeal dieser Geschichte und dieser Welt ausmachen. Es handelt sich um ein Universum, in dem niemand abgesichert ist und das Klima zusehends rauer wird, und keiner weiß, wann das gute Wetter zurückkehrt." Insbesondere nach diesem frostigen Osterwochenende ein mehr als einleuchtender Punkt.

Außerdem: Nicholas Spice unterzieht die Überwältigungsästhetik in Wagners Musik einer musikwissenschaftlichen Tiefenanalyse (den Vortrag gibt es auch als MP3-Datei zum Nachhören). Joanna Biggs liest zwei Bücher von Sheryl Sandberg und Katherine Losse, die beide bei Facebook gearbeitet haben. Jeremy Harding macht sich Gedanken darüber, wie andere sich Gedanken über das Wetter machen.

Magazinrundschau vom 19.03.2013 - London Review of Books

Hazem Kandil übermittelt einen Lagebericht aus Kairo, wo die politische Situation zwischen den kontrahierenden und taktisch-koalierenden Lagern heillos verkeilt ist. Insbesondere der alte Sicherheitsapparat profitiert von dieser Situation: "Er scheint willens, von einer kompletten 'Befriedung' abzusehen, bis es den Revolutionären dämmert, dass die einzige Alternative zu Polizeirepression Chaos ist. Doch vollkommen passiv haben sie sich auch nicht verhalten. Zu sorgfältig gewählten Zeitpunkten und Orten haben sie die Demonstranten aufgemischt, angegriffen und in kurze, brutale Scharmützel verstrickt und Dutzende von Toten zurückgelassen. Nach jedem Zwischenfall wurden Untersuchungen angestrengt, ungenannte 'dritte Parteien' dafür verantwortlich gemacht und die Sache zu den Akten gelegt. ... Für die Sicherheitsoffiziere war die Botschaft deutlich: Unter der Muslimbruderschaft konnten sie weitermachen wie bisher. Überraschend kam das nicht. Eine Organisation, die besessen ist von brodelnden Verschwörungen der 'Feinde des Islams' und Frömmigkeit in der Gesellschaft mehren will, ist praktisch vorprogrammiert dafür, eine Polizei mit ansehnlichem Durchsetzungsvermögen zu schätzen zu wissen."

Außerdem: James Meek macht sich Gedanken über die Wiederkehr des britischen Chauvinismus in der englischsprachigen Sphäre, nur um zu schließen, dass sich Großbritannien vielleicht doch eher der EU als einem globalen UK zuwendet. T. J. Clark besucht eine Ausstellung über die Kunst der Eiszeit. Michael Herbert Miller bespricht Tedy Waynes Roman "The Love Song of Jonny Valentine", der frappierende Parallelen zu Justin Biebers Biografie aufweist. Michael Wood hat sich nochmals Pasolinis "Das 1. Evangelium - Matthäus" angesehen, den British Film Institute im Rahmen einer Pasolini-Retro zeigt. Anne Enright erinnert sich in ihrem Tagebuch an die Zensur in Irland.

Magazinrundschau vom 05.03.2013 - London Review of Books

Owen Hatherley freut sich: Endlich hat der Journalist und Fernsehmacher Jonathan Meades ein Buch über sein Lieblingsthema - Orte - vorgelegt. Vor allem liebt Hatherley Meades' Fernseharbeiten: "Je herablassender die Kunstsendungen im Fernsehen mit ihrer besonders laaangsaaamen Sprechweise, damit sie auch ja jeder versteht, wurden, umso dichter, vollgepackter mit Listen, Tatsachen und Meinungen über labyrinthische, entlegene Themen wurden Meades' Sendungen. Er spricht über die Vororte von Brüssel, über das Straßensystem von Birmingham oder die Kirchen der 60er Jahre als ob es sich um die wichtigsten, intellektuell verschachtelten Angelegenheiten handelt." In diesem Youtube-Kanal kann man sich dankbarweise einen guten Überblick darüber verschaffen. Hier reist er geradezu atemlos durch ein völlig amerikanisiertes Frankreich:



Außerdem: Mike Jay begibt sich mit neuen Buchveröffentlichungen ins Schattenreich von Halluzinationen, Okkultismus und Hypnosen. Katherine Arcement gesteht ihre langjährige Sucht nach Fan Fiction im Netz. Colin Burrow liest neue Veröffentlichungen zu John Milton. Charles Hope stattet dem Eton College einen Besuch ab, um sich eingehend mit den dortigen Wandmalereien zu befassen.

