Magazinrundschau - Archiv

Eurozine

301 Presseschau-Absätze - Seite 14 von 31

Magazinrundschau vom 24.07.2018 - Eurozine

In einem Beitrag für das schwedische Magazin Fronesis (von Eurozine ins Englische übersetzt) geht Carl Cassegård neuen, individualisierten Formen der Solidarität und des Protests nach: "Das vorherrschende Ideal globaler Solidarität innerhalb neuer sozialer Bewegungen kann als Ausdruck einer reflexiven Solidarität begriffen werden, in dem Sinne, dass Solidarität nicht in bereits bestehenden Gemeinschaften oder Interessen verankert ist, sondern durch kommunikative Prozesse vermittelt wird, in deren Verlauf sich der Einzelne erst aus moralischen oder anderen Gründen mit bestimmten Anliegen identifiziert, Klimagerechtigkeit oder die Unterstützung von Flüchtlingen etwa … Individualisierte Solidarität ist nicht notwendigerweise offen, sondern kann engstirnig daherkommen, wenn sie etwa Nationalismus oder Rassismus ausdrückt. Der giftige Ton in manchen Webforen zeigt auch, dass sie nicht unbedingt reflexiv im Sinn einer Offenheit für den Einfluss von Argumenten Andersdenkender ist. Nur, indem wir ihre Ambivalenzen erkennen, können wir die Beschränkungen und die Möglichkeiten der individualisierten Solidarität einschätzen und auf welche Weise sie sich in eine offenere, inkludierende und reflexive Richtung entwickeln könnte."
Stichwörter: Solidarität, Rassismus

Magazinrundschau vom 17.07.2018 - Eurozine

In einem aus dem amerikanischen Magazin Dissent übernommenen Artikel berichtet Caitlin L. Chandler aus dem Sudan über die humanen Kosten einer verschärften EU-Grenzpolitik und des Khartoum-Prozesses: "Nachforschungen belegen, dass Menschen, die durch den Sudan nach Europa auswandern, dies aus einer Vielzahl von Gründen tun, darunter politische Verfolgung, Langzeitkonflikte und Armut. Viele Menschen aus Eritrea, die die Mehrzahl der Flüchtlinge ausmachen, die ich interviewen konnte, fliehen vor der lebenslangen Wehrpflicht in ihrem Land." Chandler macht im wesentlichen die EU verantwortlich für die Zustände in den afrikanischen Flüchtlingslagern. Zwischendurch deutet sie jedoch auch afrikanische Verantwortlichkeiten an, etwa "dass Schmuggel und Menschenhandel am Horn mit Unterstützung durch lokale Regierungsbeamte und Grenzschutztruppen vor sich geht. Diese Zusammenarbeit ist gut dokumentierte - so stellte zum Beispiel das Büro der amerikanischen Regierung zur Überwachung und Bekämpfung des Menschenhandels fest, dass der Sudan die Mindeststandards für die Bekämpfung des Menschenhandels nicht erfüllt. Ein Team sudanesischer investigativer Journalisten in Kassala fand 'Frühwarnsysteme' zwischen sudanesischer Polizei und Menschenhändlern, um letztere vor Verhaftungen zu schützen, während eine weitere Untersuchung von  Refugees Deeply die Beteiligung hochrangiger Regierungsbeamter dokumentiert. ... Der Khartum-Prozess war ein klares Signal an die sudanesische Regierung, dass die Kontrolle der Migration oberste Priorität der EU ist - und dass sie bereit ist, dafür zu zahlen. Die EU finanziert die sudanesische Regierung nicht direkt aus Menschenrechtsgründen, aber über 100 Millionen Euro fließen in den Sudan an verschiedene internationale Organisationen. Vor Ort lässt sich nicht nachvollziehen, wo alle Mittel landen."

