Magazinrundschau - Archiv

The Guardian

443 Presseschau-Absätze - Seite 28 von 45

Magazinrundschau vom 30.04.2013 - Guardian

"Wie kann mir dieser Antisemit nur so das Herz zerreißen?", fragt Paul Mason in einer - im Guardian eher unerwarteten - Hymne auf Richard Wagner, in der er weniger den revolutionären Impuls des "Rings" als den Humanismus und die psychologische Tiefe der späten Opern hochhält, bei den "Meistersingern", "Tristan und Isolde" oder im "Parsifal": "Die Antwort ist: Bei Wagner gibt es ein Übermaß an Liebe. Sie überkommt einen von allen Seiten und in jeder Form. Egal, was Wagner uns zu sagen glaubte, was er tatsächlich sagte, war: Liebt, wen Ihr wollt, ohne Rücksicht auf soziale Schranken, und wenn Ihr Eure Gefühle unterdrücken müsst, dann bewusst und aus höheren Gründen."

Weiteres: Andy Beckett liest gleich zwei Biografien, über Margaret Thatcher, die ihr ihre früheren Vertrauten Charles Moore und Robin Harris gewidmet haben. Viel neues Material hat er in ihnen gefunden, auch einen Hauch von Ehrlichkeit, aber - ganz wie in einem Spectator-Artikel - immer noch "eher herrschaftliches als logisches" Denken. Gemeldet wird außerdem, dass Richard Dawkins in einer Umfrage wieder zur Nummer eins unter den Weltklasse-Denkern gekürt wurde, gefolgt von dem afghanischen Ökonomen und früheren Finanzminister Ashraf Ghani auf Platz zwei und Steven Pinker auf Platz drei.

Magazinrundschau vom 23.04.2013 - Guardian

Ein literarisches Großereignis ist für den Guardian ein neuübersetzter Essayband von W.G. Sebald. Abgedruckt wird daraus ein Text über Rousseau, "A Place in the Country". Außerdem huldigen Will Self, Iain Sinclair Robert Macfarlane und James Wood dem Autor, dessen Stil Wood nah am 19. Jahrhundert sieht: "Die rätselhafte Ruhe seiner Sätze, die pedantische Syntax, die besondere Antiquiertheit seiner Diktion, die seltsam zurückgenommene Distanz seines Schreibens, das alles milchig und wie unter Wasser erscheinen lässt, nie fassbar - all dies gibt Sebald seine besondere Note, so dass wir manchmal weniger einen speziellen Schriftsteller zu lesen scheinen als eine Emanation der Literatur schlechthin."

Weiteres: Hellauf begeistert ist Kathryn Hughes von einer Essaysammlung, die sich den wichtigsten Büchern der Kunstgeschichte verschreibt, darunter Roger Frys "Cézanne", Ernst Gombrichs "Art and Illusion", Clement Greenbergs "Art and Culture" oder Alfred Barrs "Matisse". Die nigerianische Autorin Chimamanda Ngozi Adichie stellt klar, das die unglaublichsten Passagen ihrer Romane meist realen Erfahrungen entspringen.

Magazinrundschau vom 16.04.2013 - Guardian

Zwei Schritt vor, einer zurück - die Türkei bewegt sich im alten Mehter-Takt, wenn es um Menschenrechte geht, erklärt die Schriftstellerin Elif Shafak. Große Fortschritt gebe es bei der Gleichstellung der Kurden und Schwulen, auch seien die Macht der Armee und die Gewalt gegen Frauen erfolgreich bekämpft worden. Andererseits wurde gerade gestern der Pianist Fazil Say wegen Blasphemie verurteilt worden: "Mit zunehmender Sorge sehen wir, dass die Presse nicht mehr so vielfältig ist wie sie es früher einmal war und dass andersdenkende Stimmen immer seltener zu hören sind. Selbstzensur ist ein Thema, über das wir selten sprechen, obwohl es notwendig wäre: Letzten Monat hat Hasan Cemal, ein altgedienter Journalist und kritischer Kopf seine Zeitung Milliyet verlassen."

Außerdem stellt John le Carre noch einmal klar, dass sein "Spion, der aus der Kälte kam", reine Erfindung war. Jonathan Coe hofft auf eine anhaltende Diskussion um Margaret Thatchers Erbe.