Magazinrundschau vom 19.02.2013 - London Review of Books

"Wir im Nahen Osten hatten schon immer eine deutliche Neigung zu internen Grabenkämpfen", seufzt Ghaith Abdul-Ahad in seiner Reportage aus Syrien, wo der Aufbau einer nicht nur formal, sondern wirklich geschlossenen Armee gegen Assad eine Sache der Unmöglichkeit scheint: "Selbst noch gemessen an vorherigen Bürgerkriegen im Nahen Osten haben die Syrer diesbezüglich ein neues Niveau erreicht." In Syrien hätte die Autoritäten "in jeder Hinsicht Macht über das Leben der Menschen ausgeübt. Man verbrachte sein ganzes Leben damit, von ihnen nicht gedemütigt (oder festgenommen, gefoltert und entführt) zu werden, während man sie gleichzeitig umschmeichelte, bestach und sie um das Notwendigste anbettelte ... Und als dieses Kontrollsystem kollabierte, explodierte etwas in den Köpfen der Leute, ein lang verdrängter Sinn für den Individualismus. Warum sollte ich mich deiner Autorität als Kommandeur beugen, wenn ich mein eigener Kommandeur sein und meinen eigenen Aufstand ausfechten kann? Viele der über die syrische Provinz verstreuten Bataillone bestehen aus gerade einmal einem Mann mit einer Verbindung zu einem Finanzier, dazu noch ein paar Cousins und Sippenangehörige."

Bookerpreisgewinnerin Hilary Mantel denkt über königliche Körper nach und zielt dabei geradezu vernichtend gegen Kate Middleton, die sie "schmerzhaft dünn" findet, mit einem "perfekten Plastiklächeln", "entworfen, um manierlich zu gebären".

Außerdem: Michael Wood schaut Kathryn Bigelows umstrittenen Film "Zero Dark Thirty", den er als "Geschichte einer Frau in einer Männerwelt" deutet: "Visuell kommt Bigelow immer wieder auf die Genderstruktur dieser Welt zurück: Die zierliche, rothaarige Frau inmitten einer Menge von Männern in Hemd und Krawatte - und später inmitten einer Meute vierschrötiger Navy Seals, die ihre Macho-Selbstporträts besonders dick auftragen." David Runciman liest ein neues Buch über die Profumo-Affäre in den frühen 60ern und Julian besucht eine Manet-Ausstellung in der Royal Academy (im Bild: "Madame Manet im Konservatorium", 1879).

Magazinrundschau vom 05.02.2013 - London Review of Books

Frankreichs Intervention in Mali gegen islamistische Gruppierungen deutet Stephen W. Smith nicht, wie einige Linke, als neo-imperialistische Einmischung und auch alte Schlagworte wie la francafrique hält er "für ein Gespenst, das man heute stillschweigend zu Grabe tragen sollte". Ungleich bemerkenswerter findet er nämlich, dass Frankreich sich zu dieser Maßnahme entschlossen hat, die USA hingegen nicht. Kriegsmüdigkeit lässt er nicht gelten: "Warum sollte Obama mehr Drohnenangriffe gegen die Führer von Somalias al-Shabaab anordnen als seine Vorgänger, obwohl die Gruppe nur lose Verbindungen zum internationalen Terrorismus hat, aber keinen Finger rühren, um die [Terrorgruppe] AQIM von einer Übernahme Malis abzuhalten? Weil er natürlich - neben einer Arbeitsteilung mit den Franzosen - die verschiedenen terroristischen Bedrohungen in Afrika trennen und jede individuell behandeln will statt als Einheit, um so den Dschihadisten die Möglichkeit zu nehmen zu koalieren. In dieser Hinsicht bleibt Nigeria, selbst wenn die Franzosen im Treibsand Malis versinken, der Schwerpunkt für die USA in der Region: Mit 150 Millionen Einwohnern ist es der bevölkerungsreichste Staat und der größte Ölproduzent südlich der Sahara. Und er hat eine hausgemachte Salafisten-Dschihad-Gruppe, Boko Haram ('Verwestlichung ist sündhaft')." Ein Mitarbeiter des amerikanischen Militärs beschreibt die Herangehensweise seiner Chefs Smith gegenüber dann sehr viel nüchterner: "'Was wir hier machen ist sowas wie Schlag-den-Maulwurf' - eine Anspielung auf einen Spielhallenautomat, bei dem die Spieler Maulwürfe mit einem Holzhammer in ihre Höhlen zurückschleudern." Aber immer nur für Sekunden.