Magazinrundschau vom 10.07.2018 - Eurozine

David Goodhart versetzte 2004 die britische Linke mit einem Essay in Aufruhr, wonach zu viel Diversität zu Lasten der Solidarität gehe. In seinem neuen Buch "The Road to Somewhere" unterteilt er die britische Gesellschaft - in Anlehnung an Theresa Mays Diktum "If you are a citizen of the world, you are a citizen of nowhere" - in Anywheres und Somewheres: Die gut ausgebildeten Anywheres aus der Mittelschicht machten 25 Prozent aus und favorisierten Offenheit und Mobilität, die Somewheres machten 50 Prozent aus und seien stärker auf Sicherheitsnetze wie Familie und Nation angewiesen, erklärt er im Interview mit dem norwegischen Magazin Samtiden, das Eurozine ins Englische übersetzt hat: "Ich glaube schon, dass ich das weitverbreitete Unbehagen am dominierenden Liberalismus der Anywheres erkennt habe, ein Unbehagen, das ebenso kulturell wie ökonomisch ist. Die Anywheres haben ihre eigene Macht nicht bemerkt. Sie haben in ihrem eigenen Interesse regiert und dies als nationales Interesse ausgegeben. Und das beziehe ich nicht nur auf die Wirtschaft und die Verschiebung zu einer offenen Wissensökonomie mit hoher Einwanderung, von der die Anywheres viel mehr profitieren als die Somewheres. Fast das gesamte politische Spektrum ist beherrscht von dem säkularen, liberalen Anywhere-Denken, zumindest in Britannien: die Expansion der höheren Bildung und verglichen damit die Vernachlässigung der technischen und beruflichen Ausbildung; die Art, in der kognitive Fähigkeiten zum Goldstandard wurden; das Misstrauen gegenüber Formen von Gruppenzugehörigkeit (national, lokal, ethnisch); die gesunkene Bedeutung des Privaten und die Versuche, die Unterschiede zwischen den Geschlechtern und ihren Rollen zu relativieren, die viele Menschen noch immer wertschätzen. Und zu guter Letzt wurde den Somewheres erklärt, dass ihnen die Anywheres auch moralisch überlegen sind."

Magazinrundschau vom 19.06.2018 - Eurozine

Ende Mai war der russische Journalist Arkadi Babtschenko in die Schlagzeilen geraten, weil er seine angebliche Ermordung durch den russischen Geheimdienst inszeniert hatte. Ob der Mordplan wirklich existierte, wissen wir nicht. Was wir aber wissen ist, dass Babtschenko immer wieder furchtlos von Russlands Kriegen erzählt hat. Eurozine hat jetzt als Hintergrundinformation ein Interview mit Babtschenko ins Englische übersetzt, das dieser 2008 dem belgischen Magazin La Revue Nouvelle gegeben hatte. Darin spricht er über das, was ihn am meisten geprägt hat: seine Erfahrungen als russischer Soldat im Tschetschenienkrieg: "Die Wahrheit ist, dass Krieg wirklich eine Droge ist, ein Gift, Mist, der in dein Gehirn kriecht, ein Betäubungsmittel. Was auch immer du tust, du darfst nicht davon kosten, denn sobald du das tust, ist dein ganzes Wesen verseucht. Wir haben noch nichts erfunden, das diese Krankheit heilt ... Krieg ist überall eine Droge: Irak, Algerien, Falkland, Afghanistan, Erster Weltkrieg, Zweiter Weltkrieg - alles die gleichen Alpträume. Ich weiß, dass diese Kriege anders sind, aber die Albträume, die den Schlaf ehemaliger Soldaten heimsuchen, sind dieselben: Sie wissen, dass sie töten werden, sie haben Schmetterlinge im Bauch, sie wachen schwitzend auf, sie rufen im Schlaf. In Irland saß ich bei einem Literaturfestival neben einem amerikanischen Ex-Soldaten, der im Irakkrieg war und später Schriftsteller wurde. Als er 'Abu Ghraib' sagte, hörte ich 'Chernokosovo'."

Magazinrundschau vom 04.06.2018 - Eurozine

In seinem Beitrag von New Humanist übernommenen Beitrag erläutert Peter Forbes, wie die Methoden des Harvard-Genetikers David Reich zur Erforschung vorzeitlicher DNA nicht nur die menschliche Evolution neu zu schreiben helfen, sondern auch unsere Vorstellungen von Migration und Identität auf den Kopf stellen: "Für jemanden, der auf die Idee kommen sollte, Reichs Erkenntnisse für eine rassistische Theorie zu missbrauchen, hält Reichs Arbeit die Dokumentation vieler überraschender Völkerwanderungen bereit: Kein Volk an irgendeinem Ort der Welt ist mit dem Volk verwandt, das einmal an diesem Platz lebte. Identität über ein Urvolk zu konstruieren, das einmal auf deinem Flecken Erde lebte, ist ein sinnloses Unterfangen. Ideologien, die mit mythischer Reinheit argumentieren, kriegen es mit knallharter Wissenschaft zu tun, meint Reich. Wie kommt er darauf? Die Vorstellung, DNA könne uns über unsere Migrationsbewegungen informieren, entstand aus dem DNA-Fingerabdruck. Unsere Gene werden in Blöcken weitergegeben, zusammen mit vielen kleinen zufälligen, harmlosen Variationen sowie Mutationen. Diese Eigenarten der DNA wurden zuerst dafür verwendet, um Kriminelle zu finden. Später wurde es möglich, damit vergangene Bewegungen großer Populationen zu kartografieren. Gesellschaften, die lange an einem Ort leben, teilen stets den Großteil ihrer genetischen Abstammung miteinander. Wenn so eine Gruppe an einen anderen Ort übersiedelt, zeigt sich ihr genetisches Signal an dem neuen Ort."