Magazinrundschau vom 25.03.2013 - Guardian

Die als Tochter eines Ghanaers und einer Nigerianerin in London geborene, und in Boston aufgewachsene Taiye Selasi, deren Roman "Diese Dinge geschehen nicht einfach so" gerade auch auf Deutsch veröffentlicht wurde, erzählt, wie schwierig es für sie ist, die einfache Frage "Wo kommst du her?" zu beanworten. "Ich war leidenschaftlich interessiert an Afrika, aber ich war nicht stolz darauf. Das konnte ich nicht. Meine Verbindung zu Afrika, zu meinem afrikanischen Vater, stand im Weg. Ileane hatte recht. Was ich in Jamaika fühlte, war Scham über meine Familiengeschichte: die Armut, Polygamie, eine Stereotyp afrikanischer Dysfunktion nach dem anderen. Es schien immer eine Sache schlichter Höflichkeit zu sein, diese Dinge Fremden gegenüber unerwähnt zu lassen, die fragten, woher ich kam. Aber offenbar war dabei auch etwas anderes im Spiel: ein Bedürfnis zu verschleiern woher und von wem ich abstamme. Intellektuell betrachte ich mich als Produkt des modernen Westafrikas. Emotional sehe ich mich als die Tochter eines westafrikanischen Polygamisten. Ich musste mich auf andere Art und Weise als Afrikanerin wahrnehmen lernen, nicht nur als Erbin der Kränkungen meiner Eltern."

Auch der pakistanische Autor Mohsin Hamid ist ein Wanderer zwischen den Welten. In den USA, wo er erstmals im Alter von drei bis neun Jahren lebte, lernte er mit dem Online-Rollenspiel "Dungeons and Dragons" die Grundlagen seines literarischen Handwerks, erzählt er: "Als ich mit der Arbeit an meinem dritten Roman anfing, war ich überzeugt, dass Romane keine passive Form der Unterhaltung sind. Romane waren nicht nur für den Autor, sondern auch für den Leser eine Möglichkeit, etwas zu erfinden. Romane waren anders als Film oder Fernsehen, weil Leser den Quellcode sehen - wir nennen die abstrakten Symbole Buchstaben und Wörter - und mehr von der Geschichte selbst zusammenfügen können. Romane haben keine Soundtracks und keine Besetzungsbüros. Ich dachte mir, mein neuer Roman sollte diese Natur der Autor-Leser-Beziehung deutlich machen, dass man als Leser gleichzeitig Publikum, Protagonist und Erzähler ist. Ich verstand immer mehr, dass eine Art Selbstdarstellung (und Selbst-Transzendenz und sogar Selbsthilfe) zentral ist für das, was Literatur dem Autor wie auch seinen Lesern ermöglicht."

Außerdem: Robin Yassin-Kassab stellt "The Iraqi Christ", den neuen Erzählband des in Finnland lebenden irakischen Autors Hassan Blasim vor. Anlässlich der Moore-Rodin-Ausstellung, die ab 29. März in der Henry Moore Foundation gezeigt wird, druckt der Guardian ein Interview mit Henry Moore aus dem Jahr 1970, das der künftige Direktor der Tate Gallery Alan Bowness mit ihm über Rodin führte.

Magazinrundschau vom 26.02.2013 - Guardian

John Freeman porträtiert den bosnisch-amerikanischen Autor Aleksandar Hemon, der in seinen Erinnerungen sehr drastisch beschreibt, was es bedeutet, ästhetische Prinzipien zu revidieren: "Der Mann, der Hemon beibrachte, kritisch zu lesen und zu schreiben, erklärt er in seinem 'Book of My Lives', erwies sich während des Bosnienkrieges als rechter Wegbereiter des Genozids. Alles, was der Mann in Hemon gesät hatte, erschien nun beschmutzt. Geradezu brutal las Hemon noch einmal seine eigene Arbeiten: 'Ich nahm mir noch einmal alles vor, was ich in den Neunzigern geschrieben hatte, und es blieb nur ein einziger Absatz, der mir wirklich gefiel.'" (Hier eine Leseprobe aus dem Buch)

Weiteres: Andy Beckett findet in David McKnights Murdoch-Biografie Anzeichen dafür, dass der australische Medienmogul vielleicht doch nicht allmächtig ist. Ian Thomson trommelt für die Pasolini-Retrospektive im Londoner BFI und verzeiht dem Großmeister auch seine späten Ausfälle gegen die Moderne. Nicholas Wroe porträtiert Javier Marias.