Außerdem: Rebecca Solnit denkt in ihrem Tagebuch darüber nach, ob sich der lokale Boom, den heutige IT-Konzerne wie Google oder Apple an ihren Standorten auslösen, wirklich so ohne weiteres mit dem das Städtewachstum befeuerndem Goldrausch des 19. Jahrhunderts vergleichen lässt. Tariq Ali schaut auf die anstehenden Wahlen in Pakistan. Robert J. Evans liest neue Bücher über Mussolini und die Faschisten, die im heutigen Italien ungestraft gelobt werden können. Und Hal Foster besucht die Ausstellung "Inventing Abstraction 1910-25" im MoMA, für die sich das Museum eine auch zum Stöbern ausgesprochen schöne Website eingerichtet hat (Bild: eine unbenannte Bildkomposition von Sophie Taeuber-Arp von 1918).

Magazinrundschau vom 22.01.2013 - London Review of Books

Während Frankreichs Superreiche aus Steuergründen aus dem Land fliehen, verdienen immer weitere Teile der Bevölkerung so wenig, dass sie überhaupt nicht erst steuerpflichtig werden. Auch deshalb kommentiert Jeremy Harding das ganze Aufsehen um den aus fiskalischen Gründen zum Neu-Russen mutierten Gérard Depardieu ziemlich gallig: "Das war eine farbenprächtige Geschichte. Sie wirbelte ordentlich was auf und führte dabei einige sonderbare Figuren vor, darunter Jean Michel Jarre, die Bardot und ihre Zirkuselephanten, Putin sowie einen kleineren Würdenträger Mordwiniens, wo eines der Mitglieder von Pussy Riot einsitzt. Sie führte auch zu einer hitzigen Debatte über die Honorare von Schauspielern und die Kosten der französischen Filmproduktion. Aber sie beleuchtete kaum die Bereiche jenseits der Bühne, wo 19 Prozent der jungen Leute in Armut leben, fünf Millionen oder mehr kein Bankkonto eröffnen können und 3,6 Millionen mangelhaft untergebracht oder obdachlos sind. Depardie hat sich zum Selbst-Ausschluss entschieden und bleibt dauerhaft und ermüdend sichtbar. Sozialer Ausschluss in Frankreich ist weniger spektakulär."

Außerdem: Thomas Laqueur liest sich durch den neuesten Regalmeter an Buchveröffentlichungen zum Untergang der Titanic. Michael Wood liegt bei Tarantinos "Django Unchained" in den eisernen Ketten der Langeweile. Und Eleanor Birne besucht eine Ausstellung mit Arbeiten von Madge Gill ("Britanniens bekannteste Außenseiterkünstlerin") in Londons Nonnery Gallery (links ihre "Lady in Orange" aus den 30er Jahren).