Magazinrundschau vom 02.05.2018 - Eurozine

Mykoly Balaban versucht sich zu erklären, wie die Berichterstattung über den Krieg im Osten der Ukraine im Nebel postfaktischer Propaganda versinken konnte: "Dass wir uns kein genaues Bild von der Lage machen können, liegt auch daran, dass die internationalen Medien keine eigenen Korrespondenten in der Ukraine haben, die mit Sprache und Eigenheiten des Landes vertraut sind. Seit sowjetischen Zeiten dient Moskau als Basis für internationale Journalisten, von dort aus decken sie eine Region ab, die der früheren Sowjetunion und ihren Satellitenstaaten entspricht. Wenn sie also über eine sich entwickelnde Geschichte berichten, beziehen sie ihre Informationen aus zweiter und dritter Hand, meist aus russischen Massenmedien, die einen verfestigt einseitigen Blick auf die Auseinandersetzungen in der Ukraine haben. Das Narrativ, das sie aus diesen ziehen, lautet im Grunde, dass der ukrainische Staat kollabierte, das Land in totalem Chaos versank, nationalistische und faschistische Gangs sich gewaltsame Kämpfe lieferten und die Ukraine nicht in der Lage war, ihre eigene Bevölkerung zu schützen."

Nach dem Gesetz, das es verbietet, Polen eine Mitschuld am Holocaust zu geben, kursiert in Warschau eine wahrhaft geschmacklose Idee: Wie Konstanty Gebert berichtet, trumpfte der PR-Berater der Regierung mit der Idee auf, an das - unbestreitbare - Leid des polnischen Volkes im Zweiten Weltkrieg in einem Polocaust-Museum zu erinnern.

Magazinrundschau vom 08.05.2018 - Eurozine

Zuzana Hudakova zieht traurige Bilanz nach dreißig Jahren Wende in Tschechien und der Slowakei. In beiden Ländern haben sich parallel und zeitlgleich Systeme der Korruption herausgebildet, in denen ehemalige Stasileute, Regierungmitglieder und Oligarchen ein undurchdringliches Geflecht bilden. Der im Februar ermordete Journalist Jan Kuciak recherchierte zwar über die Iialienische Mafia - aber sie ist nur ein Teil des Problems, so Hudakova: "Andrej Ban, ein Reporter der slowakischen Tageszeitung Dennik N, der über landwirtschaftlichen Subventionsbetrug in der Ostslowakei geschrieben hat, sagte bei einer Kundgebung am 5. April, dass er nach der italienischen Mafia gesucht habe, 'aber ich habe nur eine slowakische gefunden', und er ergänzte, dass die meisten Menschen, mit denen er gesprochen hatte, 'vor allem Angst vor 'Unserem Volk' hatten, Leuten, die der Regierungspartei nahestehen und nicht nur Politik und Wirtschaft, sondern auch die Polizei und die Strafverfolgungsbehörden kontrollieren."

Magazinrundschau vom 10.04.2018 - Eurozine

Der kanadische Psychologe Jordan Peterson kritisiert im Interview mit Luka Lisjak Gabrijelčič scharf eine "radikal linke Ideologie", die von kanadischen Universitäten ausgehend Gesetze propagiert, die eine gender-neutrale Sprache zur Pflicht machen soll - Sanktionen bei Verstoß inbegriffen. Peterson glaubt keine Sekunde, dass es dabei um die Rechte von Minderheiten geht. Er sieht vielmehr einen politischen Aktivismus am Werk, der "versucht, die Identitäten von Opfergruppen zu nutzen, um eine egalitäre Utopie voranzutreiben. Es ist die Wiederaufnahme des Kampfes zwischen einer im wesentlichen marxistischen Position und den klassischen Werten des Westens, die das autonome Individuum zur höchsten Kraft machen. Ein Optimist hätte gehofft, dass dieser Kampf mit dem Fall der Berliner Mauer zu Ende ging. Ein utopisches Schema, das alle Gruppen gleich macht, klingt grundsätzlich gut. Aber die Geschichte der Sowjetunion lehrt uns, dass die Folgen des utopischen Egalitarismus unerträglich sind. Eine postmoderne Version eines widerlichen radikalen Egalitarismus hat es geschafft, die klassischen Geisteswissenschaften zu marginalisieren, und sitzt jetzt im Herzen der westlichen Universität."