Magazinrundschau vom 15.01.2013 - Guardian


Londons Royal Academy widmet Manet eine große Ausstellung, Philip Hensher feiert den französischen Maler als Meister des Schwarzen und des Unanständigen: "Manets Kunst ist dem Unpassenden gewidmet, unberechenbar erfasst und ausgeleuchtet vom hereinfallenden Licht oder dem erbarmungslosen Blick. Das 'Frühstück im Grünen', mit seiner unerhörten Kombination aus bekleideten Männer und einer nackten oder entkleideten Frau, wurde von Zola mit dem Hinweis auf klassische Vorläufer verteidigt (auch wenn es nicht so viele gab, wie Zola behauptete). Es gab Giorgiones Landschaften und Tizians Interieurs, die denselben Kontrast ausnutzen. Aber Manet kommt es auf die Unanständigkeit des Kontrasts im zeitgenössischen Kontext an - die sehr modische Troddelmütze auf dem Kopf des einen Mannes ist das Obszönste am ganzen Bild. Vergleichbar die opulente 'Olympia'. Was macht aus der nackten Frau das schockierende Porträt einer Prostituierten? Es sind die Kleider des Dienstmädchens, die Orchidee im Haar, das schwarze Halsband, die Perlenohrringe und Armbänder und vor allem die Pantoffeln. Es gibt freizügigere Porträts weiblicher Körper im 19. Jahrhundert, wie Courbets 'Urspung der Welt', aber keines ist so genial obszön."

Magazinrundschau vom 11.12.2012 - Guardian

Kurz vor Jonas Mekas' 90. Geburtstag hat sich Sean O'Hagan mit dem Avantgarde-Filmemacher ausführlich unterhalten. Dabei erzählt ihm dieser nicht nur von seiner beeindruckenden Lebensgeschichte, die in Litauen ihren Anfang nahm, sondern rückt auch einige Missverständnisse gerade: "An der Seite von Stan Brakhage, Maya Deren, Kenneth Anger und Jack Smith hat Mekas die kommerzielle Orthodoxie des Hollywood Studiosystems und des traditionellen Geschichtenerzählens herausgefordert, indem er seiner eigenen unberechenbaren Muse folgte. Doch sobald ich das Wort 'experimentell' anführe, unterbricht Mekas mich umgehend: 'Keiner experimentierte. Nicht Maya, nicht Stan Brakhage und ganz gewiss nicht ich. Wir erstellten andere Arten von Film, weil wir dazu einen Drang verspürten, aber wir dachten nicht, dass wir experimentieren. Überlass das den Wissenschaftlern... Es ist wichtig zu wissen, dass das, was ich tue, nicht künstlerisch ist. Ich bin nur ein Filmemacher. Ich lebe, wie ich lebe, und ich tue, was ich tue, ich zeichne Momente meines Lebens auf, während ich weiter voranschreite. Und ich tue es, weil ich mich dazu gezwungen sehe. Notwendigkeit, nicht Künstlertum, ist der wahre rote Faden, dem man in meinem Leben und Werk folgen kann." Auf Youtube finden wir Mekas' "WTC Haikus":



In der Book Review bespricht Steven Poole mit einigem Spott Chris Andersons neues Buch zur Feier des 3D-Druckers "Makers: The New Industrial Revolution": "In Andersons schöner neuer Welt ist jeder ein kreativer Erfinder, aber niemand scheint die langweilige Arbeit zu machen." Und für Rana Mitter ist Yang Jishengs Buch über die große Hungersnot ein Grabstein für die KP Chinas.