Magazinrundschau vom 08.01.2013 - London Review of Books

Nach vier Staffeln "Breaking Bad" denkt James Meek darüber nach, was da mit den neueren amerikanischen Serien in die Welt gekommen ist - und warum dies insbesondere für Autoren verheißungsvoll ist, die ihre Romanprojekte zum Leid der Verlage immer häufiger beiseite legen, um stattdessen lieber am "nächsten 'Mad Men'" zu arbeiten: "Die amerikanischen Fernsehserien des 21. Jahrhunderts verbinden die Produktionswerte und Ambitionen (Skeptiker würden wohl sagen, Prätentionen) eines oscar-relevanten Films mit den Charakteristiken einer Seifenoper - eine kontinuierliche, ununterbrochene Erzählung über viele Staffeln und Cliffhanger hinweg. Man vergleiche das mit einer europäischen Fernsehserie, wie etwa der dänischen Serie 'The Killing' ... Der Mann, der als kreativer Kopf hinter 'The Killing' steht, der Hauptdrehbuchschreiber Sören Sveistrup, arbeitet mit nur drei weiteren Schreibern zusammen und inszeniert selbst keine Episoden. Vince Gilligan, der kreative Kopf hinter 'Breaking Bad', hat neun Co-Autoren und dreht regelmäßig selbst. Er ist, was man in den USA einen 'Showrunner' nennt, der die Rolle des ausführenden Produzenten, des Regisseurs und des Drehbuchautors in sich vereint - mit der Verantwortung für die übergeordnete Erzählung dessen, was schlussendlich eine große Geschichte mit gut 46 Stunden Laufzeit sein wird. Vielleicht ist dies ein weiterer Grund dafür, warum Romanautoren vom Traum, beim Kabelfernsehen zu arbeiten, verführt wurden: Es bietet ihn nicht nur ein kreatives Ventil, sondern einen Weg zu etwas, dessen sich Drehbuchautoren in der Filmgeschichte selten erfreuen konnten: Macht."

Weiteres: John Lanchester wirft einen keineswegs amüsierten Blick auf die britischen Finanzsparpläne, die ihm sogar die Freuden daran, "Ich hab's Euch doch gesagt" sagen zu können, gründlich vermiesen. Alan Hollinghurst liest die Tagebücher von E. M. Forster. Mary Beard bespricht Claire Hollerans Studie "Shopping in Ancient Rome". Außerdem besucht Julian Bell die Ausstellung "Seduced by Art: Photography Past and Present " in der National Gallery, wo ihm unter anderem Jeff Walls fotografische Re-Inszenierung von Delacroixs "La Mort de Sardanapale" mit Möbel auffiel:




Magazinrundschau vom 18.12.2012 - London Review of Books

Michael Wood findet Steven Spielbergs neuen Film "Lincoln" ziemlich gut: Vor allem wegen Daniel Day-Lewis als Lincoln. "Wenn man sein Gesicht betrachtet, die intelligenten Augen, die freundlichen Fältchen des Makeups, die ständigen, aber diskreten Zeichen dafür, dass jemand hinter dieser Maske denkt, dann hat man den Eindruck, zwei ganz verschiedene Menschen zu sehen. Der eine ist der Abraham Lincoln der Legende, loyal reproduziert, der Mann, den man zu sehen erwartet - 'die Größe Napoleons, Cäsars oder Washingtons ist nur Mondlicht neben Lincolns Sonne', soll Tolstoi laut Goodwin gesagt haben - aber ruhig und bescheiden vor uns gestellt. Der andere ist ein Mann in diesem Mann, der sich fragt, ob 'Lincoln' nicht nur eine Karikatur ist, die Schaufensterseite eines schlauen Politikers und besorgten Vaters und Ehemanns, der Bildschirm für die notwendigen Projektionen. Ich meine damit nicht, dass Day-Lewis seine Rolle ironisch anlegt, auch wenn es ein oder zwei mal im Film kurz so aussieht. Ich meine, dass Lincoln seine Rolle ironisch sieht. Es ist eine außerordentliche Leistung, dies zu vermitteln, ohne die Ikone zu ruinieren."

Außerdem: Jackson Lears liest Ray Monks "superbe" und offenbar sehr detailierte Biografie über Robert Oppenheimer, einem der Väter der Atombombe. Dazu passend: Der emeritierte Physikprofessor Jeremy Bernstein erinnert sich, wie er in den 50ern voller Ehrfurcht einigen Atombombentests beiwohnte. Beim Lustwandeln durch die Ausstellung "Hollywood Costume" im Victoria & Albert Museum in London fühlt sich Marina Warner in eine "Anderswelt, in der sich Gespenster versammelt haben", versetzt. Weiterhin besprochen werden Adrian Forts Biografie über Lady Astor und Richard Bradfords Schilderung der Freundschaft zwischen Kingsley Amis und Philip Larkin.