
In einem aus der albanischen Zeitschrift
Symbol übernommenen Interview mit Ag Apolloni
spricht der spanische
Schriftsteller Javier Cercas über seine
Romane ohne Fiktion, die Dämonen der Geschichte und wie die spanische Literatur eine lateinamerikanische wurde: "Spanien hat keine substanzielle Romantradition - verglichen mit der englischen oder der französischen -, wir haben
Cervantes, der nahezu ein Wunder war, nicht nur weil er den modernen Roman mehr oder weniger aus dem Nichts schuf, sondern auch weil er ihn praktisch ausschöpfte, wir finden im 'Don Quixote' in embryonischer Form alle oder fast alle zukunftigen Möglichkeiten der Gattung ... Zum Glück ist meine Tradition nicht Spanien, sondern, neben dem Universalen natürlich, das Spanische. Das heißt, dass
der Argentinier Borges zu meiner Tradition gehört,
der Mexikaner Rulfo und der
Kolumbianer Garcia Márquez, denn sie alle schreiben in meiner Sprache. Ich halte mich für daher für ziemlich privilegiert, die narrative Tradition des Spanischen ist durch die lateinamerikanischen Erzähler im zwanzigsten Jahrhundert unermesslich bereichert worden. Tatsächlich haben ja erst diese großen Schriftsteller - angefangen bei Borges, der für mich der größte überhaupt ist - das spanische Erzählen so herausragend gemacht haben wie es zuvor nur unter Cervantes war." Cercas sagt auch, dass die "Garantie für das
Überleben des Romans in seiner eigenen Natur liegt, einer Natur, die endlos frei, formbar, anpassungsfähig ist, was bedeutet, dass sich der Roman
kontinuierlich verändern kann, während er gleichzeitig von anderen Formen genährt wird. In der Tat kann man die Geschichte des Romans so lesen: Mit Balzac assimilierte er die Geschichte, mit Flaubert die Poesie, mit den großen deutschen Schriftstellern der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts den Essay, und in letzter Zeit scheint es, als wolle er den Journalismus assimilieren, usw. Das ist der Roman: ein
allesfressendes,
mutierendes Monster, das sich verändert, wenn es andere Genres assimiliert, und seine eigenen Grenzen erweitert. Man sagte mir, meine Romane hätten etwas von Chroniken, von Philosophie, von Geschichte, von Biographie, von Autobiographie, und das ist alles wahr, aber es liegt eben daran, dass der Roman von sich aus das Miteinander der Genres zulässt, die sich dann
gegenseitig nähren."