Magazinrundschau vom 27.11.2012 - Guardian

David Runciman hatte wenig Freude an Nassim Nicholas Talebs neuem Buch "Antifragile: How to Live in a World We Don't Understand". Denn "antifragil" - darunter versteht Taleb die Fähigkeit, Druck nicht nur Stand zu halten, sondern durch ihn zu wachsen - ist für den Rezensenten am Ende keine menschliche Kategorie. "Wir leben in einer zerbrechlichen Welt, verletzlich durch extreme Schocks. Aber Antifragilität ist nicht die Lösung. Es ist als Idee zu krass und Taleb, trotz all seiner vielgepriesenen intellektuellen Neugierde, ist nicht wirklich neugierig auf das Leben all derer, die nicht wie er leben. Er sagt, es sei besser als Taxifahrer zu leben denn als Aktienhändler, weil man dann weniger den Launen anderer ausgesetzt sei. Soll er es doch mal versuchen. Er glaubt, es sei besser ein Mitglied der Mafia zu sein als ein approbierter Akademiker. Nochmal: Soll er es doch selbst versuchen. Das Problem mit 'Antifragile' ist, dass es ein zutiefst unsoziales Buch ist."

Außerdem: Helen Dunmore ist sehr beeindruckt von Herta Müllers "Atemschaukel" (The Hunger Angel), das jetzt ins Englische übersetzt wurde. Lizzy Davies meldet, dass fast die Hälfe der Laienstimmen, die sich bei einer Abstimmung der Church of England gegen Frauen als Bischöfe aussprachen, von Frauen kamen. Und Sean O'Hagan stellt die Shortlist für den Fotografiepreis Deutsche Börse 2013 vor: Nur einer auf der Liste ist ein etablierter Fotograf.

Magazinrundschau vom 20.11.2012 - Guardian

Vor sechs Jahren beobachtete die Reporterin Abigail Haworth in Indonesien eine Massenzeremonie, bei der 248 Mädchen mit der Schere genital verstümmelt wurden. Die vorhumane Begründung der islamischen Stiftung Yayasan Assalaam, die dieses Ritual durchführte, lautete: "Es ist notwendig, die sexuellen Bedürfnisse von Frauen zu kontrollieren. Sie müssen keusch sein, um ihre Schönheit zu bewahren." Damals schrieb Haworth nicht über diese schreckliche Zeremonie, weil sie fürchtete, durch zuviel Aufregung im Westen die Arbeit indonesischer Frauengruppen zu sabotieren. Das war ein großer Fehler, wie sie in ihrer erschütternden Reportage feststellt: "Letztes Jahr verschlechterten sich die Situation noch einmal. Anfang 2011 hob Indonesiens Parlament de facto das Verbot weiblicher Genitalverstümmelung auf, indem es Richtlinien erließ, wie ausgebildete Ärzte sie durchzuführen haben. Der Gedanken dahinter war, dass, da das Verbot nicht eingehalten werde, Richtlinien wenigstens 'das weibliche Reproduktionssystem sichern' würden, wie es offiziell hieß. Indonesiens größte muslimische Organisation, Nahdlatul Ulama, gab einen Erlass heraus, in dem sie ihren 30 Millionen Anhängern erklärte, dass sie weibliche Genitalbeschneidung gutheiße, aber dass die Ärzte 'nicht zuviel wegschneiden sollten'."

Magazinrundschau vom 13.11.2012 - Guardian

Am 16. November beginnt in der BBC eine neue Serie des legendären Tierfilmers Sir David Attenborough aus: "Attenborough: 60 Years in the Wild". Aus diesem Anlass porträtiert Robin McKie den inzwischen 86-Jährigen, der in früheren Jahren schon mal einen Ameisenbären am Schwanz packte, um ihn filmen zu können (was er heute bereut), und unlängst als Pionier eine TV-Serie in 3D produzierte. "Der wirkliche Wandel in in unserem Blick auf die Natur verdankt sich jedoch nicht Fortschritten in der Fernsehtechnik, sondern wurde durch wissenschaftliche Umwälzungen bewirkt, besonders auf den Gebieten der Biologie und Geologie. Das waren die wirklichen Veränderer, glaubt Attenborough. 'Wir vergessen gern, was wir in den letzten sechzig Jahren gelernt haben. Auf der Universität habe ich einmal einen meiner Dozenten gefragt, warum er uns nichts über den Kontinentaldrift erzählt. Da bekam ich die spöttische Antwort, wenn ich beweisen könne, dass es eine Kraft gibt, die imstande ist Kontinente zu verschieben, würde er vielleicht darüber nachdenken. Dieser Gedanke sei Blödsinn, bekam ich mitgeteilt.'"
Stichwörter: Geologie, Tierfilm