Magazinrundschau vom 03.04.2018 - Eurozine

Eurozine übernimmt aus der slowakischen Tageszeitung Dennik N Samuel Abraháms Artikel über "Dreißig Tage, die die Slowakei erschütterten". Der Autor überprüft hier Schritt für Schritt, wie die Institutionen und die Zivilgesellschaft des Landes auf die Ermordung des Journalisten Jan Kuciak und seiner Verlobten Martina Kusnirova reagieren. Interessant besonders die Details, etwa wie sich das Wahlsystem auf das Verhalten der Parlamentsabgeordneten auswirkt: "Es muss immer wieder wiederholt werden, dass das aktuelle Wahlsystem, in dem die Slowakei als ein einziger, fünf Millionen starker Wahlkreis gilt, Abgeordnete hervorbringt, die nur ihren Parteiführern und keiner bestimmten Region gegenüber rechenschaftspflichtig sind. So können alle 150 Abgeordneten anonym abstimmen und die Bedürfnisse der Wähler ignorieren… Diese Abgeordneten müssen die Wähler nicht konsultieren, weil es keine definierte Gruppe gibt, der gegenüber sie rechenschaftspflichtig sind. Sie sind im Parlament, weil ihre Position auf der Wahlliste von einem Parteiboss entschieden wurde, nicht weil sie die Wähler in ihrer Region von ihrem moralischen Charakter und ihren beruflichen Fähigkeiten überzeugen mussten."
Stichwörter: Slowakei, Kuciak, Jan

Magazinrundschau vom 27.03.2018 - Eurozine

Im Jahr 1975, ganz kurz nach dem Ende Francos, wollte in spanischer Polizist eine Reproduktion von Goyas "Nackter Maja" in einem Schaufenster verbieten - und erntete das Gespött der spanischen Intellektuellen. Im Jahr 2017 zirkulierte in New York eine Petition, um ein Gemälde Balthus' abhängen zu lassen, das ein laszives Mädchen zeigte - und dieser Protest repräsentiert die neueste Variante des radical chic. In Letras Libres (englisch in Eurozine) denkt der Madrider Philosoph José Luis Pardo darüber nach, was sich in diesen vierzig Jahren verändert hat. In Zeiten der Identitätspolitk, so konstatiert er, ist die Idee eines universalen Rechts erodiert: "Wenn die Idee eines 'allumfassenden Kollektivs' verschwindet und damit antagonistische Identitäten zwangsläufig an seine Stelle treten, dann verlieren streitende Parteien das Vertrauen in Gerechtigkeit (denn ihre 'Differenz' widersetzt sich einer Reduktion auf Gleichheit vor dem Gesetz) und suchen das Recht der Opfer auf Rache, die nicht Gerechtigkeit will, sondern eher die Demütigung des Feindes und versuchen zugleich... , alle Irrtümer der Geschichte im Licht ihrer verletzten Identität zu korrigieren, auch die kunsthistorischen."

Lesenswert auch das Gespräch Thomas Casadeis mit dem sozialdemokratischen Publizisten Michael Walzer, Herausgeber von Dissent, über die OktoberrevolutionEurozine übernimmt es aus der italienischen Zeitschrift Il Mulino (hier das Original). In glasklaren Sätzen fertigt Walzer die Idee einer "Avantgarde" ab: "Die Avantgarde-Theorie ist eine der wichtigsten Doktrinen der radikalen oder revolutionären Linken. Ich glaube, es ist eine gefährliche Doktrin. Natürlich hat jede Revolution Anführer, aber eine Avantgarde ist eine sehr spezielle Art der Führung. Ihre Mitglieder behaupten, die Wahrheit über Geschichte und Gesellschaft zu wissen. Sie haben das 'falsche Bewusstsein' der Massen überwunden und sie beanspruchen das Recht -  ein absolutes Recht - auf Führung und später Herrschaft auf der Basis ihres 'richtigen Bewusstseins'. An der Macht sind sie gegenüber jedem, der die Wahrheit nicht kennt, radikal intolerant."